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Paraforce Band 32

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Interessante Abenteuer unter den Indianern 66

Interessante-Abenteuer-unter-den-IndianernJohn Frost
Interessante Abenteuer unter den Indianern
Erzählungen der merkwürdigsten Begebenheiten in den ersten indianischen Kriegen sowie auch Ereignisse während der neueren indianischen Feindseligkeiten in Mexiko und Texas

Merkwürdiges Entkommen von Tom Higgins

Unter einer Gesellschaft von jungen Leuten, welche sich in ein Korps Rangers formiert hatten und zwar ganz zum Schutz der westlichen Grenzen, befand sich einer mit Namen Tom Higgins. Er war ein Eingeborener von Kentucky und ein herrliches Specimen des echten Hinterwäldlers. Im Monat August gehörte er zu einer Abteilung von zwölf Mann, welche in einer kleinen Verschanzung zwischen Greenville und Vandalia postiert waren. Diese Städte bestanden damals noch nicht und die Umgegend war eine ungeheure Wildnis.

Am 30. des Monats wurden Indianer in der Nachbarschaft bemerkt, und des Nachts erblickte man sie um das Fort herumstreifen, aber es wurde kein Alarmsignal gegeben.

Früh am Morgen ging der Lieutenant und seine kleine Abteilung, die beritten war, um zu rekognoszieren, wo sich die Indianer befänden. Um die Ecke des Zauns eines an die Front der Festung grenzendes Kornfeld reitend, verfolgten sie den Weg über die Steppe und waren nicht mehr als eine Meile fortgekommen, als sie beim Überschreiten eines kleinen Hügels, welche mit einem Haselnussdickicht bewachsen war, und von wo aus sie ihre Station gänzlich überblicken konnten, in einen Hinterhalt der Indianer fielen, welche, siebzig oder achtzig Mann stark, sich plötzlich um sie erhoben und feuerten. Vier von der Abteilung wurden getötet, ein anderer fiel schwer verwundet, und die Übrigen flohen, ausgenommen Higgins.

Es war ein schwüler Morgen, der Tag brach eben an, ein schwerer Tau war während der Nacht gefallen, die Luft war ruhig und feucht, und der Rauch von den Gewehren hing in einer Wolke über dem Platz. Unter dem Schutz dieser Wolke waren Higgins Gefährten entwischt, indem sie glaubten, dass alle Zurückgelassenen tot seien. Higgins Pferd war durch den Hals geschossen worden und fiel auf die Knie, erhob sich jedoch wieder. Da er glaubte, dass das Tier tödlich verwundet sei, so stieg er ab. Da er aber fand, dass das Pferd durch die Wunde nicht unfähig gemacht war, so fuhr er fort, den Zaum zu halten, denn er glaubte imstande zu sein, seinen Rückzug bewerkstelligen zu können. Doch ehe er dies tat, wünschte er, wie er sich ausdrückte, einen Schuss auf den Feind zu haben.

Zu diesem Zweck sah er sich nach einem Baum um, von welchem aus er mit Sicherheit feuern könnte. Es war nur eine kleine Ulme in der Gegend, aber ehe er diese erreichen konnte, erhob sich die Rauchwolke zum Teil, und Higgins erblickte eine Anzahl Indianer, von denen jedoch keiner ihn erblickte. Einer derselben stand nur ein paar Schritte von ihm, im Begriff, sein Gewehr zu laden. Auf diesen zielte Higgins bedachtsam, feuerte, und der Indianer fiel. Immer noch vom Rauch verborgen, lud Higgins sein Gewehr wieder, bestieg sein Pferd und wendete sich zur Flucht, als ihn eine wohlbekannte Stimme mit den Worten anrief: »Tom, du willst mich doch nicht verlassen?«

Als er um sich blickte, entdeckte er einen seiner Kameraden, namens Burgess, welcher verwundet auf dem Boden lag, und er rief augenblicklich aus: »Nein, ich werde dich nicht verlassen. Komm mit mir, ich werde Sorge für dich tragen.«

»Ich kann nicht kommen«, erwiderte Burgess, »mein Bein ist gänzlich in Stücke zerschmettert.«

Higgins sprang aus dem Sattel, und indem er seinen Freund in die Arme nahm, und auf das Pferd zu heben begann, sagte er ihm, er solle nur sein eigenes Leben retten, und er selbst wolle seinen Weg zu Fuß machen. Aber das Pferd, welches in diesem Augenblick scheu wurde, ging durch und ließ Higgins und seinen verwundeten Freund zurück. Die kaltblütige Tapferkeit des Ersteren verließ ihn auch selbst in dieser äußersten Gefahr nicht.

Indem er Burgess sanft niedersetzte, sagte er zu ihm: »Nun, mein guter Junge, musst du versuchen, so gut wie möglich fortzukommen, während ich zwischen dir und den Indianern bleibe, um dieselben abzuhalten.«

In gleicher Zeit gab er ihm die Lehre, sich in das höchste Gras zu begeben und so nahe wie möglich am Boden zu kriechen. Burgess folgte seinem Rat und entkam unbemerkt.

Die Geschichte berichtet keine uneigennützigere Heldentat als die des Tom Higgins, welcher, während er die sicheren Mittel, aus so großer Gefahr zu entkommen, in Händen hatte, dieselben freiwillig aufgab, indem er sein Pferd einem verwundeten Kameraden anbot, und welcher selbst dann, als diese großmütige Absicht vereitelt und sein eigener Rückzug immer noch möglich war, mit Gefahr seines Lebens zurückblieb, um seinen zum Krüppel geschossenen Freund zu beschützen.

Die Rauchwolke, welche sich teilweise über ihm geöffnet hatte, als er dem Feind ins Angesicht blickte, lag immer noch dick hinter ihm. Als er dieselbe durchschnitten hatte, ließ er sie zusammen mit dem Hügel und Haselstrauchdickicht zwischen sich und der Hauptmacht der Indianer und zog sich, ohne bemerkt zu werden, zurück. Unter diesen Umständen ist es wahrscheinlich, dass er, wenn er in gerader Linie auf die Station zugeflüchtet wäre, sein Entkommen bewirkt haben würde. Aber Burgess kroch langsam in jener Richtung davon, und der edle Higgins sah voraus, dass, wenn er dieselbe Spur verfolge und entdeckt werden sollte, sein Freund gefährdet sein würde. Er beschloss daher, so weit von seinem Kurs abzuweichen, dass, falls irgendeiner der Feinde ihm folgen sollte, derselbe nicht auf Burgess stoßen würde. In dieser Absicht bewegte er sich vorsichtig durch den Rauch und die Gebüsche, in der Hoffnung, mit der möglichen Schnelligkeit fliehen zu können, sobald er dieselben hinter sich habe. Aber gerade als er das Dickicht verließ, erblickte er ganz nahe bei sich einen großen, starken Indianer, zwei andere auf der entgegengesetzten Seite, und noch weiter weg zwei in der Richtung zum Fort.

Auf seinen Mut und seine Gewandtheit vertrauend, war Tom unverzagt, jedoch beschloss er, gleich einem guten General, die Feinde zu trennen und einzeln zu bekämpfen. Seinen Weg zu einem nahen Hohlweg richtend sprang er davon. Aber bald fand er, dass ihm eines seiner Beine den Dienst versagte, da er im ersten Feuer eine Kugel erhielt, die er bisher kaum gefühlt hatte.

Der größte Indianer folgte ihm hart auf den Fersen. Higgins drehte sich mehrere Male um, um zu feuern, aber der Indianer machte jedes Mal halt und fing an zu tanzen, um ihn am Zielen zu hindern. Tom wusste, dass er nicht aufs Geradewohl schießen durfte. Die anderen beiden kamen ihm näher, und er fand, dass er überwältigt werden musste, wenn er nicht imstande sei, den Ersten abzufertigen.

Er machte deshalb halt und beschloss ein Feuer auszuhalten. Der Indianer, nur noch ein paar Schritte entfernt, erhob seine Büchse. Higgins bewachte seines Gegners Auge, und gerade als er glaubte, dass derselbe abdrücken wolle, drehte er ihm die Seite zu. Es ist wahrscheinlich, dass ihm diese Bewegung das Leben rettete, denn die Kugel, welche sonst seinen Körper durchbohrt haben würde, drang in den Schenkel.

Tom fiel, erhob sich jedoch wieder und lief. Der größte Indianer, seiner Beute gewiss, lud wieder und verfolgte ihn dann mit den beiden anderen. Higgins war abermals gefallen, und als er sich erhob, feuerten alle drei – und alle ihre Kugeln trafen ihn!

Er fiel und erhob sich wieder einige Male, aber die Indianer ihre Büchsen wegwerfend, drangen mit Speeren und Messern auf ihn ein. Sie machten wiederholte Angriffe auf ihn, aber als er bald dem einen, bald dem anderen seine Büchse vorhielt, fielen sie zurück, bis am Ende der Größte von ihnen, welcher wahrscheinlich dachte, dass Toms Gewehr, weil er sein Feuer solange zurückhielt, nicht geladen sei, ihn kühn angriff. Nun zielte Higgins ruhig auf ihn und schoss ihn tot. Mit vier Kugeln in seinem Körper, einer leeren Flinte, zwei Indianer vor sich, und einen ganzen Stamm nur wenige Ruten von sich entfernt, würde sich beinahe jeder andere Mann der Verzweiflung überlassen haben. Aber Tom hatte keinen solchen Gedanken. Er hatte den Gefährlichsten seiner Feinde getötet und fürchtete sich nur wenig vor den anderen. Er blickte ihnen deshalb ins Angesicht und begann seine Büchse zu laden. Sie erhoben ein Geschrei und stürmten auf ihn ein.

»Sie hielten sich in gehöriger Entfernung, solange meine Büchse geladen war«, sagte er. »Aber als sie wussten, dass sie abgeschossen war, waren sie bessere Soldaten.«

Ein wilder und blutiger Kampf erfolgte. Die Indianer brachten ihn auf vielen Plätzen Stichwunden bei, aber es trug sich glücklicherweise für Tom zu, dass die Schäfte ihrer Speere dünne Stängchen waren, welche sie in der Eile für die Gelegenheit angefertigt hatten, und die sich, sobald die Spitzen eine Rippe oder eine seiner zähen Muskeln trafen, bogen. Aus dieser Ursache und infolge der fortgesetzten Anstrengung seiner Hände, um ihre Stöße zu parieren, waren die Wunden, welche sie ihm beibrachten, nur gering. Sein ganzer Vorderkörper war jedoch mit Schmarren bedeckt, welche zum Beweis seiner Tapferkeit Narben zurückgelassen haben.

Einer derselben zog seinen Tomahawk. Die Schneide desselben drang tief in Higgins Wange, verletzte auch sein Ohr, legte seinen ganzen Schädel bis auf den Hinterkopf bloß und streckte ihn auf die Ebene nieder. Die zwei Indianer stürzten sich auf ihn; aber Tom, welcher augenblicklich seine Geistesgegenwart wieder gewann, hielt sie mit Händen und Füßen von sich ab. Endlich gelang es ihm, einen ihrer Speere zu ergreifen, was ihm, da sich der Indianer bemühte, ihm denselben zu entreißen, zum Aufstehen verhalf. Indem er seine Büchse gleich einer Keule schwang, drang er auf den Nächsten seiner Feinder ein und zerschmetterte ihm das Gehirn, wobei er jedoch den Schaft in Stücke schlug und nur noch den Lauf in der Hand behielt.

Der noch übrige Indianer, obgleich verwundet, war bei Weitem der stärkste Mann; aber trotzdem, dass unserem Helden seine Kraft rasch verließ, war sein Mut nicht erschöpft, und der Wilde begann, sich zu der Stelle, wo er seine Büchse hatte fallen lassen, zurückzuziehen. Tom suchte unterdessen nach der Flinte des anderen Indianers. So suchten beide, obwohl blutend und außer Atem, Waffen, um den Kampf zu erneuern.

Unterdessen hatte sich der Rauch, welcher sich zwischen den Kämpfenden und der Hauptmasse der Indianer befand, verzogen, und eine Anzahl der Letzteren, welche das Haselstrauchdickicht durchschritten hatten, war deutlich zu sehen. Es schien deshalb, dass nichts unseren tapferen Ranger retten könne; aber Hilfe war nahe zur Hand.

Die kleine Besatzung des Forts hatte den ganzen merkwürdigen Kampf mit angesehen, ihre Zahl belief sich nur auf sechs, und unter denselben war ein heldenmütiges Weib – eine Frau Pursley. Als sie Higgins allein mit dem Feind kämpfen sah, drang sie in die Männer, ihm zu Hilfe zu eilen. Aber die Ranger machten Einwürfe, da die Indianer sie an Zahl bedeutend überlegen waren. Frau Pursley erklärte, dass ein so edler und tapferer Junge wie Higgins nicht aus Mangel an Hilfe umkommen sollte. Mit diesen Worten riss sie ihrem Mann die Büchse aus der Hand, sprang auf ein Pferd und ritt hinaus, während die Männer, beschämt, von einem Weib an Tapferkeit übertroffen zu werden, im vollen Galopp zum Kampfplatz sprengten.

Nun erfolgte eine Szene von höchstem Interesse. Die Indianer hatten Tom im Dickicht eben entdeckt und rückten mit wildem Geschrei gegen ihn an. Seine Freunde spornten ihre Pferde, um ihn zuerst zu erreichen. Higgins, vom Blutverlust erschöpft, war ohnmächtig geworden. Sein Gegner, zu erpicht auf seine Beute, sah nichts anderes und suchte nach seiner Büchse.

Die Ranger erreichten den Kampfplatz zuerst. Frau Pursley ritt auf Tom z, und bot ihm ihr Gewehr an; aber bei Tom war das Schießen vorbei. Seine Freunde hoben ihn auf, legten ihn im Angesicht der Indianer quer über ein Pferd und wendeten sich zum Rückzuge, gerade als die Indianer angreifen wollten. Ihre Flucht gelang, und die Indianer gingen in die Wälder zurück.

Nachdem Tom in die Festung gebracht worden war, blieb er einige Tage ohne Besinnung. Sein Leben wurde nur durch außerordentliche und fortgesetzte Sorgfalt gewahrt. Seine Freunde hatten alle Kugeln ausgezogen bis auf zwei, welche in seinem Schenkel stecken blieben. Eine derselben verursachte ihm mehrere Jahre lang zuweilen große Schmerzen, obwohl die Wunde zugeheilt war. Endlich hörte er, dass ein geschickter Arzt sich innerhalb einer Tagesreise zu Pferd niedergelassen habe, und Tom entschloss sich, zu gehen und zu sehen, ob er ihm nicht helfen könne.

Der Arzt war gern bereit, die Kugel auszuziehen, jedoch unter der Bedingung, dass er die übertriebene Summe von fünfzig Dollar für die Operation bezahlen solle. Tom weigerte sich schlechterdings dies zu bezahlen, da es mehr als die Pension eines halben Jahres war. Als er nach Hause kam, fand er, dass er sich den Teil, wo die Kugel saß, so wund geritten hatte, dass dieselbe, welche gewöhnlich nicht zu entdecken war, nun deutlich gefühlt werden konnte.

Er bat seine Frau, ihm ein Rasiermesser zu reichen. Mit ihrem Beistand schnitt er sich vorsichtig den Schenkel auf, bis die Schneide des Rasiermessers die Kugel berührte. Er setzte nun beide Daumen in den Schnitt, und schnellte die Kugel heraus, ohne dass ihm die Operation, wie er sich ausdrückte, einen Cent gekostet hatte.

Die andere Kugel blieb noch in seinem Bein stecken. Sie verursachte ihm jedoch keine Schmerzen, außer wenn er sich allzu sehr angestrengt hatte. Er wurde einer der glücklichsten Jäger im Land, und er nimmt es noch immer mit dem stärksten Mann auf.

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