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Die Büffeljäger am Lagerfeuer – Kapitel 17

Thomas Mayne Reid
Die Büffeljäger am Lagerfeuer
Reisebilder und Naturschilderungen aus dem Westen
Verlag Schmidt & Spring. Stuttgart.1858

Siebzehntes Kapitel

Ein Vicogna-Chaku

»Nun denn«, fuhr der Engländer fort, »am folgenden Morgen gingen wir also auf unsere Guanacojagd und töteten mehrere Tiere aus der Herde, welche wir am Tag vorher erblickt hatten. Die Art der Jagd bot nichts Besonderes, außer dass wir unsere ganze Schlauheit anwenden mussten, um in Schussnähe zu gelangen, worauf wir losfeuerten. Leicht ist es nicht, dem Guanaco beizukommen, denn es pflegt seine Stellung stets so hoch über der des Jägers zu nehmen, dass es immer die Bewegungen desselben beobachten kann. Nur die überhängenden Felsen gewähren einigen Vorschub, sodass man zuweilen durch behutsames Kriechen näher kommen kann. Außerdem gehört ein sehr sicherer Schuss dazu, um es zu bekommen, denn wenn es nur verwundet wird, erklettert es die Klippen und entflieht, um vielleicht in irgendeinem unzugänglichen Winkel zu verenden.

Während ich mich bei meinem Freund, dem Jäger, aufhielt, hörte ich von einer merkwürdigen Art erzählen, die Vicognas in großer Anzahl zu fangen. Die Indianer bringen sie öfters in Anwendung und nennen sie Chaku.

Natürlicherweise erwachte in mir sogleich der Wunsch, einem solchen Chaku beizuwohnen, und der Jäger versprach, denselben zu erfüllen. Es war gerade die Zeit zu dergleichen Unternehmungen. Schon in einigen Tagen sollte eine Chaku stattfinden, nämlich die jährliche, von dem Indianerstamm veranstaltete Jagd, wobei mein Wirt als geübter und erfahrener Jäger eine sehr hervorragende Rolle zu spielen hatte. Am Tage vorher, ehe die Sache vor sich gehen sollte, verfügten wir uns zu dem Dorfe des Stammes, nur aus einigen Hütten bestehend, welche im Grund einer tiefen Schlucht der Kordilleren zerstreut lagen. Bei dieser tiefen Lage, mehrere tausend Fuß unterhalb der Puna-Ebenen, hatte das Dorf ein viel wärmeres Klima. In seiner Umgebung konnte man daher das Zuckerrohr, die Maniokpflanze sowie in den Gärten und Feldern der Dorfbewohner den Mais blühen sehen. Die Einwohner waren sogenannte zahme Indianer. Einen Teil des Jahres widmeten sie dem Ackerbau, obwohl freilich der größte Teil desselben in Müßiggang mit Vergnügungen oder mit Jagen verbracht wurde. Sie waren, allerdings nur dem Namen nach, zum Christentum bekehrt worden. Eine Kirche mit ihrem Kreuz bildete eine Hauptzierde ihres Dorfes. Der Pfarrer war der einzige Weiße im Ort. Mein Begleiter stellte mich ihm vor, und ich wurde ohne Umstände in freundlicher und vertraulicher Weise empfangen. Zu meiner Überraschung vernahm ich, dass der geistliche Herr den Chaku begleiten und sogar eine Hauptrolle dabei übernehmen würde. Er schien sich für den Erfolg der Jagd ebenso sehr und vielleicht noch mehr als jeder andere zu interessieren, und zwar aus sehr triftigen Gründen, welche ich später in Erfahrung brachte. Der Ertrag der jährlichen Jagd nämlich bildete einen Teil seines Einkommens. Nach einem alten Gesetz gehörten die Felle der Vicognas der Kirche, und da dieselben, sogar an Ort und Stelle, einen Wert von mindestens einem Dollar das Stück hatten, so machten sie eine nicht unbedeutende Einnahme aus.

Den ganzen Tag vorher war der Pfarrer bereits unter seinen Beichtkindern geschäftig gewesen, indem er ihnen gute Ratschläge erteilte und sie bei ihren Vorbereitungen unterstützte. Ich teilte die Unterkunft des Paters mit ihm, die beste im Dorf, wie auch sein Abendessen, ein fettes Huhn, das geschlachtet und mit spanischem Pfeffer stark gewürzt worden war. Wir tranken etwas Chicha dazu und plauderten dann beim Genuss einer Zigarette bis in die Nacht hinein.

Nachdem am folgenden Morgen bei Tagesanbruch in der Kirche ein Hochamt gehalten und für den Erfolg der Jagd gebetet worden war, brachen wir auf und begannen den rauen Pfad zu den Punahöhen emporzuklimmen.

Unser Zug gewährte einen malerischen Anblick, denn es wimmelte und kribbelte von Pferden, Maultieren und Lamas. Männer, Frauen, Kinder und Hunde drängten sich in buntem Gemisch durcheinander. Es schien, als ob jedes lebende Geschöpf aus dem Dorf mit ausgezogen sei.

Dies war in der Tat der Fall, denn ein Chaku ist nichts Gewöhnliches und durchaus nicht die Sache eines einzigen Tages. Es sollte wochenlang dauern, man schleppte rohe Zelte, Wolldecken und Küchengerätschaften mit. Die Anwesenheit der Frauen war deshalb ebenso notwendig, wie die der Jäger. Sie hatten das Kochen zu besorgen, das Lager in Ordnung zu halten und gelegentlich auch bei der Jagd gute Dienste zu leisten.

In wunderlichem Gemisch kletterten wir den Berg hinauf, die Männer in ihre gefärbten Ponchos von Lamawolle, die Frauen in bunte Mantos von Payeta, eine Art grobes Tuch, eingehüllt. Auch bemerkte ich mehrere Maultiere und Lamas, welche mit allerlei sonderbaren Sachen belastet waren. Einige trugen große Bündel Lumpen, andere lange Seile und wieder andere kurze, in Pakete zusammengebundene Pfähle. Ich konnte die Verwendung aller dieser Dinge nicht erraten, aber unzweifelhaft musste alles seine Erklärung finden, wenn wir nur erst den Schauplatz des Chaku erreicht hatten. Bis dahin enthielt ich mich aller Fragen meine Gefährten, da ich genug damit zu tun hatte, mein Pferd sicher auf dem schlüpfrigen Weg die Felsen hinauf zu leiten.

Ungefähr eine Meile vor dem Dorf wurde plötzlich Halt gemacht. Ich erkundigte mich nach der Ursache.

»Die Huaro«, lautete die Antwort.

Dies ist der Name einer besonderen Art von Brücken. Ich erfuhr, dass wir an dieser Stelle eine zu überschreiten hätten. Ich ritt heran und hielt dicht vor der Huaro. Es war in der Tat eine sonderbare Brücke. Ich konnte kaum an die Möglichkeit unseres Hinüberkommens glauben, obwohl der Pater mir versicherte, dass sie ganz gut sei und dass wir uns in ein paar Stunden samt und sonders auf der anderen Seite befinden würden. Ich glaubte anfangs, der Pater mache sich einen Scherz mit mir, aber es zeigte sich, dass er im vollen Ernst gesprochen hatte. Es dauerte volle zwei Stunden, ehe wir alle mit Sack und Pack über die Brücke gelangen konnten.

Die Huaro war weiter nichts als ein dicker, über die Kluft ausgespannter und an beiden Enden befestigter Strick. An diesem Strick befand sich ein dickes Stück Holz, das die Gestalt einer Mulde hatte und vermittelst einer an dem Strick befestigten Rolle an demselben entlangglitt, wenn sie durch ein Seil nach der einen oder der anderen Seite hingezogen wurde. Man gebrauchte zwei Seile zu diesem Zweck, von denen jedes nach einer anderen Seite der Kluft führte. Mit ihnen wurden die Reisenden einer nach dem anderen hinübergezogen, da immer nur einer auf einmal in der Mulde Platz fand.

Bei einer solchen Einrichtung war es kein Wunder, dass wir so lange Zeit zum Übersetzen brauchten, denn unsere Gesellschaft bestand aus mehr als hundert Personen mit vielem Gepäck.

Ich für mein Teil werde niemals die Gefühle vergessen, welche mich bewegten, als ich vermittelst des Strickes über die Huaro setzte. Ich hatte schon Schwindel genug empfunden, wenn ich über die in ganz Peru gebräuchliche Soga-Brücke und Barbaccas ging, aber die Passage der Huaro ist dann doch wirklich noch etwas ganz anderes und ein gar nicht leicht auszuführendes Kunststück. Zuerst wurde ich mit dem Rücken nach unten in der Höhlung der Mulde festgebunden, sodass ich mit dem Gesicht in den blauen Himmel hinaufsah, und dann kreuzte man mir die Beine über dem Hauptseil, der Brücke selbst nämlich, wo ich mich nun ohne weitere Hilfe festhalten mochte, so gut es die Ausdauer meiner Muskeln erlaubte. Mit den Händen packte ich sodann die Seitenwände der hölzernen Mulde und empfing noch die Weisung, den Kopf so viel als möglich in aufrechter Lage zu erhalten. Dann auf einmal fühlte ich mich ohne weitere Umstände fortgeschleudert, bis ich in freier Luft über einem Abgrund hing, der sich wenigstens zweihundert Fuß tief unter mir öffnete und auf dessen Grund ein schäumender Strom über schwarze Felsen brauste. Meine Knöchel glitten am Strick entlang, aber die Empfindung war so sonderbar, dass ich mich mehrere Male versucht fühlte, ihn loszulassen. In diesem Falle würde indessen meine Lage noch viel peinlicher gewesen sein, da ich mich dann hauptsächlich auf meine Arme hätte verlassen müssen, um mich festzuhalten. Ich klammerte mich mit beiden Händen an, immer in der Angst, dass der Strick, mit welchem man mich an die Mulde angebunden hatte, zerreißen könnte.

Nach langem Zucken und Ziehen befand ich mich endlich auf der anderen Seite und stand wieder auf meinen Füßen. Einigen Ersatz für die Furcht, welche ich ausgestanden hatte, fand ich nun darin, dass ich den fetten Pater herüberziehen sah, gewiss ein lächerlicher Anblick, über den ich umso herzlicher lachte, als ich mir einbildete, dass er ohne Zweifel ein Gleiches in Bezug auf mich getan hatte. Er nahm es jedoch gut auf und versicherte mir, dass er beim Übersetzen nicht die geringste Furcht hätte, da er schon seit Langem an diese Art Brücken gewöhnt sei.

Diese langsame und mühselige Art, über die Flüsse zu kommen, wird in vielen, meist abgelegenen und schwach bevölkerten Gegenden der Anden, wo es kein Mittel gibt, ordentliche feste Brücken zu bauen, angewendet. Natürlicherweise kann nur allein der Reisende auf der Huaro übergesetzt werden. Sein Pferd, Maultier oder seine Lamas müssen über den Fluss schwimmen und werden nicht selten von der heftigen Strömung fortgerissen, gegen die Felsen geschleudert und zerschmettert. Was uns betrifft, so gelangten wir alle wohlbehalten über den Abgrund, waren nach kurzer Rast wieder unterwegs und kletterten von Neuem die Höhen hinauf.

Ich fragte meinen Begleiter, ob wir nicht an einer anderen Stelle hätten über den Strom setzen und so Zeit und Mühe sparen können, aber er gab mir zur Antwort, dass wir dann einen Umweg von zwanzig Meilen hätten machen müssen, um auf die andere Seite des Huaroseiles zu gelangen. Da war es denn freilich kein Wunder, dass man sich so viele Mühe gegeben hatte, die Gesellschaft überzusetzen. Wir erreichten die Höhen spät abends; die Jagd sollte erst am folgenden Tag beginnen.

Der Abend verging mit dem Aufschlagen der Zelte und mit dem Ordnen des Lagers. Das Zelt des Paters, als das größte von allen, zeichnete sich besonders aus, und ich wurde eingeladen, es mit ihm zu teilen. Die Pferde und andere Tiere wurden auf der grasreichen Ebene an Pflöcke befestigt oder ihnen die Hinterfüße zusammengebunden. Die Luft war unfreundlich, ja sogar kalt, denn wir befanden uns in ansehnlicher Höhe über der Meeresfläche. Die Frauen und Kinder beschäftigten sich damit, Paquin, trockenen Dünger, zum Feueranmachen zu sammeln, welcher reichlich genug vorhanden war, da die Ebene, wo wir Halt gemacht hatten, großen Herden von Lamas und Rindvieh zur Weide diente.

An dieser Stelle erwarteten wir noch keineswegs Vicognas anzutreffen, sondern erst bei einer Reihe etwas weiterhin gelegener Höhen, wo ihr Lieblingsaufenthalt sein sollte. Gleichwohl war dieses unser erstes Lager ganz geeignet, um die Jagd zu beginnen, und es sollte erst dann verlegt werden, wenn die Ebenen in der Nachbarschaft abgejagt sein würden und das Wild sich seltener machte.

Der Morgen kam heran, aber schon lange vor Tagesanbruch war eine zahlreiche Gesellschaft aufgebrochen und hatte die oben erwähnten Stricke, Pfähle und Lumpenbündel mitgenommen. Die Frauen und Knaben begleiteten diese Abteilung.

Ihr Ziel war eine große Hochebene in der Nachbarschaft unseres Lagers.

Eine Stunde später machte sich auch der Rest der meist berittenen Gesellschaft auf den Weg, nämlich die eigentlichen Jäger oder Treiber mit ihren Hunden. Ich wäre gern mit dieser Abteilung geritten, aber der Pater nahm mich in Beschlag, indem er mich an eine Stelle zu führen versprach, wo ich den Chaku am besten mit ansehen könnte. Wir beide also ritten allein zusammen fort und erreichten in einer halben Stunde die Ebene, wohin die erste Abteilung vorausgezogen war. Als wir herbeikamen, fanden wir sämtliche Mitglieder derselben über die Ebene zerstreut bei der Arbeit. Und nun sah ich, welcher Gebrauch von den Stricken und Lumpen gemacht werden sollte. Man stellte mittelst derselben eine Einzäunung oder Korral her. Ein Teil derselben war bereits fertig und ließ erkennen, dass das Ganze eine kreisförmige Gestalt bekommen sollte. Die Pfähle oder Stangen wurden in einer Kreislinie, einige Schritte voneinander entfernt, in die Erde getrieben, sodass jeder noch vier Fuß hoch über dem Boden stand. Von einer Pfahlspitze zur anderen wurden Seile gezogen und festgebunden und auf diese Art die Einzäunung vollständig gemacht.

An diese Seile knüpfte man die Lumpen und Streifen von Baumwollzeug an, sodass sie ziemlich bis auf die Erde herabhingen oder im Wind flatterten. Diese schwache Nachahmung eines Zaunes wurde in einer fast drei Meilen langen Ausdehnung über die Ebene geführt. Eine Seite ließ man in der Breite von mehreren hundert Schritten unvollendet. Dies war der Eingang des Korral. Sie lag natürlicherweise nach der Gegend zu, von welcher das Wild herkommen sollte.

Sobald die Einzäunung fertig war, verfügten sich die Leute in zwei Abteilungen zu den Enden derselben und breiteten sich von hier in weit auseinandergehenden Linien aus, bis sie eine Art Trichter bildeten, dessen Öffnung wenigstens zwei Meilen weit war. In dieser Stellung erwarteten sie den Erfolg des Treibens und kauerten sich auf den Boden nieder, um auszuruhen.

Das Treiben nahm mittlerweile seinen Fortgang, obwohl sich die dabei beschäftigten Jäger noch in großer Entfernung befanden und von unserem Beobachtungsort kaum zu sehen waren. Sie hatten, gleichfalls in zwei Abteilungen, entgegengesetzte Richtungen eingeschlagen und gingen am Fuß der die Ebene einschließenden Hügel entlang. Der von ihnen beschriebene Umkreis konnte kaum weniger als zwei deutsche Meilen betragen. Sobald sie ganz herumgekommen waren, breiteten sie sich in einer langen Bogenlinie aus, deren Öffnung zur Einzäunung gerichtet war. Nun wendeten sie sich um und die Vorwärtsbewegung begann, sodass jedes im Kreis befindliche Tier fast unfehlbar in den Korral getrieben werden musste.

Der Pater hatte mich zu einer erhöhten Stelle zwischen den Felsen geführt, welche die Aussicht auf die Einfriedigung gewährte, aber wir mussten noch ziemlich lange warten, ehe wir die Treiber erblickten. Endlich entdeckten wir in weiter Entfernung auf der Ebene eine Reihe Berittener. Als wir die Strecke zwischen ihnen und uns genauer betrachteten, konnten wir mehrere Haufen flüchtigen Wildes darauf hin- und hergleiten sehen. Dies waren die Vicognas.

Es waren offenbar mehrere Herden, denn wir sahen sie auf verschiedenen Punkten. Sie schossen, augenscheinlich sehr erschrocken, ohne zu wissen, in welche Richtung sie laufen sollten, vor der Linie der Treiber hin und her. Dann und wann konnten wir bemerken, wie eine Herde, von dem alten Männchen geführt, in gerader Richtung vorwärts eilte, dann plötzlich Halt machte und im nächsten Moment in eine andere Richtung davongaloppierte. Ihre, in der Ferne glänzenden, schön orangeroten Vliese setzten uns in den Stand, sie in großer Entfernung zu unterscheiden. Die Treiber kamen mittlerweile immer näher, bis wir die Gestalten der Reiter erkennen konnten, wie sie sich über die Anschwellungen der Ebenen erhoben. Auch vernahmen wir nun ihr Geschrei, den Klang ihrer Ochsenhörner und selbst das Bellen ihrer Hunde. Was aber meinem Begleiter das größte Vergnügen gewährte, war der Umstand, dass man mehrere Vicogna-Herden vor der anrückenden Linie flüchtig hin und her springen sah.

»Mira!«, rief er triumphierend. »Mira, Sennor (Sehen Sie!), eine, zwei, drei, vier – vier Herden und noch dazu recht große! Ha, Carrambo! Jesus!«, fuhr er, plötzlich den Ton ändernd, fort. »Carrambo! Jesus, malditos Guanacos (die verwünschten Guanacos)!«

Ich schaute zu der Stelle, wohin er deutete, und erblickte eine kleine Herde der genannten Tiere, welche rasch über die Ebene hinflog. Man konnte sie von den Vicognas leicht unterscheiden, da sie größer und in ihren Bewegungen weniger zierlich sind, und besonders auch an ihrer dunkleren, bräunlich roten Farbe. Nur begriff ich nicht, wie ihre Gegenwart die Verwünschungen des Paters, welche er reichlich auf sie herabzurufen fortfuhr, hervorrufen konnte, und fragte ihn hierüber.

»Ach, Sennor,« antwortete er seufzend, »diese Guanacos werden alles verderben, sie werden die Jagd zunichtemachen, Caspita!«

»Wieso? Auf welche Art, mio patre«, fragte ich in meiner Unschuld, da ich glaubte, dass eine schöne Guanaco-Herde mit ihren Vettern eingeschlossen und gleichfalls gute Beute werden würde.

»Ach,« rief der Pater, »diese Guanacos sind Haereticos, gottlose Tiere, und haben keine Achtung vor den Seilen. Sie werden durchbrechen und auch die anderen entwischen lassen. Santissima virgen, was ist zu tun?«

Es war nichts weiter zu tun, als der Sache ihren Lauf zu lassen, denn in ein paar Minuten sahen wir bereits die Reiter herankommen, bis ihre Linie den von den anderen gebildeten Trichter schloss. Die Vicognas stürzten nun in verschiedenen Abteilungen verwirrt von einer Seite zur anderen, wobei sie immer, sobald sie den Gestalten der Männer und Frauen zu nahe kamen, scharf wieder umdrehten und in entgegengesetzter Richtung davonliefen. Es mochten im Ganzen fünfzig bis sechzig Stück sein, welche sich endlich in einem verwirrten Knäuel zusammendrängten. Die Guanacos, acht bis zehn an der Zahl, mischten sich unter sie. Nach mehrmaligem Anhalten, Anprellen, Zurückprellen schlug die Herde unter Anführung eines Tieres, das den Weg zur Flucht entdeckt zu haben glaubte, einen schnellen Galopp ein und stürzte sich in die Einzäunung.

Die Jäger zu Fuß, welche bei den Frauen standen, eilten nun zu dem Eingang. Nach kurzer Zeit waren neue Pfähle eingetrieben, Stricke darum gebunden, Lappen an denselben befestigt und der Kreis des Cham geschlossen. Zu gleicher Zeit waren auch die berittenen Jäger an der Außenseite galoppiert, sprangen dort von den Pferden und nahmen eine Stellung in Zwischenräumen voneinander ein. Nun machte jeder seine Bolas fertig, um vorzudringen und das Werk des Todes zu beginnen, sobald erst die Einzäunung von den helfenden Frauen und Kindern ganz vollendet sein würde. Sobald es geschehen war, rückten die Jäger, ihre Bolas schwingend und einander zurufend, zum Mittelpunkt vor. Die erschreckten Vicognas sprangen von einer Seite zur anderen und sahen sich überall einem Indianer gegenüber. Einmal teilten sie sich in verwirrte Haufen und liefen in verschiedene Richtungen, dann vereinigten sie sich wieder und glitten in zierlichen Bogenlinien über die Ebene hin. Überall sausten die Bolas durch die Luft und der Rasen war bald mit zuckenden und heftig ausschlagenden Tieren bedeckt.

Es war in der Tat ein merkwürdiges Schauspiel. Hier stand ein Jäger und schwang die bleiernen Kugeln um seinen Kopf, dort sprang ein anderer auf eine getroffene und fallende Vicogna los, ein Dritter bückte sich über ein schon am Boden liegendes Tier und schwang sein blutiges Messer. Dann löste er den Riemen von den Beinen seines Schlachtopfers, ließ seine Bolas wieder in der Luft fliegen und eilte weiter zur Fortsetzung der Jagd.

Gleich beim Beginn des Schlachtens ereignete sich ein Umstand, welcher meinem Gefährten, dem Pater, das höchste Vergnügen gewährte und sofort seine gute Laune wieder herstellte. Es gelang nämlich der Herde Guanacos zu entfliehen, ohne den Erfolg der Jagd zu gefährden. und dies wurde durch ein geschicktes Manöver meines alten Freundes, des Puna-Jägers, bewerkstelligt.

Die Guanacos waren auf irgendeine Art von den Vicognas getrennt worden und zu einem entfernten Teil der Einzäunung galoppiert. Als der Jäger dies bemerkte, sprang er auf sein Pferd, rief seine Hunde zu sich, setzte über die Einfriedigung und stürzte den Guanacos nach. Er gelangte ihnen bald in den Rücken und trieb sie aus der Einzäunung, indem er den außen Stehenden zuwinkte, zur Seite zu gehen und die Guanacos entwischen zu lassen. Sie flogen mit gesenktem Kopf auf die Seile zu und rissen sie von den Pfählen los, aber ohne weiter Schaden zu tun, denn der Jäger galoppierte heran und stellte sich vor den Riss, bis die Seile und Lappen wieder in Ordnung gebracht waren. Die armen Vicognas, von denen beinahe fünfzig Stück umherirrten, wurden sämtlich getötet oder gefangen. Wenn sie bis zu der Einzäunung verfolgt wurden, versuchten sie weder daraus loszustürzen noch darüber zu springen, sondern pflegten plötzlich umzuwenden und ihren Verfolgern gerade entgegenzulaufen.

Die Jagd wurde noch interessanter, als die Tiere alle, mit Ausnahme einiger wenigen, kampfunfähig gemacht waren. Nun wurden die einzelnen, noch Übrigen, jedes von mehreren Jägern zugleich angegriffen, und das Springen und Wenden der Tiere, das Vorwärtsstürzen und Zurückprallen, das Geschrei der Zuschauer, das Pfeifen der Bolas, deren manchmal zwei bis drei nach einem einzigen Opfer geschleudert wurden, dies alles vereinigte sich, um mir ein ebenso neues wie aufregendes Schauspiel zu gewähren.

Ungefähr zwanzig Minuten, nachdem die Tiere die Einfriedigung betreten hatten, konnte man das Letzte stürzen sehen, und der Cham des Tages war damit vorüber. Nun folgten die Glückwünsche der Jäger und das freudigste Stimmengewirr.

Die getöteten Vicognas wurden auf einen Haufen gesammelt, ihnen das Fell abgezogen und das Fleisch unter die verschiedenen Familien verteilt. Die Felle fielen, wie gesagt, der Kirche zu, d. h. dem Pater, und dies konnte unzweifelhaft als der Löwenanteil vom Ergebnis des Tages gelten. Die Stricke wurden hierauf losgeknüpft und zusammengerollt, die Lappen wieder zusammengepackt und die Pfähle herausgezogen, um am nächsten Tag in einem anderen Teil der Puna gebraucht zu werden. Das Fleisch wurde auf die Pferde und Maultiere gepackt, und die Jagdgesellschaft zog in einer langen Reihe zum Lagerplatze zurück. Dort endlich folgte nun ein Schauspiel, das mich höchlich belustigte: In Wonne und Heiterkeit hielten die Indianer ein Festmahl, wie es diesen armen Leuten nicht jeden Tag im Jahr zuteilwird.

Der Cham dauerte zehn Tage, und ich blieb während dieser ganzen Zeit in der Gesellschaft meiner halb wilden Freunde.

Das ganze erlegte Wild bestand in 500 und einigen Vicognas, in 20 Guanacos, einigen Tarush oder Andenhirschen und in einem halben Dutzend schwarzer Bären. Bei dem Cham selber wurden natürlicherweise nur die Vicognas erbeutet. Die anderen Tiere waren zufällig aufgetrieben und von den Jägern entweder mit ihren Bolas oder mit den Flinten, womit einige von ihnen versehen waren, erlegt.

Ich kenne außer der Vicogna kein Tier, welches auf die beim Chaku in Anwendung gebrachte Art gejagt werden könnte.

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