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John Sinclair Classics Band 22

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 22
In Satans Diensten

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 03.07.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 16.09.1975 als Gespenster-Krimi Band 105.

Kurzinhalt:
Doktor Tod, der Satansdiener und Menschenhasser, kidnappt Inspektor John Sinclair und erschafft einen Doppelgänger. Während der echte John Sinclair in Spanien um sein Leben kämpft, taucht sein Doppel­gänger in London auf, und nicht einmal Sinclairs engste Freunde durchschauen das teuflische Spiel …

Leseprobe

»Endlich!«

Mit einem befreiten Seufzer ließ sich Ramona Navarra auf den Garderoben­stuhl fallen.

Noch schwach war der Beifall aus dem Zuschauerraum zu vernehmen, und ein schmerzliches Lächeln um­spielte Ramonas Lippen. Sie überlegte ernsthaft, ob sie noch mal hinausgehen sollte, um den Applaus einzufangen, ließ es dann aber bleiben. Zu kindisch kam es ihr vor.

Ein Jahr Pause! Zwölf Monate keine Proben, keine Auftritte – nichts mehr.

Der Star verschwand von der Bildfläche, breitete für dreihundert­fünfundsechzig Tage den Mantel des Vergessens über sich.

Ob sie das durchhalten würde? Und was würde das Publikum sagen? Wie würde es reagieren?

Abermals seufzte Ramona Navarra auf. Dann hob sie den Kopf und blickte in den Spiegel.

Sie war noch immer schön. Trotz ihrer sechsunddreißig Jahre. Aber sie wusste auch, dass unter der dicken Schminkschicht die ersten Falten lauerten. Eine Tatsache, die in ihrem Beruf doppelt so schwer wog wie bei einer normalen Frau.

Ramona Navarra – die Königin des Chansons, so wurde sie genannt. Sie hatte die ganze Welt gesehen, in fast allen Ländern große Triumphe gefeiert und ein Vermögen verdient.

Geld, mit dem sie sich jetzt ihre Schönheit und Jugend zurückkaufen wollte.

Ramona griff zu einem Plastikumhang und legte ihn sich um die makellosen Schultern. Dann nahm sie die Abschminkdose und verteilte die geleeartige Masse in einer dicken Schicht über ihr Gesicht.

Die Tür wurde geöffnet.

Ramona wandte sich ärgerlich um, sie wollte jetzt niemanden sehen.

Aber es war nur die Gardero­benfrau. Sie trug zwei wundervolle Rosensträuße in den Händen, hinter denen ein Teil ihres Oberkörpers fast verschwand.

»Die letzten Sträuße, Señora«, sagte die Frau. »Sind sie nicht wunderbar?«

»Legen Sie sie auf den Tisch«, erwi­derte Ramona gleichgültig und wandte ihr Gesicht wieder dem Spiegel zu.

Die Garderobiere trat an ihre Seite. Es war eine etwas füllige Person, knapp über fünfzig, und Ramona kannte sie schon lange.

»Sie waren großartig, Señora«, schwärmte die Frau. »So habe ich Sie noch nie erlebt. Von diesem Auftritt wird man in Madrid noch lange spre­chen.«

»Hoffentlich, Alva, hoffentlich.«

»Aber Señora. Sie haben doch keine Angst, dass man Sie vergisst. Eine Frau wie Sie. Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.«

Ramona lachte auf. »Sie haben keine Ahnung, wie das Publikum ist, Alva. Die Leute vergessen so schnell. Eine andere kommt, eine Jüngere …«

»Was können diese Hüpfer schon gegen Sie ausrichten? Nein, ich bleibe bei meiner Meinung. Aber warum ma­chen Sie ein Jahr Pause? Ich habe mich nie getraut zu fragen. Wo werden Sie hingehen?«

Ramona drehte sich auf ihrem Stuhl.

»Das, meine liebe Alva, werde ich Ihnen nicht verraten. Es muss ein Ge­heimnis bleiben. Meinetwegen könnte es jeder wissen, aber er will es nicht.«

»Wer ist dieser…«

»Keine weiteren Fragen mehr, Alva«, fiel Ramona ihr ins Wort. »So, und nun reichen Sie mir bitte das Abschmink­tuch.«

»Bitte, Señora.«

Die Sängerin wischte sich die Schminke aus dem Gesicht. Danach sah sie ihre Haut, wie sie wirklich war. Mit kleinen Falten um Augen und Mundwinkel.

Und trotzdem, Ramona Navarra war noch immer eine berückend schöne Frau. Ihre Haare waren lackschwarz und fielen wie ein Vorhang bis auf die Schultern. Die Augen waren groß und dunkel, und wer tief in sie hin­einblickte, hatte das Gefühl, in einen unendlich tiefen See zu ertrinken. Doch aus diesen Augen sprachen auch die Leidenschaft und das Temperament, die in ihr schlummerten.

Ramona wischte ich auch den Rest der Schminke vom Nasenrücken, stand auf und schlüpfte aus dem engen lan­gen Kleid. Daraufhin trug sie nur noch BH und Slip. Auf ein Korsett konnte sie verzichten, im Gegensatz zu mancher ihrer Kolleginnen.

Während sie sich wieder hinsetzte und ein leichtes Make-up auflegte, kämmte die Garderobiere die langen Haare aus. Sie erzählte dabei von ihrer Familie, aber Ramona hörte gar nicht zu. Sie war mit ihren Gedanken weit in der Zukunft.

Schließlich war Alva fertig. Sie ging zum Schrank und reichte Ramona einen hell roten Pullover und einen flaschen­grünen Wildlederhosenanzug. Ramona schlüpfte in die Sachen. Mit einer ra­schen Kopfbewegung schüttelte sie die langen Haare in den Nacken.

Alva sah ihr dabei zu, und plötzlich stahlen sich einige Tränen in ihre Au­gen. Sie wusste, dass es ein Abschied war.

»Aber Alva«, sagte die Sängerin. »Sie brauchen doch nicht zu weinen. Sie tun gerade so, als wären Sie auf meiner Beerdigung.«

Ramona Navarra ahnte nicht, wie nahe ihre Worte der Wahrheit kamen…

Alva zog die Nase hoch und holte erst dann ein Taschentuch aus ihrem Kittel.

»Es ist die reine Gewöhnung, Señora.«

»Ist ja schon gut.« Ramona fasste die Frau an beiden Schultern und hauchte ihr einen Kuss rechts und links auf die Wangen. »Jetzt müssen Sie aber wirk­lich gehen, Alva.«

»Ja, Señora. Adios.«

Die Garderobiere ging zur Tür, sah sich noch einmal um und verschwand dann nach draußen.

Ramona Navarra ließ sich in einen Sessel fallen. Mit einem verlorenen Lächeln betrachtete sie die beiden Rosensträuße. Auf den Blumenkelchen glitzerten noch Tautropfen.

Ein unbekannter Verehrer hatte ihr diese Blumen geschickt.

Ramona Navarra stand auf und ver­ließ die Garderobe.

Das Theater hatte sich inzwischen geleert. Auch das Personal war gegan­gen.

Ramonas Absätze klapperten laut, als sie über dem langen Gang dem Not­ausgang zustrebte.

Die Sängerin hatte einen Schlüssel und schloss auf. Schnell huschte Ramona durch den Türspalt.

Kühle Nachtluft traf ihr Gesicht. Am Tag war es ziemlich heiß gewesen, aber jetzt hatte es sich zum Glück ab­gekühlt.

Ramona war in einen Hof gelangt. Sie musste den Theaterbau umgehen, um zu ihrem Wagen zu kommen.

Die Sängerin kannte Schleichwege. Schließlich stand sie auf dem Park­platz. Ihr kanariengelber Lamborghini stand direkt neben einer Mauer. Die Autoschlüssel hielt Ramona schon in der Hand.

Plötzlich löste sich eine Gestalt von der Mauer.

Erschreckt fuhr die Sängerin herum.

»Ramona«, zischte eine Stimme.

Die Frau schlug beide Hände vor die Brust. »Himmel, Carlos, hast du mich erschreckt.«

»Verzeihung, aber das wollte ich nicht.«

Carlos Ortega war einer ihrer hart­näckigsten Verehrer. Der vierzigjäh­rige, gut aussehende Mann besaß meh­rere Hotels an der Costa Brava, was ihm ein freies Leben ermöglichte. Er hatte eigentlich schon alles mitgemacht, bis er Ramona kennengelernt und sich hoffnungslos in sie verliebt hatte. Die Hochzeitsanträge konnte er schon gar nicht mehr zählen, aber die Sängerin hatte immer abgelehnt.

Trotzdem gab Ortega nicht auf.

»Ich muss mit dir reden, Ramona.«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Nein, Carlos. Ich weiß, was du sagen willst, aber es hat keinen Zweck. Du bringst mich von meinem Entschluss nicht ab. Tut mir leid für dich.«

Ramona schloss den Wagen auf und wollte sich hinter das Lenkrad setzen.

»Moment.« Carlos Ortega sprang vor. Er fasste Ramona an der Schulter und zog sie zurück. »So haben wir nun nicht gewettet.«

»Lass los!«, fauchte die Sängerin. »Du tust mir weh!«

»Gut.« Carlos senkte die, Hand. »Aber ich will eine Erklärung. Glaubst du denn, du kannst so mir nichts dir nichts für ein Jahr verschwinden? Ich habe ein Recht darauf zu erfahren …«

»Ein Recht?«, rief Ramona! »Dass ich nicht lache! Ich habe keinem gesagt, wo ich hingehe, und auch dir werde ich es nicht verraten. Und jetzt lass mich in Frieden.«

Ortega war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten. Diese Chance nutzte die Sängerin aus.

Ehe Ortega sich versah, hatte sie sich in den Sitz geworfen, die Tür zu­geknallt und verriegelt.

Ortega stieß einen leisen Fluch durch die Zähne und trommelte gegen die Scheibe.

Doch da sprang der Motor schon an. Mit einem Kavalierstart rauschte Ramona davon.

Ortega musste zurückspringen, um nicht von dem Wagen erfasst zu wer­den.

»Na warte!«, knurrte der Mann. »So leicht kommst du mir nicht davon.«

Carlos Ortega war verrückt nach dieser Frau. Er musste sie bekommen. Bisher hatte ihm noch keine widerste­hen können. Und bei Ramona Navarra sollte es nicht anders sein.

Aber Ortega wusste auch, dass diese Frau ihren Stolz hatte. Und gerade das machte ihn wütend. Er nahm sich fest vor, noch in dieser Nacht mit Ramona Navarra ins Bett zu gehen.

Sein Mercedes-Coupe parkte auf der Straße^ Jetzt ärgerte Ortega sich, dass er den Wagen nicht auf dem Parkplatz abgestellt hatte. Mit einem wütenden Fluch wandte er sich um und hetzte mit Riesenschritten zu seinem Flitzer.

Schon bald saß er hinter dem Steuer, startete und rauschte davon. Er wusste, wohin Ramona fahren würde. Zu ih­rer Wohnung. Und dort wollte er sie abfangen.

Carlos Ortega ahnte nicht, dass ihn dort das Grauen erwartete …

Personen

  • Ramona Navarra, Sängerin
  • Alva, Garderobiere
  • Carlos Ortega, Hotelier
  • Gehilfen von Dr. Tod
  • Franco Lagusta, Vorarbeiter einer Heizungsfirma
  • Hausverwalter
  • Pedro, Heizungsmonteur
  • Kommissar Cello
  • Assistent Lopez
  • John Sinclair, Inspektor bei Scotland Yard
  • Ober
  • Bill Conolly, Reporter
  • Sheila Conolly, Bills Ehefrau
  • Pamela Gordon, Sheilas Studienfreundin
  • Sir James Powell, Superintendent

Orte

  • Spanien, Costa Brava
  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 22. Bastei Verlag. Köln. 03. 07. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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