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Des Teufels Sohn

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Diane Teil 1 – Kapitel 4

Alexander von Ungern-Sternberg
Diane
Ein Kriminalgemälde der modernen Gesellschaft
Berlin, 1842, Buchhandlung des Berliner Lesekabinetts

Viertes Kapitel

Der Autor unternimmt eine schwierige Schilderung und der Apotheker erteilt die verlangte Auskunft.

Wir wollen uns jetzt an die schwere Aufgabe wagen, die Gefühle und Vorstellungen eines sechsjährigen Kindes zu untersuchen. Diane brachte die ersten Tage ihres Aufenthaltes in dem kleinen Gasthaus fast wie im Traum zu. Alle neuen Eindrücke wirken auf Kinder stark, allein sie verflüchtigen sich auch ebenso schnell, wie sie heftig sind. Welches auch die früheren Schicksale der armen Waise, und wie die Umgebung, in der sie aufgewachsen war, gewesen sein mochte, so mussten sie doch von dem Schauplatz, auf dem sie sich jetzt befand, gänzlich verschieden gewesen sein. Man erkannte dies an den neugierigen verwunderten Blicken, die die Kleine auf Gestalten richtete, wie der Bierbrauer, der Kandidat und selbst Lene waren. Die zutunliche Freundlichkeit und das offene Wesen der Mutter Sempel hatten sich jedoch dem Kind schon eingeschmeichelt. Von der Stunde an, wo Diane die Witwe hatte weinen sehen, war diese ihr keine fremde Erscheinung mehr. Die gute Frau hatte, ohne es zu wissen, eine bleibende Eroberung gemacht. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, dass Scherz und Lachen Kinder nicht so sehr anzieht, wie Ernst und Trauer. Die Bekümmernis einer Mutter, die versteckte Träne, der halb unterdrückte Seufzer findet in dem offenen, unverfälschten Busen eines Kindes einen Anklang geheimer und tief gehender Sympathie. Ein Heraklit würde den Grund dieser Erscheinung in der Behauptung finden, dass der Schmerz zu den primitiven und ursprünglichen Gefühlen der menschlichen Organisation gehört, und dass wir zu Tränen geboren sind. Wir teilen diese düstere Ansicht nicht und wollen lieber annehmen, dass Heiterkeit und Frohsinn das uns bestimmte Erbe sei, dass jedoch, um wahrhaft heiter und geistesfroh zu sein, unsere Lebensbildung eine Reise erlangt haben muss, die bei einem Kind, das dem rein sinnlichen Instinkt noch zu nah steht, nicht erwartet werden darf. Seine Tränen und sein Lachen sind Sonnenblick und Wolkenschatten – so flüchtig, so reizend für den Augenblick, wie diese, aber auch so gestaltlos und ohne bleibenden Einfluss.

Wir sagten eben ohne bleibenden Einfluss – aber wer darf dies bestimmen? Wer kann in die geheime Werkstätte schauen, wo das Gewebe unserer kommenden Tage zubereitet wird, wo Farben und Stoffe zusammengestellt und aneinandergepasst werden? Ja, es kann einen Einfluss geben. Wenn auch für den Augenblick spurlos von der rosigen Wange abgetrocknet, fiel dennoch diese Tränenperle vielleicht in einen dunklen Boden, der spät seinen Keim zum Licht empor sendet und jene Tränenblume zeugt, die damals gesät wurde. Wir wissen nicht, wo diese Blume herkam, die Dornenkrone und Marterwerkzeuge in ihrem Inneren trägt, und ahnen nicht, dass jener längst vergessene Kinderschmerz sie erzeugte. So hatte auch Diane jetzt mit Eindrücken zu kämpfen, die später in ihr Leben wieder hineinschauten, um dann mehr geordnet und nicht mehr als kindische Träume, sondern als selbstbewusste Gefühle auftraten.

Das kleine Mädchen, als sie sich nach dem Tumult und dem bunten Bilderreichtum des Theaterabends in ihrem Bett fand, sank alsbald in eine phantastische Welt voll Träume. Der herrliche Palast, den die Feen bewohnten, bildete bald den Schauplatz, auf dem auch sie und ihre lustigen Gefährten sich bewegten. Hätte man ein anderes Opernstück gewählt, so wäre Diane wahrscheinlich ohne Bilder in ihrer Fantasie nach Hause gekommen, allein gerade diese Oper war dem Kind vollkommen verständlich. Ein armer Edelknabe, der eine schöne Fee liebt, mit seinem Leben ihre Freiheit erkauft und sie vor Gefahren schützt, diese Begebenheiten bilden einen einfachen Faden, den die Aufmerksamkeit eines Kindes festzuhalten imstande ist. Diane hatte keinen Umstand des Zauberspiels außer Acht gelassen, und jetzt im Traum war sie die Fee, und der arme Page trug die Züge des jungen Grafen. Er hatte dieselben schwarzen glänzenden Locken, dieselben großen dunklen Augen, er sprach mit derselben sanften Stimme zu ihr. Er hielt sie in seinen Armen, gerade so, wie er sie unten in der Gaststube gehalten hatte, und sie fühlte sich glücklich, in seiner Nähe zu leben. Dann aber war es, als müsste sie fort, und als er zurückblieb und sie in den Lüften schwebte, immer höher, immer weiter von ihm weg, und er seine Arme sehnend nach ihr ausstreckte, da erwachte sie mit einem lauten Aufschrei. Ihr kleines Herz klopfte heftig, und Tränen benetzten das Bettzeug.

»Nein, nein!«, rief sie laut weinend, »ich werde mich nicht von dir trennen. Nie, niemals!«

Den ganzen Tag über blieb sie in aufgeregter Stimmung, und als der Abend erschien, verlangte sie wieder ins Schauspiel geführt zu werden. Frau Sempel, die dieses Begehren für eine höchst verdammungswürdige Neigung zu kostspieliger Zerstreuung ansah, schlug ihr die Bitte ab und bemerkte dabei, dass ein Schauspiel ein, im Leben einer kleinen Gasthausaufwärterin, nur höchst selten vorkommendes, außerordentliches Ereignis sei.

»Behalte das, mein Kind«, setzte sie hinzu, »nur vornehme Damen können sich erlauben, wöchentlich, ja wohl gar täglich jenes Haus zu besuchen, dessen viele Lichter und wundervolle Ergötzlichkeiten wir gestern bewundert haben.«

Diane, die sich eingebildet hatte, den herrlichen Palast und die tanzenden Feen alle Abende besuchen zu können, fühlte eine schmerzliche Enttäuschung über diesen Bescheid und dachte darüber nach, wie es traurig sei, dass sie keine vornehme Dame geworden war. Sie fragte jetzt, wann der Graf wiederkäme, und als die Witwe ihr darauf antwortete, dieses könne vielleicht nicht vor Ablauf eines Monats geschehen, schlich die Kleine, die alle ihre Freuden zerstört sah, betrübt fort, um in ihrem Zimmer ungestört zu weinen.

Unterdessen hatte ihre Pflegemutter ebenfalls einen Kampf mit ihren aufgeregten Gefühlen zu bestehen. Diese bezogen sich auf den vom Apotheker zurückgesendeten Brief. Das Schicksal hatte gewollt, dass Frau Sempel bis jetzt über die eigentliche Beschaffenheit ihrer Schönschreibekunst vollkommen im Dunklen gehalten worden war. Als die Tochter eines armen herabgekommenen Dorfschulmeisters besaß Frau Sempel den Stolz, in irgendeinem Zweig des menschlichen Wissens, ihrer Abstammung gemäß glänzen zu wollen, und die Lesung jenes Unheil bringenden Romans, von dem wir schon gesprochen haben, hatte sie bestimmt, die Schönschreibekunst dazu zu wählen. Ihre ganze Schreibekunst hatte früher in jenem anspruchslosen Gekritzel bestanden, in welchem Ammen, Kindermägde und Köchinnen, wenn sie diesen Grad von Bildung überhaupt erreicht haben, sich auszuzeichnen pflegen. Frau Sempels Geist nahm einen höheren Schwung. Sie kopierte die extravaganten Schreibeschwingungen, welche die modernen Virtuosen der Schönschreibekunst aufgebracht haben, aber sie tat hierin des Guten offenbar zu viel. Der Buchstabe selbst wurde bei ihr zur Nebensache, und nur sein Gewand galt. Bald gelangte die hochstrebende Amme dahin, dass sie bewunderte, aber nicht zu lesende Zettel schrieb. Der Brief, den sie dem Apotheker hatte zukommen lassen, war einer von denen, bei welchen sie sich die meiste Mühe gegeben hatte, und der daher am wenigsten zu dechiffrieren war. Der Koch, ihr Mann, hatte sich um die Torheit seiner Erwählten nicht gekümmert, und der Schulmeister, der ihr die Augen hierüber hätte öffnen können, besonders, da er die Rechnungen seiner Gönnerin an ihre Kunden zu verteilen hatte, war bemüht, ihr zu schmeicheln, und indem er heimlich die übergebenen Nota in lesbare Schrift brachte, versicherte er ihr, dass die Kunden entzückt gewesen seien, ihr Geld auf so schön geschriebene Kontos, die den Kindern als kalligrafische Muster vorgelegt würden, zu zahlen. Man sieht, dass Frau Sempel sich ebenfalls so von Schmeichlern umgeben fand, die ihre Lieblingsschwachheit förderten, als ob sie die schönste und reichste Dame gewesen wäre.

Der Gegenstand war zu wichtig, als dass die Gastwirtin, wie sie anfangs sich vornahm, die Beleidigung mit einem stolzen Stillschweigen hätte erwidern können. Die Nachrichten, die man haben wollte, mussten herbeigeschafft werden, und ehe die tief verletzte Schreiberin sich herabgelassen hätte, ihre Kunst, einem so Unwürdigen gegenüber in Bewegung zu setzen, war sie zu jedem anderen Opfer bereit. Sie ließ also den Pädagogen kommen und trug ihm auf, sich zu einer kleinen Reise fertigzumachen. Sie machte ihn unter dem Siegel des Geheimnisses mit den Umständen, die Dianes Erscheinen begleitet hatten, bekannt und forderte ihn auf, dem Apotheker genaue Nachrichten über die Kleine und vor allem die Adresse des verlorenen Briefes abzufordern. Dabei händigte sie dem Kandidaten eine Summe ein, die groß genug war, um die Reisekosten und den Aufenthalt im Gasthaus des Städtchens zu bestreiten. Zugleich bat sie ihn, ihrer bei dem Apotheker auf keine Weise zu gedenken.

»Aber meine liebe Frau«, rief der Kandidat, »wäre es nicht besser, Sie schrieben ihm das alles? Wir ersparten dann die Kosten.«

»Schreiben?«, rief die Witwe und zeigte einige Befangenheit. »Nein, Herr Weinhold, ich vermehre nicht gern meine Privatkorrespondenz, die, wie sie wissen, ohne dies schon sehr groß ist. Zudem muss eine Dame mit Briefen sehr vorsichtig sein, sehr vorsichtig, Herr Weinhold!«

»Ich sehe es vollkommen ein«, entgegnete der Kandidat, »obwohl ich zum Besten des Apothekers in dem Städtchen gewünscht hätte, er empfinge einen Brief von ihrer Hand. Es gibt wenige Frauen, die …«

»Lassen Sie das, Herr Weinhold, es gibt auch wenige Männer, welche die ihnen erwiesene Aufmerksamkeiten zu würdigen wissen. Wann reisen Sie?«

»Heute Abend geht die Postkutsche ab. Was mein Gepäck betrifft, wird es sehr bald geordnet sein.«

»Nun denn, mein Segen!«, rief die Gastwirtin.

Der Schulmeister traf in der Nacht im Städtchen ein und ließ sich bei dem Apotheker melden, dem er seinen Auftrag ausrichtete.

Der große, finster blickende Mann sah unseren Gesandten mit einem forschenden Blick an, und sagte dann: »Also hat das Kind den Brief verloren?«

»Wie ich Ihnen gesagt habe, mein Herr.«

»Das ist sehr übel. Ich weiß nicht, was in dem Schreiben stand. Jedenfalls bürgt jedoch der Name dessen, an den es gerichtet war, dass man dem Kind Unterstützung zugewendet haben würde …«

»Und wie lautete dieser Name?«, fragte der Kandidat.

»Jonathan Rusbruck, Bankier, in der Leipziger Straße«, erwiderte der Pharmazeut, indem er mit fast zugekniffenen Augen den Schulmeister anblinzelte.

»Ein reicher Mann?«, fragte dieser.

»Ganz gewiss. Er wird imstande sein, mehr zu geben als die paar Lumpen, die meine Haushälterin ihr umhing, als ich das arme Geschöpf im Graben an der Landstraße fand und nach Hause brachte.«

»Im Graben? An der Landstraße?«

»Ja.«

»Wahrlich eine sehr edle Handlung von Ihnen, Herr Sauer.«

»Schnupfen Sie Spaniol?«, fragte der Apotheker, indem er auf dem Ladentisch eine Mischung verschiedener Tabaksorten veranstaltete und eine kleine Tüte zur Hand nahm. »Ich bezweifle, dass Sie in Berlin von so guter Qualität welchen finden, obwohl ich immer hören muss, dass in Berlin nichts als Vortreffliches sei. Hm, hm!«

»Ich schnupfe nicht«, rief der Kandidat und verbeugte sich.

»Ich habe mich aus Berlin entfernt«, hob der Pharmazeut wieder an, »aus keinem anderen Grund, weil ich müde war, so viel Vortreffliches um mich her zu sehen. Aber in wessen Gewahrsam befindet sich denn jetzt das Kind?«

»Es hält sich bei einer sehr würdigen Dame auf«, sagte der Kandidat.

»Ist sie auch vortrefflich?«, fragte der Apotheker und schob eine ungeheure Prise der eben fertig gewordenen Komposition mit großem Geräusch in die Nase.

»Ich glaube, dreist behaupten zu dürfen, dass sie es ist.«

»Nun, so bewahre mich der Himmel, je mit ihr zusammenzutreffen«, erwiderte der hypochondrische Apotheker und öffnete seinem Gast die Tür.

Nachdem dieser den Namen des Bankiers in seine Schreibtafel gezeichnet und noch gefragt hatte, ob keine weitere Nachrichten über das Kind vorhanden seien, was der Apotheker verneinte, empfahl sich der Schulmeister und langte wohlbehalten von seiner Entdeckungsreise in der Hauptstadt wieder an. Frau Sempel fasste schnell den Entschluss, an den Bankier zu schreiben, aber, des letzten Vorfalls gedenkend, fehlte ihr zum ersten Mal in ihrem Leben der Mut dazu, und sie entschloss sich, selbst hinzugehen. Sie warf sich in eine ausgesuchte Toilette, der Pädagoge gab ihr den Arm, und so machte sich das Paar nach der Leipziger Straße auf den Weg.

»Es soll mir leidtun«, sagte die Dame unterwegs, »wenn ich die Kleine verliere. Es scheint ein gut geartetes Kind, und da der junge Graf nun einmal diese edle Handlung vollführt hat, und da der Himmel mir versagt hat, selbst Kinder zu haben …«

»Hier ist eine Gosse, liebe Frau«, bemerkte der Pädagoge, und leitete die, in ihren melancholischen Erinnerungen schwärmende Witwe seitwärts auf das Trottoir. Sie tat einen raschen Schritt hinauf und streifte hart an den Korb einer Höckerin, die erzürnt ausrief: »Nun, Sie könnten mit Ihrem Schatz auch wohl vorsichtiger gehen, Madam!«

Es beleidigte das Zartgefühl der Witwe, dass der junge Pädagoge für ihren Schatz galt. Sie eilte schneller vorwärts, und bald war das stattliche Haus des Geldhändlers erreicht. Frau Sempel ließ sich im Büro melden, wurde hereingeführt und erhielt einen Stuhl.

»Herr Rusbruck ist verreist, Madame«, gab der Zweite Kommis auf die Anfrage der Witwe, mit einem artigen Lächeln zur Antwort, indem er dabei den Ersten Kommis anstarrte, der seine Stellung auf einem hohen Polstersitz benutzte, um in dem gegenüber befindlichen Spiegel seinen Backenbart zu mustern.

»Das tut mir herzlich leid. Wann wird er wiederkommen?«

»Er ist in Geschäften nach London, Madame.«

»Nach London! O du lieber Himmel! Von da kehrt man ja nie zurück!«

»O, doch. Herr Rusbruck wird unfehlbar in drei Wochen wieder da sein. Ist es ein Geldgeschäft, so könnte wohl Herr Liepmann hier …«

Der Erste Buchhalter ließ von der Bewunderung des Backenbarts einstweilen ab, und gab sich die Miene, als lauschte er auf die Befehle der Dame.

»Nein, mein Herr, es ist eine Angelegenheit besonderer Art. Ich werde zu Ende dieses Monats mich wieder einfinden.«

»Was uns unbeschreibliches Vergnügen gewähren wird«, rief der Zweite Buchhalter, sich die Hände reibend. Frau Sempel raffte ihre schwarze Mantille wieder auf, gab ihrem Begleiter den Arm und verschwand aus dem Büro.

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