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Weird Tales – Das Grab

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Sammlung bergmännischer Sagen Teil 10

Das arme Bergmannsleben ist wunderbar reich an Poesie. Seine Sagen und Lieder, seine Sprache, seine Weistümer reichen in die älteste Zeit zurück. Die Lieder, die wohlbekannten Bergreihen, die Sprachüberreste, die Weistümer sind teilweise gesammelt. Die Sagen erscheinen hier zum ersten Mal von kundiger Hand ausgewählt und im ganzen Zauber der bergmännischen Sprache wiedergegeben. Das vermag nur zu bieten, wer ein warmes Herz für Land und Leute mitbringt, wo diese uralten Schätze zu heben sind; wer Verständnis für unser altdeutsches religiöses Leben hat, wer – es sei gerade herausgesagt – selbst poetisch angehaucht ist. Was vom Herzen kommt, geht wieder zum Herzen, ist eine alte und ewig neue Wahrheit. Hat der Verfasser auch nur aus der Literatur der Bergmannssagen uns bekannte Gebiete begangen, verdient er schon vollauf unseren Dank. Seine Liebe zur Sache lässt uns hoffen, er werde mit Unterstützung Gleichstrebender noch jene Schaetze heben, die nicht an der großen Straße liegen, sondern an weniger befahrenen Wegen und Stegen zu heiligen Zeiten schimmern und zutage gefördert sein wollen.


II. Abteilung: Sagen vom Berggeist

21.

Im Sperrluttertal kam der Bergmönch einst des Nachts einem Vogelsteller mit dem Geleucht entgegen. Der Vogelsteller dachte, es sei ein Bergmann, und sprach: »Du kannst mir wohl ein wenig Inselt geben. Wie du siehst, geht mein Licht aus.« Da gab ihm der Bergmönch Inselt von seinem Grubenlicht, das brannte einen Tag und eine Nacht, da war’s Silber.


22.

Einmal kam der Bergmönch in Bergmannskleidung am Sonntag zu einem Kunstjungen, der auf einen Kunstknecht wartete. Der Kunstjunge meinte, es sei sein Kunstknecht, fuhr also hinter ihm her, bis sein Inseltlicht trocken war. Da legte der Bergmann eine weiße Wand (ein Stück Kalkspat) aufs Licht, und es brannte wieder.

Die beiden sprachen nichts miteinander, aber sie sahen viele Erze. Nach einiger Zeit kamen sie wieder an den Ort, von wo sie ausgegangen waren, und plötzlich verschwand der Bergmann. Es stellte sich aber heraus, dass der Kunstjunge 30 Jahre hinter ihm hergefahren war. Von den Leuten, mit denen er gearbeitet hatte, war niemand mehr da. Das Haus, in dem er gewohnt hatte, bewohnten jetzt fremde Leute. Sein Licht aber brannte immerfort, bis er es einmal an jemanden verkaufte. Da verlosch es und brannte auch dann nicht mehr, als der Käufer es ihm wieder zurückbrachte.


23.

Im Jahre 1849 hat der Bergmönch sich zuletzt sehen lassen. Damals sollte die Grube Andreaskreuz eingestellt oder doch schwächer betrieben werden. Da zeigte sich der Bergmönch im Wäschgrund und ging bis zum Berg Matthias Schmidt, wo der Andreaskreuzer Gang hingeht. Das dauerte wohl 4 Wochen, und viele Leute sind des Abends zwischen 9 und 1l Uhr dahingegangen, um ihn zu sehen. Seitdem ist nun wieder Erz da, und die Grube steht in gutem Betrieb.


24.

Hinter Lerbach hat sich auch der Bergmönch gezeigt. Er winkte einem Fuhrmann zum Probierschacht hinauf und rief, es solle sein Schaden nicht sein, wenn er ihm folge. Der erwiderte, dass er seine Pferde nicht stehen lassen könne. Als der Bergmönch zum dritten Mal rief, wurden die Pferde wild und stürmten mit starkem Gewieher den Berg hinauf.


25.

Auf der Silbernaler Grube gab es früher einen Kunstknecht, der übergab eines Samstags, als die Bergleute Schicht gemacht hatten, alles dem Kunstjungen und ging nach Zellerfeld, um da bis Montagnacht zu verweilen. Dem Jungen verbot er einzufahren, es möge geschehen, was da wolle. Als er nun zurückkam, stand das ganze Gesenk unter Wasser. Sie fuhren ein, der Kunstknecht aber befahl dem Jungen, von allem, was geschehen würde, zu schweigen und nur recht achtzugeben, auf dass er es ebenso machen könne, wenn er einmal Kunstknecht wäre. Als nun der Junge zusah, ging das Wasser ohne Weiteres an den Wänden hinauf. Da sie nun herauskamen, war das ganze Gesenk schon leer, und die Frühschichtler konnten einfahren und ungestört an ihre Arbeit gehen.

Der Kunstjunge hat auch niemals etwas verraten, obwohl die Leute in Zellerfeld wussten, dass der Kunstknecht während dieser ganzen Zeit zu Hanse war und sich um die Kunst nicht bekümmert hatte. Endlich aber drohte der Geschworene dem Jungen mit Ablegen (Dienstentlassung), wenn er nicht bekenne, und da hat er denn erzählt, was er gesehen hatte. Sobald er es ausgesprochen hatte, stürzte er tot zu Boden. Der Kunstknecht aber war plötzlich verschwunden, und mit ihm der alte Markscheider, der den Dammgraben angelegt und, wie das Volk sagte, verpfuscht hat. Er soll alle alten Kunstrisse vom Harz mit sich genommen haben.


26.

Vor langer Zeit lebte auf dem Harz ein Bergmeister, der hielt sich eine Wirtschafterin. Dieser hatte er befohlen, ihn nicht vor der bestimmten Stunde zu wecken, wenn er nach dem Mittagsessen eingeschlafen sei, ihn aber auch keine Minute länger liegen zu lassen.

Wie er nun schlief, setzte sich die Haushälterin aus Vorsicht neben ihn hin und sah genau nach der Uhr und nach ihrem Herrn.

Auf einmal kam ihm eine Maus aus dem Mund gekrochen, lief an ihm hinunter und verschwand auf der Erde. Wie die Weckzeit nahte, eine Minute vor der bestimmten Zeit, kam die Maus zurück und kroch dem Bergmeister wieder in den Mund. Der Bergmeister wachte mit einem Schnarcher auf, zog rasch sein Fahrzeug an und fuhr ein. Sicherlich hatte er jedes Mal durch die Maus Nachricht bekommen, was die Bergleute falsch gemacht oder wenn sie die Arbeit verlassen hatten, denn er fuhr nie vergeblich ein. Eines Tages waren zwei Mann vor einem Ort, denen die Arbeit etwas sauer und langweilig wurde. Sie beschlossen Schicht zu machen und auszufahren. Als sie aber ans Fahrloch kamen, saß der Bergmeister über diesem. So ging es ihnen dreimal hintereinander. Da ihnen dies doch etwas wunderlich vorkam, erkundigten sie sich beim Göpelaufseher, wie das wohl zugehen möge, aber der hatte nichts gehört und gesehen. Also forschten sie bei der Haushälterin, aber die versicherte, ihr Herr sei gar nicht aus dem Haus gewesen. Und doch hatten sie ihn gesehen. Nach dem dritten Mal kam der Bergmeister vor Ort und erklärte ihnen, wenn sie noch einmal ausreißen würden, kämen sie nie wieder aufs Gedinge.


27.

Ein redlicher, gräflich Hohensteinscher Obersteiger, bereits alt

und betagt, mit eisgrauem Haar und Bart, des Namens Jakob Illing, befuhr einst eine Grube und traf auf einen Berggeist, welcher ihn anhauchte. Da wurde dem alten Mann seltsam zumute, und er versah sich eines baldigen Todes. Als er wieder zu Tage gefahren war, bereitete er sich christlich auf sein nahes Ende vor. Es fiel ihm auch alles Haar aus, sodass er völlig kahl wurde, – allein er blieb nicht nur am Leben, sondern es wuchs ihm auch neues, schönes, schwarzes Bart- und Haupthaar. Er verjüngte sich zusehends, wurde ein prächtiges Männchen, freite aufs Neue, zeugte viele Kinder und starb im höchsten Alter. Seine Nachkommen haben danach gar lange Reihen von Jahren dem Grubenhagenschen Bergwerk als Bergmeister löblich vorgestanden.