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Paraforce Band 38

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Dämonische Reisen in alle Welt – Kapitel IV, Teil 1

Johann Konrad Friederich
Dämonische Reisen in alle Welt
Nach einem französischen Manuskript bearbeitet, 1847.

Kapitel IV, Teil 1

Der Teufel politisiert über Deutschlands und Preußens Zustände – Seine Ansichten über Republiken, Freiheit und Gleichheit – Michel und Asmodi in dem Büro der Archives historiques und einiger republikanischen Journale – Michel und der Hinkende im Tiergarten zu Berlin – Ein Gespräch über Pressefreiheit, Jury, öffentliche Gerichtsbarkeit und religiöses Treiben – Jenny Lind und ihre Klistierspritze – Der Teufel bei einer Muckerversammlung in Basel.

Am nächsten Morgen ließ sich Michel, den Asmodi erwartend, vom aufwartenden Kellner die deutschen Zeitungen geben. Man brachte ihm die Allgemeine Zeitung, die Kölner Zeitung, die Preußische Staatszeitung, die Frankfurter Oberpostamtszeitung, den Rheinischen Beobachter und die sogenannte Deutsche Allgemeine Zeitung. Es waren die Nummern der letzten sechs Wochen. Er durchblätterte sie kopfschüttelnd, warf sie endlich unwillig beiseite, ausrufend: »Na, das wird ja immer toller und dummer.« Er sehnte sich nach der Ankunft seines Busenfreundes Asmodi, der diesen Morgen ungewöhnlich lange auf sich warten ließ. Erst gegen die Mittagsstunde trat er ein.

»Wo zum Henker bleibst du heute so lange«, bewillkommnete Stürmer den Hinkenden etwas unfreundlich.

»Ei, glaubst du denn, dass der Teufel nicht auch der Erholung bedürfe? Erst gegen Morgen kehrte ich zur Hölle, das heißt zur Ruhe zurück. Nun und was heute?«

Auf den Pack Journale deutend, erwiderte Michel: »Da habe ich soeben diesen Plunder durchblättert, man möchte vor Ärger bersten.

»Wieso?«

»Du kannst noch fragen. Das ganze Volk wird noch verrückt!«

»Wen meinst du damit, die Zeitungsschreiber oder die andere Misere?«

»Beides! Der ehrliche Tacitus schrieb: Ganz Deutschland ist ein ungeheurer Wald. Lebte er in unseren Tagen, er würde gewiss schreiben: Ganz Deutschland ist ein ungeheures Tollhaus!«

»Höre, Freund Michel, ein wenig mehr Toleranz! Muss dir der Teufel dies predigen?«

»Aber all die Tausend Narrheiten und Albernheiten, die meine werten Landsleute täglich begehen und begehren, da möchte man ja dreimal des Teufels werden.«

»Schütte mir nur nicht immer gleich das Kind mit dem Bade aus. Wenn du endlich zu vernünftigeren Ansichten gekommen bist, wem hast du dies anders zu danken, als dem Teufel? Denn wärest du nicht ein wenig von ihm besessen und kein Eingeweihter der Hölle, wahrhaftig, du machtest es noch nicht um ein Haar besser, als diese verbrannten Gehirne, die sich zu Deutschlands und der Welt Reformatoren berufen glauben und das Volk verrückt machen wollen. Denke nur an deine Jugendstreiche!«

»Bah, das sind tempi passati! Aber statt sich unter sich zu zerfleischen, sollten sie sich vor allem fest und einig verbinden, um den Russen mores zu lehren und diese gehörig …«

»Jetzt habe ich dich, o du bist trotz der Hölle doch noch immer ein kurzsichtiges Menschenkind. Diese Russenfurcht, welche deine radikalen Landsleute größtenteils affektieren, und die bei einem Teil des Volkes einen lächerlichen Russenhass gebiert, könnte, verbunden mit den radikalen Umtrieben, eher als man glaubt, Deutschland Polens Schicksal bereiten.«

»Oho!«, exklamierte Michel.

»Höre mich an! Wäre Russland wirklich so sehr zu fürchten, wie es diese Schreibergesellen unaufhörlich aussprechen und zu glauben machen suchen, so hätte man gewaltiges Unrecht, den Leu ewig zu necken, zu reizen und an seine Stärke zu erinnern, wie es diese kurzsichtigen radikalen Schafsköpfe, besonders in Ostpreußen, fortwährend tun. Aber dem ist nicht so. Russland für sich hat und kann kein Interesse haben, weiter im Nordwesten vorzudringen. Dies wäre eine ganz verkehrte Politik, die ihm nur nachteilig sein, Schaden bringen, ja sogar seine Existenz gefährden würde. Anders ist es im Süden und Osten, doch auch damit hat es noch Zeit. Wahr ist es, dass die Zollmaßregeln, die es gegen Ostpreußen ergriffen hat, demselben großen Nachteil bringen und es in eine schlimme Lage versetzen. Aber hier ist Russland vollkommen in seinem Recht und tut nicht mehr und nicht weniger, als was besonders eure süddeutschen Industriellen verlangen, das man gegen England und Frankreich etc. tun soll.

Was dem einen recht, ist dem anderen billig. Zu was also die ewigen Schmähungen der deutschen Afterliberalen und Radikalen gegen die Regierung von St. Petersburg und den von seinen Untertanen vergötterten Kaiser! Sie führt zu nichts, als das Nationalgefühl der Russen zu kränken und Deutschland unversöhnliche Feinde zu schaffen. Und was hat ihm eigentlich Russland getan? Es verdankt ihm doch im Grunde seine Befreiung von dem schmähligsten und entehrendsten Joch, das jemals auf ihm gelastet hat, denn ohne Russland würde Preußen niemals seine heldenmütige Wiedergeburt zustande gebracht und in deren Folge Deutschlands Befreiung bewirkt haben können! Und die preußischen Helden, den unsterblichen Blücher an der Spitze, würden nie Gelegenheit gefunden haben, die Welt durch ihre Taten in Erstaunen zu setzen. Die Deutschen wurden bisher in Russland immer mit der zuvorkommendsten Gastfreundschaft aufgenommen, welchem Stand sie auch angehören mochten. Handwerker, Kaufleute, Gelehrte, Militärs und Staatsmänner, alle machten bei nur einigermaßen gutem Benehmen mehr oder minder ihr Glück, und zwar meistens zum Nachteil der Einheimischen. Sie häuften großes Vermögen und gelangten zu den höchsten Ehrenstellen des Reichs und in dem Heer, mit Hintansetzung der Nationalrussen, und wenn sie dies auch zum Teil ihrer vorgerückten wissenschaftlichen Bildung, ihren Kenntnissen und ihrer Intelligenz zu verdanken hatten, so ist dies gerade ein Beweis von der großen Einsicht der russischen Regierung sowie dass diese frei von den gewöhnlichen Vorurteilen gegen Fremde war, während man noch bis zu dieser Stunde in den meisten deutschen Staaten die nicht zu deren Untertanen gehörigen Individuen oft mit gehässigen und neidischen Blicken betrachtet. Aber so tolerant die Russen und ihre Regierung auch sein mögen, so könnte der Faden ihrer Geduld am Ende doch zerreißen und sie sich endlich berufen fühlen, die sich täglich erneuernden unsinnigen Unbilde rächen zu wollen.1 Dies allein würde vielleicht noch nicht so viel auf sich haben, und das einige Deutschland stark genug sein, dem Koloss widerstehen zu können. Wie aber, wenn sich der Kaiser Nikolaus mit Frankreich verständigte und nun zu Ludwig Philipp spräche: ›Herr Bruder, schlage zu, ich gebe dir das linke Rheinufer preis.‹ Und zum König von Dänemark: ›Verleibe Schleswig, Holstein und Lauenburg ohne Weiteres deinem Königreich ein und trenne es vom Deutschen Bund.‹ Und zum König von Holland: ›Du wirst es ebenso mit Luxemburg machen.‹ Und auf der anderen Seite zu den Böhmen und Tschechen: ›Reißt euch von Deutschland los.‹ Und dann Italien mit Frankreichs Hilfe die österreichische Herrschaft abschüttelte, was auch leicht die Ungarn in Bewegung setzen könnte, so wie die Polen, die ebenso wenig österreichische und preußische Hörerschaft als russische lieben, am Ende aber dennoch vorziehen, lieber ein Reich unter Russlands Oberherrschaft zu bilden, als so geteilt zu sein. Wie dann? Was würde wohl Deutschlands Schicksal sein? Auf jeden Fall würde das Germanentum dem Slaventum unterliegen müssen. Österreich wäre von allen Seiten die Hände gebunden, Preußen allein könnte mit allem Heldenmut unmöglich nach allen Seiten hin die Spitze bieten und das Unvermeidliche nicht verhindern. Das unsinnige Geschwätz so mancher deutschen Kammerhelden, besonders von der Opposition, hat Deutschland nicht minder Feinde erregt, als die Schmierereien und das Salbadern der Radikalen. Ich mag für jetzt die Sache nicht weiter ausspinnen. Was jedoch für Folgen entstehen würden, wenn Deutschland so von allen Seiten beschnitten und der Rest, es sei unter einem oder mehrere Herrscher geteilt, von Russland und Frankreich in die Mitte genommen und so beschützt würde, muss jedem, der noch seine fünf Sinne hat, klar werden.«

»Aber denkst du wirklich, dass so etwas möglich sei?«, fragte Michel etwas einfältig.

»Und warum nicht?«, erwiderte Asmodi. »Bei den unsinnigen radikalen, religiösen und anderen Tollheiten, welche deine guten Landsleute alltäglich begehen, ist es sogar wahrscheinlich. Die Liberalen in Preußen verlangen eine Konstitution nach dem modernen Modezuschnitt der französischen, spanischen, belgischen, griechischen etc., ohne nur zu ahnen, dass eine solche den Fall des preußischen Staates, wenigstens das Herabsinken desselben zur politischen Unbedeutendheit bewirken müsste. Eine solche Regierung würde Preußen in kurzer Zeit von der hohen Stufe, die es jetzt unter den europäischen Großmächten einnimmt, unvermeidlich herabfallen und zu einer Macht zweiten oder dritten Ranges machen. Dem Land würde dann wahrscheinlich das beneidenswerte Los Spaniens oder Griechenlands zuteilwerden. Preußen ist ein mehr militärischer Staat, der seine Stärke und den Höhepunkt, auf den es sich geschwungen hat, nur der Konzentration und Einheit seiner Gewalten und Kräfte verdankt, die es möglich machten, in allen schwierigen und bedenklichen Fällen rasch und durchgreifend zu handeln. Nur dies allein konnte es nach der unglücklichen Katastrophe von 1807 vom völligen Untergang retten und es später in den Stand setzen, Deutschlands Befreiung von den napoleonischen Sklavenketten und seine Wiedergeburt zu vollbringen. Denn man darf sich nicht täuschen. Ohne die allgemeine Schilderhebung Preußens würde man das Fortjagen der französischen Heere vom deutschen Boden niemals durchgesetzt haben. Ohne die Preußen und ihren herrlichen Blücher würden weder die Deutschen noch die Russen noch die Engländer und tutti quanti den Fuß auf französischen Grund und Boden und in Frankreichs Hauptstadt gesetzt haben. Hätte aber damals die Regierung mit Kammern zu kämpfen gehabt, mit einer Opposition, die, wie es so häufig, ja fast ausschließlich in den modernen konstitutionellen Staaten der Fall ist, nur darum opponiert, weil ihre Partei nicht am Ruder der Regierung steht, und deshalb auch die wohlmeinendsten Absichten und Vorschläge derselben verwirft oder ihnen alle mögliche Hindernisse in den Weg legt, dann läge noch heute Deutschland in französischen Fesseln, wofür es Gott bewahren möge (so sagt selbst der Teufel).«

»Du willst also eine absolute Herrschaft?«

»Wer sagt das? Weit entfernt. Übrigens existiert eine solche nirgends auf Erden, ja selbst in der Hölle nicht einmal. Papa Großsatan ist nichts weniger als absolut, und auch wir haben unsere Konstitution, so wie überhaupt gar kein Staat ohne Konstitution denkbar ist und nur Gott allein unumschränkt herrscht. Um die Preußen, die nach einer stellvertretenden Verfassung nach dem französischen oder englischen etc. Zuschnitt lüstern sind, die sie nur sehr oberflächlich kennen, für immer von diesen Gelüsten zu heilen, wäre es hinreichend, glaube ich, wenn sie auf einige Zeit Frankreich und England besuchten und an Ort und Stelle dieses Treiben und die Wirkungen, die Federn, die diesen konstitutionellen Mechanismus in Bewegung setzen, untersuchten und so sich von der Unförmlichkeit, dem schwankenden, unsicheren, unlogischen, unordentlichen und höchst verderblichen Gang dieser durch und durch mangelhaften Maschine überzeugten. Man teile auf diese Art die Macht der Gewalten in Preußen, das keine 15 Millionen Einwohner zählt. So wird man bald statt einer mächtigen und imponierenden Monarchie, ein Gebäude, das nur durch die mühsamen Anstrengungen seiner Herrscher, denn Preußen genoss das seltene Glück, von einer Reihe ausgezeichneter Monarchen, unter denen der große Kurfürst und ein Friedrich II. waren, beherrscht zu werden, zu diesem Höhepunkt des Glanzes und der Stärke aufgeführt werden konnte, ein schwaches, morsches Machwerk haben, das keinem nur einigermaßen gewaltigen Sturm wird widerstehen können und in sich zerfallen würde. Deshalb ist es eben nicht zu tadeln, wenn Friedrich Wilhelm IV., ein Monarch, dem niemand eine hohe Intelligenz absprechen kann, sich nach all den in anderen Staaten gemachten bitteren konstitutionellen Erfahrungen nicht übereilt, und die Neuerungen, die vorzunehmen sind, gehörig prüft, ohne sich durch das Geschrei einiger Ehrgeizigen und Tollköpfe irremachen zu lassen, wenn diese auch mehr oder weniger die leichtgläubige, unüberlegte und neuerungssüchtige Menge durch den Ruf Freiheit, Konstitution etc., der im Sinn teuer so viel wie Uns die Herrschaft! bedeutet, und den sie unaufhörlich ertönen lassen, betäubt. Unter den ersten Folgen einer solchen Modekonstitution in Preußen würde notwendig die Verdoppelung und später Verdreifachung der jetzt bestehenden Abgaben sein.«

»Wieso das?«

»Welche Frage! Es ist doch zur Genüge bekannt, dass keine konstitutionelle Regierung der Art bestehen kann, ohne die Majorität in den Kammern zu haben. Die Erfahrung hat hinlänglich bewiesen, dass diese der Regierung unumgänglich notwendige Majorität niemals ohne Bestechung auf irgendeine Art erlangt und erhalten werden kann. Um so bestechen zu können, werden große Geldmittel erfordert. Wer muss diese zuletzt liefern? Die Besteuerten! Daher diese furchtbar zunehmende Abgabenlast in den größeren sogenannten konstitutionellen Staaten, die fortwährend steigt und endlich eine gewaltige Krisis herbeiführen wird. Nach diesem trefflichen System sehnen sich die deutschen, und besonders die preußischen Liberalen, und begehren vorzugsweise die französischen Institutionen, wie das Palladium der Freiheit und des Glücks für ihr Vaterland. Hier heißt es: ›Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie wollen!‹ Kein Preuße, dem das Glück und das Wohl seines Vaterlandes nur einigermaßen am Herzen liegt, sollte solche unvernünftige Wünsche hegen und äußern! … Nur Blinde oder Heuchler können dies. Die Ersten sind zu beklagen, die anderen zu verachten.

Wie! Während in Frankreich jeder rechtliche und vernünftige Mann damit einverstanden ist, dass es nichts Erbärmlicheres gibt als dieser konstitutionelle Mechanismus, der hier seit 1815 das Räderwerk im Gang hält, dass nichts dringender notwendig ist wie eine durchgreifende Reform in der Verwaltung und in der Gesetzgebung, verlangt man in Preußen eine Last, die so schwer auf den Schultern ihrer überrheinischen Nachbarn liegt. So kommt doch nach Frankreich und seht dieses politische Schlaraffenland, dieses so gerühmte Eldorado konstitutioneller Glückseligkeit. Ich wette hundert gegen eins, eure Seelen gegen den Himmel, dass wenn ihr von dieser Frucht gekostet haben werdet, die euch toll macht, ohne sie zu kennen, ihr auf immer geheilt zu euren Penaten zurückkehrt. Wahrhaftig, der Kaiser von Russland hat durch die wenigen Worte ›Eine solche repräsentative Monarchie ist eine Regierung der Lüge, des Betrugs, der Bestechung!‹, die er aussprach, bewiesen, dass er vollkommen das Triebwerk dieser konstitutionellen Maschine kennt. Verkaufte oder zu verkaufende Gewissen, Niederträchtigkeit, Marktschreierei, Ränkeschmiedereien, Gesalbader ohne Ende, Sophismen, Heuchelei müssen hier eine mächtige, geachtete und starke Regierung ersetzen. Tausend kleine Regenten, von Eigendünkel, Habsucht, Nepotismus, Geld- und Stellengier und einem unersättlichen Heißhunger besessen, sich unaufhörlich unter den komischsten und burleskesten Sprüngen und Gebärden umhertummelnd, eitel, ohnmächtig für das Gute, Schwatzbasen, die sich nur selbst hören mögen, dies ist das getreue Bild der meisten der modernen Kammerhelden.«

»Du hältst also eine Republik für die geeignete Regierungsform, das Völkerglück zu befördern?«

»Am allerwenigsten.«

»Nun, was willst du denn? So erkläre dich.«

»Ich verwerfe eine konstitutionelle Regierung keineswegs, nur muss sie auf anderen Grundpfeilern ruhen als die jetzt bestehenden.«

»Lass hören.«

»Vielleicht ist die Sache schwierig, vielleicht auch nur das Ei des Kolumbus. Zuerst finde ich, als ein ehrlicher Teufel, nichts abgeschmackter, als Wahlrecht und Wählbarkeit von der Summe der Abgaben, die einer alljährlich dem Staat entrichtet, abhängig zu machen. Dies heißt, alle Intelligenz und Fähigkeit über die Staatsangelegenheiten und das Interesse der Völker von dem leidigen Mammon abhängig machen. Dass dies der Teufel sagen muss, während die hervorragendsten Talente, Genie, Verdienste, Rechtlichkeit, die reinste Tugend, weil sie nicht so und so viel Taler zahlen, für immer von diesen höchsten und wichtigsten Verrichtungen ausgeschlossen bleiben, und die Regierung so der besseren Einsichten beraubt ist. Glaubten vielleicht diejenigen, welche solche abgeschmackte Grundsätze aufstellten und zum Gesetz machten, dass Reichtum auch zugleich ein Beweis von Fähigkeiten, Intelligenz und Scharfsinn sei? Wie fehl geschossen! Sie hätten nur um sich blicken dürfen, um das Gegenteil gewahr zu werden. Sieht man denn nicht täglich und allenthalben die größten Einfaltspinsel, die beschränktesten Schafsköpfe Millionen gewinnen? Das Glück teilt seine materiellen Schätze und mit gutem Vorbedacht gar wunderlich aus. In einem gut organisierten, konstitutionellen Staat müsste jeder unbescholtene Mann an den öffentlichen Angelegenheiten des Staates teilnehmen dürfen.«

»Das möchte mir eine saubere Wirtschaft werden, wenn alle in den Kammern oder in Kammern beraten wollten«, fiel Michel dem Hinkenden ins Wort.

»Nicht so vorschnell, dies soll nur mittelbar stattfinden. Jedem unbescholtenen Mann, auf dem keine entehrende Handlung lastet, müsste das Wahlrecht gestattet sein.«

»Und die Wahlfähigkeit?«

»Dies ist etwas anderes. Jedermann soll Wähler, aber nicht wählbar sein. Für das Letztere wäre nachstehendes System zu befolgen. Hier sind gewisse Garantien nötig, sowohl im Interesse der Nation als auch in dem der Regierung. Zuerst dürfte niemand wählbar sein, bevor er sein vierzigstes Lebensjahr erreicht hat. Das Alter von dreißig Jahren ist in der Regel noch viel zu wild, zu unerfahren, zu leidenschaftlich, wenn es auch sonst alle nötigen Erfordernisse hätte, um mit Vernunft und gehörig prüfend überlegen und über Fragen von so hoher Wichtigkeit wie die, welche das Wohl ganzer Völker betreffen, entscheiden zu können. Eine Stellung in der Gesellschaft, die eine gewisse Unabhängigkeit verleiht, ist ebenfalls erforderlich. Doch sind diese nebst den vierzig Jahren bei Weitem nicht hinreichend, das schwierige Amt eines Volksabgeordneten zu versehen. Um den Beratungen der Stellvertreter als abstimmendes Glied beiwohnen zu dürfen, müssen untrügliche Beweise intellektueller und moralischer Fähigkeiten vorliegen, welche unwiderlegbar dartun, dass man die nötigen Kenntnisse, Talente und Tugenden zu einem so wichtigen Amt besitze. Wie! Heutzutage, wo man in allen nur einigermaßen wohlgeordneten Staaten die Kandidaten zu den einfachsten Stellen, wie die eines Schulmeisters, eines Leutnants oder der unbedeutendsten Stelle bei einer Administration ein äußerst strenges Examen, wie es sonst nur Professoren machten, bestehen lässt, öffnet man ohne Weiteres die Türen zu den Hallen der Beratung des Wohls und Heils der Staaten dem ersten Besten, weil er von Leuten, die so und so viel Steuern bezahlen, gewählt wurde und er selbst eine gewisse Summe von Abgaben entrichtet und oft durch Anwendung aller möglichen Intrigen, Heucheleien, Versprechungen, Geldgeschenke seine blinden Mitbürger zu bestechen wusste! Gibt es etwas Abgeschmackteres? Und so setzt er sich da nieder, wo nur die aufgeklärteste Meinung, die größte Intelligenz, die umfangreichsten Kenntnisse, eine höhere wissenschaftliche Bildung Platz finden sollte, um über die teuersten und wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit zu beraten! Was ist die Folge davon, dass man mit den seltensten Ausnahmen nichts von all diesen so nötigen und ausgezeichneten Eigenschaften in den konstitutionellen Kammern der großen und kleinen repräsentativen Staaten findet. Die Majorität besteht meistens aus sehr untergeordneten und oft ganz ungeschliffenen Geistern, die größte Indolenz, eine verzweifelnde Trägheit, eine Mittelmäßigkeit, die Mitleid erregt, eine oft krasse Unwissenheit, und besonders eine empörende, sich auf nichts gründende Eitelkeit und Selbstüberschätzung haben da ihren Sitz aufgeschlagen. Mit ein paar guten Lungenflügeln und einer kreischenden Stimme reißt man die Herde mit sich fort … und dies sind die Versammlungen, die das Wohl und Weh der Nationen befördern, deren Schicksale bestimmen sollen! Armes Frankreich, armes England, armes Spanien, armes Griechenland, ihr armen konstitutionellen deutschen Länder, wie seid ihr zu beklagen. Durch einen solchen Zustand der Dinge wollen die preußischen Liberalen ihr Vaterland beglücken! Blinde oder Heuchler!

Das einzige Mittel, um dieses Übel in den konstitutionellen Kammern zu verhüten, wäre meines Bedünkens, dass jeder gewählte Abgeordnete, bevor er Sitz und Stimme in den Kammern nehmen darf, sich dem Examen einer zu diesem Zweck ernannten, aus hierzu tüchtigen Männern bestehenden Kommission unterwerfen müsste, deren Mitglieder als ausgezeichnete Männer im Fach der Gesetzgebung, in der Staatskunst, in der politischen Ökonomie und in allen Fächern der Staatsverwaltung dem Land die untrüglichsten Beweise geliefert haben. Dieses Examen würde dartun, ob der sich meldende Kandidat die nötigen Fähigkeiten besitzt, seine Stelle als Abgeordneter der Nation zu versehen. Man kann diese Idee wunderlich, aber wahrhaftig nicht irrig finden.«

Show 1 footnote

  1. Um unseren radikalen feinen Spürnasen die Mühe zu ersparen, ihren großen Scharfsinn anzustrengen, wollen wir ihnen gleich offen gestehen, dass der Teufel selbst in russischem Sold steht.

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