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Der Spion – Kapitel 32

Balduin Möllhausen
Der Spion
Roman aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, Suttgart 1893

Kapitel 32

Wiedersehen

Behutsam war die Farmersfrau in das Krankenzimmer geschlichen, durch eine leichte Berührung Oliva ermunternd. Bestürzt fuhr diese aus dem Schlaf hoch. Ihr erster Blick galt Houston, der sich noch nicht gerührt hatte. Seine Atemzüge verrieten fortgesetzt einen ruhigen, kräftigenden Schlaf. Dann erst kehrte sie sich der Frau zu, welche durch eine Gebärde zur Vorsicht mahnte.

»Gäste sind da«, raunte diese ihr zu, »es sind Freunde oder Anverwandte des Captains. Sie möchten Sie sprechen, bevor sie den Captain sehen.«

»Welcher Art sind die Gäste?«, fragte Oliva beklommen.

»Ein älterer Mann, vermutlich ein Deutscher …«

»Und ein junges schönes Mädchen?«, warf Oliva beinahe atemlos vor Spannung ein.

»Eine aufblühende Rose«, bestätigte die Frau, »und schön wie ein sonniger Frühlingsmorgen …«

»Das sind sie, ja, das sind sie«, versetzte Oliva, sie leise unterbrechend. Nach einem abermaligen Blick auf Houston erhob sie sich.

Zum Kamin zu dem Soldaten hinüberschleichend, gebot sie diesem, ihre Stelle neben dem Bett einzunehmen und bei der geringsten Bewegung seines Herrn sie zu rufen, dann folgte sie der Frau in deren Wohnung. Sie hatte kaum die Schwelle des Zimmers überschritten, da hing Margaretha an ihrem Hals, sich weinend an sie anschmiegend, um von ihr in eine innige Umarmung gezogen zu werden. Einen freundlichen Gruß wechselte sie über deren Haupt hinweg mit dem maßlos erstaunt dreinschauenden alten Sargfabrikanten. Zugleich strich sie zärtlich über das blonde Haar der heftig Schluckenden, um sie zunächst zu beruhigen und zugänglich für ihre ferneren Mitteilungen zu machen. In ihren eigenen Augen aber perlten Tränen der Wehmut und der Freude. Gab es für sie doch keine Zweifel mehr, dass, was auch immer zwischen dem Captain und Margaretha gewaltet haben mochte, in ihren heiligsten Gefühlen eine Wandlung nicht stattgefunden hatte.

Endlich sah Margaretha zu ihr auf. Wie eine Frage prägte es sich in ihren Zügen aus, wie eine bange Frage, der sie keine Worte zu verleihen wagte.

Zärtlich küsste Oliva sie auf die Stirn.

»Gott segne Sie, meine liebe, liebe Freundin«, sprach sie mit vor Innigkeit bebender Stimme, »Gott segne Sie tausendmal dafür, dass Sie, ohne zu zögern, Ihren Weg hierher genommen haben. Wo der Lebensmut versagt, da kann die Heilung nur schwer und langsam vonstattengehen. Sie aber werden diese Hauptbedingung wieder zu Ihrem Glück und dem anderen entfachen.«

Margaretha war zurückgetreten. Tiefe Glut hatte sich über ihr Antlitz ausgebreitet. Eine Antwort stand ihr nicht zu Gebot. Aber von einer Erregung sich in eine andere gleichsam hineinflüchtend, hingen ihre Blicke schüchtern und zugleich bewundernd an den Augen Olivas, die so viel weibliche Milde, so viel Herzensgüte ausstrahlten, dass sie sich davon bis ins Herz hinein ergriffen fühlte.

Als hätte sie ihr Gedächtnis klären wollen, strich sie mit der Hand über ihre Stirn. Unsicher, wie in Zerstreuung sprach sie: »Wie sind Sie schön, so verändert. Ich wollte den Onkel nicht allein reisen lassen, ich fürchtete für ihn.« Lieblicher noch erglühte ihr Antlitz bei diesen Ausflüchten. »Ihm war so viel daran gelegen, den Captain wieder zu sehen und, wenn irgend möglich, in seinem eigenen Haus pflegen zu lassen. Ich dachte dabei an meine Brüder, ich sah sie seit Jahren nicht …«

Liebreich blickte Oliva in die zu ihr erhabenen, befangen schauenden Augen. Ein Anflug heiteren Verständnisses eilte über ihr Antlitz, jedoch nur, um bald wieder von gleichsam mütterlichem Ernst verdrängt zu werden. So erwiderte sie zögernd: »Auch die herzliche Teilnahme Ihres Onkels wird dazu beitragen, ihn einem frischen, fröhlichen Leben schneller zurückzugeben. Wochen mögen aber noch hingehen, bevor der Captain hinreichend Kräfte sammelte, um ohne Besorgnis vor den Folgen die Reise nach St. Louis antreten zu dürfen. Außerdem ist der Winter vor der Tür, wodurch die Übersiedlung erheblich erschwert wird. Wir werden uns also in Geduld üben müssen.«

»So warten wir noch einige Wochen«, beteiligte Martin Findegern sich nunmehr an dem Gespräch. In der Art, in welcher er die Füße auseinanderstellte, die linke Hand in Ermangelung der blauen Schürze hinter die Weste schob und mit der rechten bedachtsam das Kinnbärtchen zuspitzte, verriet sich, dass plötzlich wieder große Zuversicht Besitz von ihm ergriffen hatte. »Tun es aber einige Wochen nicht – bless you, so warten wir auch länger. Habe ich ihn erst in meinem Haus, dann soll er schon zu Kräften kommen. Die guten Stunden, die er dem alten Sargfabrikanten bereitete, die sind ihm unvergessen geblieben.«

»Sie werden ihn recht verändert finden«, wendete Oliva sich an Onkel und Nichte zugleich, »bereiten Sie sich darauf vor, damit Sie nicht zu sehr dem Eindruck sich hingeben, welchen seine Erscheinung beim ersten Anblick vielleicht auf Sie ausübt, nein, um seinetwillen nicht.«

»So soll ich zu ihm hinein?«, fragte Margaretha bestürzt. Das bewegliche Blut eilte wieder bis zu ihren Schläfen hinauf.

»Sicher, meine liebe junge Freundin«, antwortete Oliva. Sie weidete sich an den Empfindungen, welche das freundliche Antlitz abwechselnd beherrschten. »Es fragt sich nur, wann es ohne Nachteil für sein Befinden gewagt werden darf …«

In diesem Augenblick erschien Houstons Diener und meldete, dass der Captain erwacht sei. Oliva empfahl die beiden Gäste der Fürsorge der alten Farmersleute und begab sich zur anderen Seite des Hauses hinüber.

Als sie beim Captain eintrat, sah dieser sie fragend an. Obwohl der ohnehin düstere Tag sich neigte, war es noch hell genug, dass er die in Olivas Zügen sich spiegelnde Erregung zu unterscheiden vermochte. Unverweilt nahm sie ihren gewohnten Platz wieder ein. Seine Hand ergreifend, hob sie in der ihr eigenen sanften Weise an: »Ich erkenne mich selbst kaum noch wieder. Wenn ich der verflossenen letzten Jahre und der mit denselben verflochtenen Ereignisse gedenke, so meine ich, alles geträumt zu haben, gewissermaßen neu geboren zu sein. Regungen, von welchen ich glaubte, dass sie auf immer schlafen gegangen wären, durchschauern mich, wenn immer die Gelegenheit mir geboten wird, die Wohlfahrt, die Freude und das Glück anderer zu beobachten, auch wohl ein wenig fördernd mit einzugreifen. Es ist dies eine Wohltat, o, ein Segen für mich, welcher mir die Rückkehr zu meinem ursprünglichen Gemütsleben erleichtert, ein Segen aber auch für einen anderen, der an Edelmut und Treue unübertroffen dasteht und daher wohl der Kämpfe mit mir selbst wert ist, welche zuweilen meine ganze Kraft in Anspruch nehmen.« Die letzten Worte klangen träumerisch, innig und milde. Einige Sekunden sah sie ins Leere, wie an einem ihr vorschwebenden freundlichen Bild sich weidend. Lebhafter fuhr sie fort: »Daraus mögen Sie entnehmen, welche unendliche Befriedigung es mir gewährt, in der Lage zu sein, Ihnen eine gewiss erfreuliche Kunde zu überbringen. Wir sprachen davon, dass auf meine Benachrichtigung der gute alte Findegern sich vielleicht dazu entschließe, persönlich von Ihrem Ergehen sich zu überzeugen. Und so kann ich Ihnen jetzt anvertrauen, dass er nicht nur binnen kürzester Frist hier sein wird, sondern auch die ernste Absicht hegt, Sie nach St. Louis zu entführen.«

Houston schloss die Augen. Oliva beobachtete ihn ängstlich. Sie gewahrte, dass sein abgezehrtes Antlitz sich leicht rötete, der Leidenszug zu beiden Seiten des Mundes sich vertiefte. Zitternd für die Folgen, wagte sie nicht, seinen Ideengang zu unterbrechen.

»Was will er von mir?«, fragte Houston plötzlich mit einer Heftigkeit, welche Oliva alles Blut zum Herzen trieb. »Und in sein Haus soll ich gebracht werden? Ich, ein halbtoter Mann, um mit meinem elenden Dasein den Leuten zur Last zu fallen? Nein, nimmer mehr geschieht das. Schreiben Sie ihm. Ich erbitte es von Ihnen als eine neue Wohltat, dass ich seiner mit den dankbarsten Gesinnungen gedachte, jedoch weitere Freundschaftsdienste, die ich nie vergelten könnte, ablehnen müsste.«

»Es ist zu spät«, erklärte Oliva vollkommen eingeschüchtert, »er befindet sich bereits auf dem Weg. Er kann jeden Tag eintreffen. Es bleibt Ihnen daher nichts anderes übrig, als ihn zu erwarten.«

Houston seufzte tief auf.

»Also auch den Kelch soll ich noch leeren«, bemerkte er finster. »Wohlan denn, hilflos, wie ich bin, muss ich alles über mich ergehen lassen.«

»Nein, Captain, derartig dürfen Sie nicht urteilen«, nahm Oliva hastig, beinahe vorwurfsvoll das Wort. »Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie seine Gastfreundschaft im weitesten Umfang genossen haben, dass er aufrichtige, selbstlose Zuneigung zu Ihnen fasste, mag sie immerhin sich mehr oder minder auf seine Seltsamkeiten begründen. Vor allen Dingen, dass nichts anderes ihn auf den Weg hierhertrieb, als das ehrliche Verlangen, Ihnen beizustehen.« Sie säumte einige Atemzüge. Das bleiche Gesicht fortgesetzt scharf beobachtend, schien sie zu berechnen, ob seine Kraft für das ausreiche, was ihr wenigstens vorläufig noch zu sagen blieb. Da Houston, sichtbar peinlich berührt, mit keiner Miene die Neigung zu einer Erwiderung verriet, sprach sie freundlich ermutigend weiter: »Und noch eins dürfen Sie nicht übersehen, selbst wenn Sie die freundschaftlichen Gesinnungen des ehrlichen alten Mannes nicht erwidern sollten. Ich meine den Umstand, dass er in der Lage ist, Ihnen ausführlich über Margaretha, diesen liebenswürdigen Hausgeist, zu berichten. Ich selbst war ja oft genug Zeuge, dass im herzlichen Verkehr mit ihr …«

»Halten Sie ein!«, rief Houston unter sichtbarer Anstrengung aus. Abwehrend hob er beide Hände. »Hegte ich einst vermessene Träume, so sind sie längst zerronnen. Es kann kein Zweifel darüber walten. Des alten Findegern Mitteilungen würden also nichts weniger als wohltätig auf meinen Zustand einwirken. Ich war kurzsichtig, verblendet, überhob mich weit über das, was der gesunde Menschenverstand begrenzte, oder es wäre mir die denkbar bitterste Täuschung erspart geblieben.«

»Sie wissen nicht, Sie können nicht wissen, ob tatsächlich eine Täuschung besteht«, versetzte Oliva dringlicher, denn sie sah keinen anderen Ausweg, als das einmal eingeschlagene Verfahren weiter zu verfolgen, »unmöglich wissen, ob Sie nicht unter dem Eindruck von Missverständnissen leben, nicht falsch deuteten – ich ahne ja nicht, um was es sich handelt – was, vielleicht durch die natürlichen Regungen jungfräulicher Befangenheit bedingt, sich in absprechende Formen kleidete. Eine andere Lösung des Rätsels kenne ich nicht, nachdem ich so vielfach Gelegenheit fand, Sie sowohl als auch Margaretha gewissermaßen zu prüfen. Und wie hätte ich es sonst über mich gewonnen, einst die verheißenden Worte zu Ihnen zu sprechen?«

Houston sah fest in Olivas Augen. Eine seltsame Bitterkeit prägte sich in seinen Zügen aus. Dann griff er nach der auf der anderen Seite des Bettes liegenden Brieftasche, und dieselbe öffnend, entnahm er derselben ein sorgfältig zusammengelegtes Papier. Behutsam entfaltete er dasselbe. Eine ihm entgegenfallende Immortellenblüte emporhebend, bemerkte er, wie sich selbst verhöhnend: »Eine Totenblume überreichte sie mir im Augenblick des Scheidens zum Andenken, obwohl eine Rose und andere freundlichen Blüten sich im näheren Bereich ihrer Hand befanden, das besagt alles. Eine saftlose Strohblume, nach vorausgegangenem Zweifeln und Schwanken, also nicht zufällig; aber immerhin: Mir galt sie als eine ernste Vorbedeutung. Ich wusste, dass ich fallen würde, und ich stehe ja auf den Grenzmarken meines Lebens …«

»Vor einer Grenze, auf deren anderer Seite ein langes, glückliches Leben Ihnen winkt«, unterbrach Oliva ihn förmlich streng, »doch mag das vorläufig ruhen. Umklammern Sie lieber die Überzeugung, sich auf dem Weg gänzlicher Heilung zu befinden, anstatt zaghaft Betrachtungen nachzuhängen, die wenig geeignet sind, Ihrem ursprünglich kräftigen Körper zu Hilfe zu kommen. Ich könnte noch mehr sagen, fürchte aber Ihre Erregbarkeit.«

Houston sah fragend zu ihr auf. Erst nach einer Pause bemerkte er in herbem Spott: »Ich wiederhole meinen früheren Ausspruch: Mich erregt nichts mehr. Sogar die Nachricht, dass der alte Findegern bereits eingetroffen sei – Ihre vorbereitenden Worte lassen dergleichen ahnen – würde den Kreislauf meines elenden Blutrestes nicht um einen Schlag beschleunigen.«

»Wohlan denn, Captain, Ihre Ahnung trügt Sie nicht. Herr Martin Findegern weilt tatsächlich unter diesem Dach. Er wartet sehnsüchtig darauf, Ihnen zugeführt zu werden«, erklärte Oliva, um der ihn sichtbar marternden Ungewissheit ein Ende zu machen. »Sie brauchen nur den Zeitpunkt zu bestimmen …«

»So mag es sofort geschehen«, versetzte Houston trocken, »je eher ich über das ungewünschte Wiedersehen hinwegkomme, umso besser. Er soll wenigstens nicht behaupten, dass ich seine freundschaftlichen Gesinnungen mit Undank lohnte.«

Oliva erhob sich. Dem Dragoner ein Zeichen gebend, ihr zu folgen, verließ sie das Zimmer. Martin Findegern zu sich auf den Flur herausrufend, erteilte sie ihm nur den Rat zur Vorsicht. Im Übrigen baute sie auf seinen scharfen Verstand. Sein wunderliches offenes Wesen betrachtete sie gewissermaßen als ihren Bundesgenossen. Was er zu dem Captain sprach, musste eine weitaus harmlosere Wirkung ausüben, als ob dieselben Worte von ihren eigenen Lippen geflossen wären. Nur schauen wollte sie die Zusammenkunft, um erforderlichen Falls einschreiten zu können. So zog sie, nachdem Findegern eingetreten war, die Tür leise heran, jedoch ohne den Schlossriegel einzuklinken.

Nachdem Oliva das Zimmer verließ, hatte Houston keinen Blick von der geschlossenen Tür gewendet. Die Spannung, welche sich in seinen bleichen Zügen ausprägte, wurde durch einen Ausdruck unzweideutiger Unzufriedenheit überwogen. Erst als Martin über die Schwelle trat, bei jedem neuen Schritt, wie sein Gewicht erleichternd, die Achseln hoch emporzog und die gespitzten Lippen sich an dem Trachten beteiligten, die Bewegungen so geräuschlos wie möglich auszuführen, erhellte mattes Lächeln seine vergeistigten Züge. Beide Hände streckte er dem alten Freund entgegen, indem er ihn mit den Worten begrüßte: »Sie finden mich in einer traurigen, um nicht zu sagen, hoffnungslosen Lage. Ist mir aber binnen kurzer oder längerer Frist mein Ende beschieden, so dürfen Sie mit gutem Gewissen behaupten, durch Ihren Besuch mir den denkbar freundlichsten Trost mit ins Jenseits hinüber gegeben zu haben.«

Nach einigen vorbereitenden Bewegungen, welche vorzugsweise der Schonung seines schwarzen Rockes galten, ließ Martin sich neben dem Bett nieder. Das eine Auge schließend, betrachtete er den Leidenden mit dem anderen nachdenklich. Er ging offenbar mit sich zu Rate, wie er am zweckmäßigsten aufzutreten habe.

»Bless you, Captain«, drang endlich der vertraute Ausspruch gleichsam tosend zu Houstons Ohren, »Sie sind lange genug in meiner Werkstatt beschäftigt gewesen, um jemand zu verstehen, der nicht mehr sein will, wie er ist, und der aus seiner Tischlerei ebenso gut einen gescheiten Gedanken herauszuschälen versteht, wie mancher Professor oder gelehrter Doktor aus seinen Büchern.« Unwillkürlich sandte er einen scheuen Blick durch das Gemach, wie sich überzeugend, dass niemand zur Hand sei, der seine Worte dem gefürchteten Krehle hatte zutragen können. Ein prüfender Blick galt dem Leidenden. Unverkennbar freundliche Aufmerksamkeit in dessen Zügen entdeckend, öffnete er vor den ihn erfüllenden, sorgsam geordneten Gedanken das Wehr vollends: »Sie sind also wirklich zusammengeschossen worden, und das ist nicht mehr, als ich prophezeit hätte, wären Sie nicht wie ein Dieb in der Nacht ohne einen ordentlichen Abschied davongegangen. Doch das lässt sich jetzt nicht mehr ändern.« Schärfer blinzelte er in Houstons Augen. »Jeder Mensch hat ja seine Fehler, so behauptet auch die Grethe, wenn sie ihre Brüder, die beiden Landstreicher, in Schutz nimmt. Und was die mit ihrem goldenen Herzchen sagt, das muss schon Wahrheit sein.«

Abermals ließ er eine Pause eintreten. Es war ihm nicht entgangen, dass Unruhe sich in Houstons Zügen spiegelte. Seinen ganzen Scharfsinn bot er auf, die wahre Ursache dafür zu ergründen. So war es zwischen ihm und Krehle vereinbart worden, als die beiden alten Junggesellen unter heftigen Kämpfen das Wohl und Wehr Margarethas eifrig berieten und endlich zu dem Schluss gelangten, lieber ein unschuldiges Mädchenherz brechen zu lassen, als mit ihrer berühmten Nachhilfe sich zu beeilen, ohne zuvor Bürgschaft für das Glück des beiderseitigen Lieblings erhalten zu haben.

Houston, das Schweigen Martins dahin deutend, dass er vielleicht eine Erwiderung erwarte, bemerkte endlich zögernd wie im Halbschlaf: »Mit der Prophezeiung wäre mir wenig geholfen gewesen. Ist meine Verwundung doch eine derartige, dass ich sogar im günstigsten Fall ein unbrauchbarer Mensch bleibe.«

»So? Meinen Sie das?«, fragte Martin, das Kinnbärtchen sanft liebkosend, »bless you, Mann, da bin ich anderer Meinung. Beim Bretterschneiden haben Sie kennen gelernt, dass man einem Stück Holz, bevor die Säge es teilte, nicht ansieht, was drinnen steckt. Das würde selbst der Doktor Krehle nicht bestreiten. Findet man blaue Streifen, so nennt man das Wasserfäule, und für solche Stellen ist der beste Leim nicht stark genug. Nun ist es aber mit dem Menschen nicht anders. Auch seine Außenseite verrät nicht, wie es inwendig beschaffen ist, oder ich könnte dem Herrn Doktor beweisen, dass ich ihn mindestens um zehn Jahre überlebe. Was aber beim Holz die Säge offenbart, das haben bei Ihnen die Kugeln getan, ich meine, offenkundig dargelegt, dass Sie aus gesundem Material zusammengeschlagen sind. Daraus geht hervor, dass Sie auf dem besten Weg sind, bald wieder ein gesunder Mann zu sein. Als ich ihr das auseinandersetzte …«

»Wem?«, fragte Houston, welcher den umständlichen Mitteilungen geduldig lauschte, plötzlich wie im Schrecken.

Etwas stärker zupfte Martin an dem Kinnbärtchen. Nach der begangenen Unvorsichtigkeit bedurfte er der Zeit, um seine Verwirrung zu besiegen, bevor er mit einem blinzelnden Blick zur Zimmerdecke hinauf heuchlerisch erwiderte: »Wem, meinen Sie? Bless you! Sie glauben wohl gar, ich sei der einzige Reisende auf dem Dampfer gewesen? Da waren nämlich Leute genug, dies gerne anhörten, wenn ich ihnen von einem verwundeten Unionsoffizier erzählte, auch einige Ladies, und die hatten eine große Teilnahme für Sie. Wie die aber hießen, danach zu fragen, wäre unziemlich gewesen, doch ich redete über Ihren Zustand, als Sie mich aus dem Text brachten. Ich will Ihnen nur verraten, dass ich mir auf der Reise eine heilsame Rede im Kopf zurechtlegte, und die war bedachtsam auf Ihren Zustand berechnet. Fahren Sie also mit einem ungeduldigen Wort unversehens dazwischen, so ist es, als ob beim Schneiden die Säge einen im Holz versteckten Nagel schrammte. Das knirscht bis ins Mark hinein und man muss, wie Sie wohl lernten, wieder von vorn anfangen. Ich wollte nämlich sagen, dass Sie immer noch besser dran sind, als Sie zu finden ich befürchtete, und dass es bei einiger Sorgfalt keine Gefahr hat, Sie nach Kansas City zu schaffen. Sind Sie erst dort, so bietet die Reise auf einem Dampfer noch weniger Schwierigkeit, denn das geht wie in einer kunstgerechten Wiege. Bevor Sie recht zur Besinnung gelangen, sind Sie in St. Louis im Schneckenhaus komfortabel einquartiert. Keine Einwendungen, Captain«, schaltete Martin dringlich ein, als Houston mit einem eigentümlich bangen Blick die Hand auf seinen Arm legte und sich anschickte, ihn zu unterbrechen, »keine Einwendungen oder die Säge beißt sich auf einem Nagel abermals ein halbes Dutzend Zähne aus. Danach, wenn ich fertig bin, mögen Sie so viel reden, wie Ihnen gefällt, was Ihnen zwar nicht viel helfen wird. Denn alle Einrichtungen sind um diese Zeit schon getroffen, und der Doktor, bless you, mag er für manche Dinge nicht das richtige Verständnis besitzen, so ist er doch groß, wenn es gilt, jemand einen christlichen Dienst zu erweisen. Der quartiert sich nämlich zu mir in mein Zimmer ein. Dadurch wird sein eigenes frei, wo hinein Sie gebettet werden. Fegefeuer übernimmt die Bedienung, für Doktor und Apotheke sorge ich selbst. Sind Sie erst weit genug, um sich außer Bett zu bewegen, so haben Sie den Vorteil obendrein, sich täglich bei mir in ordentlicher Weise beschäftigen zu können.« Abermals ließ Martin eine Pause eintreten. Gewissermaßen begutachtend, betrachtete er den Captain. Die in dessen Zügen sich spiegelnde ängstliche Spannung befriedigte ihn offenbar, denn lebhaft, sogar mit einer gewissen Begeisterung fuhr er fort: »Und was nun endlich Ihre besondere Pflege anbetrifft, so ruht die nicht allein in des queren Doktors Händen und in den meinigen, sondern auch die Grethe …«

»Nicht weiter, Herr Findegern«, unterbrach Houston den alten Sargfabrikanten beschwörend, »was Sie für mich tun konnten, geschah im vollsten Maß. Alles Fernere …«

»Alles Fernere ist meine Sache«, nahm Martin schnell wieder das Wort. »Ein Mann in solcher Lage besitzt überhaupt keinen eigenen Willen, muss behandelt werden wie ein krankes Huhn. Und wenn die vornehmsten Ladies sich nicht scheuen, Kranke zu besuchen und zu trösten, so kann es der Grethe ebenfalls nichts schaden …«

»Haben Sie Erbarmen, Herr Findegern …«

»Erbarmen? Bless you, Captain, hätte ich kein Erbarmen, so möchte ich mich besonnen haben, dem von tausend Verdrehtheiten besessenen Doktor …« Wiederum warf Martin einen argwöhnischen Blick um sich, worauf er lebhaft hinzufügte, »das heißt, in der Kunst bleibt er unübertroffen, wollte ich sagen, da möchte ich mich besonnen haben, ihm mein dürftiges Eigentum zur Verwaltung anzuvertrauen, die Särge zu Schundpreisen verkaufen und das gelöste Geld in Farben und Malgerät anlegen zu lassen. Aber immerhin, man soll dem Ochsen, der drischt, das Maul nicht verbinden, heißt es in der Heiligen Schrift. Ich verwette meinen ehrlichen Namen hier gegen diese elende Strohblume.« Im Eifer schwang er die noch auf dem Tisch liegende Immortelle wie einen Fächer, »dass wir bei unserer Heimkehr die Wände Ihres Zimmers mit den großartigsten Gemälden bedeckt finden, Sie also für Augenweide nicht zu sorgen brauchen.« Er lachte in sich hinein und fügte gedankenlos hinzu: »Wegen des Pflegens hatte die Grethe ebenfalls ihre Bedenken, aber da verwies ich sie an unsere Freundin Oliva …«

»Herr Findegern!«, entrang es sich unter sichtbarer Anstrengung Houstons Brust. Fieberhafte Glut breitete sich über sein Antlitz aus. »Herr Findegern, um Gottes willen, Margaretha ist mit Ihnen gekommen!«

Der sonst so unverfrorene Tischlermeister saß mit offenem Mund da. Der Schrecken über die ihm entschlüpfte Bemerkung und des Captains Ausruf hatte ihm die Sprache geraubt. Verzweiflungsvoll starrte er in die zu ihm erhabenen Augen. Noch aber sann er auf Rettung aus der grenzenlosen Verlegenheit, als die Aufmerksamkeit beider zur Tür hinübergelenkt wurde, welche, zwar vorsichtig, jedoch nicht ganz geräuschlos geöffnet worden war. Während Oliva ängstlich in das Krankenzimmer hineinlauschte, hatte abermals außerhalb der Hofeinfriedung ein Wagen angehalten. Nicodemo war es, der von der Stadt heimkehrte. Oliva, die ihn kommen hörte, ging ihm entgegen und öffnete behutsam die Haustür. Es war unterdessen vollständig dunkel geworden, sodass er sie nicht gleich erkannte. Ihn leise zu sich hereinziehend, wechselte sie nur wenige Worte mit ihn, worauf er sich zu den alten Farmersleuten begab, um Margaretha zu begrüßen. Oliva war dagegen wieder neben die angelehnte Tür hingetreten. Dort blieb sie, bis Martin unabsichtlich die Wahrheit verriet. Anfänglich bestürzt, überwog bald die Überzeugung, dass von fernerer Ungewissheit für den Leidenden mehr zu befürchten, als von rückhaltloser Offenheit. Sie beeilte sich daher, Margaretha zu rufen. Diese, dem entscheidenden Einfluss Olivas nachgebend, folgte zögernd. Als Martin noch in seiner heillosen Verwirrung nach Worten rang, öffnete Oliva die Tür weit. Zugleich drängte sie Margaretha, welche die letzte Spur eines eigenen Willens verloren hatte, sanft über die Schwelle.

Das von dem Dragoner fürsorglich mit einem reichen Holzvorrat versehene Feuer sandte noch immer seine hoch lodernden Flammen in den engen schwarzen Schlot hinein. Bis in die äußersten Winkel erhellten sie das Gemach. Wie sie Margarethas Gestalt voll beleuchteten, streifte ihr rötlicher Schein auch das abgezehrte Antlitz des Captains. In Sinne verwirrendem Unglauben hingen seine Blicke regungslos an dem schönen freundlichen Antlitz, welches die Glut jungfräulichen Zagens und Bangens bis unter das blonde Haar hinauf überströmte. Doch nur wenige Sekunden und in ihrem jähen Erbleichen offenbarte sich der namenlose Jammer, welcher sich beim Anblick des traurig Entstellten in ihr aufbäumte. Wie der letzten Lebenskraft beraubt, stand sie da. Die Erschütterung, welche das erste Wiedersehen begleitete, schien auf beide in gleichem Maß erstarrend einzuwirken. Martin, nunmehr gänzlich ratlos, schlich zum Kamin hinüber. In seiner Bedrängnis begann er durch heftiges Schüren die Flammen neu zu beleben. Oliva war in den Schatten des finsteren Flurganges zurückgetreten. Wie einst auf gefährlichen Bahnen, wenn es der eigenen Sicherheit galt, ihre Sinne aufs Äußerste anspannend, so überwachte sie nun eine Szene, in welcher vielleicht ein einziges Wort über die Zukunft zweier ihr innig befreundeten Menschen entscheiden sollte. An Margaretha vorbei suchte sie Houstons Antlitz. Sie gewahrte die in seinen Zügen sich ausprägende heftige Erregung und fürchtete für die Folgen. Sie erkannte Margarethas marternde Unentschiedenheit und zitterte. Argwöhnischer hatte sie schwerlich jemals in Menschen feindlicher Wildnis eine bedrohliche Fährte geprüft, als sie nun die Regungen der vor ihr Stehenden berechnete.

So verrannen Sekunden in Bangigkeit. Endlich regte sich Margarethas Gestalt. Nur einen verschwindend kurzen Zeitraum schwankte sie, ob sie flüchten oder sich zu dem Leidenden hinüber begeben sollte. Ihre Fassung war dahin. Tränen entstürzten ihren Augen, Tränen, welche Houston wie ein Segen von oben begrüßte, den Bann lösten, der sich um seine Sinne gelegt hatte.

»Margaretha«, sprach er, seine Stimme nur wenig über den Flüsterton erhebend und dennoch mit unbeschreiblicher Innigkeit, »ist es denn Wirklichkeit …«

Da schluchzte Margaretha laut auf. Zum Bett hinübereilend, sank sie erschöpft neben demselben auf den Stuhl.

»Wie muss ich Sie wiedersehen«, entwand es sich kaum verständlich den bebenden Lippen, indem sie die ihr entgegengestreckte Hand mit ihren beiden ergriff. »Wie müssen Sie gelitten haben? Der Gedanke, dass Sie zürnend von mir gegangen waren, verfolgte mich Tag und Nacht …«

»Zu mir sind Sie gekommen?«, fiel Houston matt ein, »zu mir, einem Halbtoten? Sehen Sie doch …« Den freien Arm erhebend, wies er mit den Blicken auf dessen erschreckende Hagerkeit.

»Nein, nein«, unterbrach Margaretha ihn, aufs Neue in Weinen ausbrechend. Ihrer schmerzlichen Erregung willenlos nachgebend, bedeckte sie seine Hand mit Küssen und heißen Tränen. Zwischen dem Schluchzen hindurch ertönte immer wieder gedämpft: »Nein, nein, Sie sterben nicht. Sie müssen gesunden … ich trieb Sie von dannen … ich weiß es. Unbesonnen war ich … gegen mein Gefühl handelte ich … ich kam, um mein Unrecht zu bekennen …«

»Wo liegt Ihr Unrecht? Wo das meine?«, fiel Houston bewegt ein. Sanft zog er seine Hand von ihren Lippen zurück. »Erlebte ich aber vor meinem Ende nichts mehr, als diese Minuten, so würde ich meine Augen zufrieden und beglückt schließen. Sollte dagegen der Tod an mir vorübergehen, sollte ich noch einmal der alten Lebenskraft mich erfreuen … Margaretha … dann, dann …«

Er konnte nicht weitersprechen. Margaretha war neben dem Bett auf die Knie gesunken. Ihr Antlitz auf seiner Brust bergend, weinte sie bitterlich. Houston hatte beide Hände auf ihr Haupt gelegt. Liebkosend glitten sie über ihre heißen Wangen. Überschwängliches Entzücken glühte in seinen Augen, während Wehmut seine Brust durchzitterte. Wie lächelte das Leben ihm so verheißend. Dennoch, wer sagte ihm, ob seine Atemzüge nicht gezählt seien.

Oliva war der Tür einen Schritt nähergetreten. Ihre Aufmerksamkeit hatte sie Martin Findegern zugewendet. Noch immer vor dem Kamin stehend, spähte er wie Hilfe suchend um sich. Auf einen Wink Olivas gesellte er sich ihr zu. Bevor sie in das gegenüberliegende Zimmer eintraten, ergriff er ihre Hand.

»Das kam überraschend«, sprach er leise und tief atmete er auf, »mag es darum sein, bless you, das Haus wird gebaut, Rosen und Vergissmeinnicht im Vorgarten, und das Schild. Ich redete schon mit dem Doktor darüber – Erste Möbelfabrik von Martin Findegern, Houston und Gebrüder Durlach. Der Doktor wird sich wundern; die feinsten Farben sollen mir nicht zu teuer sein.«

So lange lauschte Oliva seinen begeisterten Mitteilungen geduldig. Dann unterbrach sie ihn mit den Worten: »Möge der Himmel geben, dass die unvorhergesehene Erregung nicht nachteilig auf seinen Zustand einwirkt …«

»Vorteilhaft«, erklärte Martin überzeugend, »sogar mehr als vorteilhaft. An Freude stirbt es sich nicht leicht, das weiß ich zu beurteilen. War ich selbst doch einmal nahe daran, zu heiraten …«

Oliva öffnete die vor ihr liegende Tür und schnitt dadurch ab, was er noch hinzufügen wollte. Gleich darauf begrüßte er Nicodemo in seiner eigenen Weise, aus welcher nur ein Kenner aufrichtige Herzlichkeit herausgehört hätte. In dem Krankenzimmer hatte Margaretha sich aufgerichtet. Neben dem Bett saß sie wieder, in ihren beiden Händen die Rechte des Captains. Ihre mitleidigen Blicke ruhten in seinen Augen. Wie in einem beseligenden Traum lag er. Er schien die Wirklichkeit immer noch nicht zu fassen. Woher sie plötzlich den Mut nahm, woher das rätselhafte, hingebende Vertrauen, sie wusste es nicht. Ebenso wenig kannte sie die Quelle, aus welcher sie die vielen tröstlichen Worte schöpfte, mit welchen sie ihn ermahnte, sich zu beruhigen, sich zu schonen, mit ernstem Willen seine Heilung zu fördern zu ihrem beiderseitigen Glück. So sanft klang ihre Stimme, so unbeschreiblich milde und fürsorglich, indem sie ihm das Sprechen widerriet. Als sie aber innewurde, dass ihr herziger Zuspruch erquickend, gleichsam belebend auf ihn einwirkte, da flossen Worte und Bilder ihr aus allen Richtungen in reicherem Maß zu. Zugleich lauschte sie besorgt auf seine Atemzüge. Diese aber folgten ruhig aufeinander. Über sein bleiches Antlitz hatte sich ein eigentümliches Gepräge seligen Behagens ausgebreitet, welches nicht missdeutet werden konnte. Sie sah, wie seine Blicke an ihren Lippen hingen; doch auch, dass Erschöpfung ihn allmählich übermannte, er nur noch matt gegen Müdigkeit kämpfte. Leiser wurden ihre Worte, inniger noch und tröstlicher klang ihre Stimme, bis ihm endlich die Augen zufielen. Der glückliche Ausdruck blieb dagegen unverändert, als hätten ihre Erzählungen sich in seine Träume eingeschlichen, vor ihn hinzaubernd verheißende Bilder kommender glücklicher Tage.

Erst nachdem Houston fest eingeschlafen war, verstummte Margaretha. Eine Weile betrachtete sie ihn aufmerksam. Heiliges Mitleid einte sich in ihren Blicken mit den allerzärtlichsten Empfindungen. Plötzlich eilte sengende Glut über ihr freundliches Antlitz. Es erzeugte den Eindruck, als wäre sie über sich selbst erschrocken. Ängstlich sah sie sich um. Still lag das Gemach. Nur die Flammen polterten und plauderten geheimnisvoll und machten die Schatten auf den Wänden tanzen, dass Fegefeuer hätte von ihnen lernen können. Niemand sah sie, niemand hörte sie. Tiefer neigte sie sich über den Schlafenden hin, tiefer und tiefer, bis sie endlich seine Stirn mit den Lippen berührte.

Wie in dem Bewusstsein, ein Fehl begangen zu haben, richtete sie sich hastig auf. Houston regte sich, als hätte er erwachen wollen. Gleich darauf aber umfing der Schlaf ihn umso fester. Margaretha schwankte in ihrem Entschluss. Jungfräuliche Befangenheit ließ ihr Antlitz wieder tiefer erglühen. Sie meinte, nicht offenen Blicks vor Oliva und die übrigen Freunde hintreten zu können. Minuten des Zagens verstrichen noch, bevor sie sich aufraffte und leise aus dem Zimmer schlich. Als sie bei den alten Farmersleuten eintrat, wo alle Blicke sich auf sie richteten, flüchtete sie zu Oliva hinüber. Deren Nacken mit beiden Armen umschlingend, weinte sie an ihrem Herzen Tränen des Glückes und der Wehmut.

 

*

 

Zwei Stunden und darüber waren verstrichen, als die Letzten der unter dem gastlichen Schindeldach Vereinigten endlich in diesen und jenen Winkel, sogar in dem Heuschuppen, nach der Art Fegefeuers zur Ruhe gelangten. Dann lag das Farmgehöft wie selbst in Schlaf versunken. Nur aus dem Krankenzimmer drang durch die beiden kleinen Fenster der Schein des fortgesetzt unterhaltenen Kaminfeuers ins Freie hinaus. Martin Findegern hatte es sich ausbedungen, die erste Wache bei seinem Lehrling zu übernehmen. Neben dem Bett saß er, seine Aufmerksamkeit zwischen dem Captain, dem Kaminfeuer und dem vor demselben lang ausgestreckten Dragoner ziemlich gleichmäßig teilend. Houston schlief ununterbrochen. Es war, als hätte mit Margaretha ein guter Engel seinen Einzug in das Haus gehalten, hier segnend zu sanftem Schlaf, dort zur Rückkehr neu erblühenden fröhlichen Lebens.

Die letzten Besorgnisse Olivas zerrannen, als sie am folgenden Morgen in Margarethas Begleitung Houston den ersten Besuch abstattete. Den anfänglich erschöpfenden Regungen überschwänglichen Glücks war geistige Ruhe gefolgt. Die Blicke auf ein verlockendes Ziel gerichtet, erstarkte der Wille, dasselbe zu erreichen, sich dem Leben zu erhalten.

 

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