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Der Detektiv – Liu Sings Geheimnis – 2. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Liu Sings Geheimnis
2. Kapitel 

Um halb zehn wachte ich auf, duschte, rasierte mich, zog mich an und ging auf die Veranda an der Rückseite des Hauses. Dort stand der Tisch mit zwei Kaffeetassen und allem sonstigen, was zu unserem Frühstück gehörte. Harsts Tasse war benutzt. Neben der meinen lag ein Zettel, von seiner Hand geschrieben.

Heute Abend 11 Uhr, Parkmauer, alte Stelle.


Ich hatte ihn kaum überflogen, als Frau Auguste Harst vom Gemüsegarten her die Veranda betrat.

»Er ist schon wieder auf und davon?«, fragte sie. »Was habe ich jetzt nur von meinem Jungen – nichts, nichts! Denken Sie, ich fand ihn um neun im Klubsessel am Fenster seines Arbeitszimmers fest schlafend. Er war gar nicht zu Bett gegangen. Auf seinem Knie lag dieses Armband.« Sie holte es aus der Tasche der Wirtschaftsschürze hervor. »Ich sollte es Ihnen geben. Dann hätten Sie etwas Arbeit, meinte er. Ein wundervoller Schmuck, Herr Schraut, nicht wahr? Harald sagt mir, er hätte ihn von einer Inderin als Vorausbezahlung für einen kleinen, später zu leistenden Dienst erhalten.«

Nachher in meinem Studierzimmer, ich hatte ja hier im Haus des vielfachen Millionärs genau wie dieser drei Räume zur Verfügung, trat ich ans Fenster und besichtigte den Armreif mit jener Sorgfalt, die man als Harsts Gehilfe allen Dingen schenken muss, deren Zusammenhang mit unseren Wettproblemen man vermuten kann.

Die Innenseite der Spange war glatt und nur von dem Verschluss unterbrochen. Harst hatte zu seiner Mutter gesagt: Dann hätte ich etwas Arbeit. Arbeit? Nun, wenn er damit gemeint hatte, ich solle den Schmuck lediglich genau besichtigen, so war diese Arbeit bereits erledigt, denn das, worauf es Harst wohl ankam, hatte ich schon gefunden.

In das glatte Gold der Innenseite war mit einer feinen Nadel etwas eingeritzt – ein einzelnes Wort mit sehr ungeschickten lateinischen Buchstaben. Ich hatte es als 

Ritbilf entziffert. Damit war ich aber auch mit meiner Kunst am Ende. Dieses Ritbilf verriet mir nichts mehr, nur das eine eben, dass die Hand, die es hier dem Gold anvertraut hatte, in der Schreibkunst nicht gerade sehr weit vorgeschritten war.

Ich wollte das mit vierzehn Edelsteinen, darunter fünf Smaragden von tadellosem Feuer, besetzte Armband bereits wegschließen, als mir der Gedanke kam, Harst hätte mit der Arbeit vielleicht auch eine Nachfrage bei einem Juwelier nach Wert und Herkunft des am Schloss mit seltsamen Zeichen versehenen Schmuckes gemeint. Ich fuhr also in die Tauentzienstraße zu Gebrüder Wolfsberg und zeigte dem einen der Geschäftsinhaber, die als Kunstkenner einen Namen hatten, unser Armband. Er stutzte, bat dann einen Augenblick um Entschuldigung. Fünf Minuten später befand ich mich auf der nächsten Polizeiwache, wo ich mich weiter beharrlich weigerte, anzugeben, wie ich in Besitz des auf etwa 18.000 Mark geschätzten Armreifs gelangt wäre, das Wolfsberg vor zwei Monaten von Herrn Arthur Mahlzahn zur Reparatur acht Tage überlassen worden war.

Leider bin ich ja nun der Polizei keine Neuerscheinung. Einer der Beamten erkannte mich als Komiker-Maxe wieder. Bevor ich noch zum Präsidium gebracht wurde, fiel mir zum Glück ein, dass ja unlängst die Zeitungen mich als Harsts Privatsekretär erwähnt hatten. Die Offiziellen wollten mir nämlich durchaus nicht glauben, dass ein Harald Harst gerade einen früheren, nur infolge einer Amnestie nun straffrei ausgegangener Taschendieb als Sekretär angestellt hätte und telefonisch bei Frau Harst anzufragen weigerte man sich, da man sich nicht dadurch lächerlich machen wolle, ein solches Märchen für ernst zu nehmen. Da dachte ich an jene Zeitungsnotiz, dachte auch gleichzeitig an Kriminalwachtmeister Schilling, der uns ja bei der Ergreifung des Mörders des im Hotel Sonnenschein tot aufgefundenen Geldbriefträgers Schmiedicke wichtige Dienste geleistet hatte. Die drei Beamten auf der Wache, die merkwürdig genug jene Zeitungsnotiz nicht kannten, kramten sehr bald das betreffende Blatt aus dem Zeitungsstoß heraus, wurden stutzig, riefen das Präsidium am, ließen den Vorstand der Kriminalabteilung anfragen, ob man dort von meiner Sekretärstätigkeit bei Harst etwas wüsste, wurde infolge der bejahenden Antwort sehr höflich und zweifelten nun nicht weiter daran, dass Harst das Armband auf der Hauptstraße in Dahlem gefunden hätte, wie ich nun mehr erklärte.

Es war dies das letzte Mal, dass ich mit den Offiziellen wegen meiner Vergangenheit Ungelegenheiten hatte.

Ich konnte also nach einstündiger Haft wieder ungehindert meines Weges ziehen, aber ohne Armband. Mir war deshalb auch nicht ganz behaglich zumute. Ich ahnte, dass Harst diesen Besuch bei Wolfsberg als eine Unvorsichtigkeit meinerseits tadeln würde – mit Recht, wie ich mir nun sagte.

Ich ahnte es, ahnte aber nicht, welche Folgen diese meine Unüberlegtheit mit einem aus so sonderbare Art in unsere Hände geratenen Schmuck zu einem Juwelier zu gehen, für uns haben sollte.

Etwas niedergeschlagen kam ich nach Hause. Harst war noch nicht zurück. Ich ging in seine Bibliothek und suchte aus den Zeitungsmappen die Nummern heraus, die über den Leichenraub näher berichteten.

Ich will hier nun kurz das zusammenfassen, was die Polizei und die Leute des Phönix (Inhaber Kriminalkommissar a. D. Neukirch) ermittelt und an die Presse weitergegeben hatten.

Am 9. April war Malzahns chinesischer Koch, den er von seiner letzten Reise im Herbst mit nach Berlin gebracht hatte, an einer Blutvergiftung durch unvorsichtiges Umgehen mit einer rostigen Spicknadel nach eintägigem Krankenlager gestorben. In der Nacht vom 9. zum 10. hatten Unbekannte, anscheinend zwei Personen, die Leiche Liu Sings geraubt. Die Nacht war stürmisch und regnerisch gewesen. Daher versagten auch die Polizeihunde, durch die man die Fährten der Diebe hatte verfolgen wollen. Malzahn, der große Stücke auf den Chinesen, einen älteren Mann, hielt, hatte am 12. 3000 Mark Belohnung für die Wiederherbeischaffung der Leiche ausgesetzt. Er, dessen Reichtum dem der Rothschilds nicht viel nachsteht, konnte sich diese dreitausend Mark schon leisten. Am 14. hatte er die Belohnung auf 10.000 Mark erhöht. Inzwischen war auch Phönix freiwillig in Tätigkeit getreten. Zehntausend Mark verdient jeder gern. Am 22. 

war Malzahn dann zum Karst abgereist, wo man eine neue, sehr ausgedehnte Höhle mit einem riesigen unterirdischen See entdeckt hatte. Ihm, der sich für alles interessierte, musste die neue Höhle selbst über Liu Sing, den Küchenkünstler, gehen. Damit endeten die Zeitungsnachrichten.

Ich ging nun in den Garten und beschäftigte mich mit dem Absammeln von Blattläusen von den Rosensträuchern. Harst hatte mir diese Tätigkeit empfohlen, wenn ich recht angestrengt nachdenken wollte. Ich säuberte also die Blätter und versuchte dabei, den braunen Frauenarm zu dem, was ich nun über unseren neuen Fall wusste, in Beziehung zu bringen, ein Bemühen das meines Erachtens von vornherein aussichtslos war, genauso aussichtslos, als ob man unserem jungen fünfzehnjährigen Gehilfen Karl Malke, dessen Harst sich in ähnlicher Weise wie meiner bei seiner Arbeit bediente, zu einer geregelten Tätigkeit hätte anhalten wollen. Wenn ich trotzdem den Versuch machte, zwischen Liu Sings Leiche und der Inderin – Harst hatte ja von einer solchen seiner Mutter gegenüber gesprochen – verbindende Fäden zu finden, so war lediglich mein Ehrgeiz daran schuld, der in Harsts Nähe notwendig üppig emporsprießen musste.

Karl Malke schoss weiter hinten im Garten mit einem Tesching Spatzen, die es auf frisch gesäten Grassamen abgesehen hatten. Ich hörte zwei Schüsse. Nun kam er stolz mit vier erlegten Sperlingen an.

»Ich habe jetzt im Ganzen acht geschossen«, sagte er nach einer Weile geheimnisvoll. »Herr Harst hat mich auch diesmal wieder eingeweiht. Er hat mir auch das Armband gezeigt. Was halten Sie von dem ein gekratzten Ritbilf, Herr Schraut. Er meinte, es wäre sehr wichtig. Aber weshalb, das verschwieg er natürlich. Und dann musste ich ihm zwei frische Batterien für seine Taschenlampe und verschiedenes aus der Apotheke holen – allerlei Chemikalien.«

In diesem Augenblick rief mich Frau Harst vom Haus her. Ich eilte ihr entgegen.

»Es ist ein Mann da, der Harald zu sprechen wünscht«, sagte sie. »Ein Farbiger. Aber sehr gut gekleidet. Es wird wohl ein Inder sein. Er hat einen langen, schwarzen Bart und ist sehr groß. Er lässt sich nicht abweisen und steht noch im Vorgarten.«

Gleich darauf saß mir der Inder gegenüber. Ich hatte ihn in meine Studierstube gebeten. Er erklärte, er sei der Hausmeister Malzahns und komme des Armbandes wegen. Die Polizei habe ihm telefonisch mitgeteilt, dass Harst den Schmuck gefunden hätte. Er bitte nun, ihm genau anzugeben, wo das Armband auf der Straße gelegen habe.

Das war eine böse Geschichte für mich. Was sollte ich diesem Menschen nun vorlügen, der annahm, ich als Harsts Privatsekretär wüsste genau Bescheid.

Der Inder, der sich Marawatha nannte, sprach sehr gebrochen Deutsch, hatte im Übrigen tadellose Umgangsformen und ein Gesicht von einem so nichtssagenden undurchdringlichen Ausdruck, wie man dies nur bei Ostasiaten findet, bei Chinesen und den verschiedenen Stämmen Indiens ganz besonders.

Ich erwiderte, dass Harst zu meinem Bedauern auch mir nicht genau erzählt habe, wo er den wertvollen Fund gemacht hätte; jedenfalls in der Hauptstraße in Dahlem. Ich war froh, auf diese Weise einen vorläufigen Ausweg gefunden zu haben.

Der Inder schaute mich mit seinen großen, schwarzen Augen scheinbar ohne besondere Absicht, aber doch unverwandt an. Dieser Blick machte mich verlegen. Nur mit Mühe konnte ich den völlig Harmlosen weiterspielen.

Ich hatte gehofft, dass er nun gehen würde. Er blieb jedoch und bat, auf Harst warten zu dürfen. Ich entgegnete, Harst sei auf unbestimmte Zeit weggegangen und dürfte erst spät abends heimkehren.

Marawatha blieb abermals sitzen, schaute mich weiter scheinbar gleichmütig an und erklärte nach einer Weile: »Sahib Harst ist in Kurzem ein berühmter Detektiv geworden. Sahib Malzahn bietet ihm fünfzigtausend Mark, wenn er Liu Sings Leiche wieder herbeischafft.«

Das war eine Überraschung! Ich war über die Tragweite dieses Angebots noch nicht im Klarem, als es klopfte und Harst sehr eilig eintrat. Beim Anblick des Inders nickte er, als wollte er sagen: Also wirklich!

Marawatha hatte sich erhoben. 

»Ich kann mir denken, was du hier willst«, frotzelte Harst zu ihm, indem er mich gar nicht beachtete. »Du bist Malzahns Hausmeister. Ich war kurz nachher auf dem Polizeipräsidium, als die Verhaftung meines Sekretärs gemeldet wurde. Du hast dich dann dort nach meiner Wohnung erkundigt. Du möchtest wissen, wo ich das Armband fand. Nun, dicht an einem Baum der Mittelpromenade der Hauptstraße und zwar unweit der Wegkreuzung Roseneck auf der rechten Seite von Dahlem aus. Das Armband war in die Erde getreten. Ich sah nur wenig davon. Also ein glücklicher Zufall, nichts weiter.«

Der Inder stand wie eine Bildsäule da. Seine Augen ruhten nun genau so unverwandt auf Harsts Gesicht wie vordem auf dem meinen. Er wiederholte nun sein Angebot, Harst möchte die Leiche suchen helfen.

»Schickt dein Herr dich?«, fragte Harst nach kurzem Überlegen. 

»Jawohl, Sahib. Ich erhielt heute früh eine Depesche von ihm, dass ich dich aufsuchen sollte. Ich wäre also auch ohne den Fund des Armbandes zu dir gekommen.«

»Hast du die Depesche bei dir?«

Marawatha holte sie aus seinem Rock hervor.

Harst nahm sie und trat damit ans Fenster, kehrte uns den Rücken zu und brauchte recht lange, ehe er mit dem Lesen fertig war. Dann setzte er sich wieder, behielt aber die Depesche in der Hand, faltete sie wie unabsichtlich zusammen und sagte: »Telegrafiere zurück, dass ich leider zurzeit infolge einer Wette Privataufträge nicht übernehmen könnte und dass ich diesen auch deshalb ablehnen müsste, weil ich ihn für aussichtslos halte.«

Dann ließ er sich mit Marawatha in ein längeres Gespräch über Indien ein. Erst nach einer halben Stunde verabschiedete sich unser brauner Gast.

Kaum war er auf der Straße, als Harst die Depesche, die er in den Ärmel geschoben und die der Inder mitzunehmen vergessen hatte, mir mit den Worten reichte: »Schnell, Schraut, prüfen Sie sie. Was fällt Ihnen daran auf?«

Ich hatte etwa drei Minuten hierzu Zeit.

Da rief Harst: »Marawatha kommt zurück. Her damit, ich bringe sie ihm entgegen.« Er ging hinaus. Im Vorgarten sprach er ein paar Worte mit dem Inder, gab ihm das Telegramm und war sogleich wieder bei mir, aber als ein ganz anderer als vorhin. 

Seine grauen Augen, die unter den langen Wimpern stets halb verschwanden, waren groß geöffnet. Ich bemerkte darin jenes Feuer, das sie nur hatten, wenn dieser seltene Geist, dieser Mann mit den Gaben eines ganzen Dutzend sogenannter erster Detektive, eine Entdeckung von besonderer Wichtigkeit gemacht, wenn sein so exakt arbeitendes Hirn einen Weg gefunden hatte, der zum Ziel zu führen schien.

Er trat bei mir ein und sagte: »Kommen Sie, Schraut. Leisten Sie mir Gesellschaft. Ich muss die Brücke suchen …«

Wir gingen in seine Bibliothek. Er setzte sich an den Flügel. Er spielte mit halbem Anschlag wie stets, wenn die Töne ihm die Brücke bauen helfen sollten, wenn er, umrauscht von den wundervollen Klängen dieses Instruments, seine Gedanken tastend hinausschickte, ob es nicht irgendwo, irgendwie einen Weg gab, Zusammenhänge zwischen Ereignissen herzustellen, die durch Abgründe gänzlich getrennt zu sein schienen.

Das nannte Harald Harst eben: die Brücke suchen.

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