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Paraforce Band 38

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Die Flusspiraten des Mississippi 24

die-flusspiraten-des-mississippiFriedrich Gerstäcker
Die Flusspiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

24. Die Schildkröte nähert sich der gefährlichen Insel – Blackfoots Plan

»Munter, meine braven Burschen!«, rief der alte Edge­worth, während er mitten auf dem Deck seiner breiten Schildkröte stand und mit dem Blick die Entfernung maß, die wohl noch zwischen dieser und den letzten, an der Landung liegenden Fahrzeugen lag. »Greift aus, dass wir hinüber in die Strömung kommen, die Boote drüben sind ja schon fast am anderen Ufer.«

»Das sieht nur in dem Nebel so aus, sie müssen wie wir im Fahrwasser bleiben«, meinte Blackfoot, der sich neben ihn stellte, aber noch immer zurück zum Ufer blickte, wo die empörte Mrs. Breidelford auf und ab rannte. Diese schien sich nämlich keineswegs in die Flucht ihres Opfers gefügt zu haben, sondern durch rachedrohende Gesten irgendeinen Snag zu beschwören, seinen scharfen Zahn in dieses nichtswürdige Fahrzeug zu bohren und es mit Mann und Maus zu versenken.

Der Steuermann versuchte mit den Augen die dunstige Atmosphäre stromauf zu durchdringen, ob vielleicht den vorausgefahrenen Booten noch andere folgten. Er schien jedoch mit dem Befehl des alten Mannes ganz zufrieden zu sein. Wenigstens gehorchte er ihm schnell und willig und hielt den Bug hinüber zur Strömung, während die Ruderleute mit vorgebeugten Schultern gegen die langen, über das Verdeck ragenden sogenannten Finnen – eine Art Staken – pressten und jedes Mal, ehe sie das unten angebrachte Schaufelblatt wieder aus der Flut hoben, diesem noch mit einem Ruck den stärksten Nachdruck zu geben suchten. Dann drückten sie die Stange an Deck nieder, liefen rasch damit zu ihrem Aus­gangspunkt zurück und begannen ihr mühseliges Geschäft von Neuem.

Das Flatboot, ein unbeholfener schwerer Kasten, ist eigentlich auf die Strömung angewiesen und hat die Finnen einzig und allein dazu, um vorstehenden Landspitzen und drohenden Snags auszuweichen oder vielleicht mit den Schaufelblättern dem bloßen Treiben etwas nachzuhelfen. Die auf solchen Fahrzeugen angestellten Männer tun auch nichts so ungern wie rudern, obgleich das die einzige von ihnen verlangte Arbeit sein mag.

Es dauerte deshalb gar nicht lange, so murrten sie gegen das »Schinden«, wie sie es nannten. Der Steuermann Bill machte wenig Umstände, warf ihnen ein paar kräftige Flüche entgegen und nannte sie »faule Bestien«, die lieber ihre breiten Kehrseiten in der Sonne brieten, als ihre Pflicht tun wollten.

Bill war ein breitschultriger kräftiger Geselle mit Fäusten wie Schmiede­hämmer. Es mochte auch deshalb nicht gern einer mit ihm anbinden, noch dazu, wenn sie im Unrecht waren.

Edgeworth aber, der jetzt sah, dass sie bereits im Fahrwasser der vor ihnen liegenden Boote waren, sagte endlich: »Nun, so lasst’s gut sein – ich denke auch, wir sind weit genug hinüber, wir rennen sonst am Ende drüben auf die Sandbank, die hier in der Flusskarte angegeben steht.«

»Hat keine Not«, brummte Bill, »die Sandbank ist schon teilweise weg­gewaschen, drüben liegt sie, wo die Nebel dick und massenhaft herüber­kommen. Rudert nur noch eine Weile, Boys, bis ich’s euch sage – nachher habt ihr’s um so leichter.«

»Wie weit ist’s noch bis zu der hier angegebenen Sandbank?«, fragte Edgeworth jetzt und deutete auf das Buch, das er in der Hand hielt.

»Noch ein gutes Stück«, mischte sich Blackfoot da in das Gespräch. »Doch – Alligatoren und Mokassins! Der Nebel wälzt sich immer derber her­auf. Nun weiter fehlte uns nichts als eine recht ordentliche Mississippi­mütze, die sich uns über die Augen und Ohren stülpte. Nachher könnten wir die Finnen wie Fühlhörner vorstrecken und wüssten noch nicht ein­mal, ob wir rechts oder links abkommen.«

»Nun, so gefährlich sieht’s doch nicht aus«, meinte Edgeworth, »man kann ja noch den halben Fluss übersehen und die Bäume auf beiden Sei­ten des Ufers erkennen! Es sind nur ganz dünne Nebelschleier, die ein richtiger Abendwind leicht vor sich herscheucht.«

»Ich will’s wünschen«, erwiderte der angebliche Handelsmann und schritt langsam zum Steuer zurück, an dem Bill jetzt, beide Hände in den Ta­schen, nachlässig mit dem Rücken lehnte und wie träumend vor sich niedersah.

»Das tut’s«, sagte einer von den Ruderleuten und legte seine Finne nie­der. Die Übrigen folgten augenblicklich seinem Beispiel.

»Hallo, was ist das?«, rief der Steuermann, »hab’ ich euch geheißen, auf­zuhören? Bob, Johnson – nehmt eure Finnen wieder auf, wir müssen noch weiter hinüber.«

»Dem Kapitän sind wir weit genug drüben«, erwiderte trotzig Bob, ein langer Bursche mit breiten Schultern und kräftigen Fäusten, »wenn’s dem nicht recht ist, wird er’s sagen!«

»Die Pest über dich, Kanaille!«, rief Bill wütend, ließ sein Steuer los und sprang auf den ihn ruhig erwartenden Bootsmann zu.

»Nun, Sir?«, meinte dieser lachend, während er sich rasch in Boxerstel­lung gegen ihn drehte und die beiden Fäuste bis etwa in Schulterhöhe brachte. »Bedient Euch – tut, als ob Ihr zu Hause wäret. Langt einmal aus und seht dann, ob ich nicht Kleingeld bei mir habe, Euch zu wechseln.«

»Halt da, Leute!«, rief Blackfoot und trat zwischen sie. »Halt, ihr werdet doch auf diesem Boot Frieden halten? Schiffskameraden und wollen sich untereinander schlagen – pfui! Geht an eure Finnen, Leute, und tut eure Pflicht, ‘s ist nicht mehr weit, und ihr habt das bisschen Arbeit bald über­standen.«

»Ich will verdammt sein, wenn ich’s tue«, brummte der Bootsmann trot­zig, »außer Mr. Edgeworth sagt’s. Dann meinetwegen, und wenn wir bis Victoria hinter den Quälhölzern liegen sollten – sonst aber keinen Schritt wieder auf Deck. Donnerwetter, ich habe das Wesen vor dem Burschen da satt – warum hielt er denn das Maul, solange Tom Barnwell noch an Bord war, der ihm die Spitze bot? Er glaubt wohl, er kann uns schikanie­ren? Steckt da in einem verwünschten Irrtum, den ich ihm gern noch neh­men möchte, ehe wir von Bord gehen.«

Bill heftete den Blick mit tückischer Bosheit auf den unerschrockenen Bootsmann und schien nicht übel Lust zu haben, den Streit noch einmal zu beginnen. Blackfoot warf ihm aber einen schnellen, warnenden Blick zu, und trotzig kehrte er mit leise gemurmeltem Fluch an seinen Platz zu­rück. Edgeworth hatte während der ganzen Zeit keine Silbe gesprochen, und nur, vielleicht der Worte Smarts eingedenk, die Streitenden beobach­tet. Dadurch war ihm auch der zwischen dem Händler und seinem Steuer­mann gewechselte Blick nicht entgangen, der ihm das jetzt fast zur Gewissheit machte, was er bis dahin schon gefürchtet hatte, dass nämlich jene bei­den Männer im Einverständnis waren. Natürlich bezog er das noch immer nur auf den Verkauf seiner Waren und beschloss, ein besonders wach­sames Auge nicht allein auf die Ablieferung der Güter, sondern auch auf das dafür zu empfangende Geld zu haben.

Das Boot trieb langsam mit der Strömung hinab, und die Leute befan­den sich in verschiedenen Gruppen an Deck, teils am Bug, teils in der Mitte des Fahrzeuges. Auf dem hinteren Teil, dem Quarterdeck, wie es scherzweise genannt wurde, standen nur Bill und Blackfoot zusammen. Dieser machte jetzt dem wilden Gesellen leise Vorwürfe über sein unbedachtes Handeln.

»Ei, zum Henker, Bill«, sagte er und deutete dabei nach dem linken Ufer hinüber, als ob er mit ihm über Dinge an Land spreche. »Du bist wohl toll, dass du noch kurz vor Torschluss Händel suchst. Ich dächte doch, du könn­test deinen Groll in kurzer Zeit genug auslassen, als dass er jetzt vor der Zeit übersprudeln und vielleicht alles verderben sollte. Weshalb hast du dich nicht mit den Leuten in besseres Einverständnis gebracht? Vielleicht hätten wir sogar einige davon für unser Vorhaben gewinnen können.«

»Nicht von denen«, erwiderte Bill trotzig, »nicht einen Einzigen – Dolch und Gift-, die Brut hasst mich. Selbst der Hund knurrt, wenn ich ihm nur zu nahe komme, und hätte mich neulich, als ich ihn streicheln wollte, fast an der Kehle gepackt. Ich hätte die Bestie schon längst über Bord gestoßen und ersäuft, aber sie geht ihrem Herrn nicht von der Seite.«

»Also Hilfe haben wir von denen nicht zu erwarten?«, sagte Blackfoot sinnend.

»Nein, eher im Gegenteil, aber hol sie der Teufel, das soll ihnen wenig nützen. Sieh nur zu, dass du Edgeworths Büchse einmal auf die eine oder andere Art in die Hand bekommst. Hier sind ein paar Stifte, treibe einen von ihnen ins Zündloch, nachher kann er schnappen. Ich sehe nicht ein, weshalb man seine Haut nutzlos zu Markte tragen soll.«

»Gib her, ich will’s wenigstens probieren, glaube aber kaum, dass mich der alte Bursche das Schießeisen wird nehmen lassen. Nun, es kommt auf einen Versuch an.«

»Wie wär’s denn, wenn ihr mit den Büchsen tauschtet?«, meinte Teufels­bill, »die deine ist reich mit Silber beschlagen und sieht prächtig aus – schießt auch famos, die seine ist alt und schlecht. Er wird leicht dazu zu bringen sein. Du darfst aber dann in der deinen den Stift nicht ver­gessen!«

»Hm – das wäre etwas, die Burschen tauschen alle gern, und wenn ich ihm ein geringes Aufgeld abverlangte …«

»Nur nicht zu wenig, sonst würde er misstrauisch werden.«

»Nein, nein, so klug bin ich auch. Wie haltet ihr’s denn diesmal mit dem Zeichen? Wieder das Vorige oder ist etwas anderes bestimmt? Ich mag das Schießen nicht leiden.«

»Und doch ist’s das Beste«, erwiderte Bill, »überdies ist nichts anderes verabredet, und wir werden es beibehalten müssen. Was könnte man denn auch sonst in dem Nebel für Zeichen geben? Denn Nebel, und zwar richtigen handfesten Nebel, bekommen wir noch in dieser Nacht, darauf kannst du dich verlassen.«

»Meinetwegen – ich hoffe nur, unsere Burschen sind gleich bei der Hand, ehe man hier an Bord etwas merkt.«

»Sie werden es. Wenn aber nicht, so haben wir dennoch Zeit genug. Laufen wir in dem Nebel auf Sand, dann ist gar kein Gedanke daran, vor morgen früh wieder freizukommen, und Edgeworth ist auch klug genug, nicht einmal den Versuch zu machen.«

»Traust du dir denn zu, die Insel wirklich zu finden, wenn der Nebel noch dichter werden sollte?«, fragte Blackfoot jetzt besorgt und schaute ringsum auf die dünnen, milchigen Streifen, die mehr und mehr die Form von Wolken annahmen.

»Hol mich der Teufel, ich glaube wahrhaftig, es wäre besser, wir legten an, ehe wir am Ende vorbeitrieben.«

»Hab keine Sorge«, beruhigte ihn Bill lachend, »als ich das letzte Mal herunterkam – du warst gerade in Vicksburg -‚ da hätte man den Nebel mit einem Messer schneiden können, und ich fand den Platz, als ob hell­ster Sonnenschein gewesen wäre. Treff’ ich die Sandbank wirklich nicht oben an der Insel, nun, so nimmt mich die Strömung gerade auf die Zwi­schenbank, und das wäre auch weiter kein Unglück, als dass wir nachher ein bisschen Arbeit hätten, das Boot wieder flott und stromab zu bekommen.«

»Von wo fahren wir da ab?«, fragte Blackfoot, »denn einen Anhaltspunkt müssen wir doch auf jeden Fall haben.«

»Ja, wohl, gerade etwa zwei Meilen unter der Weideninsel liegt das Treibholz, das du kennen wirst. Wenn wir nicht imstande sind, das zu sehen, hören wir das Rauschen des Wassers an dieser Stelle eine halbe Stunde weit, und von dort an kann man nur durch unausgesetztes Rudern Nummer einundsechzig oder vielmehr unseren künstlich aufgeworfenen Damm umfahren. In der neuen Flusskarte steht er sogar schon angegeben als eine erst kürzlich von selbst entstandene Sandbank.«

»Gut, demnach kommen wir also etwa gleich nach Dunkelwerden an die Insel. Desto besser, dann ist die Geschichte bald abgemacht, und wir können ordentlich ausschlafen. Aber höre, Bill, wird uns der Laffe, der vorausgerudert ist, nicht etwa Verdrießlichkeiten machen? Wenn er das Boot nicht findet, schlägt er auf jeden Fall Lärm.«

»Dafür ist gesorgt«, entgegnete Bill, »ich habe schon meine Maßnahmen getroffen. Aber jetzt Ruhe, der Alte scheint aufmerksam auf uns zu werden. Geh ein wenig nach vorn und höre, was er so viel mit dem Weib zu schwatzen hat. Später wollen wir unseren Plan noch besser bereden. Der Augenblick muss freilich zuletzt den Ausschlag geben.«

Und damit wandte er sich ab und arbeitete mit dem Steuer, den Bug ein klein wenig mehr gegen den Strom anzubringen.

In der Mitte des Bootes lag das Gepäck der jungen Frau, und diese saß, der letzten Szene noch immer mit Angst gedenkend, auf dem einen Koffer, während ihre Sachen, unordentlich, wie die Ruderleute sie an Bord geworfen hatten, um sie her lagen. Seit dem letzten Streit der Bootsmänner, der das Interesse aller erregt zu haben schien, kümmerte sich auch nie­mand um sie. Nur Wolf, der Schweißhund des alten Edgeworth, hatte sich mitten in das Gepäck hinein neben Mrs. Everett niedergelassen und seinen Kopf so auf ihren Fuß gelegt, als ob sie alte Bekannte wären. Diese ließ das auch gern geschehen, hatte doch selbst eines Hundes Annäherung unter all den fremden wilden Männern etwas Wohltuendes und Beruhi­gendes für sie.

Edgeworth schritt auf sie zu, setzte sich auf die neben ihr stehende große Kiste und sagte freundlich: »Ängstigen Sie sich nicht, Madam, Bootsleute sind fast stets roh und derb, und besonders einige der unseren. Ihre Fahrt wird aber bald be­endet sein. Wenn dieser Nebel nicht gar so bösartig werden sollte, hoffe ich, Victoria am Abend zu erreichen. Wird es dunkel, so lasse ich Ihnen hier oben von meinen Decken ein kleines Zelt aufschlagen, und da kön­nen Sie dann ganz ungestört schlafen, bis wir an Ort und Stelle die Taue werfen.

»Sind Sie in Victoria bekannt, Sir?«, fragte Mrs. Everett und richtete ihre großen tränenfeuchten Augen auf den alten Mann.

»Nein, Madam«, antwortete der Greis und streichelte den Kopf seines Hundes, »ich war nie in Victoria, aber habe den Platz oft erwähnen hören.«

»So sind Sie ganz fremd in dieser Gegend?«, fragte die junge Frau be­sorgt, »mit dem Wasser und seinen tückischen Gefahren unbekannt und fürchten nicht, in diesem Nebel auf eine Sandbank aufzulaufen?«

»Die Gefahr ist wohl nicht ganz so groß, wie Sie glauben«, erwiderte Edgeworth. »Wir haben einen sehr guten Steuermann, der den Fluss genau kennt, und nicht mehr weit zu fahren. Der Mann, der meine Ladung ge­kauft hat, befindet sich ebenfalls an Bord und ist mit dem Fluss vertraut, da glaube ich wirklich nicht, dass viel zu fürchten ist.«

»Ach Gott, es verunglücken so viele Menschen auf diesem bösen Was­ser!«, seufzte die Frau.

»Jawohl, Madam, jawohl«, stimmte ihr mit wehmütigem Kopfnicken der Alte bei, »auf diesem und den anderen westlichen Strömen Tausende, aber es gibt auch böse Menschen. Nicht der Strom allein reißt die zahl­reichen Opfer in seine Tiefe.«

»So haben auch Sie schon von jenen Fürchterlichen gehört, die hier auf dem Mississippi ihr Wesen treiben sollen?«, flüsterte Mrs. Everett er­schrocken und ängstlich. »Vielleicht wissen Sie etwas Näheres über sie!«

»Ich verstehe nicht recht, wen Sie meinen, Madam«, erwiderte Edge­worth.

»Sie haben in Helena gehört, dass mein Bräutigam vor kurzer Zeit auf dem Fluss verunglückte?«, fragte die Frau.

»Ja, Mrs. Smart sprach davon.«

»Man sagt, das Boot sei auf einen Snag gerannt.«

»Das ist wenigstens das Wahrscheinlichste. Du lieber Gott, so mancher arme Bootsmann hat ja schon auf solche Art seinen Tod gefunden.«

»Ich glaube es nicht«, flüsterte Mrs. Everett.

»Was?«, fragte Edgeworth erstaunt.

»Dass Holks Boot auf natürliche Weise untergegangen sei«, erwiderte die junge Frau, »ich habe einen fürchterlichen Verdacht und will eben nach Victoria ziehen, wo sich ein Bruder von mir, ein wackerer Advokat, niedergelassen hat. Der soll sehen, ob er die Täter nicht aufspüren kann.«

»Wäre aber da nicht Holks Sohn, der, wie ich höre, des Verstorbenen Land so schnell verauktionieren ließ, eine viel passendere Person ge­wesen?«, meinte der alte Mann. »Ich weiß doch nicht, ob eine Frau im­stande sein sollte, gegen dieses Volk aufzutreten, wenn es wirklich exi­stierte.«

»Holk hatte gar keinen Sohn«, fuhr Mrs. Everett noch ebenso leise wie vorher fort. »Mein Leben setze ich zum Pfand, dass jener Mann, der sich für seinen Sohn ausgab, ein falsches Spiel spielte. Ich habe oft – oft mit dem armen Holk über seine Familie gesprochen, und er verbarg mir nichts. Ach, wie manchmal hat er mir versichert, er stehe ganz allein in der Welt und habe nur mich, auf, die er sein künftiges Lebensglück baue. Hätte er den Sohn verleugnen sollen? Nie!«

»Hm!«, brummte Edgeworth und schaute eine Weile sinnend vor sich nieder. Er gedachte dessen, was ihm Smart noch vor seiner Abfahrt gesagt hatte. Unwillkürlich schweifte dabei sein Blick zu den beiden Männern hinüber, die jetzt in ein sehr angelegentliches Gespräch vertieft schienen. »Hm, ich wollte, Tom wäre hier. Weiß auch der Henker, weshalb ich den Jungen allein vorausfahren ließ. Hör einmal, Bob-Roy!« Er wandte sich an einen der Bootsleute, der ihm am nächsten stand, und zwar an den­selben, der den Streit mit dem Steuermann gehabt hatte. »Was hältst du von dem Nebel? Du bist doch auch nicht das erste Mal auf dem Mississippi.«

»Ich halte davon, dass wir sobald wie möglich irgendwo an Land laufen oder den Notanker über Bord lassen sollten«, erwiderte der Mann un­willig. »Hier so in den Nebel hineinzufahren ist wahre Tollkühnheit. Wenn uns ein Dampfboot begegnet, sind wir verloren, und begegnet uns keins, so bleibt uns doch noch immer die ziemlich sichere Aussicht, irgendwo festzurennen. Wenn ich ein Boot zu befehligen hätte, so wüsste ich so viel, dass es bei solchem Nebel lieber Mississippisand als Mississippiwasser unter sich haben sollte – obgleich beides nicht zu wünschen wäre.«

»Also Ihr meint, wenn der Nebel dichter würde, sollte ich beilegen?«

»Gewiss meine ich das, wenn Ihr mich schon einmal fragt«, sagte der Bootsmann. »Es ist mir ohnedies ein unheimliches Gefühl, so gar nicht zu sehen, wohin man fährt, und dann dem Burschen da«, und er wies über die Schulter mit dem Daumen zu Bill hin, »anvertraut zu sein.«

Edgeworth folgte der Bewegung mit den Augen, brach aber jetzt, als Blackfoot langsam auf ihn zuschritt und neben ihm Platz nahm, das Ge­spräch mit dem Mann ab.

»Es wird trüb«, sagte der angebliche Handelsmann, während er dabei den Strom hinunterdeutete, wo die Nebelmauer höher und höher zu stei­gen schien. »Es wird verdammt trüb. Wir können froh sein, dass wir einen so guten Lotsen an Bord haben.«

»Ja, ja«, erwiderte Edgeworth und blickte unruhig umher, »es sieht böse dort unten aus – dauern diese Mississippinebel lange?«

»Sehr verschieden, Sir, sehr verschieden, manchmal treibt sie ein leichter Abendwind wie gar nichts vor sich hin, manchmal aber liegen sie so zäh auf dem Strom, als ob sie von Gummi wären und immer weiter und wei­ter sich ausbreiteten, je mehr der Wind daran zerrt und zieht. Wahrschein­lich wird es aber, wenn der Mond aufgeht, besser. Jedenfalls können wir noch ein oder zwei Stündchen ruhig fortfahren, bis wir in die Nähe von Nummer dreiundsechzig kommen. Dort pflegen die Boote gewöhnlich festzumachen.«

»So? Also dann ratet Ihr mir, nachher das Boot irgendwo zu befestigen? Ich hatte Lust, schon früher anzulegen.«

»Nein, ja nicht!«, rief Blackfoot, »wozu die schöne Zeit versäumen, wenn es nicht unumgänglich nötig ist. Habt nur keine Angst, Sir, mir liegt, wie Ihr Euch denken könnt, die Wohlfahrt des Bootes jetzt ebenso am Herzen wie Euch, und ich würde seine Sicherheit gewiss nicht unnütz oder leicht­sinnig aufs Spiel setzen. Ihr habt da eine stattliche Büchse. Kentuckyfabrikat oder pennsylvanisches?«

Edgeworth hatte seine Büchse zwischen zwei dort stehenden Fässern lehnen und griff jetzt hinüber, sie an sich zu nehmen. Jeder Jäger hört es gern, wenn seine Waffe gelobt wird.

»Ja«, sagte er, während er das Gewehr vor sich auf die Knie legte und die Mündung vorsichtig dem Wasser zu richtete. »Es gibt wohl schwerlich ein besseres Stück Eisen in Onkel Sams Staaten als dieses alte unansehn­liche Ding hier. Manchen Hirsch habe ich damit umgelegt und manchen Bären dazu. Auch gute Dienste gegen die Rothäute hat es schon geleistet und manchen heißen, blutigen Tag gesehen.«

»Ihr möchtet es wohl nicht gegen irgendein anderes, wenigstens besser und zierlicher aussehendes Gewehr tauschen?«, warf hier der Fremde ein und hielt dem Alten seine eigene Büchse hin. Es war ein herrliches, reich mit graviertem Silber verziertes und beschlagenes Gewehr, mit einem wunderlichen Sicherheitsschloss versehen, wie es dem alten Jäger noch nicht vorgekommen war.

»Hm«, sagte er und nahm die fremde Waffe fast unwillkürlich in An­schlag, »das ist ein prachtvolles Stück Arbeit – liegt vortrefflich in der Hand, ganz ausgezeichnet, gerade wie ich’s gern habe, muss viel Geld gekostet haben in den Staaten – sehr viel Geld. Schießt es gut?«

»Ich wette, auf sechzig Schritt aus freier Hand einen Vierteldollar acht­mal, auch zehnmal zu treffen.«

»Ei nun, das wäre aller Ehren wert. Warum wollt Ihr’s aber tauschen?«

»Aufrichtig gesagt«, meinte der andere und blickte sinnend dabei vor sich nieder, »tut mir’s weh, von der Büchse zu scheiden, dann aber auch wieder hab’ ich mich fest entschlossen. Sie kommt aus lieber Hand und erweckt dadurch nur zu oft recht bittere und schmerzliche Erinnerungen. Ich gebe sie auf jeden Fall weg, und wenn sie doch einmal in eines Fremden Hand kommen soll, so wäret Ihr gerade der Mann, dem ich sie wün­schen könnte. Kommt, Ihr findet mich gerade in der Stimmung und könnt einen guten Handel machen.«

»Ich wäre der Letzte, Vorteil aus der Stimmung eines anderen zu ziehen«, entgegnete der alte Jäger. »Das aber nebenbei; wir scheinen auch in einer anderen Sache sehr verschiedener Ansicht zu sein. Was Euch durch schmerz­liche Erinnerung peinigt, macht es mir teuer, und ich möchte mich nicht um vieles Geld von dieser alten lieben Waffe trennen. Ich hatte einst einen Sohn, ihm brachte ich die Büchse aus Kentucky mit, und der arme Junge – doch einerlei. Dies ist das einzige Andenken, was ich noch von ihm habe, und ich will es auch behalten.«

»Also, Ihr habt keine Lust zum Tausch?«

»Nicht die Geringste, und wenn Euer Gewehr so von Gold strotzte wie jetzt von Silber.«

»Ach, Mr. Edgeworth, das Silber ist das Wenigste an einem guten Ge­wehr«, sagte der Händler, »das wisst Ihr selber wohl besser, als ich es Euch sagen kann. Der Wert liegt im Inneren, und da habt Ihr denn wohl ganz recht, wenn Euch das Eure, unscheinbare, genügt, das finde ich auch schon ohne irgendeinen anderen Grund, der es Euch noch werter machen könnte, natürlich. Bitte, erlaubt mir einmal, Euer Gewehr … steht der Stempel des Fabrikanten nicht daran?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Edgeworth, »ich habe nie danach gesehen. Es bleibt sich auch ziemlich gleich, ob der Mann John oder Harry geheißen hat, wenn seine Arbeit nur gut war.«

»Ja, allerdings, aber ich bin mit mehreren Büchsenschmieden in Kentucky befreundet, und es wäre mir interessant, einen bekannten Namen hier zu finden.«

Er nahm bei diesen Worten die Büchse in die Hand und drehte sie langsam nach allen Seiten, betrachtete besonders aufmerksam den Lauf, an dem noch einige, wenngleich undeutliche Zeichen sichtbar waren, und öffnete endlich auch die Pfanne.

»Gebt acht, Ihr werdet mir das Pulver herunterschütten«, rief Edgeworth.

»Es scheint ohnedies vom Nebel feucht geworden zu sein«, erwiderte Blackfoot, während er sein eigenes Pulverhorn hervorzog, »wir wollen anderes darauf tun.«

Mit der linken Hand hielt er die Büchse, und in der rechten, mit der er zugleich das Pulverhorn öffnete, verbarg er einen der kleinen, von Bill empfangenen Stift.

Edgeworth wollte aber noch nicht den Blick von ihm wenden.

»Was habt Ihr für Pulver?«, fragte er den Fremden.

»Dumontsches, natürlich«, erwiderte Blackfoot, »haltet einmal Eure Hand her – nun seht das Korn. Ist es nicht herrliche Ware?«

Edgeworth prüfte das Pulver mit dem Finger, und in demselben Augen­blick saß der Stift im Zündloch seiner eigenen Waffe. Blackfoot schüttete gleich darauf frisches Pulver auf und schloss die Pfanne wieder.

»Ja, das Pulver ist gut«, sagte der Alte, während er es noch mit der Zunge kostete, »reinlich und von gutem Geschmack, man bekommt es sel­ten von der Art in Indiana. Ich will mir auch ein Fässchen davon mit hin­aufnehmen – es steht schon auf meinem Zettel.« Damit nahm er sein Gewehr wieder aus Blackfoots Hand und stellte es neben sich. Mrs. Eve­rett hatte dabeigesessen und den Männern nur manchmal einen flüchtigen Blick zugeworfen.

»Hallo, Sir!«, rief da plötzlich der Händler und zeigte auf die junge Frau, »was ist denn mit der Lady? Sie wird ja plötzlich leichenblass.«

»Um Gott, Mrs. Everett«, sagte Edgeworth aufspringend, »fehlt Ihnen etwas? Sie sehen wahrlich ganz blass aus.«

»Es wird schon vorübergehen«, flüsterte die junge Frau und hielt einen Augenblick ihr Tuch fest gegen die Augen gedrückt, »es war nur so ein Anfall – die Aufregung in Helena – der schnelle Wechsel – vielleicht auch die feuchte Flussluft.«

»Ja, ja«, sagte Edgeworth, »die ist hauptsächlich daran schuld, ich hätte das schon früher bedenken sollen. Aber warten Sie nur, ich hole Ihnen gleich die Decken herauf, und dann wollen wir schon ein ordentliches Lager für Sie herrichten. Es gibt nichts Besseres, feuchte Luft abzuhalten, als wollene Decken.«

Und der alte Mann ergriff sein Gewehr und schritt, ohne weiter auf die Einwendungen der Frau zu achten, nach vorn zum Bug und dort eine kleine Treppe hinunter in den unteren Raum. Von dort kehrte er auch bald mit drei großen Decken zurück und ging nun mit Blackfoots Hilfe emsig daran, eine Art Zelt herzustellen, unter dem sich Mrs. Everett un­gestört der Ruhe überlassen konnte. Es ist dies eine Art Galanterie und Aufmerksamkeit für das weibliche Geschlecht, wie sie selbst der roheste Hinterwäldler mit Selbstverständlichkeit beweist, und jede Frau kann deshalb auch, ohne fürchten zu müssen, der geringsten Unannehmlichkeit ausgesetzt zu sein, die ganzen Vereinigten Staaten allein durchreisen. Sie wird in jedem Fremden, der durch Zufall ihr Begleiter geworden ist, einen bereitwilligen, aber selten notwendigen Schutz finden.

Mrs. Everett schien übrigens, so herzlich sie auch dem alten Mann für seine Güte dankte, dennoch keinen Gebrauch von derselben machen zu wollen, denn sie blieb unruhig an Deck und schien von jetzt an besonders aufmerksam die noch immer sorglos lagernden Gestalten der Flussleute zu betrachten. Sie befanden sich auch alle oben an Deck. Nur einer von ihnen war unten im Raum beschäftigt, auf dem dort befindlichen Rost oder Kochofen das einfache Abendmahl der Mannschaft zu bereiten, und tauchte manchmal mit glühendem, rotem Gesicht auf, um sich entweder abzukühlen oder Holz zu holen.

»Hallo – was für Land ist das da drüben?«, fragte plötzlich Edgeworth und deutete auf einen im Nebel kaum erkennbaren dunklen Streifen, den sie zu ihrer Linken liegen ließen, »kann das wohl das Flussufer sein?«

»O bewahre!«, erwiderte Blackfoot, »aber das muss ja der Steuermann wissen. Was für ein Land ist das, Sir?«

»Runde Weideninsel!«, erwiderte Bill lakonisch und drückte den Bug etwas davon ab, denn er fürchtete selbst eine von dieser Insel auslaufende Sandbank, auf welcher ja auch das Dampfschiff San Buren festgesessen hatte.

»Wie wär es denn, wenn wir hier eine Weile vor Anker gingen?«, meinte Edgeworth, »wenigstens so lange, bis sich der Nebel etwas verzogen hat.«

»Geht nicht!«, sagte Bill ruhig dagegen. »Wir können uns nicht bis auf hundert Schritt der Insel nähern. Der Sand läuft hier ein tüchtiges Stück in den Strom hinein – nehmt einmal das Senkblei!«

Edgeworth nahm die Leine, an welcher das Blei befestigt war, und warf dieses über Bord. Bill hatte recht, der Fluss war hier höchstens acht Fuß tief, und sie durften sich nicht näher an die Insel wagen. Die Strömung lag aber – der Flusskarte nach – rechts von der Insel und drängte erst von dort aus, etwa vier bis fünf Meilen weiter unterhalb, der Mitte des Stromes wieder zu. Nummer einundsechzig lag, wie schon früher erwähnt, dreizehn englische Meilen unterhalb der Weideninsel.

Durch den Nebel noch beschleunigt, begann es jetzt schnell dunkel zu werden, und der alte Farmer schüttelte bedenklich den Kopf, als selbst die letzten bis dahin noch immer sichtbar gebliebenen Wipfel der nächsten Uferbäume den Blicken entschwanden. Die Schildkröte trieb auch nun, fast auf gut Glück und ohne den leisesten Anhalt, stromab und, wie er recht gut wusste, zwischen unzähligen Gefahren hin. Edgeworth stand vorn am Bug und lauschte, ob er nicht das Brechen der Wasser an irgend­einer Drift oder das Wehen der vielleicht nahen Uferbäume hören könne. Aber alles lag ruhig und still, kein Laut ließ sich vernehmen, selbst der Wind, der vorher noch den Nebel einigermaßen zerteilt hatte, musste gänzlich eingeschlafen sein. Langsam schwamm das Boot auf dem matt blinkenden Wasser.

Eine halbe Stunde mochte auf diese Weise vergangen sein, und Edge­worth war oft ungeduldig zum Steuermann gegangen, um mit diesem eine mögliche Gefahr zu bereden, dann wieder mit raschen Schritten auf dem Deck hin und her gelaufen – unschlüssig, was er tun, ob er seinem Lotsen folgen oder selber handeln solle, wie er es für gut finde, das heißt augenblicklich zum rechten Ufer rudern und dort anlegen, bis sich der Nebel verzogen hatte. Blackfoot hatte sich indessen fast immer an seiner Seite gehalten, um jeden möglicherweise in ihm aufsteigenden Verdacht abzulenken. Jetzt aber, da sie sich mehr und mehr dem verhängnisvollen Punkt näherten, war noch so manches, was er mit dem Verbündeten zu besprechen wünschte. Er zog sich langsam zum Steuer zurück, wobei er zuerst eine Zeit lang in Bills Nähe auf und ab ging, ohne ein Wort an ihn zu richten. Endlich stellte er einige laute Fragen über den Fluss in die­ser Gegend und knüpfte zuletzt ein leises Gespräch mit ihm an.

Mrs. Everett hatte sich erst vor wenigen Minuten in ihr hergerichtetes Zelt zurückgezogen, oft aber den Vorhang gelüftet, der es verschloss, und jenen Teil des Verdecks mit ihren Augen überflogen, auf dem sich Mr. Edgeworth befand. Jetzt, da sie ihn zum ersten Mal allein und unge­stört sah, verließ sie ihr Lager wieder und ging, mit flüchtigem Blick sich überzeugend, dass keiner der übrigen Männer in der Nähe sei, auf ihn zu.

»Ach, Madam«, sagte der alte Mann, als er ihre Schritte hörte und sich nach ihr umwandte, »Sie sind auch noch munter? Ja, ja, man hat keine Ruhe, wenn man nicht weiß, wo man ist, und Gefahren jeden Augenblick erwarten kann, ohne imstande zu sein, sie zu sehen. Geht mir’s doch selbst nicht besser.«

»Ich fürchte nicht die Gefahren, die der Fluss birgt«, flüsterte Mrs. Everett rasch und sah sich scheu nach den Männern am Steuer um. »Ihnen – viel­leicht uns allen droht etwas Schlimmeres, und gebe nur Gott, dass es noch Zeit ist, dem zu begegnen.«

»Was haben Sie, Mrs. Everett?«, fragte Edgeworth erstaunt. »Sie schei­nen ja ganz aufgeregt – was fürchten Sie?«

»Alles«, sagte die Frau, aber immer noch mit unterdrückter Stimme, »alles, sobald Sie nicht der Treue Ihrer Leute gewiss sind.«

»Aber ich begreife nicht.«

»Wo haben Sie Ihre Büchse?«

»Unten an meinem Bett.«

»Gehen Sie hinunter und untersuchen Sie das Schloss!«

»Das Schloss?«

»Zögern Sie keinen Augenblick, der Nächste kann unser aller Verderben besiegeln.«

»Aber was fürchten Sie denn? Was ist mit dem Schloss meiner Büchse?«

»Sie gaben sie vorhin in die Hand jenes Mannes, ich selber aber, im Wald aufgewachsen und oft gezwungen, die Schusswaffe zu führen, wenn Everett tage- und wochenlang auf der Jagd blieb, warf zufällig einen Blick auf jenen Menschen, als er aus seinem eigenen Horn Pulver auf die Pfanne schüttete. Wäre mir der Gebrauch jener Waffe fremd, so hätte ich nichts Auffallendes in seinem Benehmen finden können. Er verbarg etwas Spitzes in der Hand und öffnete scheinbar damit das Zündloch. Aber der lauernde Blick, den er dabei auf Sie warf, machte mich zuerst stutzig, ich lehnte den Kopf in die Hand und beobachtete ihn, ohne dass er mein Gesicht sehen konnte. Wohl drehte er sich, während Sie das Pulver prüf­ten, so weit von Ihnen ab, dass sein Arm das Schloss verdeckte, deutlich aber erkannte ich, wie er irgendetwas, ob Holz oder Nagel weiß ich nicht, in das Zündloch drückte, und seine Hand zitterte, als er gleich dar­auf wieder Pulver auf die Pfanne schüttete. Ich sah, wie das Pulver reichlich auf den Boden fiel. So übermannten mich bei dieser Wahrnehmung Angst und Schrecken, dass mir das Blut stockte und ich beinahe ohnmächtig an Deck niedergesunken wäre. Seit der Zeit war es mir aber nicht möglich, Ihnen unbeobachtet meinen Verdacht mitzuteilen, und ich fürchte nur, es ist fast zu spät, dem zu begegnen, was jene Schreckliches beabsichtigen mögen.«

Edgeworth stand mehrere Minuten lang in tiefem Nachdenken ver­sunken und starrte schweigend in den sein Boot jetzt dicht und undurch­dringlich umgebenden Nebel hinaus.

Endlich sagte er, während er sich langsam gegen die Frau umwandte: »Gehen Sie ruhig wieder in Ihr Zelt, meine gute Mrs. Everett, ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung. Wir dürfen aber für den Augenblick jene noch nicht merken lassen, dass wir Verdacht geschöpft haben. Ich durchschaue jetzt alles, oh, dass Tom doch hier wäre! Doch – es wird auch ohne ihn gehen, ich will nur gleich unten nach meiner Büchse sehen und sie wieder instand setzen. Fürchten Sie aber nichts – meine Indiana-Männer sind treu wie Gold.«

Er schritt langsam dem vordem Teil des Fahrzeugs zu, wohin die Bootsleute einige der Kisten geschafft hatten, damit sie beim Rudern nicht im Weg wären, und wo sich auch der einzige Eingang zu dem unteren Raum und den Schlafstellen der Männer befand.

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