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Die Flusspiraten des Mississippi 30

die-flusspiraten-des-mississippiFriedrich Gerstäcker
Die Flusspiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

30. Mrs. Breidelford und ihre Gäste

Der Leser muss noch einmal mit mir zu jener Zeit zurück­kehren, da Tom Barnwell so überraschend verhaftet und von dem Kon­stabler in das Gefängnis geführt worden war, während der Squire mit Sander den Weg zu seinem Hause eingeschlagen hatte. Dieses Gefängnis befand sich aber schräg gegenüber von Mrs. Breidelfords Haus, auf der andern Seite des schon früher erwähnten freien Platzes, sodass also die beiden Männer, sobald sie in die links abbiegende Straße traten, den dem Gefangenen nachdrängenden Menschenhaufen verließen. Tom dagegen sah sich bald darauf in einer kleinen, zu dem Platz hinausführenden Zelle einquartiert und seinem eigenen, nichts weniger als angenehmen Nachdenken überlassen.

Unruhig schritt er in dem engen Raum auf und ab und suchte sich die wunderlichen Vorgänge dieses Abends nach Möglichkeit zusammenzureimen, doch vergeblich. Auch des Richters Betragen blieb ihm rätselhaft, und dass Hawes ein Schurke war, bezweifelte er jetzt keinen Augenblick mehr. War er verhaftet worden, um an der Entdeckung irgendeines Buben­stücks verhindert zu werden? Er blieb, als ihm dieser Gedanke zum ersten Mal kam, betroffen stehen und sah starr vor sich nieder. War das mög­lich? Nein, nein, ein echter Konstabler hatte ihn ja verhaftet, der Rich­ter war dabei gewesen, das konnte also nicht sein. Ja der Mann selbst, der ihn beschuldigte, war ihm fremd, er hatte ihn in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen, das wusste er gewiss. Es musste also ein Irrtum sein, der sich bald aufklären würde. Sollte er aber indessen hier sitzen? Edge­worth konnte unmöglich solange auf ihn warten – und Marie? Was wurde aus dem armen, unglücklichen Wesen?

Wiederum schritt er erregt auf und ab und suchte mit der raschen Be­wegung auch jene wilden Gefühle zu beschwichtigen, die ihm Herz und Sinn durchglühten. Als er sich endlich etwas beruhigt hatte, trat er an das kleine, durch schwere Eisenstäbe wohlverwahrte Fenster und blickte in die neblige, nur hier und davon einem matt schimmernden Licht erhellte Straße hinaus.

Der Platz vor der County Jail, dem Gefängnis, war menschenleer. Die Leute, die ihm dorthin gefolgt waren, hatten gesehen, wie sich die schwere eichene Tür hinter ihm schloss, ebendiese Tür dann noch eine Weile an­gestarrt und nun langsam wieder den Weg nach ihren Wohnungen ein­geschlagen. Nur ein einzelner Mann kam die Straße herunter und blieb – Tom Barnwell hatte sich den Ort deutlich gemerkt – gerade vor dem­selben Haus stehen, vor dessen Tür er Hawes überrascht hatte. Sollte die­ser es wieder sein? War er zurückgekehrt von seinem kranken Weib? Und suchte er jetzt noch einmal da, wo ihm der Einlass vorher verweigert worden, Zutritt zu erhalten? Es dunkelte zu sehr – Tom konnte den Mann nicht mehr erkennen, deutlich aber vernahm er das mehrmalige, zuletzt ungeduldige Klopfen, und endlich wurde es in dem Haus lebendig. An den unteren Fenstern erschien ein Licht, bald darauf öffnete sich die Tür – ein heller Strahl fiel auf den Weg hinaus, und gleich darauf verschwand die Gestalt.

Nach und nach erstarb auch das letzte Geräusch. Die letzten Lichter, die er teils oben, teils unten an der Straße beobachtet hatte, erloschen. Nur in jenem Haus blieb es hell.

Stunde um Stunde stand Tom so an dem kleinen vergitterten Fenster und blickte hinaus in die feuchte, trostlose Nacht. Stunde um Stunde lauschte er dem fernen monotonen Gequake der Frösche und dem wun­derlichen, dann und wann die Stille unterbrechenden Schrei einzelner über die Stadt hinwegstreichender Nachtvögel. Träumend hing sein Blick an dem Nebel, und er dachte der vergangenen Tage, der vergangenen Liebe. Manche Träne war ihm dabei über die gebräunte Wange geflossen, und er gab sich nicht einmal die Mühe, sie wegzuwischen, ja er fühlte sie vielleicht nicht einmal.

Allein – ganz allein stand er in der Welt, es gab niemand, der ihn liebte, kein Herz, das an ihm hing. Tief aufseufzend barg der junge Mann das Gesicht in den Händen.

Einmal fuhr er hoch – es war ihm, als ob er über die Straße herüber einen schwachen Schrei gehört hätte. Sein Blick traf auf das noch schim­mernde Licht in dem geheimnisvollen Haus, aber alles war jetzt ruhig, kein Laut störte die tiefe Stille, und ermüdet warf er sich endlich auf sein hartes Lager nieder, um ein paar Stunden zu schlafen.

 

Gar lebhaft ging es indessen in dem kaum zweihundert Schritt ent­fernten Haus zu, wo Mrs. Breidelford ihre, wie sie oft äußerte, bescheidene und anspruchslose Wohnung hatte. Allerdings hatte Tom Barnwell richtig gesehen oder wenigstens recht vermutet: Jene Gestalt, die bald nach seiner Gefangennahme zurückkehrte, war wirklich der vermeintliche Hawes gewesen, und lange musste er wieder klopfen, ehe er Einlass er­hielt. Der junge Verbrecher war aber nicht so leicht abzuweisen und viel zu schlau, als dass er sich durch die Ruhe im Haus hätte irreführen lassen. Er kannte seine Leute besser und vermutete nicht zu Unrecht, dass Mrs. Breidelford sicherlich hinter der Tür stehe und jede seiner Bewegun­gen belausche.

Als sein Klopfen deshalb immer noch erfolglos blieb, beugte er sich zum Schlüsselloch nieder und flüsterte: »Meine verehrte Mrs. Breidelford, es tut mir zwar unendlich leid, dass Ihnen meine Gesellschaft nicht übermäßig erwünscht zu sein scheint. Ich muss aber nichtsdestoweniger Einlass haben, und wenn Sie die Tür nicht öffnen, so klopfe ich hier so lange, bis die ganze Nachbarschaft rebellisch wird – dort unten höre ich schon wieder Leute kommen.«

Und wiederum begann er mit beiden Fäusten an die Tür zu hämmern. Keine halbe Mi­nute hatte er es diesmal fortgesetzt, als er von innen einen schweren Rie­gel zurückschieben hörte, gleich darauf noch einen, dann war alles wieder ruhig. Er versuchte jetzt die Tür zu öffnen, diese musste aber auf jeden Fall noch verschlossen sein, und ohne sich beirren zu lassen, begann er sein Klopfen aufs Neue.

»Herr du, mein Gott!«, sagte da die entrüstete Stimme der ehrbaren Mrs. Breidelford, während sie jedoch den Schlüssel im Schloss umdrehte und die Tür ein klein wenig aufmachte, »dass sich unser Herr Jesus er­barme, wer in aller Welt …«

Sander schnitt ihr den Redeschwall ab, denn kaum zeigte sich die Tür so weit offen, dass er einen Fuß dazwischenschieben konnte, so legte er sich rasch mit seinem ganzen Gewicht dagegen und befand sich im näch­sten Augenblick im Inneren. Ohne jedoch hier den Ausruf des Schrecks wie die entfernte Andeutung unverweilt eintretender Krämpfe zu beachten, warf er die Tür schnell hinter sich zu und verwahrte sie nun seinerseits wieder sorgfältig mit Schloss und Riegeln.

»Aber ich bitte Sie um Gottes willen!«, rief die bestürzte Frau.

»Ruhe, meine süße Lady!«, bat Sander lächelnd, »Ruhe, holde Louise, deine Unschuld ist unbedroht, deine freundlichen Augen sind nicht ge­fährdet, nur deine herzigen Lippen musst du verschließen.«

»Der Henker hole Euer Du!«, unterbrach ihn jedoch hier Louise Breidelford auf nicht gerade freundliche Art. »Was in des Teufels Namen voll­führt Ihr für einen Lärm an einer einsamen Witwe Tür, als ob Ihr Euch ein Gewerbe daraus gemacht hättet, die Füllungen einzuschlagen. Mensch, seid Ihr rasend, oder wollt Ihr mich und Euch selber unglücklich machen?«

»Keins von beiden, holde Louise«, entgegnete Sander und machte einen Versuch, seinen rechten Arm um ihre Taille zu legen, welche Bewegung sie aber ärgerlich auf geschickte Weise parierte. »Keins von beiden, ich habe nur Wichtiges mit Ihnen zu bereden, und da meine Zeit etwas be­schränkt ist … aber, Holdseligste der Krämerinnen Helenas, wollen Sie mich denn hier die ganze Nacht auf dem Hausflur stehen lassen? Ich bin nass, hungrig, durstig, beraubt, verliebt und in Gefahr – Eigenschaften, von denen jede Einzelne hinreichend sein müsste, bei einer so liebenswürdigen Frau das größte Interesse zu wecken. Zuerst bitte ich also um Beseitigung der ersten, nachher wollen wir über die anderen reden. Mrs. Breidelford, mein Name ist Sander, und ich habe schon früher das Vergnügen gehabt …«

»Ei, so soll einem doch der liebe Gott beistehen!«, rief die Frau in höch­stem Erstaunen aus, »geht dem nicht das Mundwerk wie die Yankee-Dampfmühle am White River. Was wollt Ihr von mir, Sir? Was kommt Ihr in später Nacht in das Haus einer alleinstehenden Frau und macht vorher einen Lärm vor der Tür, dass die ganze Nachbarschaft aufmerk­sam werden muss? Bin ich hier in Helena, um Logis für vagabundierende Landstreicher zu gewähren, soll ich jeden hergelaufenen Bootsmann bei mir aufnehmen, jeden nichtsnutzigen Galgenstrick der gerechten Strafe entziehen? Aber das geschieht mir schon recht; mein Seliger – wenn er jetzt von oben auf mich herabsieht, weiß er, dass ich die Wahrheit rede – mein Seliger hat mir schon immer tausendmal gesagt – und tausendmal reichen nicht -‚ ›Louise‹, sagte er – halt, was soll das? Diese Tür ist ver­schlossen – was wollt Ihr dort?«

»Nur Einlass, holde Louise«, erwiderte lächelnd Sander, »wenn nicht hier, dann oben. Ich höre solche moralischen Bemerkungen des alten seligen Breidelford ungemein gern, aber ich muss ein Glas heißen Grog oder Stew vor mir und einen weichen, behaglichen Sitz unter mir haben – also, wenn’s gefällig wäre …«

»Die Tür da ist verschlossen, sag’ ich”, rief Mrs. Breidelford jetzt wirklich ärgerlich, »hol Euch doch der Henker, Mann, was wollt Ihr? Weshalb kommt Ihr her?«

»Nachtquartier will ich, teuerste Louise«, erwiderte Sander mit unzer­störbarem Gleichmut. »Nachtquartier, ehrbare Wittib, und einen guten warmen Imbiss, um dabei mit dir über einige Geschäftssachen reden zu können.«

»Das geht nicht – ich beherberge niemanden«, rief Mrs. Breidelford schnell, »kommt morgen am Tage wieder, wenn Ihr Geschäfte mit mir abzumachen habt.«

»Mrs. Breidelford!«

»Geht zum Teufel mit Eurem Unsinn, ich will nichts mehr hören. Macht, dass Ihr fortkommt, oder ich rufe, so wahr ich selig zu werden hoffe, den Konstabler.«

»Mrs. Breidelford«, sagte Sander mit sanfter, schmelzender Stimme, »teure Mrs. Breidelford, wollen Sie einen Unglücklichen von Ihrer Schwelle, wollen Sie mich jetzt in den feuchten Nebel, fast in der Gewissheit eines lebensgefährlichen Schnupfens und Katarrhs, hartherzig hinausstoßen?«

»Geht gutwillig, Sir, oder ich rufe wahrhaftig den Konstabler«, rief die Frau und schob die beiden Riegel wieder zurück.

Sander aber, der jetzt einsah, dass er den Scherz weit genug getrieben hatte, flüsterte ernst und dro­hend: »Halt, Madam, nicht weiter! Gutwillig wollen Sie mich nicht hören, meine Bitten konnten Sie nicht bewegen, so mag die Furcht Sie dazu zwingen!«

»Furcht, Sir?«, rief Mrs. Breidelford heftig auffahrend.

»Soll ich Ihnen vielleicht einen Namen nennen, der, wenn nur laut ge­flüstert, Ihren Hals schon dem Henker überliefern würde?«, sagte Sander jetzt mit immer lauter werdender Stimme, »soll ich Ihnen einen Namen nennen, der der Nagel Ihres Sarges werden könnte? Soll ich Ihnen … doch nein«, brach er plötzlich ruhiger ab, »ich will das nicht tun, ich bitte Sie nur um ein Nachtlager und Speise und Trank, das Übrige bereden wir drinnen. Ich bin ein Freund – Sie verstehen, was ich damit meine. Kann ich hierbleiben?«

Mrs. Breidelford sah ihn verstört an – ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen, und seine Augen schienen ihr nur zu deutlich zu sagen: Ich weiß mehr, als ich dir jetzt mitteilen will, hüte dich.

Ihr Herz klopfte ängstlich, und sie antwortete mit zitternder Stimme, die sie nur noch durch angenommene Verdrießlichkeit zu verdecken suchte: »Ei, zum Henker, Sir! Ihr gebraucht sonderbare Worte, jemanden um eine Gefälligkeit zu bitten, aber – geht nur hinauf, ‘s ist ein hässlicher Abend heut, und – es ist auch noch jemand oben, den Ihr vielleicht kennt. Eigentlich ist’s mir sogar lieb, dass ich mit dem – mit dem Herrn nicht ganz allein bleibe. – Nein, hier ist die Treppe – ach du lieber Gott, ob denn mein Seliger nicht recht hatte, wenn er sagte, ›Louise‹ – es sind seine eigenen Worte …«

»Bitte, Madam, wen soll ich oben finden, wenn ich fragen darf?«, unter­brach sie Sander, »Sie werden begreifen, dass ich nicht jede Gesellschaft …«

Louise Breidelford sah sich einen Augenblick um, als ob sie selbst hier fürchte, gehört zu werden, und flüsterte dann, während sie mit dem Licht rasch an ihm vorbei die Treppe hinaufstieg: »Henry Cotton – Ihr werdet begreifen, dass ich Ursache hatte, vorsichtig zu sein, ehe ich einen Gast aufnahm.«

»Hm, seltsam«, sagte Sander und blieb, sinnend das rohe Treppengelän­der mit der einen Hand erfassend, noch einen Augenblick unten an der Treppe stehen. »Henry Cotton jetzt hier, und heute Morgen – doch, was tut’s? Vielleicht ist es sogar gut, dass ich ihn hier treffe.« Mit wenigen Sätzen folgte er der schon vorangeschrittenen Lady, die jetzt ein Seiten­zimmer öffnete und dem späten, wenig willkommenen Gast hinein­leuchtete.

Es war ein kleines, düsteres Gemach, dicht mit Gardinen verhangen. Die Wände waren nicht tapeziert, doch die Ritzen zwischen den Stämmen, aus denen sie bestanden, wohlverklebt und das Ganze übertüncht. Der Fußboden war ziemlich rein und sauber gehalten. Die Möbel schienen übrigens, wenn auch einfach, doch bequem, und das im Kamin lodernde Feuer, über dem ein breitbauchiger kupferner Kessel summte, gab dem Ganzen etwas Anheimelndes und Gemütliches. Dies aber schien beson­ders dem hier schon früher eingetroffenen Gast wohlzutun. Er lag, die Hände auf der Brust gefaltet, in einem großen Lehnstuhl behaglich zu­rückgelehnt und musste so ganz in die Betrachtung des vor ihm stehenden halb geleerten Glases vertieft sein, dessen purpurroter funkelnder Inhalt von einer hell brennenden Lampe beleuchtet wurde, dass er den jetzt Ein­tretenden kaum eines Blickes würdigte. Er tat auch wirklich, als ob er hier Herr im Hause und nicht ein Flüchtling und vogelfreier Verbrecher wäre, auf dessen Ergreifung sogar schon bedeutende Prämien gesetzt wor­den waren. Übrigens wusste er recht gut, dass ihm seine Wirtin niemand bringen würde, der ihm gefährlich war. Es freute ihn sogar, Gesellschaft zu bekommen, da er in der alleinigen Gegenwart von Mrs. Breidel­ford wohl nicht zu Unrecht einen höchst langweiligen Abend befürchtete. Madam hatte nämlich, um selbst nicht in die Gefahr zu kommen, dass ihr Dienstmädchen ahnen konnte, wer ihr Gast sei, dieses heute Nachmittag, noch ehe Cotton ihr Haus betrat, unter irgendeinem Vorwand zu ihren Eltern geschickt, von wo sie vor morgen früh auf keinen Fall zurückkeh­ren würde.

Sander schritt auf den Tisch zu, an dem der Flüchtling saß, und, sagte lachend: »Nun, wie geht’s, Sir? Ist Euch die Bewegung gut bekommen?«

Cotton sah erstaunt zu ihm auf, und es dauerte eine Weile, bis er den früheren Kameraden erkannte, dann aber streckte er ihm rasch und freu­dig die Hand entgegen und sagte schnell: »Ach, Sander, bei Gott – das ist gut, dass ich Euch hier treffe, wir haben uns verdammt lange nicht gesehen.«

»Nun, so verdammt lange ist das eigentlich nicht her«, meinte der junge Verbrecher, die dargebotene Hand ergreifend, »es müsste denn sein, dass Ihr einen so ausgedehnten Begriff von zehn oder zwölf Stunden hättet.«

»Von zehn oder zwölf Stunden?«, fragte Cotton verwundert.

Sander erzählte ihm jetzt lachend, wie und auf welche Art er einer seiner Verfol­ger geworden sei und sehr wahrscheinlich, vielleicht auch etwas unfrei­willig, das Leben des mit dem Pferd gestürzten Cook gerettet habe.

»Ei, zum Teufel, das hätte ich wissen sollen!«, rief Cotton erstaunt und schlug mit der Hand auf den Tisch, »die Pest noch einmal, wie hätte ich dem vermaledeiten Hund den Ritt versalzen wollen! Doch, ‘s ist vielleicht so gut. Es hätte das County nur noch rebellischer gemacht, das mir über­dies gerade genug auf den Fersen sitzt.«

Die beiden Männer unterhielten sich jetzt über Cottons Flucht und die am Fourche la fave vorgefallenen Szenen, von denen Sander wenig Be­stimmtes wusste, während Mrs. Breidelford geschäftig das Abendbrot auf­trug, das sie für ihre Gäste reichlich und schmackhaft bereitet hatte. Diese ließen sich auch denn nicht lange nötigen. Cotton, obwohl er schon zu Mittag wirklich fabelhafte Portionen zu sich genommen hatte, fing noch einmal an zu essen, als ob er wochenlang gefastet hätte, und Sander, der eben­falls seit diesem Morgen gehungert hatte, unterstützte ihn hierin mit einem Eifer, der die würdige Wittib bald für ihre Speisekammer besorgt machte. Während des Essens wurde denn auch, nach amerikanischer Sitte, fast kein Wort zwischen den Männern gewechselt. Jeder war zu sehr beschäftigt, um an irgendetwas anderes zu denken. Erst als die Mahlzeit beendet und die Gläser mit dem dampfenden Gebräu gefüllt waren, lösten sich wieder ihre Zungen, und Cotton fing nun an von der Insel zu reden – ein Gegenstand, den sie bis dahin vermieden hatten.

»Hol’s der Henker«, rief er, »ich sehe ein, dass ich es am Ende doch nicht umgehen kann. Die Pest über die Schufte, aber sie hetzten mich wie einen Wolf, und es ist fast, als ob sie mir nur mit Absicht den einen Schlupf­winkel offengelassen hätten. Gut – sie treiben mich zum Äußersten, so mögen sie es denn haben. Wer dick aufstreicht, darf sich nachher nicht wundem, wenn ihm das Brot zu fett wird. Es wäre möglich, dass ich der Brut auch noch einmal zu fett würde. Sander, ich bin Euer Mann – nehmt mich morgen oder meinetwegen noch heute Nacht mit auf die Insel hinunter. Doch nein, heute und morgen muss ich mich erst einmal ordentlich ausruhen. Ich bin halb totgehetzt, und abgemattet mag ich mich da unten nicht vorstellen. Aber nun sagt mir auch: Wie steht’s mit der Insel, wie sind die Bedingungen, unter denen man aufgenommen werden kann, und was hat man dafür zu tun? Es ist nicht um der Gewissens­bisse willen, aber man möchte doch gern, ehe man in eine solche Falle geht, ein klein wenig vorher wissen, was dort von einem verlangt wird. Nun? Ihr schweigt? Ihr habt doch nicht etwa Angst, dass ich euch ver­raten könnte?«

Sander schüttelte den Kopf und sah eine Weile sinnend vor sich nieder. Sollte er jetzt dem Mann von der Gefahr sagen, in der sie schwebten? Dass alles auf dem Spiel stand und ihre ganze Sicherheit an einem Haar hing?

Nein – Mrs. Breidelford war noch im Zimmer, und erfuhr sie das, so blieb ihm natürlich keine Hoffnung, auch nur einen Cent von ihr zu er­halten.

»Das hat keine Gefahr, Cotton«, sagte er endlich, »also Ihr wollt mit hinüber? Wisst Ihr denn schon einiges über die Insel?«

»I nun, Rowson hat mir einmal einen kurzen Oberblick gegeben. Es existiert auch eine gewisse Bedingung, unter der sie einen aufnehmen.«

»Allerdings – kennt Ihr auch den Schwur, den Ihr leisten müsst?«

»Ich kann ihn mir wenigstens sehr lebhaft denken«, brummte Cotton, »doch heraus mit der Sprache, seid nicht so verdammt geheimnisvoll. Donnerwetter, Mann, bei mir habt Ihr doch weiß Gott nichts zu fürchten, denn wenn irgendeiner in der weiten Welt Ursache hat, Schutz zu suchen, so bin ich es.«

Mrs. Breidelford hatte in diesem Augenblick das Geschirr hinausgetra­gen.

Sander beugte sich rasch zu Cotton herüber und flüsterte: »Lasst die Alte nur erst zu Bett sein. Ich habe Euch wichtige Nachrichten mitzuteilen, von denen sie aber nichts zu wissen braucht.«

»So? Über die Insel?«

»Ruhig – sie kommt wieder, reden wir jetzt lieber von etwas anderem.«

In diesem Augenblick trat die würdige Dame wieder ein, und Sander erzählte lachend dem Kameraden, wie man vorhin, unten vor ihrer Tür, einen ganz unschuldigen Mann verhaftet hätte, von dem sie fürchteten, dass er ihnen gefährlich werden könnte.

‚;Nun, wie ist’s?«, fragte da Mrs. Breidelford und trat an den Tisch, »wie steht’s? Schon verabredet? Geht Cotton mit hinunter? Es ist fast das Beste, Mann, was Ihr tun könnt, und ich würde noch diese Nacht dazu benutzen. ›Louise‹, sagte mein Seliger immer, ›schneller Entschluss, guter Entschluss – nur nicht zaghaft, wenn du auch eine Frau bist‹. – Ein merk­würdiger Mann war Mr. Breidelford, Gentlemen, und …«

»… musste ein so unglückliches Ende nehmen«, fiel Sander hier mit einem Seitenblick auf Cotton ein.

»Unglückliches Ende, Sir?«, rief die Witwe schnell, und ihre Blicke flogen von einem der Männer zum anderen. »Unglückliches Ende? Oh, ich weiß recht gut, was sie damit meinen, Sir. Pfui, schämen Sie sich, Mr. Sander, solche niederträchtigen Gerüchte auch noch in den Mund zu nehmen, seine Zunge solchen niederträchtigen Verleumdungen zu leihen. Aber ich sehe wohl, wie es ist. Mein Seliger, das liebe, gute Herz, hatte ganz recht. ›Louise‹, sagte er immer …«

»Lassen Sie’s gut sein, meine liebe Mrs. Breidelford«, sagte Sander rasch und versuchte ihre Hand zu ergreifen, die sie ihm jedoch unwillig entriss. »Es war wahrhaftig nicht so bös gemeint. Sie müssen auch nicht immer gleich das Schlimmste darunter verstehen. Haben Sie mir nicht selbst einmal versichert, dass Ihr Seliger gesagt hätte -›Louise‹, sagte der gute Mann, der nun im Grabe liegt ›denk nicht gleich von jedem das Schlimmste – die Welt ist besser, als man sie macht‹?«

»Ja, Mr. Sander, das hat er gesagt, mehr als tausendmal hat er das ge­sagt«, fiel hier die Frau schnell beruhigt wieder ein, »und darin hab’ ich ihm auch recht gefolgt. ›Breidelford‹, sagte ich oft – ›ich weiß, du hast recht, und wir sind alle sündige Menschen, aber ich kenne meine Schwäche, und wenn ich auch in manchen Stücken selbst schwach und fehlerhaft sein mag, meine Nebenmenschen achte ich und verehre ich und bisse mir eher die Zunge ab, ehe ich mir ein böses Wort gegen sie über die Zunge kom­men ließe‹.«

»Nun sehen Sie wohl, beste Madam«, fiel hier Cotton, mit einem spöt­tischen Zucken um die Mundwinkel, beruhigend ein, »es ist manches nicht so schlimm, wie es aussieht. Aber – um was ich Sie noch bitten wollte – Sie sagten mir etwas von Zigarren. Denken Sie, ich habe seit drei Wochen keine vernünftige Zigarre geraucht und vergehe fast vor Sehnsucht da­nach. Nicht wahr, Sie tun mir den Gefallen?«

»Und habe nachher mein bestes Zimmer so verräuchert, dass ich mich zu Tode husten kann? Der Geruch zieht einem in die Betten, dass ihn zehn Pfund Seife nicht wieder herausbringen!«, erwiderte Mrs. Breidelford.

»Wir rauchen jeder nur eine einzige«, beteuerte Sander, »seien Sie nur nicht so hartherzig. Ach Mrs. Breidelford, ich habe auch drüben einen Kasten mit Bändern und Blumen stehen.«

»Wie die Herren artig und höflich sein können, wenn sie von einem armen Frauenzimmer etwas haben wollen«, sagte Mrs. Breidelford, aber schon bedeutend milder gestimmt, »also Bänder und Pariser Blumen? Ach du lieber Gott, was sollte eine alte Frau, wie ich bin, mit Bändern und Blumen? Übrigens, sehen möchte ich sie doch einmal, es wäre doch mög­lich …«

»Alte Frau?«, wiederholte Sander staunend, »alte Frau? Mrs. Breidelford, ei, ich möchte Ihnen nicht gern widersprechen, aber so viel weiß ich doch, dass Sie es in manchen Stücken mit den Jüngsten …«

»Oh Schmeichler!«, sagte Madam und schlug naiv lächelnd nach ihm, »aber ich sehe schon, ich werde die Zigarren holen müssen. Nein, ich danke, ich brauche kein Licht – ich bin gleich wieder oben.« Mit raschen Schritten verließ sie das Zimmer und eilte die Treppe hinunter.

»Ihr könnt nicht auf die Insel!«, flüsterte Sander schnell, als sich die Tür hinter der Frau geschlossen hatte, »der Mulatte, der mit Euch floh, ist gefangen und hat alles bekannt. Wir sind verraten und müssen sobald als möglich fliehen.«

»Was? Die Insel verraten?«, rief Cotton erschrocken, »also auch der letzte Zufluchtsort abgeschnitten – Pest und Tod! Das fehlte noch- und was habt Ihr jetzt im Sinn?«

»Mrs. Breidelford muss mir Geld vorschießen. Sie weiß noch nichts von der uns drohenden Gefahr und braucht es auch jetzt noch nicht zu erfahren.«

»Hat sie Geld?«

»Sie leugnet es zwar immer, ich bin aber fest überzeugt, dass sie Tau­sende liegen hat – sie ist zu schlau, als dass sie umsonst jahrelang die Hehlerin eines solchen Geschäfts gewesen sein sollte.”

»Und Ihr glaubt, dass Sie Euch gutwillig Geld gibt?«, fragte Cotton rasch. »Ruhig – nicht so laut – ich hoffe es wenigstens, das bleibt auch meine einzige Aussicht, denn wir alle müssen jetzt flüchtig werden, und verbrei­tet sich erst einmal das Gerücht, dass unser Nest ausgehoben und die Mannschaft verstreut sei, dann wäre der, der ohne Geld entkommen wollte, rein verloren. Jeder erbärmliche Farmer würde zum Polizeispion, und er würde den Gerichten überliefern, was ihm nur irgendwie verdäch­tig vorkäme.«

»Und wann wollt Ihr fort?«, fragte Cotton.

»Ich ginge gleich«, erwiderte Sander mürrisch, »aber noch hoffe ich, dass wir bis morgen Abend ungestört bleiben. Dann haben wir unten unsere Hauptversammlung und auch die Teilung der Beute. Jedenfalls muss ich mich aber auf das Äußerste vorbereiten, und dabei soll mir das Geld unserer freundlichen Wirtin helfen.«

»Wenn aber«, sagte Cotton sinnend und sah starr vor sich nieder, »wenn aber nun – wenn wir aber nun – noch diese Nacht ein sicheres Unter­kommen brauchten – wäre das hier in Helena zu finden?«

Sander sah ihn fragend an und erwiderte dann endlich mit einem halb spöttischen Lächeln: »Das Sicherste liegt uns hier schräg gegenüber, ein guter Bekannter von mir ist dort einquartiert.«

»Unsinn«, brummte Cotton, »wisst Ihr keinen Platz – pst – ich glaube, die Frau kommt wieder. Wisst Ihr keinen Platz«, fuhr er schnell mit leise­rer Stimme fort, »wo man morgen am Tage vor Nachforschungen sicher wäre?«

»Gerade über der Stadt oben – fragt nur nach dem Grauen Bären«, flüsterte Sander schnell zurück, »ha – ich glaube, unsere Mistress horcht!«

Die beiden Männer saßen einige Minuten schweigend nebeneinander, bis die Tür, ohne dass vorher ein Schritt zu hören war, aufging und Mrs. Breidelford mit den Zigarren eintrat. Sander war nun die Freund­lichkeit selbst. Er bat die Dame, an ihrem Tisch mit Platz zu nehmen und doch auch ein Glas von dem höchst delikaten Stew zu kosten, während Cotton, ganz in Gedanken vertieft, näher zum Licht rückte, die Zigarre an der Flamme zu entzünden. Mrs. Breidelford dankte aber und schöpfte sich nur ein kleines Töpfchen voll Stew, trug dieses in die dunkelste Ecke des Zimmers, wohin sie sich auch einen Lehnstuhl zog, und schien nun – ihrer sonstigen Gewohnheit sicherlich ganz entgegengesetzt – gar nicht den geringsten Anteil mehr an den ferneren Gesprächen der beiden Män­ner zu nehmen. Ja, als diese noch ein halbes Stündchen etwa geplaudert hatten, bewies der vorgebeugte Oberkörper und das unregelmäßige Nicken des groß behaubten Kopfes, dass Madam dem Schlummergott in die Arme ge­sunken und heute Abend auf jeden Fall für die Unterhaltung verloren sei.

Dem war keineswegs so, Madam behielt ihre Sinne so gut beisammen wie irgendeiner der beiden Männer, aber ihr Verdacht war erregt worden. An der Tür draußen hatte sie gehört, wie jene leise miteinander flüsterten. Sie hatte eine ganze Weile gehorcht, aber kein Wort davon verstehen können und deshalb beschlossen, auf jeden Fall herauszubekommen, was so Geheimnisvolles zu besprechen war. Durch Fragen würde sie nie etwas erfahren haben, das wusste sie recht gut. List musste ihr also helfen, und ihr Nicken sowie ihr recht gut nachgeahmtes schweres Atmen täuschte auch die beiden Verbrecher bald so weit, dass Cotton, dem nun vor allen Din­gen daran lag, etwas Näheres über die Gefahr, die ihnen drohe, zu hören, erst eine Weile nach der Schlummernden hinüberhorchte und sich dann flüsternd wieder an den Kameraden wandte.

Sander erzählte ihm jetzt, aber ebenfalls noch mit leiser Stimme, die Begebenheit auf Livelys Farm, wobei er jedoch natürlich verschwieg, was ihn selbst dorthin geführt hatte, und riet ihm dann, sich nur an Kelly zu wenden und Unterstützung von ihm zu verlangen. Der würde sie ihm keineswegs versagen.

»Aber treffe ich den Captain auch?«, fragte Cotton zweifelnd. »Bedenkt, Mann, hier kann das Leben an jeder Sekunde hängen. Finden sie mich, so werden, davon mögt ihr überzeugt sein, wahrhaftig keine Umstände ge­macht – mich knüpfen sie an dem ersten besten Baum auf. Hätte ich den Rückhalt der Insel nicht gehabt, nie würde ich so keck fast den ganzen Staat herausgefordert haben. Jetzt bin ich ohne einen Cent in der Tasche und weiß bei Gott nicht, wie ich entkommen soll. Wie wär’s denn, wenn wir lieber gleich aufbrächen und zum Grauen Bären hinaufgingen? Die Stra­ßen sind ruhig, und wir brauchen nicht zu fürchten, dass uns jemand sieht.«

»Noch nicht«, sagte Sander, »erst muss ich mit der Frau da reden.«

»Und glaubt Ihr, dass die Euch gutwillig Geld geben werde?«, fragte Cot­ton lauernd.

»Ja«, sagte der junge Verbrecher, »ich kenne einen Zauberspruch, der sie wahrscheinlich überreden wird.«

»Hm – vielleicht derselbe, der mir hier Einlass verschafft hat. Aber sie muss sich fügen. Die Pest über sie! Sie hat das Geld, und wir …” Sein Blick flog, durch die linke Hand gegen den Schein des Lichts gedeckt, zu der Frau hinüber, aber mit einem lauten Ausruf der Überraschung sprang er hoch und rief, als er die großen grauen Augen der schlafend Geglaub­ten entsetzt auf sich gerichtet sah, »verdammt, sie schläft nicht!«

»Nun, Sir?«, fragte die Witwe, die trotz der fürchterlichen Angst, die ihr für den Augenblick den Atem zu nehmen drohte, dennoch ihre Geistes­gegenwart behielt, »das ist dann wahrhaftig nicht Eure Schuld. Wenn Ihr so verwünscht langweilige Geschichten erzählt, könnt Ihr kaum verlangen, dass man die Augen offen behält – Jesus, die Lampe geht ja beinahe aus. Wie spät ist es denn?«

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich. Was sollten sie jetzt tun?

»Zehn Uhr muss es vorbei sein«, antwortete Sander endlich, »ich habe die Stöcke der Wachen schon unten an der Straßenecke gehört.«

»Dann will ich noch ein wenig Öl für die Lampe holen«, sagte sie, wäh­rend sie aufstand und sich zur Tür wandte. »Nachher zeige ich Euch Euer Bett. Ihr müsst beide vor Tagesanbruch unterwegs sein und wollt doch vorher ein wenig schlafen.«

Sie fasste nach der Klinke und wollte eben die Tür öffnen, aber das Herz drohte ihr dabei vor Furcht und Entsetzen die Brust zu zerspren­gen. Der Blick des Mörders, dem sie begegnet war, hatte ihr das Schrecklichste verraten: Ihr Leben stand auf dem Spiel. Nur noch zwei Schritte, und sie konnte die Tür von außen verriegeln und das Freie erreichen – nur noch eine Sekunde, und sie war gerettet. Sie war schon auf der Schwelle, und Sander, der an einen Gewaltstreich kaum dachte, sah ihr unschlüssig nach. Da sprang Cotton, der ihre Absicht ahnte, rasch auf sie zu und fasste, als sie gerade die Tür hinter sich zuziehen wollte, ihren Arm.

»Mörder!«, schrie die Frau in Todesangst, und der Ruf hallte gellend und schauerlich in dem leeren Haus wider. »Mör…«

Es war ihr letztes Wort gewesen. Cottons Faust schmetterte sie mit einem einzigen Schlag zu Boden, und Sander sprang in wildem Entsetzen auf. Kein Laut unterbrach minutenlang die Stille, und der ausgestreckte Körper der Frau lag auf der Schwelle des Zimmers.

»Cotton«, flüsterte Sander endlich und sah sich erschrocken um, »was habt Ihr getan! Ist sie tot?«

»Ich weiß nicht«, brummte der Mörder und wandte sich scheu von der Frau ab. »Macht jetzt schnell, dass wir finden, was wir brauchen. Wo hat sie denn wohl ihr Geld aufbewahrt? Donnerwetter, Mann, steht nicht da, als ob Ihr mit Tran begossen wäret, jetzt ist keine Zeit mehr zum Gaffen. Es ist geschehen, und an uns liegt es nun, den Zufall so gut wie möglich zu nutzen.«

»Wie soll ich wissen, wo sie ihr Geld hat«, sagte Sander, »doch wohl dort, wo sie schläft.«

»Dann kommt«, entgegnete Cotton, »das muss gleich nebenan sein. Ich sah die Tür offenstehen, als ich hier eintrat. Nanu? Fürchtet Ihr Euch etwa? Ihr habt wohl noch keine Leiche gesehen?«

Cotton hatte die Lampe ergriffen und war über den Körper hinweggestiegen. Sander folgte ihm, doch die Schlafkammertür fanden sie ver­schlossen, und der Mörder drehte sich noch einmal zu seinem Opfer um.

»Ach, beste Mrs. Breidelford«, sagte er höhnisch, »dürfte ich Sie wohl einmal um Ihre Schlüssel ersuchen?«

Er beugte sich rasch zu dem Körper nieder und hakte das Schlüsselbund aus. Sander hatte ihm die Lampe aus der Hand genommen, und beide betraten nun das Schlafzimmer der Witwe. Vergebens durchstöberten sie aber hier alle Winkel und Kasten, vergebens wühlten sie selbst das Bett auf und drehten jede einzelne Schublade um. Es war alles umsonst, keinen Cent fanden sie, nur einzelne Schmucksachen, die sie zu sich steckten, die ihnen aber doch für den Augenblick nichts nützten. Wer kannte in dieser Wildnis den Wert solcher Dinge, und musste nicht allein schon der Besitz derselben den Verdacht noch mehr auf sie lenken?

»Schöne Geschichten das«, knirschte Sander endlich, als er eine Masse wertlosen Plunders mit wildem Fluch neben sich auf die Erde schleuderte, »das kommt von Eurem verdammten Dreinschlagen. Hättet Ihr mich ge­währen lassen …«

»… dann wäre Madam jetzt auf der Straße und würde Zeter und Mor­dio schreien!«, unterbrach ihn Cotton unwillig. »Sie hatte gemerkt, was wir wollten, und wäre auf jeden Fall geflohen.«

»Und jetzt?«

»Verrät sie wenigstens nicht mehr, wen sie beherbergt hat«, brummte der Mörder. »Doch ich denke, wir beeilen uns ein wenig. Wo nur die alte Hexe ihre Schätze versteckt hat? Hol’s der Teufel, mir wird es unheim­lich hier, und je eher wir den Mississippi zwischen uns und …«

Ein donnerndes Pochen an der Tür machte, dass er entsetzt emporfuhr und krampfhaft den Arm seines Kameraden fasste.

»Pest«, zischte er und sah sich wild nach allen Seiten um. »Wir sind ver­loren! Können wir nicht hinten hinaus fliehen?«

»Ich weiß nicht«, flüsterte Sander, »der Platz hier ist mir völlig unbe­kannt, und sprängen wir in einen fremden Hof und würden von Hunden angefallen und gestellt, so wäre es um uns geschehen.«

»Hallo da drinnen!«, rief jetzt eine raue Stimme von außen, und ein schwerer Hickorystock schlug gegen die Tür. »Mrs. Breidelford, was gibt’s da? Sind Sie noch munter?«

Cotton stand wie vom Schlag gerührt, Sander aber, dem die Nähe der Gefahr auch wieder seinen ganzen kecken Übermut gab, riss schnell eine der vielen im Zimmer umhergestreuten Hauben der Ermordeten vom Bo­den auf, zog sie sich über den Kopf und schritt nun rasch damit zum Fenster.

»Was wollt Ihr tun?«, fragte Cotton erschrocken.

Sander gab ihm keine Antwort, schob die Gardinen zurück, öffnete das Fenster ein wenig, sodass sein Kopf von unten herauf nur etwas sichtbar blieb, und fragte, die kreischende Stimme der Mrs. Breidelford auf das Treffendste nachahmend, anscheinend ärgerlich und rasch: »Nun, was gibt’s da wieder? Hat man denn in diesem unseligen Nest nicht einmal des Nachts Ruhe, dass sich eine arme alleinstehende Frau …«

»Hallo, nichts für ungut«, rief da eine raue Stimme von unten, die, wie Sander augenblicklich hörte, von einem der in den Straßen postierten Wachmänner herrührte. »Mir war’s, als ob ich aus diesem Haus einen Schrei gehört hätte, und da ich durch die Fensterspalten noch Licht sah …«

»Schrei – Fensterspalten!«, rief unwillig die vermeintliche Mrs. Breidel­ford und zog sich vom Fenster zurück. »Wer weiß, wo Ihr die Ohren ge­habt habt. Geht zum Teufel und lasst arme alleinstehende Frauen …«

Die folgenden Worte wurden dem Nachtwächter draußen durch das Zu­schlagen des Fensters unverständlich.

»Na, na«, sagte der Mann lachend, als er hörte, mit welcher Heftigkeit sich Madam zurückzog, »wieder einmal nicht richtig im Oberstübchen? Der Stew muss heut Abend gut geschmeckt haben – hahahaha, ›das hat mein Seliger tausend- und tausendmal gesagt; Louise‹, sagte er immer, ›ich weiß, du verabscheust geistige Getränke, und mit Recht sie passen auch nicht für das zarte Geschlecht. Aber du musst das auch nicht übertreiben‹ – sagte er, ach, ich sehe ihn noch vor mir, das liebe, gute Herz, das jetzt kalt in seinem Grabe liegt -‚ ›es gibt Zeiten, wo ein Tröpfchen Rum, mit Mäßigkeit genossen, Arznei werden kann, und du bist eine zu verständige Frau, Louise‹, das waren seine eigenen Worte; ›als dass du nicht wissen solltest, wann dir ein Tröpfchen nützen und wann es dir schaden könnte‹ – hahahaha!«

Und der Mann ging, halblaut die im ganzen Städtchen bekannten Redensarten der würdigen Dame zitierend, langsam die Straße hinunter. Erst an der Ecke stieß er seinen schweren Stock auf die Steine nieder – ein Zeichen, das von anderen Teilen des Städtchens beantwortet wurde und hauptsächlich dazu diente, die Wachen untereinander zu verständigen, dass ihre Kameraden munter waren und dass sie im Notfall auf deren Schutz rechnen konnten.

Die Schritte des Wächters waren längst verhallt, und noch immer stan­den die beiden Verbrecher regungslos nebeneinander.

Sander aber, der, sobald er den Laden geschlossen, die Haube gleich abgeworfen hatte, brach zuerst das Schweigen und flüsterte: »Wir sind gerettet – den Wachen wird es jetzt nicht wieder einfallen, nachzufragen, und die ganze Nacht bleibt uns, das versteckte Geld zu suchen. Es kann doch unmöglich vergraben sein.«

»Wär es nicht besser, wenn wir jetzt fliehen würden, wo es noch Zeit ist?«, fragte ängstlich der Mörder. »Mir graut es hier in diesem Haus.«

»Ist Euch das Herz in die Schuhe gefallen, weil Ihr da unten den Zauber­stab habt klopfen hören«, höhnte Sander, der bei der plötzlichen Angst des Gefährten und durch die List neuen Mut gewann. »Nein, nun wollen wir auch sehen, ob unsere blutige Saat nicht goldene Früchte tragen wird. Geld befindet sich hier im Haus, davon bin ich überzeugt, wir müssen es nur finden.«

Und rasch nahm er die vorhin auf den Tisch gestellte Lampe wieder auf und begann, von Cotton eifrig unterstützt, seine Nachforschungen aufs Neue. Es blieb aber alles vergebens, sie öffneten zwar mit den Schlüs­seln alle Türen und Kästen und durchstöberten jeden Winkel, aber keine Spur von Geld konnten sie entdecken.

Der dämmernde Tag mahnte sie, ihre nutzlosen Bemühungen einzu­stellen und an Rettung zu denken. Traf man sie in diesem Haus an, so konnte selbst Dayton sie nicht retten. Sie verschlossen also rasch wieder alle Türen, um nicht gleich beim ersten Betreten des Hauses Verdacht zu er­regen, trugen dann die Leiche der Frau auf ihr Bett, lauschten sorgfältig aus dem jetzt dunklen Zimmer auf die Straße hinaus, ob auch keiner der Wächter in der Nähe sei und sie aus dem Haus der Witwe kommen sähe, schlichen dann die Treppen hinunter ins Freie und eilten nun schnellen Schrittes der Schenke zu, in welcher sie den Captain zu sprechen und Hilfe und Schutz zu erwarten hofften.

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