Zweiter Advent

Story-Tipps

Eiszeit

Download-Tipps

Die Waldmühle

Archive
Folgt uns auch auf

Der Spion – Kapitel 1

Balduin Möllhausen
Der Spion
Roman aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, Suttgart 1893

Kapitel 1

Die Kundschafter

Auf dem Friedhof einer kleinen Stadt in der Provinz New Mexiko befanden sich zu Ende der fünfziger Jahre zwei Gräber, an welchen kaum jemand vorüberging, ohne sich zu bekreuzen und im Stillen ein Ave Maria für das Seelenheil der in denselben Schlummernden zu sprechen.

Zu Häupten des einen erhob sich ein mit Rost überzogenes eisernes Kreuz mit der mühsam zu entziffernden Inschrift Conde Pablo del Armigo. Verunglückt am 22. Mai 1845. Friede seiner Asche. Das andere, hart neben demselben gelegene Grab erkannte man als solches nur noch durch eine wenig erhöhte unregelmäßige Grasnarbe. Wurde ein Fremder vom Zufall dorthin geführt und er fragte den ihm etwa begegnenden redseligen alten Kirchendiener nach der Ursache der auffälligen Vernachlässigung und Verschiedenartigkeit der beiden Ruhestätten, so erhielt er gewöhnlich zur Antwort, dass es keinen mehr gebe, der sich um die dort Ruhenden kümmere. Er fügte auch wohl die Erklärung hinzu, dass mit dem Tod des Conde Pablo del Armigo, des Nachkommen eines stolzen spanischen Geschlechtes, die nach Mexiko ausgewanderte Linie erloschen sei. Das Kreuz habe die junge Witwe ihm errichten lassen, wogegen sie selbst, als sie ihrem Gatten wenige Jahre später nachfolgte und neben ihn gebettet wurde, mit einem einfachen Hügel sich begnügen musste.

»Es war am besten so«, fuhr der alte Mann, einmal im Erzählen begriffen, regelmäßig fort, »denn der Name Sullivan, so hieß nämlich ihr zweiter Gatte, wäre eine Unzierde für den ganzen Friedhof gewesen, möchte sogar ihren ersten in seinem seligen Schlaf gestört haben. Was Sullivan verbrach, ist mehr, als selbst unser Herrgott nach tausendjährigem Büßen in Fegefeuer und Hölle verzeihen könnte. Er war es auch, welcher Don Pablo auf dem verhängnisvollen Jagdausflug begleitete, von welchem er nicht mehr lebendig heimkehren sollte. Es hieß zwar, er sei mit seinem Pferd in einen Abgrund gestürzt, und die während des Fallens sich entladende Büchse habe sein jähes Ende herbeigeführt; allein heute nach den vielen langen Jahren schwört noch jeder darauf, dass Sullivan ihn hinterrücks ermordete. Der Verdacht wurde verschärft, als dieser ein Jahr später die junge Witwe heiratete und bald darauf deren Töchterchen, um des ehelichen Friedens willen, wie er behauptete, zu seinen Verwandten in die Vereinigten Staaten brachte. Wie es mit dem ehelichen Frieden bestellt gewesen sein mag, weiß allein unser Herrgott. Es verlautete, dass die junge Frau die schrecklichsten Qualen zu erdulden hatte, bis endlich der Himmel sich ihrer erbarmte und sie zu sich nahm. Dadurch erhielt Sullivan freie Hand. Er begann damit, das ererbte ansehnliche Vermögen mit ruchlosen Kumpanen zu vergeuden, und eine verhältnismäßig kurze Reihe von Jahren dauerte es dann nur, bis er mit allem fertig wurde. Außerdem häufte er so viele Schulden an, dass sie den Wert der Hazienda samt allen Liegenschaften weit überstiegen, und er sich schließlich gezwungen sah, mit Schimpf und Schande heimlich das Weite zu suchen. Was aus ihm geworden ist, ahnt kein Mensch. Vielleicht fand er als Pferdedieb irgendwo am Galgen sein Ende, und das wäre noch eine gelinde Strafe für die von ihm begangenen Verbrechen gewesen.«

Auf die naheliegende Frage nach dem Kind antwortete der alte Mann unabänderlich, dass es in der Ferne noch vor seiner Mutter gestorben sei, sicher das beste Los, welches unter den obwaltenden Verhältnissen der Allerbarmer dem unschuldigen Opfer eines Teufels in Menschengestalt hätte zusprechen können. War er bei einigermaßen guter Laune, so führte er den betreffenden Fremden vor das Kirchenregister, um ihm die Namen Armigos und der seinen zu zeigen. Denselben beigefügt war ein gerichtlich beglaubigtes Dokument, laut dessen die kleine Condesa Oliva del Armigo in ihrem vierten Jahr in einer Stadt des Ostens einer epidemischen Krankheit erlag.

»So ist alles dahin, was einst auf dem felsenfesten Boden eines dauernden Glückes begründet zu sein schien«, schloss der greise Kirchendiener dann seinen Bericht. »Die Menschen sind gestorben, es zerfallen die Mauern der verödeten Hazienda. In den Gärten, auf Wegen und Höfen wuchern Unkraut und Gras. Fremdes Vieh weidet auf den gewissermaßen zum Gemeingut gewordenen Wiesen. Man fürchtet den Fluch, der auf der Besitzung lastet, oder es hätte sich längst jemand gefunden, nach Vereinbarung mit den betrogenen Gläubigern sie neu zu beleben.«

So lauteten die Mitteilungen des freundlichen alten Mannes. Waren sie geeignet, eine regsame Fantasie zu beschäftigen, so erweckten sie nicht minder die Neigung, nach weiteren Quellen zur Vervollständigung des Erlauschten zu forschen.

 

*

 

Die Zeiten überstürzen sich. Welterschütternde Begebenheiten, die kaum fünfundzwanzig Jahre weit zurückliegen, verblassen, als ob deren hundert darüber hinweggerauscht wären. Wie Märchen, ersonnen und erdacht in behaglichen Mußestunden, klingen die Schilderungen alternder Häupter aus jenen Tagen herüber. Und doch hört man sie gern. Sie regen die Fantasie an, zu ergänzen, im sorgsamen Aneinanderreihen der verschiedenartigsten Ereignisse ein einheitliches Ganzes zu schaffen. Bevor der Staat Missouri in seiner westlichen Ausdehnung in die baumlose Ebene, die große Prärie, übergeht, gewinnen die Landschaften erhöhte Reize durch die liebliche Abwechselung von Grasfluren, Hain und Wald. Je weiter gegen Sonnenuntergang, in demselben Maß überwiegen Wiesenflächen, bis sie endlich den Horizont ringsum begrenzen. Diese Landschaften sind gewissermaßen das Eldorado des betriebsamen Ackerbauers und Viehzüchters. Sie bevölkerten sich verhältnismäßig schnell, obwohl nicht in einer Weise, dass die Pflege des nachbarlichen Verkehrs sehr erleichtert gewesen wäre. Dazwischen sprangen dann wieder größere Ansiedlungen auf, in welche langsam aber sicher zunehmender Wohlstand seinen Einzug hielt.

Doch der Friede, der mit dem Emporblühen Hand in Hand ging, sollte nicht von Bestand sein. Seit Beginn des furchtbaren Bürgerkrieges (1861-1865) ruhte es wie ein böser Bann auf allen Gemütern. Es litten diese Landesteile in um so höheren Grad, weil sie abgelegen von den Gefilden, auf welchen zwar Schlachten geschlagen und Truppenbewegungen in großem Maßstab vollzogen wurden, dagegen die militärische Disziplin den Bewohnern mehr oder minder Schutz gewährte. Die nächste Folge war, dass jene aus entlaufenen Söldlingen, arbeitsscheuen Vagabunden und Wegelagerern, kurz aus den verworfensten Elementen zusammen gesetzten Guerrillabanden das Land verheerten, Raub, Brand und Mord in die wehrlosen Ansiedlungen trugen und vor keinem Verbrechen zurückschreckten, wenn es galt, sträflichen Leidenschaften zu fröhnen. Obwohl ohne jegliches politisches Glaubensbekenntnis und in den Bewegungen von nicht minder verworfenen und raubgierigen Befehlshabern abhängig, nannten sie sich Verfechter der sezessionistischen Grundsätze, dazu auserkoren, den Boden für die angeblich siegreich vordringenden Rebellenheere vorzubereiten und zu säubern.

Die Schandtaten, welche unter diesem Deckmantel verübt wurden, sind ebenso zahlreich wie grauenhaft. Im Bewusstsein der durch Übermacht gesicherten Straflosigkeit ging man mit um so größerer Verwegenheit und Ruchlosigkeit zu Werke. Denn die Bandenchefs besaßen zum Teil militärische Kenntnisse, infolge dessen man kleinere Truppenabteilungen nicht zu fürchten brauchte. Beim Herannahen überlegener dagegen zerstreute sich die gesetzlose Horde und verschwand, wozu die schmalen, mehr oder minder bewaldeten, tief ausgespülten Täler der Wasserläufe, wie die zerrissenen Regenschluchten die günstigste Gelegenheit boten, um auf einer anderen Stelle plötzlich wieder aufzutauchen und das Zerstörungswerk von Neuem zu beginnen.

 

*

 

Die Nachmittagssonne eines heißen Hochsommertages des Jahres 1864 lachte auf die eben beschriebenen Landschaften nieder. Sie vergoldete die bereits mit vereinzelten Herbstlichtern geschmückten Baumwipfel, während sie auf den angrenzenden Wiesenflächen deren Schatten verlängerte, als in dem engen Tal eines südlichen Zuflusses des Kansas eine kleine Reisegesellschaft rastete. Inmitten der dichten Strauch- und Baumvegetation hatte sie eine vom Zufall geschaffene Lichtung zu ihrem Aufenthalt gewählt, die gerade umfangreich genug war, den angepflockten Pferden ein erträgliches Futter zu gewähren.

Um das mit trockenem Holz genährte rauchlose Feuer saßen vier Männer, deren Physiognomien sowohl wie ihre Bekleidung davon zeugten, dass das Leben im Freien ihnen zur Gewohnheit geworden war, Beschwerden, Entbehrungen und Gefahren keinen anderen Eindruck auf sie ausübten, als das sich regelmäßig wiederholende Tagewerk auf einen gewissenhaften Arbeiter. So beschränkten sich auch ihre Reisebedürfnisse auf das geringste Maß. Außer den Kleidern, welche sie auf dem Körper trugen, und den Waffen, kam auf jeden, neben dem Inhalt der Satteltaschen, nur eine wollene Decke, welche des Nachts als Bett und am Tag zeitweise als Sitz diente. Ihre Beschäftigung bestand darin, dass sie an dünnen Stäben Fleischschnitte rösteten, die sie einem in der Nähe hängenden, bereits arg verstümmelten Hirsch entnahmen, und abwechselnd aßen und aus ihren kurzen Tonpfeifen rauchten.

Wer, vom ungefähr dorthin geführt, den ersten Blick auf die verwitterten und bestaubten Gestalten geworfen hätte, dessen Aufmerksamkeit würde zunächst durch einen Mann gefesselt worden sein, der etwas über eine gute Mittelgröße hinausragend, in Haltung und Bewegung ungewöhnliche Kraft und Gewandteit verriet. Sein bräunliches, wohlgebildetes Gesicht, für das Alter von fünfunddreißig Jahren fast zu finster, mit den beweglichen dunklen Augen, dem starken schwarzen, trotzig emporgedrehten Schnurrbart und dem kurzgehaltenen Vollbart zeugte für seine mexikanische Abstammung. Die äußere Ausstattung, das verschossene rote Flanellhemd, die kurzen Lederbeinkleider nebst Gamaschen und Mokassins vervollständigte dagegen die Erscheinung eines texanischen Grenzers, eines jener wilden Reiter, in deren Faust das geschwungene Lasso eine mindestens ebenso gefährliche Waffe ist, wie die Pistole in der Hand eines etwaigen Gegners. Trotzdem umwebte ihn ein gewisser vornehmer Anstand, wohl geeignet, die Meinung anzuregen, dass er nicht für das raue Gewerbe eines Hirten und Viehtreibers geboren und erzogen worden sei.

Ihm zur Seite saß ein schlanker junger Mann, augenscheinlich ein Deutscher, in der Uniform eines Union Captain. Mit seinem hübschen blondbärtigen, sonnverbrannten Antlitz, dessen Ausdruck neben heiterer Sorglosigkeit durch eine gewisse kaltblütige Überlegung bestimmt wurde, veranschaulichte er einen Feldsoldaten, der seine letzte Ausbildung im wilden Schlachtengetümmel erhielt. Diesen beiden gegenüber auf der anderen Seite des Feuers kauerten ein uniformierter Irländer, offenbar der Diener des Offiziers, und ein junger Indianer vom Stamm der Otoe, jener zusammengeschmolzenen Nation, welche damals noch oberhalb der Mündung des Nebraska die Feuer ihrer Wigwams unterhielt. Nach indianischer Sitte bekleidet, führte er neben Bogen, gefülltem Köcher und Kriegsbeil, Büchse nebst Kugeltasche und Pulverhorn. Auch dem Bemalen des Gesichtes hatte er noch nicht entsagt, wie der Vorliebe, den von dem kahlgeschorenen Haupt nach hinten niederhängenden, fest geflochtenen Skalpzopf mit Eulenfedern zu schmücken. Er wie der Ire waren wortkarg und schienen nur Sinn für das unter ihren Händen röstende Fleisch zu besitzen, während der Grenzer und der Offizier eine lebhafte Unterhaltung führten.

»Ich kann mich der Überzeugung nicht verschließen«, bemerkte Letzterer im Lauf des Gesprächs, »dass es dennoch ratsamer gewesen wäre, uns gestern schon zu der Ansiedlung zu begeben. Vielleicht befänden wir uns dann zur Zeit mit des Colonels Tochter bereits auf dem Weg zum Missouri.«

»Ich bedaure, widersprechen zu müssen«, versetzte Nicodemo, wie der Grenzer hieß, gleichmütig. »Zunächst hätten wir dadurch die Bande des schurkischen Quinch mit ihren Kundschaftern zwischen uns und den Strom gebracht; dann aber möchte es schwerlich gelungen sein, unsere Aufgabe unbemerkt auszuführen. Die nächste Folge wäre gewesen, dass Quinch eine Abteilung seiner Bluthunde auf unsere Fährte gesetzt hätte, und da möchten wir nicht weit gekommen sein. Und Miss Lydia Rutherfield wäre eine zu wertvolle Geisel in den Händen dieses verruchten Bandenchefs, als dass er nicht alles in seinen Kräften Stehende aufbieten möchte, sich ihrer zu bemächtigen. Bevor wir uns über alle Verhältnisse genau unterrichten, dürfen wir keinen Schritt tun oder wir untergraben die letzte Aussicht auf Erfolg. Ich wundere mich übrigens, dass der Colonel seine Tochter nicht längst aus dieser gefährdeten Gegend entfernte.«

»Wer konnte ahnen, dass die Banden ihre Raubzüge so weit nördlich ausdehnen würden«, erwiderte Captain Durlach nachdenklich, »und heute noch glaubte er Miss Lydia auf seiner Besitzung am sichersten aufgehoben, wäre er nicht durch einen gewissen Kampbell gewarnt worden.

»Kennen Sie diesen Kampbell?«, fragte Nicodemo, und ohne sein Haupt zu regen, warf er einen forschenden Seitenblick auf Durlach.

»Ich weiß nur, dass er den Unionstruppen freiwillig als Spion dient, dabei aber so listig und vorsichtig zu Werke geht, dass bis jetzt sich keiner rühmen kann, so lauten wenigstens die Gerüchte betreffs seiner, ihn jemals gesehen zu haben. So ist die Warnung auch nur dem Zufall zu verdanken. Der Colonel erhielt nämlich zur weiteren Ausnutzung die kurze schriftliche, nur mit dem Namen Kampbell unterzeichnete Botschaft – der junge Otoe überbrachte sie als ihm von einem Unbekannten übergeben – dass Quinch mit seiner Horde sich hierher gewendet habe. Das war allerdings genug, um ihn mit Sorgen zu erfüllen, und dieser Kampbell erwies sich ja zu oft als zuverlässig, als dass noch Zweifel an der drohenden Gefahr hätten Boden gewinnen können. Ursprünglich mag er erwartet haben, dass Rutherfield mit seinem Regiment zur Verfolgung der Mordbrenner aufbrechen würde. Allein der konnte ebensowenig ohne Befehl von oben aus dem Corpsverband austreten, wie unter Aufgeben seines Kommandos sich selbst auf den Weg begeben. In seiner Not wendete er sich an mich, seinen Adjutanten, den zu beurlauben in seiner Machtvollkommenheit lag. Schwer genug wurde es mir freilich, den bevorstehenden Gefechten anscheinend aus dem Weg zu gehen. Doch was blieb mir übrig seinen ernsten Befürchtungen und Beschwörungen gegenüber? Ich entschloss mich daher schnell und verließ noch am selbigen Abend mit meinem Burschen das Regiment, zumal der junge Otoe sich als Führer anbot und zur Eile trieb.«

»Nun, Captain«, wendete Nicodemo ruhig ein, »hätte man Sie zu einer Lustfahrt ausgeschickt, möchte ich Ihre Bedenken gelten lassen, aber Sie befinden sich auf einem Weg, der nicht sicherer, als wenn in der Schlacht Ihnen die Kugeln um die Ohren fliegen. Als kampflustiger Soldat können Sie sich daher den Tausch immerhin gefallen lassen; denn geraten wir in die Hände dieser verworfenen Wegelagerer, so mögen wir es als ein Glück preisen, durch Pulver und Blei, anstatt mittels eines hanfenen Strickes abgetan zu werden, um so mehr, da wir nicht imstande wären, uns von dem Verdacht, bei den Unionisten Kundschafterdienste zu verrichten, zu reinigen.«

»Gefahren, gleichviel welcher Art, fallen bei mir nicht ins Gewicht«, meinte Durlach gleichmütig, »und ebenso gern, wie ich meine Haut an einer anderen Stelle zu Markte trage, setze ich das Leben für die Rettung einer hilflosen jungen Lady ein. Doch nebenbei: Als wir gestern zusammentrafen, erstaunte ich über die Sicherheit meines Führers. Beinahe auf die Stunde hatte Schahoka unsere Begegnung vorausgesagt.«

»Und dennoch kein Wunder«, versetzte Nicodemo mit einem leichten Anflug von Spott, »Schahoka und sein Freund Schinges sind zwei so verschlagene Burschen, wie nur je einer den Skalp von dem Schädel eines Rebellen streifte. Und es lässt sich ja nicht leugnen: Einmal auf den Kriegspfad gelockt, sind sie in ihrer unbezähmbaren Feindseligkeit plötzlich wieder zu dem barbarischen Brauch ihrer Vorfahren zurückgekehrt. Sie befinden sich übrigens hier auf vertrautem Boden, und da müsste es mit dem Henker zugehen, sollten sie den Weg verfehlen. Außerdem wurden wir von Kampbell angewiesen, Sie oder vielmehr die Botschaft des Colonels Rutherfield oder eines anderen Kommandeurs hier zu erwarten.«

»Immer wieder dieser Kampbell! Wenn er Ihnen Ratschläge erteilte, müssen Sie ihn notgedrungen näher kennen.«

»Ich sah nicht mehr von ihm wie Sie oder der Colonel. Ich gehöre allerdings zu denjenigen, die unter seiner Leitung arbeiten, dagegen besteht unser ganze Verkehr im Austausch weniger, jedem anderen unverständlichen Zeilen durch die dritte Hand. Als unversöhnlicher Feind der Rebellen, namentlich der Guerrillabanden, muss er es wohl für seinen Zweck förderlich halten, sich in undurchdringliches Geheimnis zu hüllen. Wir erwarteten übrigens eine andere Aufgabe, ahnten am wenigsten, dass anstatt die Bewegungen des Quinch zu überwachen und ihn und seine Horde gewissermaßen mundgerecht für einen Überfall durch die Unionisten zu machen, wir beauftragt werden würden, eine junge Lady in Sicherheit zu bringen.«

In diesem Augenblick wurde das Gespräch durch das Geräusch unterbrochen, mit welchem sich jemand durch das dichte Strauchwerk drängte. Die Aufmerksamkeit aller kehrte sich demselben zu, und gleich darauf trat ein zweiter Indianer auf die Lichtung. Es war Schinges, der Stammesgefährte Schahokas, äußerlich von diesem vorzugsweise dadurch verschieden, dass sein langes schwarzes Haar tief über Schultern und Rücken niederfiel.

Erst nachdem er sich neben Schahoka niedergelassen hatte, redete Nicodemo ihn mit den Worten an: »Ich hoffe, mein Freund Schinges bringt gute Nachrichten. Als er fortging, begleitete ihn Oliva. Jetzt kommt er allein. Wie soll ich das deuten?« Bei diesen Worten prägte sich in seinen Zügen unzweideutig ängstliche Spannung aus.

»Wir blieben zusammen bis vor einer Stunde«, antwortete der junge Otoe in verständlichem, wenn auch nicht geläufigem Englisch. »Wir sahen die Hunde in der Ferne. Sie marschierten zu der Ansiedlung. Als die Sonne am höchsten stand, rasteten sie. Bleiben sie nicht zu lange liegen, so erschrecken sie die Leute in der Ansiedlung vor Abend.«

Nicodemo kehrte sich dem Captain zu. »Wir wissen jetzt wenigstens, wo die Gesellschaft weilt, und können ihr daher ausweichen«, sprach er erbittert. »Anders wäre es, wenn wir Miss Lydia bereits aufsuchten. Entkamen wir wirklich, so wäre am hellen Tag die Richtung unserer Flucht nicht verborgen geblieben.« Und wieder zu dem Otoe: »Ich fragte schon einmal, wo blieb Oliva?«

»Die starke Frau ritt zu der Ansiedlung«, erklärte Schinges nunmehr. »Sie wollte die Tochter des Colonels sprechen. Sie handelte recht. Ich selber wollte hin. Die starke Frau wehrte mir. Sie meinte, die Tochter des Colonels möchte dem braunen Jäger misstrauen. Sie wird hier sein, wenn die Sonne schlafen geht.«

Nicodemo schüttelte den Kopf unzufrieden und finsterer schaute er darein.

»Das war wider die Vereinbarung«, sprach er vor sich hin, »es ist zum Verzweifeln. Mit ihrer Verwegenheit wird sie es so weit treiben, dass die Bluthunde eines Tages die Hand auf uns beide legen, und dann gute Nacht, Welt.«

Teilnahmsvoll betrachtete der Captain das geneigte Antlitz des Gefährten. Es entging ihm nicht, dass die von dem Otoe überbrachte Kunde ernste Befürchtungen in ihm wachgerufen hatte, und wie um diese zu zerstreuen, bemerkte er zuversichtlich: »Fand sie den Weg in den Ort hinein, so findet sie ihn noch leichter zurück. Ich sah genug während der wenigen Stunden des Verkehrs mit ihr, um das behaupten zu dürfen.«

»Sie sahen gar nichts«, versetzte Nicodemo rau, »hege ich aber Besorgnisse, so sind sie begründet. Es geschähe nicht zum ersten Mal, dass sie sich mitten unter die erbittertsten Feinde wagte, um sie durch falsche Nachrichten in die Irre zu führen.«

»Das wäre mehr als Vermessenheit«, erklärte Durlach erstaunt, »es grenzte an Wahnsinn. Unglaublich erscheint, dass ein weibliches Wesen durch Hass – und der verriet sich bei ihr unzweifelhaft – zum Spielen mit Tod und Verderben getrieben werden kann.«

»Hass, tödlicher Hass«, bestätigte Nicodemo, seine innere Erregung nur schwer bekämpfend, »aber ein Hass, zu welchem sie so berechtigt ist wie ein klarer Sommertag zum Sonnenschein. Ja, ich weiß das, fühle mich nicht berufen, darüber zu jemand zu reden. Es möchte auch schwerlich Olivas Billigung finden. Sie aber erfuhren jetzt genug, um sie nicht hart zu beurteilen.«

»Bis jetzt kam es zwischen uns noch nicht zur Sprache«, spann Durlach die Unterhaltung weiter, »ich konnte daher nur vermuten, dass Oliva zu Ihnen gehöre, vielleicht als Schwester oder sonstige Verwandte.«

»Nichts davon«, herrschte Nicodemo ihm förmlich zu. »Wäre sie meine Schwester, so möchte ich ihr die Lust am Spionendienst längst verleidet haben. Entspricht er doch meinen eigenen Neigungen am wenigsten. Unter den waltenden Verhältnissen bin ich gezwungen, wohin sie auch gehen mag, ihr getreu zur Seite zu stehen. Kann es sich doch ereignen, dass sie eines Tages meines Beistandes bedarf; ich aber fände in meinem Grab keine Ruhe, stiege ich mit dem Bewusstsein in dasselbe hinab, sie habe ein gewaltsames Ende gefunden, ohne dass ich vorher mein Leben für die Ärmste eingesetzt hätte.«

»Welche Anhänglichkeit gehört dazu, um derartig zu sprechen«, versetzte Durlach nachdenklich, und ihm war, als ob ein Schleier von Rätseln sich um die vor Kraft strotzende eiserne Gestalt des Grenzers webe.

Nicodemo sah wieder vor sich nieder. Seine Gesichtsfarbe war noch dunkler geworden. Das Fleisch, welches er an der Spitze seines Stäbchens röstete, stieß er in die Glut, dass es zischend verbrannte. Erst nachdem es verkohlt war, richtete er sich wieder auf, und eintönig, beinahe ausdruckslos sprach er zu dem Captain gewendet: »Anhänglichkeit? Nun ja. Sie sind ein Ehrenmann und Ihnen gegenüber leugne ich es nicht. Ich hege tatsächlich aufrichtige Freundschaft für sie, und den Tag will ich segnen, an welchem sie mit ihrem Hass bricht, das heißt, wenn sie nicht vorher ein trauriges Ende fand. Verdammt! Auf mir ruht eine Art Verpflichtung, welche ich nur als geheiligt bezeichnen kann, und die vermag kein Gott zu lösen. Schon als halbes Kind lernte ich sie kennen, und ein schönes, herziges, lustiges Kind war sie obenein, nur dass zu viel von der Natur eines Mannes in ihr wohnte. Sechzehn Jahre mochte sie damals zählen, da ritt sie schon den wildesten Mustang auf Tod und Leben, und fest saß sie nach Männerart auf dessen Rücken, als wär es ein Panther gewesen, der sich mit Zähnen und Krallen an das schäumende Tier anklammerte. Auf dem Rancho ihres Vaters aber befand sich kein Hund, kein Hammel, nicht einmal ein Hahn, dem sie nicht im Spiel das Lasso über den Kopf geworfen hätte. Da konnte es mit der Gelehrsamkeit freilich nicht viel werden. Erst als sie mehr heranreifte, fühlte sie das Bedürfnis, bei einem Geistlichen wenigstens Lesen und Schreiben zu lernen, und das trieb sie eine Zeitlang mit großem Eifer. Caramba! Wie hat sich das seitdem geändert! Wer sie nach den langen Jahren jetzt wiedersähe, würde sie für eine andere halten. Alles an ihr ist gewissermaßen zum Mann geworden. Kampbell selber könnte es ihr in Ausübung des gefährlichen Gewerbes nicht zuvortun.« Ein seltsames herbes Lächeln spielte um seine Lippen. »Dabei beweist sie eine Umsicht und Kaltblütigkeit, dass ich, der ich seit Jahren nicht von ihrer Seite wich, sie also kennen muss, jetzt noch oft über sie erstaune. Missbillige ich aber, dass sie trotz der Nähe der Raubbande sich zum Besuch der Ansiedlung entschloss, so lässt es sich andererseits nicht tadeln, wenn sie, einem tief gewurzelten Zug von Herzensgüte folgend, darauf ausging, Beziehungen mit dem gefährdeten Mädchen anzuknüpfen und es auf die kommenden Dinge vorzubereiten. Ich ahnte ihren Plan, als sie Ihnen den Brief des Colonels abforderte.«

»Eine Bitte, die ich ihr leider abschlagen musste«, versetzte Durlach bedauernd. »Sie wissen, das Wort eines Mannes ist heilig, und ich versprach dem Colonel in die Hand, das Schreiben persönlich zu überreichen. Es wäre ein Unglück von unberechenbaren Folgen, käme es dem Bandenchef oder einem seiner Bluthunde vor Augen.«

»Darüber hätten Sie unbesorgt sein können«, erwiderte Nicodemo finster, »selbst in der fürchterlichsten Lage hätte sie Mittel gefunden, den Brief zu beseitigen, dafür bürge ich mit meinem Leben. Doch Sie haben recht: ein Mann, ein Wort. Jetzt eine andere Frage: Wissen Sie Näheres über die augenblickliche Lage der jungen Lady?«

»Nach ihren brieflichen Mitteilungen zu schließen, wie der Colonel mir anvertraute, ergeht es ihr wohl. Ich gewann den Eindruck, als ob ihr mehr darum zu tun gewesen wäre, den Vater nicht zu beunruhigen. Mein Verdacht entsprang aus dem Umstand, dass eine ältere Verwandte, welche gemeinschaftlich mit ihr dem Haushalt vorstand, schon vor einiger Zeit sich von ihr trennte. Einem Besuch sollte deren Reise gelten, allein nach meiner Überzeugung walteten andere Beweggründe. Entweder jene Verwandte ist Unionistin und wurde durch Angst vor den umherstreifenden Guerrillas zur Flucht bewegt, oder sie huldigt den Anschauungen der Rebellen und konnte daher dem Drang nicht widerstehen, sich Gleichgesinnten zuzugesellen. Wer weiß, ob sie nicht zur Verräterin an den eigenen Verwandten wurde. Dergleichen wäre wenigstens nichts Neues in diesen Zeiten.«

»So befindet Miss Lydia sich allein auf der Besitzung ihres Vaters?«

»Allein mit ihrer Dienerschaft, wie ich vernahm, und auch deren Treue ist wohl nicht verbürgt. Doch ich wiederhole, ihre brieflichen Nachrichten waren die einer um ihren Vater besorgten Tochter, die nur zu sehr geneigt ist, die eigene Lage in das günstigste Licht zu stellen, und daher nicht zuverlässig.«

»Auf alle Fälle scheint sie Mut zu besitzen«, entgegnete Nicodemo, »die beste Zugabe, wenn ihre Rettung auf größere Schwierigkeiten stoßen sollte. Wäre Oliva nur hier«, fügte er ungeduldig hinzu, »immer das alte Spiel! Kaum erreichte eine Sorge ihren Abschluss, so ersteht eine neue; das wirkt aufreibend.«

Er erhob sich und forderte Durlach auf, ihn zu begleiten. Dann verließen sie das schluchtartige Tal, um von einer benachbarten Anhöhe aus einen Blick über die umliegende Landschaft zu werfen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.