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Der Detektiv – Der Einsiedler vom Dschebel Schamschan – 5. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient
Der Einsiedler vom Dschebel Schamschan

5. Kapitel

Im Dschebel Schamschan

Der wundertätige Derwisch von Schamschan bewohnte eine natürliche Grotte nördlich der Conquest Bay in einem öden, tiefen Tal. Der Höhleneingang lag in einer bogenförmigen Felswand, die den Hintergrund eines terrassenartigen Felsvorsprungs bildete. Der Weg dorthin war leicht zu finden. Wanderte doch nun eine förmliche Schlange von Pilgern durch die Wildnis über schmale Pfade. Wir schlossen uns dem Zug an und hielten uns danach auf der Terrasse ganz hinten, um ja nicht etwa als Ungläubige erkannt zu werden. Die fanatischen Muslims hätten uns totgeschlagen. Trotzdem bekamen wir genug zu sehen, und zwar an allerlei Kranken, die von dem weißhaarigen Greis Heilung erhofften. Der Derwisch trug nichts als einen Mantel aus Affenfellen, hockte hinter einem stark qualmenden Feuerbecken und rief den Ratsuchenden in heiseren Tönen seine Weisungen zu. Langsam bewegte sich eine Kette brauner Menschen so an ihm vorüber. Allerlei Gaben häuften sich neben dem Feuerbecken auf. Es war ein so seltsames, nächtliches Bild, dass ich tatsächlich öfters dachte, ich träumte das alles nur.

Nun reihten wir uns als Letzte der Schlange an. Weiterer Zuzug war nicht mehr zu erwarten. Mitternacht war längst vorüber.

Harst warf sich wie alle vor dem Becken lang zu Boden, fasste dann in seine schmierige Leinenjacke und reichte dem Derwisch wortlos den Dolch.

Der Alte, der hinter dem dicken Qualm nur hin und wieder sichtbar wurde, musterte den Dolch sehr genau, stand dann auf, trat aus der Höhle hinaus, schaute nach, ob noch mehr Pilger außer uns da seien, und winkte uns dann, nachdem Harst durch eine Handbewegung angedeutet hatte, dass wir beide zusammen gehörten.

Der Derwisch warf Holzstücke in das große Becken. Die Flammen schlugen hoch, beleuchteten uns grell. Er blickte uns scharf prüfend an, winkte dann nochmals, ging in die Grotte hinein, die sofort eine kurze Biegung nach rechts machte. Hier brannte eine Petroleumlaterne. Sie stand auf einem Holztischchen. Sonst war nichts von Einrichtungsgegenständen zu bemerken.

Der Alte lehnte sich an die Felswand, sprach ein paar Worte. Ich kann und konnte auch damals nur einige dreißig arabische Wörter. Immerhin verstand ich, dass er wissen wollte, woher wir kämen.

Harst nickte und tat, als suche er in seinem Kittel nach irgendetwas. Dann – und hiermit hatte ich niemals gerechnet – hatte er den Alten plötzlich bei der Kehle, riss ihn zu Boden und schlug ihm den Revolverkolben gegen die Schläfe.

»Los, hilf mir ihn binden und knebeln.«

Im Nu war es geschehen. Dann trugen wir den Derwisch auf die Terrasse und fesselten ihn hier in einer Felsspalte so an einen Stein, dass er ohne fremde Hilfe sich nicht befreien konnte.

»Es ist Ali ben Barka, kein anderer!«, sagte Harst nun und leuchtete dem Alten mit seiner Taschenlampe ins Gesicht. »Schau nur, wie fein der Kerl sich geschminkt und den Bart gepudert hat. Ich gebe zu: Diese Lösung hatte ich nicht erwartet! Komm, ich werde dich zu Barkas Schloss einen besonderen Weg führen – unterirdisch. Ich wette, die Höhle zieht sich bis zum Schloss hin, das von hier keine 800 Meter entfernt jenseits der Talhöhen liegen muss.«

Harst nahm die große Petroleumlampe mit und ging voran. Die unterirdische Grottenwelt mit ihrer kühlen Luft erschien uns nach dem oberirdischen Backofen Aden wie ein Paradies. Hier den richtigen Weg trotz zahlreicher Seitenhöhlen zu finden, war nicht schwer, da Ali ben Barka bei seinem häufigen Hin und Zurück bereits etwas wie einen Pfad glatt getreten hatte. Dieser Pfad endete nach zehn Minuten vor einer primitiven Holztreppe, die durch eine breite Öffnung in der Höhlendecke nach oben zu sich fortsetzte. Wir erklommen die zahlreichen Stufen und standen nun in einem kastenähnlichen Bretterverschlag, in dessen der Treppenmündung gegenüberliegender Wand eine sehr niedrige Tür sich abzeichnete. Sie war unverschlossen. Dahinter lag Mauerwerk und in dieses, kunstvoll eingefügt, eine Geheimtür, die in ein großes, europäisch eingerichtetes Gemach hineinführte.

Wir blieben nun stehen und lauschten angestrengt. Von rechts durch eine mit Vorhängen verhüllte Türöffnung drang undeutlich ein metallisches Klirren bis zu uns herüber. Es war hier dunkel. Harst schlich zu der verhängten Tür hin. Ich blieb dicht hinter ihm. Er schlug die schweren Stoffe auseinander. Ein Blick in den Nebenraum genügte. Dort hatten soeben zwei Männer mit Stofffetzen als Masken vor den Gesichtern einen veralteten eisernen Geldschrank aufgebrochen und ihre Beute in eine Tischdecke eingewickelt.

Der eine flüsterte nun, indem er nach einer der beiden brennenden Laternen griff: »Schnell, der Alte kann jeden Augenblick wieder hier sein. Allzu viele Pilger waren es heute nicht.«

Dieser Mann war klein und trug die Kleidung der ärmeren arabischen Stadtbevölkerung.

Der andere schulterte schon das Bündel. »Von mir aus können wir uns aus dem Staub machen«, meinte er, nahm die zweite Laterne und wandte sich der Tür zu, hinter deren Vorhängen wir standen.

Da erfolgte das Entsetzliche, geschah etwas, das ganz zu Warbattys Methode passte, sich seiner Kumpane stets zu entledigen.

Blitzschnell hatte der Kleinere eine eiserne kurze Brechstange ergriffen und seinen Helfershelfer durch einen Hieb auf den Hinterkopf niedergestreckt. Den lautlos Umsinkenden fing er geschickt auf und ließ ihn auf den Teppich gleiten, fasste dann in die Tasche, holte ein Fläschchen hervor, beugte sich über den Ohnmächtigen und wollte diesem den Inhalt des Fläschchens zwischen die Lippen gießen.

Harst jedoch war schon hinter ihn getreten. Dann ein Griff, ein Hieb mit dem Revolverkolben und der kleine Eingeborene fiel kraftlos über den anderen hinweg. Harst riss ihm den Stofffetzen ab und deutete auf die linke Hand, an der der Zeigefinger fehlte: Es war Cecil Warbatty.

»Auch den zweiten kennst du«, meinte Harst. »Ingenieur James Hasting, in Wahrheit ein Mädchenhändler, der die Erzieherin seiner Kinder hier in Aden verschachert hat.«

Nachdem wir die beiden sehr sorgfältig gefesselt und nach unten in eine Nebengrotte geschafft hatten, kehrten wir in Ali ben Barkas Arbeitszimmer zurück, wo auf dem Schreibtisch neben dem erbrochenen Panzerspind ein Telefon stand. Harst ließ sich mit dem Polizeiamt in Aden verbinden. Dort gab es offenbar große Aufregung, als er seinen berühmten Namen nannte und den Polizeiinspektor vom Nachtdienst bat, Barkas Schloss sofort in aller Stille umzingeln zu lassen, selbst aber mit zehn Beamten vor die Höhle des Wunderderwisches zu kommen, wo wir ihn erwarten würden.

Der Inspektor Springfield entpuppte sich dann als ein sehr energischer Mann. Ohne jede Rücksicht auf die Unverletzlichkeit eines Harems wurde das ganze Schloss des reichen Arabers von oben bis unten durchsucht. In einem verborgenen Gemach des Harems fand man denn auch wirklich unter dem Schutz zweier Eunuchen sowohl Hilde Held als auch Miss Jane Harpers, die Erzieherin. Nur Elsi Robertson und die beiden Schwedinnen konnten nirgends entdeckt werden. Sie waren offenbar anderswohin verkauft worden.

Als Hilde Held hinter den eindringenden Polizisten Harst gewahrte, der ihr aufmunternd zulächelte und den sie wohl nur an diesem gütigen Lächeln erkannte, flog sie ihm aufschluchzend an die Brust. Nicht etwa, dass sie ihn liebte! Nein, sie sah in ihm nur den Mann, der sie nun zum zweiten Mal vor einem furchtbaren Schicksal bewahrt hatte.

Die ganze Dienerschaft des Schlosses wurde verhaftet. Ali ben Barka, Warbatty und Hasting kamen jeder in eine besonders gesicherte Zelle des Polizeigefängnisses.

Als wir gegen fünf Uhr morgens Hilde Held zur Westerland geleiteten, erzählte sie uns, wie es möglich gewesen war, dass man sie in der Basarstraße so spurlos hatte verschwinden lassen. Sie war etwas zurückgeblieben und bewunderte vor dem Gewölbe eines Spitzenhändlers die Auslagen, als der Kaufmann, ein dicker Türke, ihr gewinkt und zugeflüstert hatte, er könne ihr eine sehr schöne, etwas beschädigte Decke ganz billig abgeben.

Kaum war sie ein paar Schritt von der Tür des Gewölbes entfernt im Inneren des Ladens, als ihr der Boden plötzlich unter den Füßen schwand. Sie stürzte in einen großen Sack von dickem Stoff, verlor vor Schreck das Bewusstsein und kam erst in dem Haremsgemach wieder zu sich.

Ich will hier gleich einfügen, dass Harst dann dafür sorgte, dass auch der Türke sofort dingfest gemacht wurde.

Als wir auf der Westerland eintrafen, sahen wir Kapitän Störmer mit einem jüngeren schlanken Herrn auf der Kommandobrücke stehen. Es war dies kein anderer als Hilde Helds Verlobter. Wir wurden so Zeugen eines Wiedersehens zwischen den Brautleuten, das Harst zu der Bemerkung veranlasste: »Lieber Kapitän, meinen Sie nicht auch, dass es ein ganz hübscher Lohn für die kleinen Anstrengungen meines Berufes ist, wenn man ein solches Bild vor sich hat wie unser Brautpaar dort und wenn man sich sagen darf: Ohne dich wäre es vielleicht ganz anders gekommen!«

Störmer drückte Harst fest die Hand. »Sie haben recht, wie immer! Nun müssen Sie mir aber noch eins erklären: Woher wussten Sie, dass Hasting Mädchenhändler und Warbattys Kumpane war? Und wie hängt eigentlich die Ausplünderung des Geldschrankes des frommen Derwisches Ali ben Barka mit alledem zusammen?«

»Also wieder ein Privatkolleg! Nun gut. Sie sehen ja, Kapitän, auch Schraut spitzt die Ohren. Er befindet sich nämlich noch im Lehrlingsstadium. Aber ich bin ein maulfauler Lehrer. Daher nur das Nötigste. Hasting sendet eine chiffrierte Funkendepesche nach Aden. Kaum erledigt, spricht er Zahnarzt Müller an, klagt über Zahnschmerzen, verschwindet in Müllers Kabine, der doch kein Zahnarzt war. Und Hasting trägt dauernd Handschuhe! Auch sehr faul. Er muss also irgendein Merkmal an den Händen haben, das er verdecken will. Nun wissen wir ja: einen riesigen Leberfleck auf dem rechten Handrücken. Und einen solchen Mann sucht die Londoner Polizei, wie man bei der hiesigen wusste, als gefährlichen Mädchenhändler. Dies vorweggenommen. Ich habe mir dann heimlich aus dem Telegrammbuch der Westerland die Chiffredepesche abgeschrieben. Empfänger war der sehr ehrenwerte Ali ben Barka, den Major Robertson schon vor jenen vier Jahren als einen recht fragwürdigen Herrn hingestellt hatte. Wenn ich Ihnen nun noch sage, Kapitän, dass mir bekannt war, Warbatty plane hier einen neuen Streich, wenn ich daran erinnere, dass Landsmann Sachsenhauer über das Verschwinden Elsie Robertsons sprach, dass der arme Major doch nur Bergfex wurde, um den von ihm beargwöhnten Derwisch beobachten zu können, der ihn dann natürlich hat beiseiteschaffen lassen, so glaube ich, es Ihrem eigenen Scharfsinn anheimgeben zu können, sich die Verbindenden Brücken zwischen diesen Einzelheiten zu konstruieren. Nur etwas will ich noch betonen: Hasting hat Jane Harpers, die Erzieherin auf Warbattys Veranlassung hierher gebracht, damit die beiden Verbrecher als Gäste Ali ben Barkas Gelegenheit fänden, den Geldschrank in aller Ruhe aufzubrechen. Sie werden sehen, Kapitän: Die Untersuchung gegen Warbatty und das andere Gelichter wird alles bestätigen, was bisher nur logisch aufgebaute Mutmaßungen sind. Jetzt gute Nacht! Ich gehe in meine Kabine und schlafe mich gehörig aus.«

Wir blieben drei Tage in Aden. Am zweiten Tage wurde uns bei unserer Vernehmung als Zeugen Cecil Warbatty, mit Ketten gefesselt, gegenübergestellt. Auch nun in dieser verzweifelten Lage verließ den Verbrecher seine liebenswürdige Frechheit nicht.

»Sie haben die Partie jetzt, so scheint es, endgültig gewonnen, Master Harst«, meinte er. »Ich spreche Ihnen abermals meine Hochachtung aus. Nur in einem Punkt versagten Sie: Ich hatte nämlich nur die Korkweste und den Rettungsring über Bord geworfen, während ich selbst in Hastings Kabine in dessen Reisekoffer saß. Nun, unfehlbar ist kein Mensch.«

Er gab alles zu, was ihm zur Last gelegt wurde. Da Aden zur Präsidentschaft Bombay gehört, sollte er dort vor dem Geschworenengericht abgeurteilt werden.

Wir benutzten dann die Westerland bis Bombay, da Harst mir noch Indien zeigen wollte. Kurz vor Bombay fing der Funkenapparat der Westerland eine Depesche auf, in der von Aden aus allen Polizeiämtern der Küstenplätze das Entweichen des vielfachen Raubmörders Cecil Warbatty angezeigt wurde.

Harst sagte daraufhin zu Störmer und mir: »Ich habe die Partie also doch noch nicht gewonnen. Und ich betrachte mich auch erst als Gewinner, wenn Warbatty tot ist.«

Die Zukunft lehrte, dass Harst auch hierin recht hatte. Der Kampf dauerte noch viele Wochen. Sein nächster Teil spielte sich dann in Bombay ab.

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