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Sammlung bergmännischer Sagen Teil 3

Das arme Bergmannsleben ist wunderbar reich an Poesie. Seine Sagen und Lieder, seine Sprache, seine Weistümer reichen in die älteste Zeit zurück. Die Lieder, die wohlbekannten Bergreihen, die Sprachüberreste, die Weistümer sind teilweise gesammelt. Die Sagen erscheinen hier zum ersten Mal von kundiger Hand ausgewählt und im ganzen Zauber der bergmännischen Sprache wiedergegeben. Das vermag nur zu bieten, wer ein warmes Herz für Land und Leute mitbringt, wo diese uralten Schätze zu heben sind; wer Verständnis für unser altdeutsches religiöses Leben hat, wer – es sei gerade herausgesagt – selbst poetisch angehaucht ist. Was vom Herzen kommt, geht wieder zum Herzen, ist eine alte und ewig neue Wahrheit. Hat der Verfasser auch nur aus der Literatur der Bergmannssagen uns bekannte Gebiete begangen, verdient er schon vollauf unseren Dank. Seine Liebe zur Sache lässt uns hoffen, er werde mit Unterstützung Gleichstrebender noch jene Schaetze heben, die nicht an der großen Straße liegen, sondern an weniger befahrenen Wegen und Stegen zu heiligen Zeiten schimmern und zutage gefördert sein wollen.


I. Abteilung: Wie Bergwerke gefunden wurden

3. Annaberg

a. Es lebte einmal ein armer Bergmann mit Namen Daniel Knappe. Er hatte eine Frau und Kinder, liebte sie sehr, war aber nicht imstande, sie mit seiner Hände Arbeit zu ernähren. Er arbeitete zwar rastlos und betete, doch seiner Not war kein Ende. So hoch aber auch sein Unglück stieg, so wich und wankte sein Glaube doch nicht.

Da erschien ihm einnml nachts ein Engel im Traum, der sprach: »Geh hin und suche in der tiefsten Tiefe des Waldes den Baum auf, in dessen Zweigen silberne Eier ruhen. Du wirst ihn an seiner Größe erkennen, denn kein Baum im ganzen Wald kann sich ihm vergleichen.«

Daniel erwachte, fühlte sich gestärkt, und als der Morgen kaum graute, eilte er in den Wald, den Baum zu suchen. Tief drang er in das verworrenste Dickicht hinein, wo vielleicht noch kein menschlicher Fuß gewesen war, und fand endlich den hohen, gewaltigen Baum. Aber keine silbernen Eier konnte er erspähen, so sehr er sich auch mühte, Zweig für Zweig mit den Augen zu durchsuchen. Traurig und ganz niedergeschlagen, den schönen Traum unerfüllt zu sehen, wollte er schon wieder heimkehren, als mit einem Mal der Engel ihm zur Seite stand und sprach: »Gott ist hilfreich und wahrhaft, wo du auch keinen Ausweg siehst. Der Baum hat auch Zweige in der Erde. Dir sei geholfen um deiner Treue und Liebe willen!«

Der Engel verschwand, aber Hoffnung und Mut stärkten den armen Bergmann, und er grub am Fuße des Baumes. Von seinen Wurzeln durchflochten fand er da reiche Silberstufen in Menge. Er staunte und weinte vor Freude, denn ihm und den seinen war nun geholfen.

Annaberg, das freundliche Städtchen, erhob sich hierauf in dieser waldigen Gegend, und ergiebige Bergwerke rings umher. Am 21. des Herbstmonats im Jahre 1496 legte Herzog Georg der Bärtige den Grund dazu.

b. Der Bergmann Kaspar Nietzelt aus dem Walddorf Frohnau am Fuß des Schreckenberges ging am Abend vor dem Frohnleichnamsfest des Jahres 1495 zu dem nahen Bach, um sich dort für das bevorstehende Fest ein Gericht Fische zu fangen. Er wollte das Wasser etwas trübe machen und wühlte mit einem Stock am Rande des Baches unter dem Wasser. Da fiel plötzlich durch dieses Aufwühlen ein Stück vom Uferrand herab uud entblößte eine Bergart, die von grünlicher Farbe war. Dem geübten Kennerauge Nietzelts fiel diese Bergart auf, er nahm etwas davon in die Hand. Da er bemerkte, dass sie schwerer als anderes Erdreich war, so trug er davon mit heim und ließ es in Geyer probieren. Man fand, dass diese Gangart zwei Lot feines Silber enthielt. Nun mutete Nietzelt diesen Gang und gab ihm den Namen Frohnleichnamsstollen. Derselbe lieferte bis zu seinem Erliegen die große Summe von 400.000 Guldengroschen (Speziestaler) Ausbeute. Als kurz darauf am Schreckenberg und seinem Nachbarn, dem Schottenberg, mehrere glückliche Entdeckungen gemacht wurden, so wurde es auf einmal lebendig in diesem sonst so einsamen Tal. Immer mehr Menschen strömten herbei, das Dorf Frohnau vermochte sie nicht mehr aufzunehmen und es wurde daher die Anlegung einer neuen Bergstadt beschlossen, zu welcher am 21. September 1496 der Grundstein gelegt wurde. Sie führte fünf Jahre hindurch den Namen Neue Stadt am Schreckenberg, bis dieser Name im Jahre 1501 in den Namen Annaberg verwandelt wurde, den die Bergstadt noch heute trägt.

(Ganz genau dieselbe Sage wird von Ziehnert, Band III, Seite 292 für die Entdeckung des Buchholzer Bergbaus angegeben.)