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Die Legende von Urmanak Teil 1

Die Legende von Urmanak

Die große Fantasysaga von Tillmann Faber

Dies ist die Geschichte von Urmanak, einem sagenumwobenen Kontinent voller geheimnisvoller Länder, in denen Menschen und Zwerge leben genauso wie Magier, Hexen und Dämonen. Eine Welt mit Bergen voller Eis und Schnee, mit dichten, undurchdringlich scheinenden Wäldern, weiten Steppen und prächtigen Städten.

Urmanak ist jedoch mehr als nur die Chronik einer geheimnisvollen Welt, es ist die Geschichte vom ewigen Kampf Gut gegen Böse.

1

Bärenjagd

Ganz langsam wich die totenstille Nacht dem ersten Licht der Morgendämmerung.

Noch lagen die Hügel in violettem Blau, noch warfen die mächtigen Schwarzfichten und winterharten Sträucher hier und da ihre Schatten, aber die Umrisse der verschneiten Umgebung wurden immer klarer sichtbar.

Der Winter hatte den braunen Hügeln des Landes eine weiße Kappe aufgesetzt und fast alle Flüsse und Teiche waren mit einer dicken Eisschicht überzogen.

Überall nur Schnee, soweit das Auge reichte.

Die Landschaft schien bar jedes menschlichen Lebens zu sein.

Es war der Monat der frierenden Bäume, dennoch konnte sich Gorrak nicht erinnern, wann es das letzte Mal so kalt gewesen war, und er hatte immerhin schon mehr als vierzig Winter erlebt.

»Scheiße, ist das kalt hier!«

Gorrak drehte den Kopf und grinste, während sein Blick zu den Reitern hinüber schweifte, die inzwischen hinter ihm ihre Pferde zum Stehen gebracht hatten. Anscheinend gab es noch jemand anderes, der dieser Meinung war.

Sein Grinsen erstarb jedoch jäh, als er den Sprecher erkannte. Er hatte die Stimme zunächst nicht zuordnen können, da sich der Mann zum Schutz vor der eisigen Luft einen dicken Schal vor Mund und Nase gebunden hatte und seine Worte deshalb seltsam gedämpft klangen.

Karrak mochte zwar der erstgeborene Sohn des Stammesfürsten sein, dennoch empfand er für ihn, trotz all seiner Loyalität dem Herrscherhaus gegenüber, genauso viel freundschaftliche Gefühle wie für einen vereiterten Backenzahn.

Und damit war er nicht alleine. Aber das war im Moment das kleinste Problem des Fährtensuchers.

Was ihn beschäftigte, war mehr die ungewöhnliche Kälte und der Befehl seines Herrn, dessen ältestem Sprössling die Möglichkeit zu geben, einen Bären zu erlegen, als sich mit diesem arroganten Arschloch zu unterhalten.

»Was gibt es da zu glotzen?«, zischte Karrak prompt in seiner bekannt herablassenden Art, kaum dass er bemerkte, dass der Fährtensucher zu ihm herüberblickte.

»Sieh gefälligst zu, dass du endlich einen Bären findest. Ich habe keine Lust, mir allmählich hier draußen den Arsch abzufrieren.«

Das hat keiner von uns, dachte Gorrak insgeheim, während er ergeben nickte. Aber dir würde ich wünschen, dass dir noch was ganz anderes abfriert.

Es war inzwischen so bitterkalt geworden, dass man nicht einmal mehr pinkeln gehen konnte, ohne Gefahr zu laufen, dass einem die Pisse dabei an den Schwanz gefror.

Der Fährtensucher musste unwillkürlich grinsen, aber so sehr ihn die Vorstellung auch erheiterte, Karrak in diesem Zustand zu sehen, er musste an seine Befehle denken.

Gorrak hob die Hand und winkte die Reiter nach vorne.

Es hatte die ganze Nacht hindurch geschneit, und deshalb mussten die Männer erst mehrere Schneewehen umreiten, bis sie ihr Ziel erreichten.

»Da vorne ist es«, sagte Gorrak schließlich und deutete auf die Felsengruppe zu seiner Rechten. Dann schwang er sich aus dem Sattel.

Der Fährtensucher trug die typische Winterkleidung seines Stammes, Fellschuhe, Wildleder-Leggings, ein grobes Wollhemd und einen Umhang mit einer Kapuze aus Wolfspelz. Aus seinem breiten Gürtel, den er sich um die Hüften geschlungen hatte, ragten die gekrümmten Horngriffe von Handbeil und Messer wie Vogelschnäbel aus dem dunkel gegerbten Tierleder des Gurtes. In der eisigen, menschenfeindlichen Bergwildnis der nördlichen Ödmark war es immer von Vorteil, stets beide Hände freizuhaben, genauso wie der Umstand, die Waffen in greifbarer Nähe zu wissen. Beides zusammen konnte unter Umständen manchmal lebensverlängernd sein, besonders dann, wenn man sich so wie er und seine Begleiter auf Bärenjagd befand.

Gorrak hatte dazu seine eigenen Erfahrungen.

Der Fährtensucher warf die Zügel seines Pferdes dem Reiter zu, der ihm am nächsten war, drehte sich ab und ging bedächtig auf die mächtige, froststarrende Kiefer zu, die vom letzten Wintersturm gebrochen quer auf dem Boden lag und ihren Pferden den Weg zu den Felsen versperrte.

Die eisverkrusteten Äste des Baumriesen reckten sich wie Knochenfinger in den Himmel.

Gorrak verharrte, fegte den Schnee vorsichtig vom Stamm und zog sein Handbeil aus dem Gürtel. Sekunden später hallten wuchtige Axtschläge durch die winterliche Stille. Zwei Rabenvögel flatterten aus einem nahen Gebüsch hervor, stiegen in die Höhe und zogen ob der Störung ihrer Ruhe mit wütendem Krächzen mehrere Kreise über den Köpfen der Reiter, bis sie seitwärts abschwenkten und hinter den schneebedeckten Hügeln des Felsmassivs verschwanden.

Unterdessen reckte der Fährtenleser einen langen, sorgfältig zurechtgeschlagenen Ast in die Höhe, wog ihn mehrmals in der Hand und nickte schließlich zufrieden.

Die Jagd konnte beginnen.

Vorsichtig pirschte sich Gorrak an die Felsen heran. Sein Ziel war ein tiefschwarzer Spalt im Gestein, dessen Zugang sich deutlich vor dem verschneiten Hintergrund abzeichnete. Der Schnee der letzten Nacht hatte das Land zwar mit einer geschlossenen, weißen Decke überzogen, aber die Zeichen waren für einen erfahrenen Fährtensucher wie ihn nicht zu übersehen. Hier ein Haarbüschel an den Ästen eines Beerenstrauchs, dort Kratzspuren an einem Baumstamm.

Gorrak sah sich um und nickte zufrieden.

Es gab keinen Zweifel mehr, hier stand eine Bärenspur im Schnee.

Vorsichtig näherte sich der Fährtensucher dem Spalt und versuchte, möglichst wenig Geräusche zu verursachen. Die anderen taten es ihm nach und folgten ihm.

Als er sein Ziel erreicht hatte, blieb Gorrak stehen, holte tief Luft und stieß den Ast hinein.

Nichts rührte sich.

Der Fährtensucher zog das Holz zurück, machte einen weiteren Schritt auf den Spalt zu und stieß den Ast erneut hinein. Diesmal stocherte er damit nach allen Seiten.

Wieder rührte sich nichts.

Gorrak wollte sich schon enttäuscht abwenden, als es plötzlich einen Ruck an dem Ast gab. Offenbar hatte der von ihm getroffene Bär ihn zur Seite gestoßen oder gar hineingebissen.

Gorrak riss das Holz zurück und stieß nochmals zu.

Ein wütendes Brummen kam aus dem Spalt. Aber der Bär erschien nicht.

Die Männer, die ihm gefolgt waren, wagten kaum zu atmen.

Ihre Anspannung war sekundenlang so groß, dass sie fast mit den Händen greifbar war.

»Was ist jetzt? Wie lange dauert das denn noch, Ayrrak?«

Die herrische Stimme, die urplötzlich die angespannte Stille durchbrach, klang ebenso ungeduldig wie befehlsgewohnt.

Gorrak wusste auch, ohne sich umzudrehen, dass der Sprecher niemand anderes als Karrak war, der erstgeborene Sohn des Stammesfürsten Yarrakas und die Person, die er angesprochen hatte, sein jüngerer Bruder.

Wie zu seiner Bestätigung war augenblicklich Ayrraks Stimme zu hören.

»Du solltest dich in Geduld üben, Bruderherz«, sagte er sanft. Nichtsdestotrotz war der warnende Unterton in seinen Worten kaum zu überhören. »Schließlich jagen wir keine Schneehühner, sondern ein Raubtier, dessen Artgenossen schon so manch guten Mann aus unserem Volk in die Dunkelwelt befördert haben.«

Karrak, der seinen Schal bereits mit den ersten Worten abgenommen hatte, spuckte in den Schnee. »Bei Hela und Sil, den alten Göttern, ich verstehe dein Zögern nicht. Es ist doch nur ein blöder Bär. Wenn ich will, töte ich jeden Tag einen davon. Dazu brauche ich die Anwesenheit dieser Männer nicht und erst recht nicht diese Dummköpfe von Dorfalten, die mir vorschreiben wollen, wann und wie ich einen Bär erlegen darf, um eines Tages die Häuptlingswürde von meinem Vater zu übernehmen.«

Gorrak konnte ob dieser Arroganz nur den Kopf schütteln. »Euer Bruder hat recht. Der Bär ist gefährlich, wir sollten wirklich nichts überstürzen.«

Karrak hob unwirsch den Kopf. »Keiner hat dich nach deiner Meinung gefragt, Spurenleser«, sagte er höhnisch. »Außerdem dulde ich keinen Widerspruch! Verstanden?«

Gorrak schoss das Blut ins Gesicht. Nicht, weil er herablassend als Spurenleser bezeichnet wurde, er war, seit er denken konnte, ein Spurenleser und daran war nichts Unehrenhaftes.

Ihn ärgerte vielmehr Karraks Tonfall.

Yarrakas, der Führer aller Rraks, und sein jüngster Sohn Ayrrak sprachen nie in dieser Weise mit ihren Untergebenen. In ihren Augen galten sie als gleichwertig, nicht jedoch für Karrak.

»Was ist, du Hasenspurleser?«, zischte Karrak. »Wurdest du nicht vom Sohn deines Stammesfürsten etwas gefragt? Also los, ich warte auf deine Antwort.«

Gorrak wirkte einen Moment lang etwas unsicher. Er fürchtete sich nicht vor Karrak, obwohl der junge Häuptlingssohn für seinen Jähzorn und seine Ehrenhändel im ganzen Dorf bekannt war.

Gorrak blickte zu Ayrrak, aber der starrte betreten zu Boden. Trotzdem konnte er ihn verstehen, zwischen ihm und seinem Bruder hatte es bereits seit der Kindheit böses Blut gegeben, und auch wenn er der Vernünftigere von beiden war, es interessierte nicht.

Karrak war der Erstgeborene, nach den Gesetzen des Stammes war er immer im Recht.

»Sieh verdammt noch mal mich an, elender Spurenleser, und nicht meinen Bruder, wenn ich mit dir rede!«, stieß Karrak hervor.

 

*

 

In diesem Moment quoll es aus der Tiefe der Höhle heraus.

Eine riesige Gestalt stürzte aus dem dunklen Spalt heraus den Männern entgegen, richtete sich auf und entblößte ein gewaltiges, gelb schimmerndes Gebiss.

In seinen Augen flackerte blanke Mordlust.

Ein Schlag mit der Tatze, die so breit wie zwei Männerhände war, schleuderte Merriak, einen der Speerträger, der dem Bär am nächsten stand, wie eine willenlose Gliederpuppe in den Schnee. Der nächste Tatzenhieb erwischte Karrak an der Schulter. Die Wucht des Prankenschlags wirbelte ihn durch die Luft und warf ihn mit dem Rücken gegen den riesigen Stamm der froststarren Kiefer, aus deren Astwerk Gorrak eben erst mit seinem Handbeil einen Stock zum Aufstöbern des Bären zurechtgeschlagen hatte.

Der Aufprall war so heftig, dass Karrak glaubte, in der Mitte auseinanderzubrechen. Halb betäubt vom Schmerz rutschte er an dem Baumriesen hinunter in den Schnee.

Bevor der Häuptlingssohn auf die Beine kam, war der Bär schon wieder bei ihm. Ein weiterer mörderischer Tatzenhieb zischte auf Karrak zu, wischte ihm die Pelzkappe vom Haupt und hätte ihm, wenn es ihm nicht gelungen wäre, sich rechtzeitig zu ducken, wohl den Kopf zu Brei zerschlagen. So aber flog nur Rinde durch die Luft, als der Baumstamm von der Tatze des Bären getroffen wurde.

Karrak kreischte, als ob er den Verstand verloren hätte, kauerte sich mit angezogenen Knien in den Schnee und legte beide Arme schützend um seinen Kopf.

Eine Geste, die angesichts des wütenden Bären, den man unsanft aus seinem Winterschlaf gerissen hatte, genauso unsinnig wie vergebens war.

Das riesige Pelzungeheuer blieb einen Moment lang unschlüssig stehen.

 

2

Dunkle Zeichen

Rugor oder der Sandjäger, wie die Bewohner von Dagthan den Sohn von Arandis auch nannten, verließ die Hügelkette der roten Berge, kurz bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte. Schweigend lenkte der groß gewachsene Mann sein Pferd durch die Ausläufer der zerklüfteten Felsenlandschaft, während er seine Hand immer wieder auf den Leinenbeutel legte, der vor ihm am Sattelhorn hing.

Der Inhalt hatte ihn schließlich ein kleines Vermögen gekostet.

In dem Beutel befand sich ein Packen mit feinstem Westlandtabak für seinen alten Vater, eine Flasche Kräuterschnaps für die kühlen Abende im Herbst sowie ein fein gestickter Seidenschal für Onata, seine Mutter.

Rugor schmunzelte, als er an den Schnaps dachte. Er nahm sich vor, die Flasche in seiner Satteltasche zu verstecken, bevor er den Hof erreichte. Das war eine Sache, die nur ihm und seinem Vater vorbehalten sein sollte.

Zusätzlich hatte er noch einen Taschenspiegel und einen Kamm aus Elfenbein für seine kleine Schwester gekauft.

Er hatte die Sachen in der Stadt, in Dorans Laden erworben und sich dabei ganz auf die Meinung des Alleshändlers verlassen. Als Mann und Jäger der Sandwüste hatte er mit derartigen Dingen wenig am Hut, außerdem verspürte er nicht die geringste Lust, sich nach dieser langen Jagdsaison bei der Rückkehr ins elterliche Haus mit seinen Geschenken zu blamieren.

Nach etwa einer Stunde erreichte er jenen kleinen Karrenweg, der direkt auf den Hof seiner Eltern zuführte.

Die Hitze war inzwischen unerträglich geworden. Die Sonne stand einer weißglühenden Scheibe gleich senkrecht am wolkenlosen Himmel und der heiße Wind, der von den Bergen her über das Land strich, brachte die Luft fast zum Kochen. Rugor zügelte sein Pferd und trank einen Schluck aus dem Wassersack.

Bevor er den Deckel wieder aufschraubte, träufelte er noch etwas von dem kostbaren Nass auf sein Taschentuch, das er sich zum Schutz vor dem allgegenwärtigen Staub vor Mund und Nase gebunden hatte, und wischte damit seinem Pferd über die Nüstern.

Das Tier dankte es ihm mit einem zufriedenen Schnauben.

Als er das Tuch danach in die Hosentasche stopfen wollte, fiel sein Blick aus einer Laune heraus auf den schmalen Karrenweg zu seiner Linken.

Er wusste um die Einsamkeit dieser Gegend, deshalb sprangen ihm die vielen Fußspuren auch sofort ins Auge.

Mit einem leisen Fluch hängte Rugor den Wassersack wieder an das Sattelhorn und glitt vom Rücken seines Pferdes. Nachdenklich kniete er sich auf den Boden und begann die Fährten genauer zu untersuchen. Die Abdrücke, die sich deutlich auf dem weichen Sandboden abzeichneten, waren noch keine vierundzwanzig Stunden alt.

Den Spuren nach zu urteilen hatten sich an dieser Stelle etwa zehn, wenn nicht gar zwölf Personen eingefunden. Das Wirrwarr der vielen Fußabdrücke ließ selbst für ihn nur eine grobe Schätzung zu.

Beunruhigt schwang sich Rugor wieder in den Sattel, obwohl im Moment eigentlich noch kein ersichtlicher Grund dazu bestand.

Sein Kopf sagte ihm, dass diese Spuren überhaupt nichts bedeuten mussten. Die Menschen, die sie hinterlassen hatten, konnten völlig harmlos sein, irgendwelche Reisende, ein Jagdtrupp oder Wanderpriester, die in den nahe gelegenen Bergen meditieren wollten, was im Übrigen ziemlich oft geschah, denn hier draußen gab es einige Orte, die unter den Bewohnern des Landes als heilig galten.

Aber sein Instinkt sagte ihm etwas ganz anderes.

Es war der Instinkt eines Mannes, der in dieser menschenfeindlichen Wüstenwelt nur deshalb überlebte, weil er die Zeichen der Natur besser als jeder andere zu deuten wusste.

Wenn er den Worten seines Vaters Glauben schenken durfte, lag es anscheinend daran, dass er vielleicht noch der einzige Bewohner von Dagthan war, in dessen tiefstem Innern noch immer das barbarische Wesen seiner Urväter schlummerte.

Rugor war ein großer, schlanker Mann, dessen Oberkörper und Arme etwas vollere Formen aufwiesen als die sehnige Hagerkeit, die ansonsten unter den Bewohnern dieses Landes vorherrschte. Ernste, wasserblaue Augen und ein schmales Lippenpaar verliehen seinem scharf geschnittenen Gesicht zusammen mit dem kantigen Kinn eine ungewöhnliche Härte.

Das Leben hier draußen hatte in seinem Gesicht tiefe Linien hinterlassen, die man eigentlich bei einem Vierundzwanzigjährigen nicht erwartete.

Rugor hatte kaum eine halbe Meile hinter sich gebracht, als er erneut sein Pferd zügelte.

Vor ihm, einen Fußbreit neben dem Karrenweg, lag ein Stück von einem Gürtel im Sand.

Zwar schon alt und brüchig, aber trotzdem noch mit derart viel silbernem Zierrat besetzt, dass es nur so blinkte und funkelte.

Instinktiv legte sich seine Rechte auf das bastumwickelte Heft des Dolchs, den er in einer Lederscheide hoch an der linken Hüfte bei sich trug, während er aus dem Sattel glitt.

Vorsichtig wie eine Wüstenkatze auf der Jagd näherte er sich dem Gürtelriemen und bückte sich, um sich das Ganze etwas genauer anzusehen.

Es blieb bei dem Versuch.

Im selben Augenblick, in dem er seine Hand danach ausstreckte, stockte ihm der Atem.

Für einen Moment schloss Rugor die Augen in der Hoffnung, dass dies alles nur ein böser Traum war, der vorüberging, sobald er sie wieder öffnete.

Vergebens!

Die Existenz des Gürtels blieb ebenso grausame Realität wie die kunstvoll gefertigten Ornamente auf dem silbernen Zierrat.

Nein!, dröhnte es in seinem Schädel, bis er glaubte, er müsse ihm zerspringen. Nein!

Obwohl er sich mit jeder Faser seines Körpers dagegen sträubte, wusste Rugor längst, was seine Augen da entdeckt hatten.

Er kannte nur eine Rasse, welche die Verarbeitung von Metall in dieser Vollendung beherrschte.

Utuk, das Volk unten, eine Ansammlung zwergenhafter Albtraumgestalten mit gelben Augen und fauligen Zähnen, die einst irgendwo im Osten tief im Bauch der Erde lebten und sich hauptsächlich von Menschenfleisch und Aas ernährten.

Wenn man den alten Berichten Glauben schenken durfte, waren sie bei ihrem letzten Versuch, sich die benachbarten Königreiche untertan zu machen, so vernichtend geschlagen worden, dass sie aufgehört hatten, als eigenständiges Volk zu existieren. In letzter Zeit jedoch kursierten Gerüchte, wonach umherziehende Händler und vereinzelt auch Reisende immer wieder ganze Gruppen dieser Kreaturen durch die östliche Bergwelt ziehen sahen.

Die Tatsache, dass er einen Gürtelteil mit silbernen, von diesen Teufeln erschaffenen Zierstücken unweit von beinahe einem Dutzend Fußspuren gefunden hatte, wischte augenblicklich alle Vorsicht in Rugor beiseite.

Stattdessen begann sich in seinem Magen ein seltsames Ziehen einzunisten, das mit jeder Sekunde, die er weiter untätig herumstand, immer stärker wurde.

Abrupt drehte sich der Sohn von Arandis um, ging zu seinem Pferd zurück und zog sich wieder auf den Rücken des hochbeinigen Wallachs. Der Hof seiner Eltern war zu Pferd keine Stunde mehr von hier entfernt. Er saß kaum im Sattel, als er dem Tier auch schon ungestüm die Stiefelabsätze in die Weichen hämmerte. Der Wallach wieherte kurz ob der ungewohnt ruppigen Behandlung, aber dann streckte er sich doch, als hätte er soeben von den düsteren Vorahnungen seines Herrn erfahren.

Als Rugor etwa einer Stunde später auf eine kleine Anhöhe kam, sah er etwa eine halbe Meile entfernt die Gebäude des elterlichen Hofs. Beim Anblick der unversehrten Häuser durchflutete ihn Erleichterung.

Verdammter Narr, schalt er sich innerlich, was hast du eigentlich erwartet? Dein Vater ist schließlich ein ehemaliger Hauptmann der königlichen Leibgarde, ein Kämpfer, der trotz seiner fünfzig Winter den meisten Männern bei einem Waffengang immer noch überlegen war. Er schüttelte den Kopf, um auch die letzten trüben Gedanken zu vertreiben, aber irgendwie wollte es ihm nicht so recht gelingen.

Im Gegenteil, je länger er auf den Hof starrte, umso stärker wurde das seltsame Ziehen in seiner Magengegend, das über ihn gekommen war, seit er diesen Utukgürtel entdeckt hatte.

Von einer nie gekannten Unruhe erfüllt ritt er langsam weiter.

Als er näher kam, sah er, dass kein Rauch aus dem Kamin aufstieg und auch die Pferdekoppel zwischen Haupthaus und Scheune leer war.

Das Ziehen in seiner Magengegend wurde plötzlich unerträglich.

Er schlug seinem Pferd so lange auf die Kruppe, bis das Tier trotz eines unwilligen Schnaubens das Tempo noch einmal forcierte.

Während Rugor seinem Zuhause förmlich entgegenflog, flüsterte er ständig vor sich hin, dass es für alles sicher eine Erklärung gab. Für die leere Pferdekoppel genauso wie für den rauchlosen Kamin, obwohl es eigentlich längst Zeit für das Mittagessen war.

Als er auf Sichtweite des Hofes herangekommen war, verwandelte sich das seltsame Ziehen in seiner Magengegend unvermittelt in ein eiskaltes Etwas, das langsam aber unaufhaltsam bis hoch in seine Kehle wanderte.

Trotz der Hitze begann er zu frösteln.

Die Gestalt, die rücklings auf dem Hof lag, war niemand anderes als seine kleine Schwester.

Der Blutfleck auf dem Oberteil ihres hellen Leinenkleidchens war so groß wie seine rechte Hand. Für Rugor war der Tod durch das Leben in der rauen Wildnis von Dagthan ein ständiger Begleiter. Er benötigte deshalb keinen zweiten Blick, um zu wissen, dass seiner Schwester nicht mehr zu helfen war.

Trotzdem musste er schlucken.

Er brachte sein Pferd beinahe brutal zum Stehen, sprang aus dem Sattel und stürzte auf das Haus zu, dessen offen stehende Eingangstür ihn scheinbar höhnisch anzugrinsen schien.

Als er über die Schwelle trat, sah er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Überall war Blut!

Auf dem Fußboden, auf den Möbeln, an den Wänden, ja sogar auf der Lampe an der Decke.

Sein Vater lag rücklings auf dem Fußboden der Küche.

Wie ein Käfer, Arme und Beine weit von sich gestreckt.

Die Wunde in seinem Brustkorb, dort, wo noch vor geraumer Zeit sein Herz geschlagen hatte, war unübersehbar, wobei der Ausdruck Wunde nicht ganz zutreffend war.

Rugor stöhnte und nahm den Kopf zur Seite.

Er wusste für einen Moment weder, wo er hinsehen sollte und wo nicht.

Irgendjemand oder besser gesagt etwas Unbekanntes, er kannte jedenfalls kein Wesen in ganz Dagthan, das zu einer solchen Tat fähig sein konnte, hatte seinen Vater wie ein Beutetier zur Strecke gebracht und …

Angefressen!

 

3

Das Recht des Erstlings

Der Bär brüllte.

Mit einem urwelthaften Röhren pflanzte die riesige Bestie den rechten Fuß vor und nagelte Karrak mit seiner Masse, die fast dem Gewicht von zehn Männern entsprach, auf dem schneebedeckten Boden fest.

Das Tier senkte seinen riesigen Schädel und bleckte die Zähne.

Gorrak schloss die Augen. Verkrampft, in Erwartung von splitternden Knochen und einem berstenden Schädel nahm er den Kopf zur Seite.

Er hatte Karrak für seine Selbstgefälligkeit und Hinterlist gewiss schon tausend Mal verflucht, aber dieses Ende wünschte er selbst seinem größten Feind nicht.

Aber es kam anders.

Urplötzlich flog ein Schatten an ihm vorbei, den er nur allzu gut kannte.

Wie ein Berserker fiel Ayrrak über den Bären her und hieb mit seinem Messer auf die massige Raubtiergestalt ein. Wieder und wieder trieb er die Klinge in den dicken Pelz, bis sich die Bestie von seinem Bruder abwandte.

Karrak, der sich inzwischen aufgerafft hatte, krabbelte kreischend wie ein Säugling auf allen vieren auf die anderen zu, indessen Ayrrak den beidseitig geschärften Stahl seines Messers in jede Stelle in den dicken Pelz jagte, die er nur finden konnte.

Der Bär ließ dabei jedes Mal, wenn die scharfe Klinge sein dickes Fell durchdrang, ein wahnwitziges Gebrüll hören, bis er sich schließlich schüttelte und Ayrrak wie ein lästiges Insekt zu Boden warf.

Der Aufprall war mörderisch.

Trotz des weichen Schnees hatte Ayrrak das Gefühl, in der Mitte auseinanderzubrechen.

Die Schmerzen brachten ihn an den Rand der Bewusstlosigkeit. Bevor er auf die Beine kam, war der Bär auch schon wieder bei ihm. Die Bestie brüllte und holte mit einer Pranke aus. Ayrrak rollte sich instinktiv zur Seite und entging dadurch den rasiermesserscharfen Klauen des Raubtiers nur um Haaresbreite.

Er wälzte sich durch den Schnee und hatte plötzlich den Speer Merriaks in der Hand, jener Mann, der als Erster den wütenden Angriffen des Bären zum Opfer gefallen war. Instinktiv stieß er die unterarmlange Eisenspitze der Jagdwaffe nach oben, als der Schatten des Raubtiers erneut über ihn fiel.

Der Bär lief mit voller Wucht in die Waffe hinein und zuckte jäh zusammen, während sich die Eisenspitze immer tiefer in seinen Hals bohrte.

Blut strömte aus der Nase des Tieres, das jetzt zurücktorkelte und zu schwanken begann. Sofort setzte der Nordmann nach, dabei war er in seiner Wut und Raserei genauso wild, wie es der Bär bei seinem Angriff gewesen war. Wieder und wieder rammte er den Speer in das Tier hinein, bis das Raubtier erschauerte und zur Seite kippte.

Einen Moment lang starrte Ayrrak über die gefallene Bestie hinweg.

Sein Wollhemd war zerfetzt und sein Oberkörper dunkelrot.

»Ayrrak!«, brüllte Gorrak entsetzt.

Ayrrak grinste. »Schrei hier nicht so herum, sieh lieber zu, dass ich einen Becher Schnaps bekomme«, sagte er seltsam heiser, dann fiel er bewusstlos über den Bären.

Gorrak reagierte als Erster. Er drehte sich um, rannte zu seinem Pferd zurück und wühlte mit fliegenden Fingern in den Satteltaschen, während alle anderen noch beinahe ungläubig auf den erlegten Bären und den nicht weniger blutenden Ayrrak starrten. Seine Hände schlossen sich gerade um einen Tiegel Heilsalbe, den er für alle Zwecke immer mit sich führte, als sich plötzlich ein paar eiskalte Finger wie stählerne Fesseln um seinen Unterarm legten.

Ohne, dass er es bemerkt hatte, war Karrak neben ihn getreten.

Sein Gesicht war hassverzerrt und seine Augen funkelten vor bösartiger Intelligenz.

»Egal, was passiert, wenn du auch nur ein Wort über das verlierst, was heute hier geschehen ist, bist du tot! Aber nicht nur du, sondern auch deine Kinder und deren Kinder! Hast du mich verstanden?«

Gorrak, der inzwischen bemerkt hatte, dass sich der Häuptlingssohn beim Angriff des Bären vor lauter Angst in die Hosen gepisst hatte, ahnte, dass es Karrak nie ernster war als in diesem Moment.

Trotzdem riss er sich beinahe ungestüm aus seiner Umklammerung.

»Aber um Euren Bruder darf ich mich schon noch kümmern? Schließlich hat er Euch den Arsch gerettet.«

»Ich warne dich, Spurenleser«, sagte Karrak drohend, während er Gorrak passieren ließ.

»Du bist mir zwar hier draußen um einiges voraus, aber sobald wir im Dorf sind, habe ich dich wieder in der Hand. Dort genügt ein Wort von mir und du bist ein toter Mann. Haben wir uns verstanden?«

Gorraks Antwort bestand aus einem wütenden Knurren, während er auf Ayrrak zuging und ihn auf den Rücken zerrte.

In seinem Gesicht zuckte kein Muskel, während er die schrecklichen Verletzungen betrachtete, die der Grizzly auf der Brust und der Schulter des Häuptlingssohns hinterlassen hatte. Er säuberte die Wunden mit Schnee, schmierte sie mit seiner Salbe ein, um die Blutungen zu stoppen, und legte ihm schließlich einen Verband an. Nachdem er ihn notdürftig versorgt hatte, zerrte er den Ohnmächtigen vom Bären und rüttelte ihn so lange, bis er wieder zum Bewusstsein kam. So schafften sie es gemeinsam, dass Ayrrak wieder auf die Beine kam und sich auf eine Schleppbahre legte, welche zwei von den anderen Männern inzwischen angefertigt hatten.

Ein weiterer mühte sich mit dem toten Merriak ab, um ihn auf sein Pferd zu hieven und ihn am Sattel festzubinden. Kein leichtes Unterfangen, denn das viele Blut und der Geruch des Bären hatten das Tier hochgradig nervös werden lassen.

Gorrak beruhigte das Tier nach Art des Stammes, indem er ihm mit dem Stock, den er sich für die Bärenjagd zurechtgemacht hatte, einen kräftigen Schlag auf den Kopf versetzte.

»Und was machen wir mit dem da?«, wollte ein anderer wissen und zeigte dabei auf das tote Raubtier. »Sein Fleisch und das Fell würden einigen Alten im Dorf über die kalte Zeit hinweghelfen.«

»Nichts da!«, bellte Karrak. »Das Vieh bleibt, wo es ist, und jetzt vorwärts, steigt auf die Pferde! Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, bis wir wieder zuhause sind.«

»Aber …«, sagte der Mann und wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als Karrak ihm ungehalten ins Wort fiel.

»Ich habe gesagt, er bleibt hier liegen. Sieh dir doch bloß mal an, wie alt das Tier ist. Wahrscheinlich ist es voll von Würmern und das willst du an unsere Leute verteilen? Das kommt gar nicht infrage, doch jetzt genug davon, steigt auf die Pferde, wir reiten!«

Kurz darauf machten sie sich wieder auf den Weg ins Dorf.

Mit jeder Meile, die sie dabei zurücklegten, wurde Gorrak, der inzwischen längst wieder die Führung übernommen hatte, immer schweigsamer. Er wusste nicht, ob er fluchen oder heulen sollte. Der Sturm der Gefühle, der in seiner Brust tobte, drohte den Fährtensucher um den Verstand zu bringen. Das Wissen, das Ayrrak seit seinem Kampf mit dem Bären ein todgeweihter Mann war, drohte sein Herz zu zerreißen. Auch wenn es niemand aussprach, oder keiner der Männer bisher darüber nachgedacht hatte: Wenn der Häuptlingssohn nicht an den Verletzungen starb, die ihm der Bär zugefügt hatte, dann spätestens am dritten Tag nach ihrer Ankunft im Dorf.

Die Stammesgesetze der Rraks waren genauso gnadenlos wie die menschenfeindliche Natur der nördlichen Ödmark und Ayrrak hatte mit seinem Angriff auf den Bären gegen eine der obersten Regeln des Stammes verstoßen.

Das Recht des Erstlings!

Auch wenn er durch seine Tat dem Bruder das Leben gerettet hatte, würde man ihm nie verzeihen, dass er es sich angemaßt hatte, Karrak sein Recht als Erstgeborener zu verwehren, indem er den Bären getötet hatte.

Für diesen Frevel kannte das Gesetz nur eine Strafe: den Tod!

Gorrak war sich beinahe sicher, das Karrak diesen Umstand weidlich ausnutzen würde, um endlich seinem Ziel, der Führer aller Rraks zu werden, näher zu kommen, und wenn nicht er, dann garantiert sein intrigantes Weib, das keinen Deut besser war als er.

Die Verzweiflung des Fährtensuchers wäre wahrscheinlich noch größer gewesen, wenn er geahnt hätte, dass es nicht drei Tage, sondern nur vierundzwanzig Stunden bis nach ihrer Ankunft im Dorf dauern sollte, bis das Urteil über Ayrrak gesprochen wurde.

 

*

 

Das Haus von Yarrakas war schon von Weitem als das Haus eines Stammesfürsten zu erkennen. Der rechteckige Bau war nicht nur doppelt so groß wie die meisten anderen Gebäude des Dorfes, sondern besaß im Gegensatz zu ihnen auch ein Fundament aus Stein.

Das Innere bestand aus drei unterschiedlich großen Räumen. Der größte davon war ein riesiger Saal, der sich gleich hinter dem Eingangstor befand.

In ihm konnte sich jederzeit mehr als eine halbe Hundertschaft von Kriegern versammeln, ohne das einer dem anderen auf die Füße trat.

Die Wände bestanden aus aufeinandergestapelten, roh zusammengeschlagenen Baumstämmen, deren Zwischenräume mit Moos und einem Gemisch aus Lehm und getrockneten Pflanzen aufgefüllt waren. Mehrere Schilde, Äxte und Messer, die an den Wänden angebracht waren, zeugten gemeinsam mit den von der Decke herabbaumelnden Totenschädeln vom rohen, barbarischen Wesen der Bewohner.

In der Mitte der Halle standen drei riesige Holztische in der Form eines U, wobei der quer gestellte Tisch durch ein steinernes Podest etwas erhöht war.

Dort saß jetzt der Hausherr, das Gesicht in beide Hände vergraben.

Vor ihm, in der Mitte der u-förmig aufgestellten Tische, stand ein uralter Mann, der sich anscheinend nur noch auf den Beinen halten konnte, weil er sich auf einen mannshohen Holzstab stützte, der mit allerlei Federn, Vogelknochen und bunten Glasperlen verziert war.

Keiner der beiden sprach ein Wort.

Das Knistern und Knacken des Kaminfeuers und der rasselnde Atem des Alten waren für lange Zeit die einzigen Geräusche, die den Raum erfüllten.

Irgendwann, als die Stille langsam unerträglich wurde, nahm Yarrakas die Hände vom Gesicht und sah zu dem Alten hinüber. Sein einstmals sicherlich vor Tatendrang strotzendes Antlitz wirkte jetzt blass und eingefallen und seine Augen stumpf und glanzlos.

»Gibt es denn keine andere Möglichkeit, Olrrak? Ich kann doch meinen eigenen Sohn nicht zum Tode verurteilen«, fragte er beinahe flehentlich.

Der Alte hob kaum merklich den Kopf.

In seinem Gesicht, das fast gänzlich von einer verfilzten, aschgrauen Haarmähne und einem struppigen Bart bedeckt war, der vor Dreck nur so starrte, zeigte sich nicht die geringste Regung, während er Yarrakas eingehend musterte.

Der Blick seiner wasserhellen Augen war dabei erstaunlich klar und scharf.

Sekundenlang wiegte Olrrak den Kopf, bis er seinen zahnlosen Mund endlich zu einer Antwort öffnete. »Die Gesetze der Rraks sind so alt wie der Anbeginn der Erde, trotzdem gelten sie auch heute noch für jeden, ohne Ansicht der Person und des Standes.«

Yarrakas stöhnte und vergrub das Gesicht erneut in beide Hände. Er bemerkte deshalb nicht, wie sich langsam ein verstohlenes Lächeln in den Mundwinkeln des Dorfältesten festsetzte.

»Aber auch wenn unsere Regeln oft grausam und hart erscheinen, sie sind gerecht. Das Gesetz zum Recht des Erstlings ist zwar unumstößlich, aber es gibt da ein anderes, ein noch älteres, das da lautet: ein Leben für ein Leben.«

Ruckartig nahm Yarrakas den Kopf hoch. »Was … was willst du damit sagen?«, fragte er hastig.

Die aufkeimende Hoffnung in seinem Blick war unübersehbar, während das Grinsen des Dorfältesten geradezu schadenfroh wurde.

»Ayrrak hat zwar das Gesetz gebrochen, aber weil er dadurch seinem Bruder das Leben rettete, hat er das Anrecht auf ein zweites Leben. Auch wenn das manchen hier im Dorf nicht gefällt, aber so steht es nun mal geschrieben.«

»Verdammt, Olrrak, ich habe mir die ganze Nacht über den Kopf zerbrochen, ohne eine Lösung zu finden. Woher weißt du von dieser Möglichkeit?«

Der Alte zuckte vielsagend mit den Schultern. »Was soll ich sagen? Ich tauge nicht mehr viel zur Jagd und zum Feuerholz sammeln. Also lese ich viel, vor allem die Schriften unserer Väter und deren Väter. Du würdest erstaunt sein, was unsere Ahnen schon damals wussten.«

Bevor Yarrakas zu einer Antwort ansetzen konnte, wurden die beiden Flügel des Eingangstores mit brachialer Gewalt aufgestoßen.

Einem Sturmwind gleich brausten ein halbes Dutzend Gestalten unter der Führung einer Frau in die Halle. »Was soll das?«, keifte sie noch im Laufen, während sie Olrrak mit dem Blick ihrer dunklen, wie Kohlestücke glimmenden Augen regelrecht durchbohrte.

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