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Till Eulenspiegel in 55 radierten Blättern – 22. Blatt

Till Eulenspiegel in 55 radierten Blättern
von Johann Heinrich Ramberg, mit Text nach der Jahrmarkts-Ausgabe. Verlag C. B. Griesbach. Gera. 1871

Eulenspiegel wird Maler bei dem Landgrafen von Hessen.

a nun Eulenspiegel das Lüneburgische gänzlich meiden musste, durchstreifte er ganz Hessen, und kam auch nach Marburg, wo damals der Landgraf von Hessen residierte. Wie er nun hier durch seine Gaukeleien und Kunststücke sehr bekannt wurde, musste er auch aufs Schloss kommen, denn der Landgraf hatte schon früher viel von ihm gehört und freute sich, diesen Wundermann persönlich kennen zu lernen; denn dergleichen Leute waren in den damaligen Zeiten sehr beliebt. Nachdem nun Eulenspiegel manche Possen ge­macht hatte, fragte ihn der Landgraf, was er sonst noch gelernt hätte.

Eulenspiegel antwortete: »Ich bin ein Künstler.«

Hierüber freute sich der Landgraf sehr, denn er glaubte einen Alchemisten (Goldmacher) an ihm zu finden, weil er die Alchemie sehr liebte und sich oft damit beschäftigte. Deshalb fragte er Eulenspiegel, ob er ein Alchemist wäre.

»Nein«, antwortete Eulenspiegel, »ich bin ein Kunstmaler, des­gleichen nicht gefunden. Meine Arbeit übertrifft die aller anderen.«

»Das ist schön«, sagte der Landgraf, »solch einen Maler hätte ich schon längst gern gehabt.«

Darauf zeigte Eulenspiegel dem Landgrafen verschiedene schön gemalte Bilder, die er ohne Geld von anderen mitgenommen hatte.

Diese gefielen dem Fürsten sehr und er sprach zu Eulenspiegel: »Was soll ich dir geben, wenn du im großen Saal die ganze Herkommen­schaft der Landgrafen von Hessen und ihre Befreundung mit anderen Königen und Fürsten nach zeitgemäßer Abstammung in einer Reihenfolge schön lebhaft malst?«

Eulenspiegel ant­wortete: »So wie Eure fürstlichen Gnaden befehlen, möchte es wohl 400 Gulden und freies Essen kosten.«

Der Landgraf genehmigte diese Forderung und sagte: »Mache deine Sache nur gut, so will ich dir noch mehr geben.«

Darauf forderte Eulenspiegel 100 Gulden Vorschuss, um, wie er sagte, Farben zu kaufen und Gesellen zu verschreiben. Dies Geld erhielt er und verschrieb auch drei Gesellen. Als er aber mit dem Malen anfangen wollte, bedingte er sich erst vorher aus, dass niemand in den Saal kommen dürfte, solange er male. Auch dies bewilligte ihm der Landgraf.

Eulenspiegel lebte nun mit seinen Gesellen so herrlich, wie der Vogel im Hanfsamen. Die Gesellen, denen das Müßigsitzen endlich unangenehm war, verlangten zu arbeiten.

Aber Eulenspiegel sagte: »Seid nur ruhig, und lasst mich sorgen, damit ich beim Fürsten in gutem Ruf bleibe. Ist es denn nicht gut, dass wir 100 Gul­den haben? Und wenn diese alle sind, lasse ich mir aufs Neue 100 Gulden geben.«

Dies lustige und faule Leben dauerte wohl vier Wochen; allein nun verlangte der Fürst, die Malerei zu besehen. Er ließ Eulenspiegel rufen und sprach: »Maler, uns verlangt Eure Arbeit zu sehen.«

Eulenspiegel sprach: »Ja, Eure fürstlichen Gnaden, aber eins muss ich zuvor noch sagen: Wer nicht von ehelicher Geburt ist, der kann mein Gemälde nicht sehen.«

Der Fürst wunderte sich und sprach: »Du bist ja auf diese Art ein außerordentlicher Künstler! Und ging mit Eulenspiegel in den Saal. Eulenspiegel hatte aber an der Wand, wo die Gemälde hin sollten, ein großes leinenes Tuch ausgespannt.

Da zog Eulenspiegel das Tuch ein wenig seitwärts, zeigte mit einem kleinen Stückchen an die weiße getünchte Wand und sagte zum Landgrafen: »Seht, gnädiger Fürst, dieser Herr, das ist der erste Landgraf von Hessen und ein Cokumneser von Rom gewesen und hat zur Gemahlin des wilden Justiniani Tochter gehabt, welcher Herzog von Bayern war und hernach Kaiser wurde. Seht, von dem ward geboren Adolphus, der zeugte Wilhelm den Schwarzen, Wilhelm zeugte Ludwig den Frommen, und so fort bis auf Eure fürstlichen Gnaden. Nun hoffe ich, dass niemand meine Arbeit tadeln wird. Sie ist nicht allein schön und lebhaft, sondern die Stammlinie ist auch richtig.«

Der Landgraf wun­derte sich über des Malers Erklärung, konnte aber weiter nichts sehen als die weiße Wand und dachte bei sich selbst: Sollte ich denn auch nicht ehelich geboren sein? Ich sehe ja weiter nichts als die weiße Wand. Und er sprach zum Maler: »Mir gefallt deine Kunst wohl, nur habe ich nicht Kenntnis genug in diesem Fach, um sie beurteilen zu können.« Und ging weg.

Als der Landgraf zu seiner Gemahlin kam, fragte sie ihn: »Lieber Herr Gemahl, wie weit ist Euer Künstler im Saal? Ihr habt die Malerei doch gesehen, und wie gefällt Euch die Arbeit? Ich selbst habe schwachen Glau­ben dazu, denn dem Maler sieht die Schalkheit aus den Augen.«

Der Fürst antwortete: »Die Erklärung seiner Arbeit gefällt mir wohl, aber die Malerei selbst habe ich noch nicht gesehen.«

»Nun», sagte die Fürstin, »so wollen wir sämtlich hingehen und die Arbeit besehen.« Der Fürst antwortete: »Ja, mit des Meisters Willen könnt Ihr sie sehen.«

Und nun kam die Fürstin mit acht Hofdamen und der Hofnärrin in den Saal und verlangten das Gemälde zu sehen.

Eulenspiegel sagte zur Fürstin, wie er zum Fürsten gesagt hatte: »Wer nicht von ehelicher Geburt ist, der kann meine Arbeit nicht sehen.«

Darauf zog Eulenspiegel das weiße Tuch etwas zurück und erzählte der ungläubigen Fürstin die ganze Stammlinie des Landgrafen. Alle sahen nun starr an die Wand, und sahen doch kein Gemälde, schwiegen aber still und dachten bei sich selbst: Sollten wir denn alle unehelicher Geburt sein? Das wäre doch wunderbar und ist nicht glaubhaft.

Die Hofnärrin war in­dessen dreist genug, Eulenspiegel folgendermaßen anzureden: »Mein lieber Meister, ich kann nichts von Eurem Gemälde sehen, und sollte ich auch zeitlebens für ein uneheliches Kind erklärt werden.«

Wie Eulenspiegel das hörte, wurde er besorgt, dass seine Schelmerei zu früh entdeckt würde. Er versuchte deshalb die Hofdamen über diese drollige Redensart ins Lachen zu bringen und mit guter Manier aus dem Saal zu entfernen. Darauf ging die Fürstin zu ihrem Gemahl, um mit ihm darüber zu reden, denn sie vermutete schon die Betrügerei. Der Fürst fragte sie aber gleich beim Eintreten ins Zimmer, wie ihr das Gemälde gefallen hätte.

Sie ant­wortete: »Eben so, wie es Euer Liebden gefallen hat; aber meine Hofdamen haben seine Worte sehr übel genommen. Ich traue dem Maler gar nicht.«

Der Landgraf sah ein, dass er von einem Windbeutel angeführt war, und ließ Eulenspiegel sagen, er sollte eilen, damit er mit seiner Malerei fertig würde, weil morgen der ganze Hofstaat sie zu sehen wünsche, und es sich dann aufklären solle, ob alle bei Hofe von unehelicher Geburt wären.

Jetzt, dachte Eulenspiegel, ist es Zeit, dass du dich aus dem Staub machst. Er ging heimlich zum Rentmeister und ließ sich nochmals 100 Gulden geben, unter dem Vorwand, dass er geschwind noch Farben kaufen müsste, damit er das Gemälde bis morgen fertigmachen könnte. Als er das Geld empfangen hatte, verab­schiedete er heimlich seine Gesellen und eilte selbst, dass er wegkam. Des anderen Tages ging der Landgraf mit sei­nem ganzen Hofstaat in den Saal und glaubten Eulenspiegel da zu finden; aber er war nicht mehr da. Einer von der Gesellschaft nahm das weiße Tuch von der Wand, um die schöne Kunst zu betrachten; allein alle sahen auch weiter nichts als die weiße Wand. Da wurde der Graf zornig, weil er um 200 Gulden geprellt worden war, und ließ so­gleich in seinem ganzen Land den Befehl ergehen, dass, wo man Eulenspiegel anträfe, er sogleich verhaftet und unter sicherer Bedeckung nach Marburg gebracht werden sollte. Eulenspiegel hatte sich indessen schnell über die Grenze ge­macht und sich seitdem daselbst nicht wieder sehen lassen.

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