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John Sinclair Classics Band 25

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 25
Wenn der Werwolf heult

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 14.08.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 09.12.1975 als Gespenster-Krimi Band 117.

Kurzinhalt:
In einem Sanatorium an der schottischen Grenze geschieht Unheimliches. Bei Vollmond hört man die Bewohner heulen und wehklagen. Sie wälzen sich auf ihren Pritschen, bis sie ihre Fesseln abgestreift haben. Ein unheimlicher Drang treibt sie in den naheliegenden Wald, wo sie zu mordlüsternen Bestien werden, die keine Gnade kennen …

Leseprobe

Der Irre hockte hinter einem Gebüsch!

Sein Mund stand halb offen. Schaum rann über die Unterlippe, tropfte vom Kann und benetzte den hochgeschlosse­nen grauen Kittelkragen.

Bald war es wieder so weit.

Immer wenn der Vollmond sein bleiches Licht auf die Erde sandte, spürte er die Erregung.

Er stand auf, kam mit raubtierhaften Schritten hinter dem Gebüsch hervor und sprang auf die kleine Lichtung. Hier traf ihn das Mondlicht voll.

Der Irre begann sich zu verwandeln.

Er wurde zum Werwolf!

Zuerst spürte er das mörderische Brennen, das Stück für Stück seinen gesamten Körper erfasste.

Der Irre schrie auf. Mit wilden, abgehackten Bewegungen torkelte er über die Lichtung. So weit es ging, riss er den Kopf in den Nacken. Aus seiner Kehle drangen schaurige Laute, die an das Heulen eines Tieres erinnerten.

Von einer Sekunde zu anderen veränderte sich die Haut des Mannes. Sie färbte sich dunkel, als hätte jemand den Körper in eine Tinktur getaucht.

Der Kittel platzte auf. Die Hornknöpfe sprangen auf den Boden, wo sie vom hohen Gras verdeckt wurden.

Haare begannen zu wachsen. Zuerst nur klein und weich, doch in Sekundenschnelle veränderten sie sich zu festen, biegsamen Borsten.

Auch das Gesicht machte eine Verwandlung mit. Die Nase trat zurück. Dafür sprang der Mund vor, wurde lang und spitz und veränderte sich zu einer Wolfsschnauze.

Gleichzeitig dehnte sich der Körper noch weiter aus. Längst war die Hose aus den Nähten geplatzt. Mit einer wilden Bewegung schleuderte der Wolfsmensch die Schuhe von den Füßen. Seine Hände formten sich zu Pranken. Anstelle der Finger wuchsen lange, gekrümmte Nägel. Die Füße erinnerten an Tatzen. Überall war der Körper jetzt mit dichtem, braunschwarzem Fell bedeckt.

Die Verwandlung zum Werwolf war vollendet.

Jegliches menschliche Fühlen war ausgeschaltet worden. Hier stand ein Tier, das sich auch nur von einem tierischen Instinkt leiten ließ.

Der Werwolf hob den Kopf, richtete die spitze Schnauze gegen den nachtdunklen Himmel. Schaurig hallte sein Heulen durch den Wald.

Es war eine Warnung. Eine Warnung für die Menschen, die auf der Opferliste des Werwolfs standen.

Das Ungeheuer schüttelte seinen zottigen Körper. Es machte ein paar ungelenke Bewegungen, wie ein Baby, das erst richtig laufen lernt.

Schwerfällig tappte der Werwolf über die Lichtung, erreichte den kleinen Wildwechselpfad und verschmolz mit dem Schatten der hohen Bäume.

Die Bestie war unterwegs. Nichts konnte sie jetzt noch aufhalten.

Mit jedem Schritt wurden die Bewegungen flüssiger, die Geschwindigkeit schneller.

In unregelmäßigen Abständen stieß das Ungeheuer wieder das schaurige Heulen aus. Die Pranken wischten durch die Luft, knickten Zweige und kleinere im Weg befindliche Äste mit wütenden Hieben weg. Schon jetzt konnte man ahnen, welch eine Kraft in diesem Untier steckte.

Die Tiere des Waldes flohen. Nicht einmal Vögel wagten sich in die Nähe des Werwolfs.

Angst regierte. Eine Angst, die auch bald die Menschen überfallen sollte.

Der Wald lichtete sich und hörte schließlich ganz auf. Felder und Wiesen breiteten sich vor den gelben, tückisch funkelnden Augen des Werwolfs aus.

Parallel zum Waldrand her lief eine schmale Straße, mehr ein Weg. Er führte zum Dorf und war mit Schlaglöchern und ausgefahrenen Reifenrillen übersäht. Ein Wagen musste eine gute Federung besitzen, um die Strecke hinter sich bringen zu können.

Der Werwolf wandte sich nach rechts, von einem unerklärlichen Instinkt geleitet. Meter für Meter legte er zurück. Immer näher kam er seinen ahnungslosen Opfern.

Bald fiel der Weg etwas ab, endete in einer großen Mulde, in der das Dorf lag.

Der Werwolf blieb stehen.

Wie Scherenschnitte hoben sich die Häuser gegen das gelbweiße Mondlicht ab. Deutlich sah man den spitzgiebligen Kirchturm, der alle Gebäude überragte.

Der Werwolf öffnete seine Schnauze. Ein wildes, schauriges Heulen hallte weit über das Land. Es schien hinauf in den Himmel zu treiben, um in der Unendlichkeit zu verklingen.

Die Bestie kündigte ihr Kommen an …

 

*

 

Max Doyle zuckte zusammen, als er das Heulen hörte. Blitzschnell schlug er einige Kreuzzeichen. Seine Lippen bewegten sich, murmelten Gebete.

Doyle trat ans Fenster und schob die Gardine ein Stück zur Seite.

Menschenleer lag die Dorfstraße vor ihm. Nirgendwo brannte Licht. Auch er stand im Dunkeln, und deshalb kam ihm die Nacht doppelt so finster vor.

Gespenstig bleich leuchtete der Vollmond.

Max Doyle wischte sich über die Augen. Er bemerkte, dass sein Gesicht schweißnass war. Es war Angstschweiß.

Doyle wandte sich ab. Schwer stützte er sich gegen die Wand. Seine rechte Hand fuhr unter die Jacke, berührte das geweihte Holzkreuz, das er in der Innentasche stecken hatte. Dieses Kreuz würde ihm die Kraft geben, seine Aufgabe zu meistern. Und einer musste es tun. So ging es nicht mehr weiter.

Seit Monaten terrorisierten die Werwölfe das einsame Dorf. Acht Menschen waren ihnen schon zum Opfer gefallen. Man hatte ihre Leichen gefunden. Bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

Und niemand wollte an die Werwölfe glauben. Man dachte an einen irren Mörder. Die Toten wurden begraben, heimlich, in aller Stille. Kein Sterbenswort drang aus dem Dorf nach draußen. Selbst der Pfarrer sagte nichts. Die Menschen hielten zusammen und duckten sich unter dem Terror der Bestien.

Nur Max Doyle nicht.

Doyle war der Küster des Ortes. Über zwanzig Jahre betrieb er diesen Beruf schon.

Doyle war nicht verheiratet. Er hatte Zeit gehabt, sich seinen Hobbys zu widmen. Alles Übernatürliche hatte ihn fasziniert. Er kannte sich aus in der Welt des Übersinnlichen und wurde deshalb von den übrigen Einwohnern des Ortes als Spinner belacht und gemieden.

Doch Max Doyle ließ sich nicht beirren. Er trieb weiter seine Studien, und dann geschahen in der Umgebung die grässlichen Morde. Doyle hatte die Toten gesehen. Jeden von ihnen. Selbst vor Frauen machten die Bestien nicht Halt. Doyle hatte genug über Werwölfe gelesen, um zu wissen, wer für die Tat verantwortlich war.

Er hatte es den Leuten mitgeteilt.

Ausgelacht hatte man ihn, und Max Doyle war noch schweigsamer, noch in sich gekehrter geworden.

Schließlich hatte er sich entschlossen, den Kampf aufzunehmen. Er allein wollte die Brut ausrotten. Doch gleichzeitig hatte er sich Rückendeckung verschafft.

Eir. Brief war vor zwei Tagen nach Scotland Yard abgegangen. In diesem Schreiben hatte Doyle alles geschildert, peinlich genau. Er hoffte, dass man ihn im fernen London nicht auslachen würde.

In einer schottischen Zeitung hatte Max Doyle einmal etwas über einen Inspektor Sinclair gelesen. Dieser Mann hatte damals in Schottland den Fall der mordenden Schädel gelöst, und Doyle erhoffte sich von dem Inspektor Hilfe.1

Der Küster blickte auf seine Uhr. Schon zehn Minuten nach Mitternacht. Er musste sich beeilen.

Max Doyle ging aus dem Zimmer, betrat den schmalen Flur und nahm seinen Mantel von der Garderobe. Das Kreuz steckte er in die rechte Tasche.

Die Nächte waren schon empfindlich kühl. Schließlich zeigte der Kalender Anfang September. Die ersten Herbstnebel würden bald aufziehen und das Land wie mit einem dichten Wattebausch überdecken.

Max Doyle verließ das Haus.

Niemand sah ihn auf die Straße treten. Sorgfältig schloss der Küster die Tür ab. Er warf noch einen letzten, fast Abschied nehmenden Blick auf das einstöckige Steinhaus und wandte sich dann ab.

Mit ruhigen Schritten ging er die Straße hinab. Schon nach einer halben Minute hatte er das Dorfende erreicht. Vor ihm lag das freie Land.

Ein leichter Nachtwind strich durch die große Mulde und wirbelte Doyles Haar durcheinander. In einiger Entfernung war eine dunkle Wand zu erkennen. Dies war der Wald, der sich etliche Meilen weit hinzog, direkt bis zur Klinik.

Doyle ging weiter. Es hatte lange nicht mehr geregnet. Der Boden war trocken und verkrustet.

Der Küster hielt sich am Wegrand. Er wollte nicht schon sofort gesehen werden.

Nach einigen hundert Metern schlug er sich rechts von der schmalen Straße in die Büsche. Ein ausgetrockneter Graben bot ihm Deckung. Durch die Halme der Gräser konnte Max Doyle die Straße gut beobachten.

Der Küster nahm das Kreuz aus der Tasche. Es war kunstvoll geschnitzt und mit Weihwasser besprengt worden. Max Doyle wusste nicht, ob es eine hundert­prozentig wirksame Waffe gegen den Werwolf war, aber Silber hatte er nicht zur Verfügung gehabt. Er hoffte aber, damit den Werwolf zurücktreiben zu können.

Die Minuten verrannen.

Plötzlich richtete sich Max Doyle in seinem Versteck auf. Er hatte Schritte gehört.

Schwere Schritte.

Schnell näherten sie sich der Stelle, wo Max Doyle lauerte.

Der Küster hielt den Atem an. So fest krampften sich seine Finger um das Kreuz, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Eine unheimliche Gestalt tauchte auf. Breit und wuchtig, mit Pranken wie Schaufelräder.

Max Doyle spürte, wie sein Herz schneller schlug. Auf einmal hatte er Angst. Doch er durfte nicht aufgeben. Jetzt nicht mehr.

Vorsichtig richtete sich der Küster auf. Die Grashalme bewegten sich unruhig.

Schon hörte Doyle das Keuchen des Werwolfs.

Jetzt war die Bestie mit ihm auf gleicher Höhe.

In diesem Augenblick sprang der Küster vor…

 

*

 

Der Werwolf war überrascht. Nie hätte er damit gerechnet, schon hier auf einen Menschen zu treffen. Doch dann meldete sich sein Mordinstinkt.

Wild fauchte er auf und riss die Schnauze auseinander. Die spitzen, dolchartigen Zähne bleckten. Der Werwolf hatte ein mörderisches Gebiss. Wehe demjenigen, der diesen Reißzähnen ausgeliefert war.

Max Doyle stand vor der Bestie. All seinen Mut hatte er zusammengerafft, um dem schrecklichen Treiben Einhalt zu gebieten. Er zitterte am ganzen Körper. Stromstoßartig kam die Angst, jagte heiße Schauer durch seine Adern.

Max Doyle hielt das Kreuz mit beiden Händen fest umklammert. Er hatte die Arme vorgestreckt, präsentierte der Bestie das geweihte christliche Symbol.

»Weiche, Bestie! Hinweg mit dir!«, rief Doyle mit hallender Stimme.

Max Doyle glaubte an die Macht des Guten, doch in den nächsten Augenblicken zweifelte er daran.

Die Pranke des Werwolfs schnellte vor. Mit einem heftigen Ruck fegte sie dem Küster das Kreuz aus den Händen. Ratschend ging der Mantelärmel in Fetzen.

Doyle begriff nichts mehr. Aus übergroßen Augen starrte er auf das am Boden liegende Kreuz. Er hatte all seine Hoffnung darauf gesetzt und jetzt …

Der Werwolf nutzte die Chance, die ihm Max Doyle durch seine Bewegungs­unfähigkeit bot, und sprang den Küster an.

Doyle spürte einen ungeheuren Schlag gegen die Brust und kippte nach hinten. Hart schlug er auf dem Boden auf. Er stieß sich irgendwo den Hinterkopf an, und für einen Sekundenbruch­teil verschwamm alles vor seinen Augen.

Der Werwolf triumphierte. Er hielt sein Opfer auf der Erde fest.

Noch hatte der Küster beide Arme frei. Wild schlug er um sich, traf auch ein paar Mal den Schädel der Bestie.

Die Schläge steigerten deren Wut.

Die haarige Tatze bohrte sich in Doyles Mund, erstickte jeden Schrei.

Der Küster bekam keine Luft mehr. Ein weiterer Schlag gegen seinen Kopf löschte das Bewusstsein aus.

Es war gut für Max Doyle. Ohne noch einmal aus der Ohnmacht zu erwachen, starb er einen schrecklichen Tod.

Wenige Minuten später zerrte der Werwolf sein Opfer in das nahe Gebüsch. Die Tatzen fuhren nervös durch die Luft.

Er sprang zurück auf den Weg und stieß ein schauriges Heulen aus.

Lang gezogen hallte die Siegesmelodie der Bestie über das weite Land.

Und die Menschen in dem naheliegenden Ort atmeten auf, froh darüber, dass es diesmal nicht sie erwischt hatte.

Aber der Werwolf würde zurückkommen.

Vielleicht schon in der nächsten Nacht …

Personen

  • Werwölfe
  • Max Doyle, Küster von Hawick
  • Wärter der Irrenanstalt
  • Dr. Ramon Cazalis, Leitender Arzt
  • Holzfäller
  • Ben Storm, Fahrer, Holzfäller
  • Pfarrer Harker
  • John Sinclair, Oberinspektor bei Scotland Yard
  • Sir James Powell, Superintendent
  • Bill Conolly, Reporter
  • Sheila Conolly, Bills Ehefrau
  • Jane Collins, Privatdetektivin
  • Dr. Vivian Delano, Ärztin
  • Wirt
  • Empfangsdame der Irrenanstalt
  • Jack Quayle, Aufpasser
  • Rick Dobie, Aufpasser
  • Wanda Storm, Bens Schwester
  • Bob Fischer, Holzfäller

Orte

  • Hawick, Dorf
  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 25. Bastei Verlag. Köln. 14. 08. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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  1. siehe Sinclair-Nachdruck Band 12: »Die teuflischen Schädel«

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