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Der schwarze Mann

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Felsenherz der Trapper – Teil 28.1

Felsenherz der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Band 28
Das Geheimnis des Farmers
Erstes Kapitel

Der Rio Benuto ist nur ein bescheidener Nebenfluss des großen Arkansasstroms, besitzt jedoch so fruchtbare und romantische Uferpartien, dass eine Schar deutscher und holländischer Auswanderer, die im Vertrauen auf ihre guten Büchsen kühn in das Indianergebiet des Wilden Westens von Nordamerika eingedrungen waren, sich am Rio Benuto niederließen und ihre Ansiedlung auch in wenigen Jahren zu ungeahnter Blüte brachten. Mit den benachbarten Osage lebten sie in Frieden, da sie freiwillig einen aus Blei, Pulver und bunten Stoffen bestehenden jährlichen Pachtzins für das von ihnen besetzte Gebiet am Rio Benuto zahlten.

Sie hatten die Niederlassung nach dem Ältesten der Auswanderer, einem Holländer, Draakensberg getauft. Diese bestand aus einigen zwanzig Blockhütten, die sämtlich auf einem bewaldeten steilen Berg dicht am Fluss erbaut waren. Der Berg hatte nur einen einzigen Zugang von Süden her, wo die Felswand in Terrassen anstieg. Diese Terrassen waren zu einem Serpentinenweg umgewandelt worden.

Die Getreidefelder und Weideflächen zogen sich in nächster Nähe am Fluss hin.

An einem warmen Augusttag näherte sich der Ansiedlung ein plumper großer Wagen, der von acht Pferden gezogen und von einer Schar von gut bewaffneten Reitern begleitet wurde.

Dem Zug ritten drei Männer voraus, von denen der eine ein Indianer, der Haartracht und dem Adlerfederschmuck nach ein Häuptling war. Die beiden anderen waren ihrem Anzug und ihrer Bewaffnung nach Trapper.

Der Reisewagen gehörte einem Trupp von Goldgräbern, die im Felsengebirge monatelang das edle Metall mühsam aus dem Geröll eines Baches gewonnen hatten und dann nach Osten zu in zivilisierte Gegenden mit der Ausbeute ihrer Arbeit hatten heimkehren wollen. Unterwegs in den Prärien am Cimarron River wären sie jedoch beinahe durch Apachen hingemordet worden, wenn nicht der berühmte Trapper Felsenherz und seine beiden Freunde, der Comanchenhäuptling Chokariga und der Fallensteller Tom Einaug sie gerettet hätten.

Diese drei bekannten Westmänner waren es auch, die dem Wagen vorausritten und nun am Fuß des Draakensberges zuerst die rasch zusammengeströmten Ansiedler begrüßten und für einige Tage um Unterkunst baten.

Der alte Holländer Pieter Draaken bewillkommnete die Reisenden aufs Freundlichste und bat die drei Westmänner, in seiner eigenen Blockhütte seine Gäste zu sein, während die Goldsucher von anderen Ansiedlern aufgenommen wurden.

Als der Anführer der Goldgräber, ein gewisser Ben Rallay, den alten Draaken dann fragte, ob man die vier Ledersäcke mit Goldkörnern, die in dem Wagen lagen, nicht besser mit nach oben auf den Draakensberg nehmen sollte, erklärte der würdige Greis mit Stolz, dass es hier keine Diebe gäbe und das Gold hier unten im Wagen ebenso sicher sei wie oben in einer der Blockhütten.

Der Tag verging den drei Westmännern im Kreis der Familie Draakens sehr schnell. Man besichtigte die Felder und die Viehweiden, die durch einen Wasserfall getriebene Sägemühle und manches andere.

Felsenherz war erstaunt, was die Ansiedler hier alles mitten in der Wildnis geschaffen hatten.

Als er von dem alten Draaken dann wissen wollte, wie die Ansiedler mit den benachbarten Osage sich vertragen, verfinsterte sich das weißbärtige Gesicht des Holländers etwas.

»Bisher waren wir mit den roten Spitzbuden gut Freund«, erwiderte er. »Gestern nun, als wir ihnen wieder den sogenannten Pachtzins für ein halbes Jahr entrichten wollten, schickten sie unsere jungen Leute jedoch zurück und verlangten das Doppelte an Pulver und Blei, außerdem zehn Doppelbüchsen. Ich will nun morgen selbst zu den Osagedörfern hinüberreiten, die nach Süden zu am Bisam Creek liegen, und die Rothäute zur Vernunft bringen. Ich begreife nicht, was so plötzlich in sie gefahren ist.«

Der Alte und Felsenherz hatten jetzt gerade auf ihrem Spaziergang einen hohen Uferfelsen des Benuto erreicht, von wo aus sie das etwa vierzig Meter breite Flüsschen und die Felder sowie den Draakensberg bequem überblicken konnten.

Der blonde hünenhafte Trapper war entzückt über das abwechslungsreiche Landschaftsbild, das sich im Glanz der bereits niedergehenden Sonne seinen Augen darbot.

Dann bemerkte er nordwärts eine schmale steinige Halbinsel, die sich wie ein dunkler Strich mit ihrem Baumwuchs von Riesentannen in den Fluss hineinschob. An der Spitze der Halbinsel erkannte er eine kleine Blockhütte, aus deren Schornstein Rauch emporstieg.

»Wer wohnt denn dort, Mr. Draaken?«, fragte er den alten Holländer, indem er die Augen halb zukniff, um schärfer sehen zu können. Er hatte da soeben neben der Blockhütte zwischen den Tannen eine Gestalt erspäht, fraglos einen Indianer, der jedoch wieder verschwunden war.

Draaken seufzte und erwiderte ärgerlich: »Ja, dort haust der einzige Mensch, der nicht so recht zu uns anderen passt. Es ist ein halber Gelehrter, Mr. Felsenherz, einer, der Pflanzen, Steine und Käfer sammelt. Vor einem halben Jahr kam er hierher und ließ sich in die Ansiedlung aufnehmen. Zuerst war er recht zugänglich, dieser Harry Bleec. Jetzt, nachdem er sich seine Hütte dort auf der Halbinsel errichtet hat, lebt er ganz für sich allein mit seinen beiden großen Bluthunden. Er hat sich als ein finsterer, unfreundlicher Geselle entpuppt, den wir gern wieder los sein möchten. Ich weiß nicht: Der Mensch hat für mich etwas Unheimliches!«

Felsenherz hatte gespannt zugehört. Er verheimlichte jedoch sein Interesse für diesen Harry Bleec und fragte scheinbar gleichgültig: »Kommen die Osage häufiger hier zu der Ansiedlung?«

»Seit Monaten hat sich keiner blicken lassen. Wir sehnen uns auch nicht nach ihnen. Sie stehlen wie die Raben, diese Osage.«

Chokariga, der schlanke Comanchenhäuptling mit dem edel geschnittenen Gesicht, war plötzlich neben den beiden erschienen. Er hatte sich vorhin von ihnen getrennt, war zurückgeblieben.

Auf seine lange Doppelbüchse gelehnt ließ er schweigend seine Blicke in die Runde schweifen.

Felsenherz Misstrauen gegen diesen Bleec war noch gestiegen.

»Was treibt dieser Gelehrte denn hier«, fragte et nach kurzer Pause wieder.

»Ich sagte es ja schon: Er durchstreift die Umgegend und sammelt allerlei zwecklose Dinge, Mr. Felsenherz. Man bekommt ihn jedoch sehr selten zu Gesicht.«

»Ist er mit den Osage befreundet?«

Draaken schüttelte eifrig den Kopf. »Im Gegenteil. Er hasst die Rothäute wie die Sünde!«

Da mischte sich Chokariga, der Schwarze Panther ein, in dem er gleichmütig sagte: »Das Blasgesicht, das dort auf der Halbinsel wohnt, schlich uns vorhin nach. Chokariga bemerkte es und verbarg sich, folgte dem Blassgesicht dann. In einem Dickicht vor der Halbinsel traf es mit drei Osagekriegern zusammen, von denen der eine der Osagehäuptling Patakoma, der Springende Bär, war.«

Draaken starrte den Comanchen ungläubig an.

»Ihr meint also, Häuptling, dass Bleec mit den Osage doch befreundet ist?«, rief er zögernd.

Chokariga nickte. »Was sie miteinander sprachen, konnte ich nicht verstehen. Aber das Blassgesicht nahm die drei dann mit zu seiner Hütte.«

Felsenherz erzählte jetzt dem Comanchen, was er soeben von Draaken erfahren hatte, dass die Osage den Pachtzins diesmal zurückgewiesen und weit mehr verlangt hätten. Er fügte hinzu: »Ich möchte Euch ja nicht gerade unnötig ängstigen, Mr. Draaken. Aber ich rate Euch doch, jetzt recht vorsichtig zu sein. Es hat fraglos etwas zu bedeuten, dass die Osage den Pachtzins ablehnten. Die Osage sind als falsch und hinterlistig bekannt.«

Auch der Comanche erklärte noch: »Patakoma, der Springende Bär, hat vor zwei Monaten zwei Krieger meines Stammes erschossen und deswegen an die Comanchen einen Tribut von zwanzig Flinten zahlen müssen. Die Blassgesichter tun gut, den Rat meines Bruders Felsenherz zu befolgen und auf ihrer Hut zu sein. Chokariga wird die Ansiedlung auch sofort verlassen, damit die Osage nicht etwa, um mich zu fangen, den Draakensberg angreifen.«

Der alte Holländer sah sehr wohl ein, dass diese gut gemeinten Warnungen nur zu berechtigt waren.

Man kehrte sofort zur Ansiedlung zurück. Draaken berief die ältesten Männer zur Beratung zusammen, an der auch Felsenherz und der einäugige Trapper Tom, stets Tom Einaug genannt, teilnahmen, während Chokariga bereits seinen Rappen gesattelt und davongeritten war, nachdem er mit seinem weißen Bruder Felsenherz noch vereinbart hatte, wo sie sich nachher treffen wollten. Nach des blonden Trappers Vorschlag sollten die Ansiedler für die nächste Zeit jedenfalls bis zu einer friedlichen Einigung mit den Osage, die Niederlassung Tag und Nacht durch mehrere Wachen schützen. Felsenherz versprach noch, selbst aufklären zu wollen, was es mit der Freundschaft Harry Bleecs und der Osage auf sich hätte. Dann verabschiedete auch er sich von den dankbaren Männern und verließ in Begleitung von Tom Einaug nach Westen zu die blühende Niederlassung.

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