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Der schwarze Mann

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Der Marone – Die Wacht der Liebe und die Wacht der Eifersucht

der-marone-drittes-buchThomas Mayne Reid
Der Marone – Drittes Buch
Kapitel 31

Die Wacht der Liebe und die Wacht der Eifersucht

Ihrem Versprechen gemäß begab sich Yola auf den Weg, um ihren geliebten Maronen zu treffen. Um Mitternacht wollten sie zusammenkommen. Sie verließ Willkommenberg schon lange zuvor, um zur festgesetzten Zeit ganz sicher da zu sein und um gehörig Zeit zum Hingehen zu haben.

Fräulein Vaughan wusste von diesen nächtlichen Ausflügen und kannte auch deren Absicht. Das junge Fellahmädchen hatte ihrer Herrin die Liebe zu Cubina gestanden wie die Gewissheit seiner Gegenliebe und hatte ihr die Geschichte ihrer Liebe erzählt. Der junge Marone stand im besten Ruf, Yola liebte ihn glühend. Da die ganze Liebesangelegenheit in ehrbarer Weise vor sich gegangen zu sein schien, so stand Fräulein Vaughan den Zusammenkünften der beiden Liebenden durchaus nicht entgegen, ja sie empfand mit ihnen sogar ein höchst inniges Mitgefühl, um so mehr, als sie selbst in ihrer eigenen Liebe jetzt so unglücklich war.

Deshalb erhielt die bräunliche Geliebte Cubinas auch zu jeder Zeit die Erlaubnis zu einer Zusammenkunft mit ihrem Geliebten.

In jener Nacht hatte Käthchen Vaughan die Erlaubnis noch bereitwilliger als sonst erteilt, denn sie wünschte sie selbst. Cubina hatte nämlich die Nacht vorher seiner Geliebten einen keineswegs genauen, aber dennoch bedeutsamen Wink über Herbert und dessen Herzenszustand gegeben, den Yola ihrer Herrin mitgeteilt und der bei dieser die zärtlichsten Empfindungen wie das Verlangen nach weiteren Erläuterungen geweckt hatte.

Käthchen kannte die zwischen Herbert und Cubina bestehende romantische Freundschaft. Yola hatte ihr oftmals davon erzählt, sowie auch von dem Zufall, durch den sie entstanden war. Dies erklärt gewiss genügend das außerordentliche Interesse, welches Käthchen gerade an dieser nächtlichen Zusammenkunft nahm, denn der Marone hatte es versprochen, noch mehr Mitteilungen über Herbert zu machen, wenn er mit diesem, wie er erwarte, geredet habe. Erst am Nachmittag nach dem Ausflug auf den Jumbéfelsen hatte das Fellahmädchen ihrer Herrin die Äußerung Cubinas über Herbert mitgeteilt und die infolge davon veränderte Stimmung Käthchens zeugte sicher von ihrem großen Interesse an dieser Mitteilung. Ihr ganzes Wesen schien seitdem nicht mehr so trübe, sondern etwas aufgeheitert zu sein, als wäre an dem dunklen Horizont ihrer Zukunft plötzlich ein mild und lieblich strahlender Hoffnungsstern aufgegangen.

Yola hatte jedoch Käthchen nicht alles erzählt, was sie wusste. Von den Cubina entschlüpften Mutmaßungen hatte sie nichts gesagt, nichts von dessen Anspielungen auf die Heirat Herberts mit Judith, von deren wahrscheinlichem Fehlschlagen und dem darauf mit vielem Nachdruck angewandten Sprichwort. Mit einem weiblichen Gefühl hatte sie begriffen, dass die Erzählung hiervon nur falsche Hoffnungen bei ihrer Herrin erwecken könne, der sie so sehr und aufrichtig zugetan war.

Doch wollte sie ihr von allem diesen mehr mitteilen, sobald sie erst mehr von ihrem Geliebten erfahren hätte, was, wie sie hoffte, bei ihrer nächsten Zusammenkunft der Fall sein würde.

Auch von der Zusammenkunft Cynthias mit dem Koppelhalter, von deren von Cubina und ihr selbst belauschtem Gespräch und von allem hiermit verbundenen Verdacht hatte sie gar nichts gesagt, weil sie fürchtete, dass dies ihre außerdem schon hinlänglich bekümmerte Herrin nur unnütz aufregen und beunruhigen könne.

Als Yola das Haus verlassen hatte, begab sich die junge Kreolin, obwohl es schon spät war, dennoch nicht zur Ruhe. Sie war zu begierig, noch das Ergebnis der Zusammenkunft ihres Mädchens mit dem Maronen zu erfahren und blieb deshalb in ihrer Kammer wach, wo sie die Nachtlampe bis spät gegen Anbruch des Tages brennen ließ.

 

*

 

Ungeachtet der offen erteilten Erlaubnis schlich sich die fürstliche Sklavin doch halb verstohlen aus dem Haus und durchschritt die nächste Umgebung desselben mit großer Vorsicht. Dies stammte teilweise noch von den früheren Gewohnheiten des halb barbarischen Lebens her, das sie in ihrem ursprünglichen Vaterland von frühester Kindheit an geführt hatte. Teilweise hegte sie aber auch vielleicht einen geheimen Verdacht, dass ihr irgendeine Gefahr drohen könne, oder sie fürchtete einfach eine Störung, eine Furcht, die bei einem zu einer zärtlichen Zusammenkunft mit ihrem Geliebten in vollster Sehnsucht eilenden jungen Mädchen gewiss leicht aufkommen kann.

Bei aller angewandten Vorsicht gewahrte Yola nicht die weibliche Gestalt, die ihr in gemessener Entfernung heimlich bis in den Wald folgte, bald in aufrechter Stellung, wenn sie von den Büschen verborgen war, bald aber auch zur Erde niedergebückt vorwärts schleichend, wo sie gesehen zu werden fürchten musste.

Als das Fellahmädchen den Pimentwald erreicht hatte, schritt sie ungezwungener und freier, da sie keine Unterbrechung mehr befürchtete. Deshalb vermochte sie um so weniger die Schattengestalt zu bemerken, die ihr auch im Wald fortwährend nachschlich.

Bei der Lichtung angelangt, ging das junge Mädchen zu der riesigen Ceiba und stellte sich in ihren dunklen Schatten auf dieselbe Stelle, die ihr durch ihre Liebe geheiligt erschien. Heiter blickte sie umher, um sich zu überzeugen, dass Cubina noch nicht da sei, obwohl sie ihn gar nicht so früh erwartete, denn es war noch nicht Mitternacht und sie hatte die große Glocke auf der Pflanzung noch nicht schlagen hören.

Nachdem sie sich genau umgesehen hatte, überließ sie sich einem träumerischen Nachdenken, allerdings einer süßen und wonnigen Träumerei, wie sie nur aus der Erwartung der baldigen Ankunft des zärtlich Geliebten hervorzugehen vermag. Aus diesem wonnigen Zustand wurde sie durch einen Vogel aufgeweckt, der erschrocken plötzlich aus einem nur zehn Schritte von der Ceiba entfernten Busch, in dem er saß, aufflatterte und mit ängstlichem Geschrei in den dichten Wald flog. Yola vermochte nicht zu entdecken, was den Vogel von seinem stillen Sitz aufgescheucht haben mochte. Sie selbst konnte unmöglich die Ursache gewesen sein, da sie doch schon längere Zeit hier stand und sich ganz ruhig verhalten hatte. So musste der Vogel denn wohl vor irgendeinem seiner natürlichen Feinde geflohen sein, etwa einer Ratte, einer Eule oder einer Schlange. Mit dieser Annahme beruhigte sie sich.

Wäre sie aber, anstatt sich hiermit zu begnügen, nur zehn Schritte vorwärtsgegangen und hätte in das kleine Gebüsch gesehen, so würde sie etwas ganz anderes gewahrt haben, als sie vermutete. Sie würde dann ein im Schatten sitzendes Mädchen mit vom Zorn entflammten Augen entdeckt und in ihr sofort ihre Mitsklavin Cynthia erkannt haben.

Allein Yola sah sie nicht, obwohl Cynthia sie ganz wohl sah. So verweilten sie in dieser sonderbaren Nebeneinanderstellung mehrere Stunden lang, die eine auf der Wonnewacht der innigsten verborgensten Liebe, die andere auf der Folterwacht der leidenschaftlichen, an Wahnsinn grenzenden Eifersucht.

Lange, lange Zeit wartete das Fellahmädchen auf die Ankunft ihres geliebten Cubina. Ihr Ohr horchte gespannt auf jeden Ton, der seine Annäherung verkünden möchte, und ihre Ungeduld wurde mit jedem Augenblick peinlicher.

Ebenso lange blieb das Mulattenmädchen in seinem Versteck und litt in gleicher Weise von den Hirngespinsten ihrer Eifersucht.

Beide fühlten sich deshalb erleichtert und freudig erregt, als Fußtritte auf dem Pfad und Rascheln in den Zweigen die Ankunft eines Mannes anzeigten.

Leider war dies indes nur eine augenblickliche Erleichterung, welche die Gefühle beider arg täuschte, die Freude sowohl der einen als auch die rachgierigen Absichten der anderen. Denn anstatt des erwarteten Liebhabers erschien jemand anderes, und zugleich mit ihm kam noch einer, freilich von der ganz entgegengesetzten Seite.

Beide gingen jetzt zu gleicher Zeit zu der Mitte der Lichtung und standen im nächsten Augenblick, ohne ein Wort zu wechseln, nahe bei der Ceiba sich einander gegenüber still, als hätten sie verabredet, sich hier zu treffen.

Beide Männer befanden sich auf der Lichtung im hellen Mondschein, sodass ihre Gesichter ganz genau gesehen werden konnten.

Yola kannte nur einen der beiden Männer, der so stand, dass er sie hinderte, den anderen ganz zu sehen. Sie erblickte deshalb nur ein Gesicht, das grässlich war und ihr Furcht erregte, obwohl nicht so viel Furcht, als der Mann, den sie bereits deutlich erkannt hatte und dessen Nähe sie trieb, sich so schnell wie möglich zurückzuziehen und so gut, wie es ging, zu verbergen. Deshalb eilte sie, sich so zu stellen, dass der dicke Baumstamm zwischen ihr und den Neuangekömmlingen kam, zog sich dann ganz leise in seinen Schatten zurück, schlich sich unbemerkt in das Unterholz des Waldes und war bald fern von den beiden Männern, die ihre lange und vergebliche Wacht in so höchst unliebsamer Weise störten.

Cynthia hätte diesem Beispiel nicht folgen können, wenn sie auch große Lust dazu gehabt hätte, denn die beiden Männer standen nur sechs Schritte von der Stelle entfernt, wo sie im Gebüsch verborgen lag. An jeder Seite davon war der Platz offen, im hellen klaren Mondschein. Selbst eine Katze hätte nicht aus dem Busch fortschleichen können, ohne die Aufmerksamkeit der beiden Männer zu erregen.

Cynthia kannte beide Männer sehr gut, denn sie waren ihre Verbündeten, wenn sie sich auch jetzt vor ihnen fürchtete. Gleich zuerst wollte sie sich ihnen entdecken, allein sie wollte nicht von ihrer Nebenbuhlerin entdeckt sein. Später, als die beiden Männer ein Gespräch angeknüpft hatten, hielt Furcht sie in ihrem Versteck zurück. Sie hatte nämlich bereits einen Teil ihres Gesprächs gehört und fürchtete, für ihr Lauschen bestraft zu werden, obwohl es unfreiwillig gewesen war.

Besser hätte Cynthia gewiss getan, hätte sie sich den Männern offen gezeigt, allein da sie keine Entdeckung befürchtete, und noch irgend das schreckliche Schicksal ahnte, das damit verbunden sein würde, entschloss sie sich, ruhig in ihrem Versteck zu bleiben und das geheimnisvolle schreckliche Gespräch bis zu Ende zu belauschen.

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