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John Sinclair Classics Band 14

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 14
Die Insel der Skelette

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 13.03.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 11.02.1975 als Gespenster-Krimi Band 74.

Kurzinhalt:
Asmodis, der Fürst der Finsternis, hat sich auf der Erde ein Heer von Sklaven geschaffen. Sie sollen ihm helfen, die Weltherrschaft zu ergreifen und ein Regiment des Schreckens und des Grauens aufzubauen. Als seelenlose Skelette schleichen sie durch die Nacht, besessen von dem unstillbaren Drang zu töten.

Jetzt will John Sinclair dem Grauen ein Ende bereiten und stellt sich dem Heer des Bösen entgegen …

Leseprobe

Urplötzlich begann die Erde zu beben!

Steine und Felsbrocken flogen him­melwärts. Staub verfinsterte die Sonne. Und tief aus dem Innern der Erde er­tönte ein lang gezogenes Heulen.

Die Hölle hatte ihre Pforten geöffnet.

Ein riesiger Krater entstand. Dunkel­graue, nach Schwefel riechende Rauch­schwaden schossen daraus hervor, wur­den vom Wind durcheinandergewirbelt und bildeten tanzende Figuren.

Ohne Übergang kam die Nacht. Eine dunkle Flüssigkeit stieg langsam vom Kraterboden hoch.

Blut!

Schon bald hatte es den Kraterrand erreicht. Geheimnisvolle Kräfte, die seit Urzeiten tief im Schoß der Erde geschlummert hatten, wurden wach.

Das Blut begann zu brodeln. Blasen bildeten sich. Ein süßlicher Geruch breitete sich aus.

Und aus dem kochenden Blutsee stieg eine Gestalt. Ein Skelett!

Der Fluch war erfüllt …

 

 

Sorgenvoll betrachtete der alte Clint McIntosh den düsteren Himmel.

»Es wird Regen und Sturm geben«, sagte er mit seiner tiefen, wohlklingen­den Stimme.

Patrick, sein Sohn, der mit beiden Händen das Steuer des kleinen Kutters umklammert hielt, nickte bestätigend.

»Bis es losgeht, sind wir längst im Hafen«, meinte er leichthin.

Clint McIntosh wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, holte seine kurze Stummelpfeife aus der Tasche und begann, sie mit bedächtigen Bewegun­gen zu stopfen.

McIntosh hatte Sorgen. Die Fisch­schwärme zogen weiter von den Inseln weg und suchten das offene Meer. Den Familien, die vom Fischfang lebten, ging es immer schlechter. Es war leicht auszurechnen, wann sie sich nach einem anderen Broterwerb umsehen mussten. Die jungen Männer gingen sowieso aufs Festland. Dort hatten sie bessere Chan­cen und konnten mehr verdienen.

Der alte McIntosh blickte seinen Sohn von der Seite her an. Er sah einen hochgewachsenen jungen Mann mit dunkelbraunem Haar und markantem Gesicht. Besonders hervorstehend war das eckige Kinn. Es war ein Merkmal, das alle in der Familie besaßen.

Heute war Patricks letzte Fahrt. Übermorgen wollte er die St.-Kilda-Inseln verlassen und nach Schottland gehen. In Glasgow hatte er Arbeit be­kommen. Niemand konnte es Patrick McIntosh verdenken, dass er so dachte. Auch sein Vater nicht, der ab morgen auf sich allein gestellt sein würde.

Plötzlich hob Patrick den rechten Arm. »Sieh doch, Vater, da ist wieder dieses Licht.«

Clint McIntosh folgte der Richtung des Armes. Im Westen, dort, wo sich Coony Island befand, glühte das blutrote Licht auf.

Der alte McIntosh schlug ein Kreuz­zeichen und bekam eine Gänsehaut. Er senkte den Blick, um nicht in dieses Licht sehen zu müssen.

»Bald ist es so weit«, flüsterte er nun. »Der Teufel – er braucht ein neues Opfer. Vier Leute hat er sich schon geholt. Jetzt ist wieder einer dran. Möge der Herr uns beistehen.«

Patrick McIntosh lachte spöttisch. »Du glaubst doch diesen Kram nicht etwa?«

»Glauben?«, murmelte sein Vater. »Was heißt glauben. Ich weiß es.«

Patrick gab keine Antwort. Er kannte die alten Geschichten, die über diese In­sel erzählt wurden. Er tat alles mit dem Wort Seemannsgarn ab …

Geister sollte es dort geben. Richtige Geister. Patrick nahm sich vor, bei seinem ersten Urlaub der Insel einmal einen Besuch abzustatten.

Die Luft wurde schwer und grau. Der Wind frischte auf. Dicke Wolken trieben am Himmel.

Patrick packte das Steuer fester. Das Meer war in Bewegung geraten. Schaumkronen blitzten auf den Wellen­kämmen. Die ersten Tropfen klatschten gegen das kleine Steuerhaus. Bald wurde ein regelrechter Sturzregen daraus.

»Ich geh mal nach hinten«, rief der alte McIntosh gegen das Brausen des Windes an.

Sein Sohn nickte nur. Er musste sich voll auf das Steuern des Bootes konzen­trieren.

Der Wind riss Clint McIntosh beinahe die Tür aus der Hand. Der Alte zog den Südwester fest auf den Kopf und stapfte vorwärts.

Am Heck des kleinen Kutters lag ihr heutiger Fang. Es waren Heringe. Die großen Holzkisten waren jedoch nur zur Hälfte gefüllt. Einige der grausilbernen Fische zappelten noch in den Netzen.

Regenböen peitschten McIntosh ins Gesicht. Der alte Kutter schaukelte bedrohlich, McIntosh musste höllisch aufpassen, damit er nicht ausrutschte und gegen die Reling geschleudert wurde. Wie leicht konnte man da über Bord gehen.

Der Alte bückte sich und wuchtete die schweren Holzdeckel der Kisten hoch. Sie lagen übereinander.

McIntosh schaffte es nicht beim ers­ten Mal.

Er fluchte verbissen, nahm dann je­den Deckel einzeln.

Clint McIntosh war so in seine Ar­beit vertieft, dass er nicht das Grauen bemerkte, das sich unaufhörlich dem kleinen Kutter näherte.

Etwas schob sich an der äußeren Bordwand hoch.

Eine Knochenhand!

Es folgte ein Arm, ein Stück Schulter, ein Schädel.

Sekunden später kletterte ein Ske­lett über Bord. Die blanken Knochen glänzten. Aus den Augenhöhlen des Totenschädels tropfte Wasser.

Unbeweglich stand das Skelett auf dem Kutter. Sturm und Regen schienen ihm nichts auszumachen.

Langsam näherte es sich dem gebückt stehenden Alten.

McIntosh hatte gerade die letzte Kiste verschlossen, als ihn etwas an der rech­ten Schulter berührte.

Ruckartig wandte der alte Fischer den Kopf.

Seine Augen weiteten sich in ungläu­bigem Staunen, begriffen nicht, was sie zu sehen bekamen.

Da packte das Skelett zu.

Mörderisch war der Griff der Kno­chenhände, mit dem sie die Kehle des unglücklichen Fischers zusammenpressten.

Clint McIntosh riss den Mund zu einem Schrei auf, doch die schwachen Laute, die über seine Lippen kamen, fegte der Wind mit sich.

Aus weit aus den Höhlen tretenden Augen starrte McIntosh auf den gräss­lichen Totenschädel, aus dessen halb geöffnetem Mund die Zähne wie kleine gelbe Stummel hervorlugten.

Unbarmherzig drückte das Monster zu.

Verzweifelt ruderte Clint McIntosh mit den Armen, doch seine Bewegun­gen wurden von Sekunde zu Sekunde schwächer. Schließlich gaben seine Knie nach, und er sackte unter den würgen­den Händen zu Boden.

Das Skelett stieß ein triumphieren­des Fauchen aus. Es hatte die Aufgabe erfüllt. Opfer Nummer fünf war ihm sicher …

 

 

Patrick McIntosh ahnte nicht, welch ein grausiges Geschehen sich hinter seinem Rücken abspielte. Für ihn kam es im Mo­ment darauf an, den Kutter sicher durch die schwere See zu steuern. Er fluchte fast sein halbes Repertoire herunter, als er sah, dass sich die Wolken noch mehr zusammenballten. In der Feme zuckten sogar Blitze über den grauen Himmel.

Doch irgendwann wurde Patrick un­ruhig. Was hatte sein Vater nur so lange am Heck zu suchen?

Der junge Mann wandte den Kopf. Die Tür des kleinen Steuerhauses wurde vom Wind noch immer hin und her ge­worfen.

Patrick überlegte, ob er das Schiff für einen Moment sich selbst überlassen konnte, um schnell die Tür zu schließen. Dabei konnte er gleichzeitig auch nach seinem Vater sehen.

Patrick McIntosh stellte das Ruder fest und war mit zwei langen Schritten an der Tür.

Ehe er sie ins Schloss drückte, warf er einen Blick nach draußen.

Schemenhaft nur sah er durch den dicken Regenschleier die beiden Ge­stalten.

Zwei Männer?

Da stimmte was nicht.

Patrick war ein Mann schneller Ent­schlüsse. Er packte eines von den an der Kajütenwand befestigten höllisch scharfen Fischmessern und stürzte nach draußen.

Nach drei Schritten blieb er stehen, als wäre er vor eine Wand gerannt.

Zu grauenvoll war das, was sich sei­nen Augen bot.

Sein Vater lag auf dem Boden. Und über ihm kniete … ein Skelett! Die Kno­chengestalt hatte beide Hände um die Kehle seines Vaters gelegt.

Mit einem wilden Schrei stürzte Pa­trick vor. Er wusste nicht, ob sein Vater noch lebte oder ob er nur bewusstlos war. In diesem Moment war ihm alles egal. Nur eins wollte er: das Skelett vernichten.

Das Fischmesser hatte eine unter­armlange Schneide. Der mit ungeheu­rer Wucht geführte Stoß pfiff durch die Luft. Die spitze Klinge traf den blanken Schädel des Skeletts, rutschte ab – und bohrte sich in den Hals des alten McIntosh.

Als wäre das Messer aus glühendem Eisen, so schnell ließ Patrick es los. Der junge Mann sprang zurück, starrte aus weit aufgerissenen Augen auf seinen am Boden liegenden Vater und auf die grässliche Halswunde, aus der ununter­brochen ein Blutstrom quoll, der jedoch von dem Regen sofort verwischt wurde.

Das Skelett lachte teuflisch. Langsam stand es auf und kam auf den immer noch erstarrt stehenden Patrick McIntosh zu.

Der junge Mann merkte nicht, wie das Schiff schlingerte, er sah das Skelett, das auf ihn zukam, und ahnte, dass ihm das gleiche Schicksal widerfahren sollte wie seinem Vater.

Diese Erkenntnis riss Patrick McIntosh aus seiner Erstarrung.

Ehe der Knochenarm zupacken konnte, wirbelte Patrick herum und rannte auf das kleine Steuerhaus zu.

Im gleichen Augenblick klatschte von Backbord her ein Brecher gegen den Kutter, schüttelte ihn durch, und die überspritzenden Wassermassen fegten Patrick zu Boden.

Er knallte genau mit dem Kopf ge­gen die Tür des Steuerhauses. Für einen Moment blitzten Sterne vor seinen Au­gen auf, und als er wieder klar denken konnte und sich auf die Seite warf, war das Skelett schon da.

Drohend stand es vor ihm.

Die leeren Augenhöhlen glotzten auf ihn herab.

Wieder entrang sich der Kehle des Skeletts ein schepperndes Lachen.

Die Knochenarme schossen vor. Die langen Finger wurden zu gekrümmten Krallen …

Patrick McIntosh brüllte auf.

Einen Herzschlag später berührten die Totenhände seine Kehle, wurden zu einer gnadenlosen Stahlklammer, die dem jungen Mann die Luft abdrückte.

Patrick McIntosh würgte und rö­chelte.

Wieder schäumte ein Brecher über Bord. Das Wasser warf Patrick und das Skelett bis in das Steuerhaus hinein, doch die Finger des Unheimlichen lösten sich nicht von seinem Hals.

Patrick hatte schon mit dem Leben abgeschlossen, da geschah etwas Selt­sames.

Plötzlich war das blutrote Licht direkt über dem Schiff, hüllte alles in einen roten Schleier.

Einen Herzschlag später ließ das Ske­lett die Kehle des jungen Mannes los.

Frische, klare Luft strömte in Pa­tricks Lungen.

Vier, fünf Sekunden atmete der junge McIntosh ruhig durch. Dann rappelte er sich auf.

Doch er fiel sofort wieder auf die Knie. Der Kampf hatte ihn zu sehr ge­schwächt.

Auf allen vieren robbte Patrick zur Tür, stieß sie mit der rechten Hand auf – und …

Der Schrei, der aus seiner Kehle kam, hatte nichts Menschliches mehr an sich.

»Vaaaater!«, brüllte Patrick auf.

Ein letztes Mal sah er seinen Vater, der soeben von dem Skelett über Bord gezogen wurde und in den Fluten ver­sank.

Wenig später war Patrick McIntosh ohnmächtig, und der Kutter wurde zum Spielball der Wellen.

Personen:

  • Clint McIntosh, Fischer
  • Patrick, sein Sohn
  • Mock Dublin, Kaufmann
  • Kommandant des Rettungskreuzers
  • Sanitäter
  • Paul Cassidy, Spielzeugfabrikant
  • Mary, dessen Ehefrau
  • Ober
  • Küchenhilfen
  • Inspektor Bulmer
  • Ed Fisher, Nachtwächter der Spielzeugfabrik
  • Lorna Grey, Prostituierte
  • Penner
  • John Sinclair, Inspektor beim Scotland Yard
  • Sir James Powell, Superintendent
  • Corporal Dean Helm
  • Eric Jenkins, Polizeibeamter
  • Sergeant Mulligan
  • Cohen Masters, Skelett
  • Kirk Douglas, Pilot
  • Konstabler O’Donell
  • Mary McIntosh, Patricks Mutter
  • Gerald Conny, Herrscher über Conny Island

Orte:

  • St. Kilda
  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 14. Bastei Verlag. Köln. 13. 03. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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