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Sammlung bergmännischer Sagen Teil 14

Das arme Bergmannsleben ist wunderbar reich an Poesie. Seine Sagen und Lieder, seine Sprache, seine Weistümer reichen in die älteste Zeit zurück. Die Lieder, die wohlbekannten Bergreihen, die Sprachüberreste, die Weistümer sind teilweise gesammelt. Die Sagen erscheinen hier zum ersten Mal von kundiger Hand ausgewählt und im ganzen Zauber der bergmännischen Sprache wiedergegeben. Das vermag nur zu bieten, wer ein warmes Herz für Land und Leute mitbringt, wo diese uralten Schätze zu heben sind; wer Verständnis für unser altdeutsches religiöses Leben hat, wer – es sei gerade herausgesagt – selbst poetisch angehaucht ist. Was vom Herzen kommt, geht wieder zum Herzen, ist eine alte und ewig neue Wahrheit. Hat der Verfasser auch nur aus der Literatur der Bergmannssagen uns bekannte Gebiete begangen, verdient er schon vollauf unseren Dank. Seine Liebe zur Sache lässt uns hoffen, er werde mit Unterstützung Gleichstrebender noch jene Schaetze heben, die nicht an der großen Straße liegen, sondern an weniger befahrenen Wegen und Stegen zu heiligen Zeiten schimmern und zutage gefördert sein wollen.


II. Abteilung: Sagen vom Berggeist

36.

Ein Schlepper, der trotz wiederholter Ermahnungen das Fluchen nicht lassen konnte und einmal, seinen schweren Wagen mit Mühe von der Stelle bewegend, wieder die größten Verwünschungen über die harte Arbeit ausstieß, bekam plötzlich furchtbare Stockschläge, ohne jedoch irgendein menschliches Wesen in seiner Nähe zu sehen. Er war allein in der Strecke. Auf sein lautes Schreien kamen einige Hauer herbeigelaufen. Als der Junge ihnen sein Leid klagte und die Hiebe immer weiter auf seinen Rücken fielen, sodass er vor Schmerzen zu Boden sank, hoben sie ihn in den Wagen.

Sofort hörten die Schläge auf. Aber als sie ihn am Schacht wieder heraushoben, begannen die Hiebe von Neuem und ließen nicht eher nach, bis er fast zutage angekommen war. Sobald nämlich jemand so hoch hinaufkommt, dass er mit der Hand die Hängebank erreichen kann, ist er außerhalb des Bereiches des Berggeistes.


37.

In einer Nacht des Jahres 1862 lag ein Hauer einer größeren Kohlengrube Oberschlesiens vor Ort und schrämte. Durch ein hinter seinem Rücken entstandenes Geräusch gestört, wendet er sich um und erblickt den Berginspektor in Begleitung eines fremden Steigers. Sie begrüßen sich in herkömmlicher Weise mit einem »Glück auf!« und der Berginspektor äußert, es sei unzulässig, dass er allein hier liege. Er wolle dafür sorgen, dass er bald einen Kameraden erhalte, und verlässt ihn wieder. Der Hauer will von Neuem an seine Arbeit gehen, vermag aber vor Unruhe über die ungewöhnliche nächtliche Erscheinung keinen Schlag zu tun. Er kleidet sich daher eilig an, verlässt das Ort und sucht die an einem anderen, entfernteren Ort liegenden Arbeiter auf. Er fragt hier an, ob der Berginspektor mit dem fremden Steiger auch bei ihnen gewesen sei. Auf die Verneinung dieser Frage hin begibt er sich nach einem zweiten und dritten Ort. Überall dieselbe Frage, überall dieselbe Antwort. Seine Unruhe teilt sich den anderen Arbeitern mit, die Nachricht der Erscheinung verbreitet sich im ganzen Grubengebäude, und die Arbeiter beschließen auszufahren und dem zuständigen Steiger Mitteilung zu machen. Da fällt dem Hauer ein, dass er seine Halmscheide vor Ort zurückgelassen habe. Er bittet einen Kameraden ihn dahin zu begleiten, weil er sich fürchte, es jetzt allein zu besuchen. Es schließen sich ihm noch mehrere derselben an. Sie kommen vor Ort, und siehe da! Die Kohlenwand, welche er unterschrämt hatte, ist hereingebrochen und zentnerschwere Kohlenblöcke türmen sich über der Stelle auf, an welcher er vorher gelegen hatte und welche ohne Zweifel sein Grab geworden wäre.


38.

Im Wesentlichen dieselbe ist die oberschlesische Sage, nach welcher der Berggeist in Gestalt des diensttuenden Steigers die Arbeiter von einem Kohlenmeiler wegholt und zu einem anderen schickt. Kaum haben diese ihr Ort verlassen, als es auch schon mit furchtbarem Getöse zusammenbricht.


39.

Vor Jahrhunderten gab es einen Schacht im Donatspat der Elisabethgrube bei Freiberg, und in diese Grube fuhr ein Bergknecht ein, nach seinem Taufnamen nur Hans geheißen. Seinen Geschlechtsnamen hat man nie nennen hören. Er war noch ein junger Kerl, aber Gram und Kammer machten, dass er viel älter aussah, als er wirklich war. Ach, sein Weib war ewig krank, seine alten Eltern hatte er auch noch zu ernähren, und dabei hatte ihm Gott bereits sechs lebende Kinder gegeben, die er mitsamt seinem Weib und seinen Eltern bei allem Fleiß nicht mehr zu ernähren wusste.

Hans weinte deshalb oft bitterlich und wünschte sich lieber den Tod, als den Jammer im Haus mit ansehen zu müssen, wenn er heimkam und nichts brachte und bringen konnte, was nur das dringendste Bedürfnis gestillt hätte.

Eines Tages, als er heimging aus der Grube, war er über die Maßen traurig. Sein Weib sollte bald des siebenten Kindes genesen. Alles, was sie aus besseren Zeiten her hatten, war versetzt, der Bäcker wollte kein Brot mehr borgen, und die, denen sie schuldig waren, wollten alle bezahlt sein.

Das klagte Hans mit rot geweinten Augen auf dem Heimweg einem anderen Bergknecht, der viel älter und erfahrener denn er war.

Der sprach zu ihm: »So rufe doch den Berggeist dir zu Hilfe!«

Haus horchte zweifelhaft.

Der Bergknecht riet weiter: »Bist du einmal allein im Gange, so schlägst du dreimal mit dem Hammer an das Gestein und sprichst dazu:

Berggeist, Berggeist, komm herbei!
Hör mein Klopfen – eins, zwei, drei!
Schaff mir Hilfe, gib mir Brot!
Ich will alles tun, was not.

Kommt dann das Bergmännchen, so erzähle ihm nur ganz ohne Scheu, wie es dir ergeht und was du brauchst. Mir … doch nein!«, hielt der Erzähler inne. »Erfülle, was er dir heißen wird, und du wirst künftig gute Tage haben.«

Hans, wohl wissend, dass er durch Anrufung des Bergmännchens seine Seele nicht gefährde, weil das kein Teufelswerk sei, wie er von jeher gehört hatte, merkte sich alles genau und nahm sich vor, dem Rat seines Kameraden Folge zu leisten. Ach, es blieb ihm so nichts übrig, als diese letzte Hoffnung und Hilfe in äußerster Not. Er fand, als er heimkam, das siebente Kind, ein Knäblein, in der Wiege, und keinen Bissen Brot im Haus. Er tröstete die seinen, dass es bald besser, so recht gut werden solle, und nahm sich vor, gleich bei der nächsten Schicht einen Versuch zu machen.

Als Hans am nächsten Morgen einmal allein in der Grube war, schlug er an das Gestein mit dem Hammer, wie ihm geheißen war, und rief den Berggeist nach Vorschrift herbei. Das Gestein teilte sich, und ein kleines altes Männchen mit langem Bart und runzlichem, sonst aber freundlichem Gesicht kam herbei. Das sprach:

Warum rufest du mich her?
Knappe, was ist dein Begehr?

Darauf erzählte Hans ihm seine langjährige Not, wie sie nun den höchsten Grad erreicht habe und er sich nicht mehr zu retten wisse, und bat um seine Hilfe.

Der Berggeist sah es dem Bergmann wohl an, dass die Erzählung seines Elends eine wahrhaftige sei, und antwortete:

Gib für die Hilf’ mir jede Schicht
ein Pfennigbrot und Pfenniglicht.
Dafür wird Silbers g’nug dein eigen;
Doch schwöre mir ein ewig Schweigen!

Hans schwor dem Berggeist einen Eid, den dieser ihm vorsagte und der fürchterlich geklungen haben mag, denn es überlief den Hans dabei ganz kalt. Darauf verschwand das Bergmännchen, und das Gestein schloss stich wieder. Zu des Knappen Füßen aber lag ein Häuflein gediegenen Silbers.

Hans verkaufte das Silber noch selbigen Tages an einen Krämer, versprach diesem, täglich eine ähnliche Menge nachzuliefern, und half mit dem reichlichen Erlös, wobei er noch redlich betrogen sein mochte, sich und den seinen aus der Not.

Tagtäglich brachte nun der Berggeist dem Hans gegen Brot und Licht das versprochene Silber, tat freundlich mit ihm und erzählte ihm, das Brot sei ein wahres Labsal für sein Weib, und die Lichtlein eine Wonne für seine Kindlein, und erkundigte sich, wie es jetzt bei ihm gehe. Er freute sich, von des Knappen immer mehr zunehmendem Wohlstand zu hören. Aber stets warnte er ihn beim Fortgehen:

Schweige du, vom Staub geboren!
Tust du’s nicht, bist du verloren.

Die Warnung hat der Berggeist gar nicht nötig!, meinte bei sich Hans, der nun schon für einen gemachten Mann galt, ein schönes eigenes Grundstück mit Feld und Wiese hatte und sich drei Kühe und anderes kleines Vieh halten konnte.

Hans’ immer mehr zunehmende Wohlhabenheit war bei gesamten Knappschaft und allen Nachbarn und Freunden ein unerklärliches Rätsel. Es hieß, es sei ein Vetter seiner Frau draußen im Reich gestorben und habe diese zur Erbin eingesetzt. Aber von dem Vetter war vordem nie die Rede gewesen. Dann wusste aber auch niemand, wann und wie das Geld ankomme, das sehr bedeutend sein musste, denn Hans kaufte immer wieder hinzu zu seiner Wirtschaft und war bald der reichste Mann im Ort. Man munkelte auch und raunte sich in die Ohren vom Drachen, den Hans haben sollte; aber niemand hatte ihn je zur Esse hereinfliegen sehen, und Hansens waren ja auch ehrliche, christliche, fromme Leute. Endlich sprach man gar nicht mehr davon und quälte auch Hans’ Frau nicht mehr mit Fragen, die offenbar ebenso wenig wusste wie Nachbarn und Freunde, denn ihr Mann hielt unverbrüchlich sein gelobtes Stillschweigen. Fragten ihn seine Eltern und sein Weib nach der Ursache seines jetzigen Reichtums, so sagte er: Unverhofft kommt oft oder brauchte ähnliche dunkle Redensarten. Sie glaubten endlich, er habe einen Schatz gefunden. Er gab aber nie altes verschimmeltes Geld her, sondern gewöhnliche, gangbare Landesmünze, die konnte doch nicht vom Schatz herrühren.

Hans und seine Familie lebten sehr glücklich, und es war auch keine Änderung zu befürchten, da Hans schweigen zu können schien und recht augenscheinlich alles Aufsehen vermied, trotz seines Reichtums gewöhnlicher Bergknecht blieb und keine Beförderung zum Steiger annahm, was er viele Male hätte werden können.

So ging das fort, bis einstmals das Stollenbier kam und alles lauteste Freude atmete. Hans, der bei guter Nahrung und durch Wegfall der Sorgen aus einem verkümmerten Schwächling ein starker, stattlicher Mann und wieder lebensfroh geworden war, hatte manchen Schoppen Bier dabei getrunken und war fröhlich und guter Dinge.

Da rückten ihm die anderen Knappen auf den Leib und sprachen: »Hans! Heute musst du uns sagen, wie du reich geworden bist.«

Doch der Hans blieb standhaft, und erst als sie ihn kränkten und sprachen, »du hältst schöne Kameradschaft, du bist nun reich, uns gönnst du es aber nicht, es auch zu werden«, da glaubte er in seinen Trunkenheit, sich vom Vorwurf, den sie ihm machten, reinigen zu müssen und erzählte alles rein und richtig von der Leber weg, wie es sich zugetragen habe.

Als der Hans so tat, staunten die Bergknappen weidlich, und jeder dachte nun schon in Gedanken sich ebenso reich, wie es der Hans geworden war. Der aber, als er zur Besonnenheit zurückgekehrt war, raufte sich das Haar ob seiner Plauderhaftigkeit, und es graute ihm vor des Berggeistes Zorn, des grässlichen Eides gedenkend, den er ihm geschworen hatte. Mit Zittern und Zagen fuhr er zur nächsten Schicht, vorher ängstlich von all den seinen Abschied nehmend, die gar nicht wussten, was mit ihm vorgehe, da er Ähnliches vorher nie getan hatte.

Hans hatte in der Grube keine beschwerliche Arbeit, nur die Aufsicht hatte er zu führen an dem Haspel, und das Zeichen zu geben, wenn die Knechte oben den Rundbaum drehen und den Erzkübel zutage fördern sollten. Staunend standen diese heute lange, ohne dass in der Tiefe das längst erwartete Zeichen zum Heraufwinden gegeben ward. Endlich kam das Zeichen und sie bewegten den Rundbaum. Abee es drehte sich so leicht, dass sie meinten, es sei gar nicht möglich, dass sie einen Kübel mit Erz heraufzögen. Sie blickten hinab, als ob es möglich wäre, dies mit den Augen zu ergründen. Seltsam! Es blinkte Licht in der Tiefe. Es ward heller und mächtiger, je höher der Kübel stieg. Jetzt ward er zutage gefördert.

Im Kübel lag anstatt des Erzes Hans tot und mit dem Ansehen eines Erwürgten. Um ihn herum brannten Lichter, die Hans dem Berggeist gebracht, und auf dem Leichnam des Unglücklichen lag das letzte Pfennigbrot, das er heute abgeliefert hatte.

Die Knappen kleideten ihren Kameraden aus und machten Belebungsversuche. Umsonst. In seinem Grubenkittel steckte ein feuchter Zettel mit sehr unleserlicher Schrift. Darauf stand:

Glücklich ist, wer schweigen kann,
Plaud’rer ein verlor’ner Mann.
Schwieg er, wär’ er heut’ noch rot,
Berggeists Straf’ ist jäher Tod.

Nach drei Tagen haben die Knappen den Hans gar feierlich zu Grabe getragen. Es wurde von seinem plötzlichen Tod gesagt, er sei zu erhitzt in die Grube gefahren und in der kalten Tiefe am Blutschlag gestorben. Der Zettel und seine Inschrift ward nicht bekannt, und als man ihn später haben wollte, fehlte er, und keinen wusste, wohin er gekommen sei.

Dem Berggeist scheint es leidgetan zu haben, dass er gegen Hans so strenges Recht hatte üben müssen. Das Wohlwollen, welches er ihm geschenkt hatte, schien er auf seine Söhne übertragen zu wollen. Als der Älteste das erste Mal einfuhr, redete ihn der Berggeist unaufgefordert an und machte ihm ein gleiches Anerbieten, wie vordem seinem Vater. Er aber gedachte des Schicksals seines armen Vaters und ließ sich nicht ein mit dem launischen Berggeist, obwohl dieser sein Anerbieten noch oftmals wiederholte.

Als die Knappen den Tag nach Hans’ Beerdigung die Grube wieder befuhren, haben sie zur Erinnerung an ihm und damit jeder Knappe sein Schicksal sich zu Herzen nehme, seinen Namen in Stein gehauen.

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