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Die Flusspiraten des Mississippi 31

die-flusspiraten-des-mississippiFriedrich Gerstäcker
Die Flusspiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

31. Cook kommt nach Helena

Der Tag dämmerte – die Dunkelheit der Nacht wich unbe­stimmten grauen Schatten, die das ganze düstere, noch immer von dichtem Nebel erfüllte Land und den leise gurgelnden Strom überhingen. Die grauen Schwaden, die bis dahin mit der Nacht verschmolzen waren, schienen sich immer mehr zu verdichten. Doch so matt und entkräftet auch gestern die Sonne untergegangen war, so frisch begann sie heute Morgen wieder ihren Lauf. Schon der kühle Luftzug, den sie voraussandte, riss die Nebelmasse auf und machte den Weg für die ersten leuchtenden Strahlen frei.

Adele stand in Mrs. Daytons Zimmer an dem Eckfenster und blickte sinnend hinaus in den beginnenden Tag.

»Sieh, Hedwig«, sagte sie plötzlich und wandte sich nach der Schwester um, »sieh nur, wie die Sonne jetzt auch den letzten Zwang ab­zuwerfen scheint und frei und rein aus den hässlichen Schatten heraus­tritt. Man sieht fast, wie sie hoch aufatmet und ordentlich froh ist, all den Zwang und Dunst überwunden zu haben. Ach, ist mir’s doch gerade so, als ob ich aus der Stadt komme und den Fuß in den freien, herrlichen Wald mit seinen Blüten und Blumen setze.«

Mrs. Dayton war neben sie getreten und blickte zu dem von kei­nem Wölkchen getrübten Himmel empor. Zwei Tränen hingen aber an ihren Wimpern, und sie wandte sich ab, sie zu verbergen.

»Hedwig«, sagte Adele leise und ergriff die Hand der jungen Frau, »was fehlt dir? Du bist seit gestern Abend so ernst geworden – hat dich Maries Zustand …?«

Mrs. Dayton schüttelte leicht den Kopf und sagte seufzend: »Weiß ich’s denn selbst, was mich bedrückt? Seit gestern, ja, seit wir von Livelys zurückritten, ist mir das Herz so schwer, dass ich in einem fort weinen möchte und doch nicht sagen kann, warum.«

»Jener Vorfall dort hat dich so angegriffen«, beruhigte sie das Mädchen, »liegt mir’s doch selber seit der Zeit ordentlich in den Gliedern. Es war recht hässlich, dass wir auch gerade draußen sein mussten.«

»Ach nein – das ist es nicht allein«, erwiderte Mrs. Dayton unruhig, »auch das ganze Leben in Helena wird mir hier von Tag zu Tag drüc­kender. Dayton hält sich jetzt mehr außerhalb des Hauses auf als bei uns und ist seit kurzer Zeit völlig verändert.«

»Ja, das sei Gott geklagt«, bestätigte Adele, »sonst war er froh und hei­ter, oft sogar ausgelassen lustig. Weißt du noch, wie du über mich lach­test, als ich mich deshalb vor ihm gefürchtet hatte. Und jetzt ist er ernst wie ein Methodist, spricht wenig, raucht viel und fährt vom Stuhl auf, wenn nur irgendjemand unten vorbeigeht.«

»Er hat davon gesprochen, dass wir Helena verlassen wollen«, sagte Mrs. Dayton, »wollte Gott, das könnte heute geschehen. Helena wird mir mit jedem Tag verhasster, je mehr die Einwohner wilder und roher zu werden scheinen.«

»Das sind die Einwohner nicht«, entgegnete Adele, »die verhalten sich ziemlich ruhig, nur die vielen fremden Bootsleute, welche hier fortwährend kommen und gehen, sind die Ursache des ewigen Haders und Unfriedens. Ach, ich wollte ja auch froh sein, wenn ich Helena verlassen könnte. Ist denn Mr. Dayton die Nacht noch nach Hause gekommen? Ich hörte die Tür öffnen.«

»Ja, er kehrte etwas nach zwei Uhr und todmatt zurück. Das ewige Reiten, und noch dazu in Nacht und Nebel und in der feuchten Sumpf­luft, muss ihn ja aufreiben. Aber es wird bald Zeit, dass ich ihn wecken lasse, er wollte um acht Uhr aufstehen.«

»Wer war denn der fremde Schwarze, dem ich heute Morgen hier unten im Haus begegnete?«, fragte Adele. »Er schaute ganz entsetzlich wild und verstört drein – ich erschrak ordentlich, als er mich ansah.«

»Den hat Dayton, wie er mir nur flüchtig sagte, gestern von durchziehen­den Auswanderern billig gekauft. Er ist wohl unterwegs krank gewor­den. Morgen oder übermorgen will er ihn auf eine Plantage nach Missis­sippi hinüberschicken. Aber wie geht es denn Marie?«

»Hoffentlich besser – ich sah heute Morgen einen Augenblick in ihre Kammer hinein, und sie schlief so sanft. Nancy soll mich rufen, wenn sie erwacht. Vorher werde ich auch noch einen Augenblick zu Mrs. Smart hinübergehen müssen. Sie hat mich gebeten, ihr Nachricht von dem Be­finden der Kranken zu geben.«

»Dann leg dich aber auch nachher selbst noch ein wenig nieder«, sagte Mrs. Dayton. »Ruhe wird dir guttun, du hast ja fast die ganze Nacht kein Auge geschlossen.«

»Ich bin nicht müde«, entgegnete Adele wehmütig, »ach, wie gern wollte ich Nacht für Nacht an dem Bett der Unglücklichen sitzen, wenn ich ihr nur dadurch ein wenig helfen könnte. Wo aber Mr. Hawes sein mag? Wie Mrs. Livelys Diener draußen gesagt hat, ist er schon gestern Nachmittag dort aufgebrochen.«

»Sollte er vielleicht von dem Zustand seiner Frau Kunde erlangt haben und, ihren Aufenthalt nicht kennend, nach Hause geritten sein? Aber wahrhaftig, da kommt er die Straße herab, und zwar in vollem Galopp gerade auf unser Haus zu. Der arme, arme Mann!«

»Das ist Mr. Hawes nicht!«, rief Adele, die sich rasch umwandte und einen Blick aus dem Fenster warf. »Das ist der Mann, dessen Kleider er gestern trug, Mr. Cook – was mag der wollen?«

Der Reiter zügelte in diesem Moment dicht vor ihrem Haus sein schnaubendes Pferd, sprang aus dem Sattel und gab sich nicht einmal die Mühe, das schäumende Tier festzubinden. Er ließ den Zügel auf dem Sattelknopf liegen und trat rasch in die Tür, während sein Pferd den schlanken, schön geformten Hals schüttelte und den Kopf warf, dass der weiße Schaum umherflog, und dann mit dem rechten Vorderfuß die Erde vor sich zerscharrte und stampfte, als ob es nur ungeduldig hier des Herrn warte und die Hetze so schnell wie möglich fortzusetzen wünsche.

Im nächsten Augenblick war Cooks rascher Schritt auf der Treppe zu hören, und er fragte nach Squire Dayton. Mrs. Dayton öffnete die Tür und bat den jungen Farmer einzutreten. Dieser leistete allerdings der Einladung augenblicklich Folge, entschuldigte sich aber auch zugleich mit der dringenden Notwendigkeit der Sache, dass er so ungebeten und in so wildem Aufzug vor ihnen erscheine.

»Ich muss den Squire sprechen, Ladys, und möchte Sie bitten, mich so schnell wie möglich zu ihm zu führen. Es betrifft Sachen von dringendster Wichtigkeit«, sagte er heftig.

»Ich will ihn gleich rufen, Sir«, erwiderte Mrs. Dayton, »er schläft noch, müde und matt von zu großer Anstrengung …«

»Dann tut es mir leid, ihn gleich wieder so in Anspruch nehmen zu müssen«, warf Cook ein, »aber die Sache, wegen der ich hier bin, betrifft Leben und Eigentum von vielleicht Tausenden und wird, wie ich fast fürchte, unserer ganzen Energie, unseres stärksten Zusammenwirkens bedürfen, ihr mit Erfolg zu begegnen. Doch Mr. Hawes hat dem Squire wahrscheinlich gestern schon einen ungefähren Überblick über das, was wir entdeckten, gegeben.«

»Mr. Hawes?«, riefen die beiden Frauen erstaunt aus, und Mrs. Dayton, die schon die Türklinke in der Hand hatte, blieb stehen.

»Mr. Hawes war nicht hier – wir haben ihn jede Stunde, ja jeden Augenblick erwartet«, versicherte Adele. »Der Diener brachte den Brief an ihn wieder zurück.«

»Ja, aber – was soll das bedeuten?«, fragte Cook verwundert, »er kann sich doch wahrlich auf der ebenen, breiten Straße nicht verirrt haben und sprengte doch gestern Nachmittag nicht nur nach Helena, um Squire Dayton aufzusuchen, sondern sogar mit in unserem Auftrag, um ihm eine wichtige Meldung zu machen, damit dieser die nötigen Schritte tun könne.«

»Er war nicht hier.«

Cook blickte sinnend vor sich nieder und stampfte endlich in Gedanken ungeduldig auf den Teppich, dass die Gläser auf dem Tisch aneinanderstießen. Er schrak zusammen und errötete. Andere Gedanken verdrängten aber bald diese Kleinigkeit. Er strich sich langsam mit der Linken über die Stirn und flüsterte dann noch einmal, aber mehr zu sich selber redend: »Also Mr. Hawes war nicht hier?«

»Nein, ganz gewiss nicht!«

»Ach, bitte, Mrs. Dayton, rufen Sie den Squire«, sagte der junge Farmer drängend, »ich muss ihn wahrhaftig sprechen, denn ich fürchte fast …«

»Was fürchten Sie?«, rief die Frau besorgt, »ist denn etwas so Schreck­liches vorgefallen – betrifft es meinen Mann selber?«

»Nein, nein«, beruhigte sie Cook, »ganz und gar nicht, ich verlange auch nicht Mister Dayton, sondern den Squire in ihm zu sehen. Ich habe überhaupt noch nicht einmal das Vergnügen gehabt, ihn persönlich ken­nenzulernen.«

»So will ich ihn rufen. Bitte, bleiben Sie einen Augenblick hier bei Adele, ich bin gleich wieder zurück.«

Sie verließ rasch das Zimmer, und Cook, die junge Dame fast nicht beachtend, ging rasch mit untergeschlagenen Armen in dem Zimmer auf und ab.

»Sie finden Mr. Hawes’ Betragen sonderbar?«, fragte Adele endlich, »Sie scheinen sogar beunruhigt darüber.«

Cook blieb vor ihr stehen und sah sie einige Sekunden, noch ganz in Gedanken vertieft, an.

»Ja, Miss«, sagte er dann und nickte, »ja, rätselhaft und – verdächtig. Doch das sind Sachen, über die ich lieber mit dem Squire besprechen will, und ich hoffe, wir werden schon alles zum guten Ende führen.«

»Wie befindet sich denn der verwundete Mulatte?«, fragte jetzt Adele. »Haben Mr. Hawes’ Mittel ihm genützt?«

»Mr. Hawes’ Mittel? Hawes ist doch kein Doktor!«

»Allerdings – aber er sagte uns, dass er deswegen zurückbleiben müsse.«

»Hm – also nur deshalb – doch es mag sein. Ja, der Verwundete befindet sich besser, seine kräftige Natur lässt ihn vielleicht sich wieder er­holen. Also Mr. Hawes wollte ihn kurieren? Und gerade er war es doch, der ihn, ohne der anderen Dazwischentreten, getötet hätte. Ich will ver­dammt – ah – bitte um Verzeihung, Miss, aber – ha, ich glaube, der Richter kommt, ich höre Schritte.«

Es war wirklich Squire Dayton, der, als ihn Mrs. Dayton von dem Besuch benachrichtigte, seine Kleider rasch übergeworfen hatte und eben jetzt in das Zimmer trat. Er ging auf den jungen Farmer zu und sagte, ihm die Hand entgegenstreckend: »Herzlich willkommen, Sir, in Helena und in meinem Haus. Das müs­sen wichtige Dinge sein, denen ich Ihren angenehmen Besuch zu so früher Stunde zu verdanken habe.«

Er sah blass und angegriffen aus. Die Haare hingen ihm noch wirr in die Stirn, und die Augen waren dunkel umschattet.

»Squire Dayton«, erwiderte Cook und hielt den Blick fest und erstaunt auf den Richter geheftet, als ob er hier jemandem gegenüberstehe, den er schon früher einmal gesehen habe, und sich nun gar nicht erinnern könne, wo und wann das gewesen sei. »Squire Dayton, ich weiß nicht … alle Wetter, ich muss … ich muss Sie doch schon irgendwo einmal – ha – Mr. Wharton – am Fourche la fave. Waren Sie nicht vor vierzehn Tagen bei dem Regulatorengericht am Fourche la fave?«

»Ich? Nein, in der Tat nicht«, sagt der Squire lächelnd und sah den jun­gen Mann unbefangen an. »Ein Regulatorengericht würde zu meiner Stellung als Friedensrichter auch gerade nicht besonders passen. Wie kom­men Sie darauf?«

»Dann haben Sie eine merkwürdige Ähnlichkeit mit irgendeinem anderen Mann, der sich – am Fourche la fave wenigstens – für einen Mr. Whar­ton von Little Rock ausgegeben hat«, sagte Cook, sah aber noch immer dabei den Squire fest und, wie es schien, ungläubig an. »Eine solche Ähn­lichkeit wäre noch nicht da gewesen.«

»Wharton – Wharton«, wiederholte sinnend der Richter, »den Namen habe ich erst kürzlich gehört Wharton, Wharton – wer erzählte mir doch von einem Wharton – Advokaten, ganz recht. Nun, es wird mir schon wieder einfallen. Trösten Sie sich übrigens, ich bin schon mehrere Male für einen anderen angesehen worden. Mein Gesicht muss doch so ziemlich alltäglich sein, dass es einer Menge anderer gleicht.«

»Das wüsste ich gerade nicht«, erwiderte Cook, »Squire – mich soll der Teufel holen, wenn ich nicht glaube -nein, wenn ich es nicht fast gewiss weiß, dass Sie jener Wharton sind. Ich habe mir die Züge des Advokaten damals zu deutlich eingeprägt.«

»Mr. Cook«, sagte der Richter lachend, »ich habe das Vergnügen, Ihnen hier Mrs. Dayton, meine Frau, vorzustellen. Der werden Sie doch wenigstens glauben, dass ich nicht der Advokat Wharton, sondern George Dayton, Friedensrichter hier in Helena und im County, bin.«

Cook machte eine etwas verlegene Verbeugung gegen die ebenfalls lächelnde Dame und sagte dann, jedoch immer noch halb zweifelnd: »Eine wunderbare, merkwürdige Ähnlichkeit bleibt es dann aber – eine Ähnlichkeit, wie sie mir noch gar nicht vorgekommen ist. Selbst die kleine Narbe da auf der Stirn hatte jener Wharton.«

»Und was war es, was mir die Ehre Ihres Besuches heute verschafft?«

»Kann ich ein paar Worte mit Ihnen allein reden?«, sagte Cook, durch diese direkte Frage rasch auf die Ursache seines Kommens zurückgeführt. »Es ist etwas von höchster Wichtigkeit und betrifft nicht allein die Sicher­heit Helenas, sondern die des ganzen Staates Mississippi.«

Dayton wandte sich, als ob er mit dem Gast das Zimmer verlassen wollte, zur Tür, in welcher soeben Nancy erschien. Mrs. Dayton aber sagte rasch: »Wir wollen gehen, Adele. Marie wird erwacht sein – nicht wahr, Mr. Cook, Sie bleiben doch zu Mittag bei uns?«

»Ich weiß wahrhaftig nicht, Madam, ob ich Ihre freundliche Einladung werde annehmen können«, erwiderte der Farmer, »es hängt wohl ganz davon ab, wie sich hier unsere Maßnahmen gestalten.«

»Nun gut, Sie sollen sich nicht binden. Sind Sie zu der Zeit noch in Helena, so finden Sie sich hübsch ordentlich ein – um ein Uhr wird ge­gessen.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, verließ sie, von Adele gefolgt, rasch das Zimmer.

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