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Der Marone – Ein grässlicher Eindringling

der-marone-drittes-buchThomas Mayne Reid
Der Marone – Drittes Buch
Kapitel 25

Ein grässlicher Eindringling

Lange blieb Loftus Vaughan nicht allein, obwohl derjenige, der jetzt die ihn umgebende Einsamkeit unterbrach, von einer Beschaffenheit war, wie ihn kein Lebender oder Sterbender an der Seite seines Bettes zu sehen wünscht.

Der schwarze Reitknecht war fortgeritten, um Hilfe zu holen. Noch bevor der Schall der Hufschläge seines eilfertig galoppierenden Pferdes durch die offenen Spalten der armseligen Hütte durchzudringen aufgehört hatte, fiel schon der dunkle Schatten einer menschlichen Gestalt, die dicht vor die geöffnete Tür getreten war, in den inneren engen Raum.

Der auf das hölzerne Bett hingestreckte Kranke litt außerordentliche Schmerzen und gab sie durch ununterbrochenes ängstliches Stöhnen kund. Dennoch bemerkte er den in den Raum hineinfallenden Schatten, und dies, zugleich mit der plötzlichen Finsternis an der Tür, verriet ihm, dass draußen jemand sein müsse, der im Begriff war, einzutreten.

Wohl möchte man glauben, dass das Erscheinen irgendeines lebendigen Wesens ihm gerade jetzt hätte höchst angenehm und ein Trost in seiner traurigen Verlassenheit sein müssen, und vielleicht wäre dies bei dem Auftreten eines wirklich lebenden Wesens auch der Fall gewesen. Allein in jenem in die innere Hütte fallenden Schatten erkannte oder vielmehr glaubte der Kranke die Gestalt eines längst tot Gehaltenen zu erkennen, die Gestalt Chakras, des Myalmannes!

Der Schatten war genau bezeichnet und bestimmt umschrieben, die Tür der Hütte ging nach Westen, wo die Sonne bald unterging. Vor ihr standen keine Bäume, nichts unterbrach die Strahlen der sinkenden Sonne, die alles mit rötlichem Glanz umhüllte, nichts als der dunkle Schattenriss, der die Gegenwart Chakras verriet. Nur das Oberteil des Körpers war im Schatten zu sehen, der Kopf, die Schultern und die Arme. Der Kopf war im Schatten von ganz ungeheuerlicher Größe, der weit geöffnete Mund zeigte eine Reihe schrecklicher Zähne, die Schultern verrieten einen hässlichen Höcker und die Arme waren lang und affenartig. Zweifelsohne war es entweder der Schatten des wirklichen Chakra oder auch ein Abbild seines in jüngster Zeit so oft gesehenen Geistes!

Der Kranke war zu erschrocken, um reden zu können, zu erstarrt, um zu denken. Es vermehrte kaum noch seine Angst, als anstatt des Schattens der Myalmann selbst in seiner ihm eigenen ungestaltenen Hässlichkeit die Schwelle überschritt und unverzüglich in die Hütte eintrat.

Loftus Vaughan vermochte nun an die wirkliche Existenz des Mannes, der sich jetzt zu so ungelegener Zeit eindrängte, nicht länger mehr zu zweifeln. Obwohl ihm in der Fieberhitze schwindelig zumute und obwohl seine Denkkraft bereits abgenommen und sich schnell getrübt hatte, so war sie doch noch klar genug, um vollkommen zu begreifen, dass die vor ihm stehende Gestalt kein Erzeugnis der Einbildungskraft, dass sie kein Geist aus einer anderen, sondern aus dieser Welt, aber dass sie dennoch so verrucht und schauerlich wie nur eine unter den Söhnen der Finsternis zu finden sei.

Vor Chakras Geist hatte er demnach keine Furcht mehr, denn es war zweifelsfrei Chakra selbst aus Fleisch und Blut, den er vor sich sah, eine für ihn noch fürchterlichere Erscheinung.

Der laute Angstschrei, den Loftus Vaughan bei dem Anblick Chakras ausstieß, gab sein Schrecken und Entsetzen kund. Dabei machte er eine Anstrengung, aufzustehen, als beabsichtige er aus der Hütte zu entfliehen. Allein von seiner Schwäche überwältigt und auch einem Drohblick des Myalmannes nachgebend, der ihm klar ankündete, dass jede Flucht unnütz und unmöglich sei, sank er erschöpft und von Verzweiflung gelähmt auf das Bambusruhebett zurück.

»Ha!«, rief Chakra aus, als er sich zwischen den Sterbenden und die Tür hinstellte. »Jetzt ist keine Flucht mehr möglich. Wenn Ihr auch von hier fortgehen könntet, weit würdet Ihr nicht kommen. Noch ehe Ihr hundert Schritte weit seid, fallt Ihr nieder auf Eurem Weg. Es hilft Euch jetzt alles nichts mehr, Ihr alter Narr! Humm!«

Ein anderer Angstschrei war die einzige Antwort, die der schwache Mann zu geben vermochte.

»Ha, ha, ha!«, brüllte Chakra in wilder Wut und zeigte seine Haifischzähne bei einem höllischen Gelächter.

»Ha, ha, ha! Schrei nur, Custos Vaughan! Schrei nur, bis dir der Atem ausgeht. Chakra sagt dir, es hilft nichts mehr! Der Totenzauber hat dich gefasst, und noch ehe die Sonne gänzlich niedersinkt, wirst du hingehen in die andere Welt, wo die beiden anderen Richter schon sind und wo der stolze weiße Buckra nicht besser ist als ein armer schwarzer Mann! Die beiden anderen sind dir vorausgegangen, beide durch den Totenzauber. Chakra ist es, der ihn dir auch gebracht hat! Du bist der Letzte, weil du der große Custos bist und weil man sein bestes Opfer bis zuletzt aufspart. Aber sterben musst du nun doch.«

»Erbarmen! Erbarmen!«, flehte der Sterbende.

»Ha, ha, ha!«, antwortete Chakra höhnisch. »Was Erbarmen? Was schreist du um Erbarmen? Hast du Erbarmen gehabt mit dem Myalmann, als du ihn hast an den Palmbaum ketten lassen. Du hast damals kein Erbarmen gehabt, Chakra hat nun auch keins! Du musst sterben!«

»O Chakra! Guter, lieber Chakra!«, rief der Custos, indem er sich etwas von seinem Lager erhob und flehentlich seine Arme ausstreckte. »Rette mich! Rette mein Leben! Und ich will dir geben, was du nur wünschst, deine Freiheit – Geld …«

»Ha!«, unterbrach ihn Chakra mit freudigem Frohlocken. »Gib mir die Freiheit, willst du? Gib sie mir sogleich! Dein Geld brauche ich nicht, ich habe Geld genug, bekomme genug für den Liebeszauber und den Totenzauber! Humm! Das Einzige, was du hast und was Chakra haben möchte, kannst du ihm nicht geben. Das nimmt sich Chakra selbst.«

»Was?«, fragte der Sterbende mechanisch und heftete die starren Augen in zitternder Angst auf die schrecklichen Züge des in wahnsinniger Wut rasenden Chakra.

»Die kleine Quasheba«, rief das Ungeheuer mit lauter Stimme und lachte grässlich dazu. »Die kleine Quasheba!«, wiederholte er, als wolle er sich noch einmal an dem entsetzlichen Eindruck weiden, den seine Worte hervorbrachten. »Die Tochter der Quadrone! Das ist nur in Ordnung, Custos«, fuhr er höhnisch fort. »Du hattest die Mutter, das heißt nach dem Maronen. Das weißt du ja doch? Nun kommt die Reihe an mich. Du musst nun sterben und Chakra erhält die Tochter! Das ist so ganz in der Ordnung! Ha, ha, ha!«

»Humm!«, rief er dann, den Ton seiner Stimme ändernd und beugte sich über die platt auf dem Ruhebett liegende Gestalt des Custos. »Humm! Ich glaube wirklich, der Custos ist tot!«

Er war tatsächlich tot.

Als er den Namen Kleine Quasheba zugleich mit einer so schrecklichen Drohung gehört hatte, entwand sich seinem Mund ein wilder herzzerreißender Angstschrei. Der war das letzte Lebenszeichen. So wie er ihn ausgestoßen hatte, war er bewusstlos auf das Bambusruhebett zurückgesunken und hatte sich mechanisch den Mantel über das Gesicht gezogen, als wollte er sich einem zu grässlichen Anblick entziehen. Während der Myalmann sich über ihn beugte, ihn anstierte und gern seine Qualen verlängert hätte, hatte das Gift, mitleidiger als jener, seine letzte volle Wirkung ausgeübt. Der Custos war tatsächlich tot.

Chakra streckte einen seiner langen Arme aus, lüftete den das Gesicht des Custos bedeckenden Mantel und stierte einen Augenblick in die nun starren, bleichen und blutlosen Züge seines verhassten Feindes.

Dann, als wäre sogar er über das Aussehen und das plötzliche Eintreten des Todes erschrocken, deckte das wilde Scheusal den Leichnam schnell wieder mit dem Mantel zu, erhob sich aus seiner gebeugten Stellung und schlich sich leise aus der Hütte.