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Der Detektiv – Band 31 – Der Schatz der CHRISTINE – Teil 2

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 31
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der Schatz der CHRISTINE – Teil 2

Als wir im Raffles-Hotel angelangt waren, verschwand Harst mit einem Bitte mich eine Stunde zu entschuldigen in seinem Schlafzimmer. Dieses lag rechts neben dem Wohnsalon; das meine links davon. Die Schlafzimmer hatten noch besondere Ausgänge zum Flur.

Jobster und ich setzten uns. Wir hatten beide noch nicht zu Abend gegessen. Ich läutete nach der Bedienung und bestellte eine kalte Platte und Getränke.

»Harst ist natürlich noch ausgegangen«, meinte Jobster. »Fraglos. Ich denke, wir sehen uns mal die Zeitungen an.«

Wir fanden die betreffende Anzeige nur dadurch heraus, dass sie sich gleichlautend in den sechs Blättern wiederholte. Wir lasen sie durch, lasen sie nochmals, schauten uns an und brachen in ein herzliches Lachen aus.

»Wie – das soll für die Malcapier bestimmt sein?«, sagte Jobster dann und prustete wieder los. »Das hat ein biederer Seemann eingerückt, der sich nach seiner Flamme sehnt.«

Die Anzeige lautete, ins Deutsche übertragen:

Erwarte dich am 16. d. Monats ganz bestimmt, da Schiff am 17. morgens abfahrtbereit. Muss dich unbedingt sprechen. Es unterliegt ganz einwandfrei nicht im Einzelnen dem geringsten Zweifel, dass du abkömmlich bist. Ich sehne mich sehr nach dir. In alter Treue – X Y Z.

Ich war nun plötzlich nachdenklich geworden. »Hm, lieber Jobster, heute ist der sechzehnte!«, meinte ich. »Und heute ist Eugenie Malcapier mithilfe guter Freunde ausgekniffen!«

»Donnerwetter«, entfuhr es dem Inspektor. »Das stimmt!« Er überflog die Anzeige abermals und fügte hinzu: »Dieser 16. wird auch Harst aufgefallen sein. Und wer weiß, was er sonst noch aus der Anzeige herausgefunden hat! Er findet ja stets mehr als andere.«

Der Kellner brachte das bestellte Essen. Mittlerweile war es halb zwölf geworden. Die Zeit verstrich. Das Gespräch zwischen Jobster und mir stockte immer mehr. Harst war jetzt bereits anderthalb Stunden fort.

»Wo mag er nur stecken? Es ist genau Mitternacht«, meinte der Inspektor und ließ seine goldene Uhr repetieren.

Kaum war der letzte Ton des Schlagwerks verhallt, als Harsts Stimme vom Balkon her befahl: »Schaltet für einen Moment das Licht aus.«

Der Wohnsalon besaß einen breiten Balkon zum Meer hinaus. Die Flügeltüren standen offen. Wir waren mit den Köpfen herumgefahren. Von Harst war nichts zu sehen. Ich stand auf und drehte das Licht aus. Ich hörte dann Harsts Schlafzimmertür klappen, schaltete die Krone wieder ein und setzte mich.

Jobster warf mir einen fragenden Blick zu. Auch ich konnte mir nicht erklären, wie Harst auf den Balkon gelangt war und was das alles bedeutete. Kaum vier Minuten darauf trat er schnell ein, nahm am Tisch Platz und langte nach Messer und Gabel. Ich hatte vorhin gleich drei Gedecke bestellt.

»Bitte – esst noch etwas«, sagte er hastig und legte sich Fischsalat auf. »Los doch!«, mahnte er ungeduldig.

Wir gehorchten. Harst begann über die Flucht der Malcapier zu sprechen.

»Es wird schwerhalten, dieses raffinierte Weib wieder zu fangen. Wir kennen sie ja. Hier im Chinesenviertel hat sie überall Freunde. Denkt nur an den STERN VON SIAM und die Piraten. Ich möchte …«

Es klopfte sehr stark.

Harst rief: »Herein!«

Ein junger Herr, sehr elegant gekleidet, stürzte förmlich ins Zimmer. »Entschuldigen Sie. Ich suche meinen Kollegen Jobster. Krellbram ist mein Name – Jones Krellbram.«

Wir beide kannten Krellbram noch nicht. Nachdem Jobster uns seinem Kollegen vorgestellt hatte, nahmen wir alle wieder Platz. Ich sah, dass Harst sehr geschickt die sechs Zeitungen, die zu einem Päckchen zusammengelegt waren, vom Tisch verschwinden ließ und sich auf sie hinaufsetzte.

Krellbram war ganz außer Atem. »Ich hätte mit Ihnen etwas Dienstliches zu besprechen«, sagte er zu Jobster.

»Oh – genieren Sie sich nicht. Vor diesen Herren habe ich keine Geheimnisse«, meinte Jobster unfreundlich.

Ich merkte, dass Krellbrams Augen immer wieder über Harst hinglitten.

»Sie kommen wohl der Malcapier wegen?«, fragte Harst.

»Ja, auch wir sitzen hier nun schon fast zwei Stunden und beraten, wie man ihrer wieder habhaft werden könnte.«

Jobster und ich tauschten einen Blick. Wir verstanden. Harst wollte nicht, dass Krellbram erfuhr, dass er sich inzwischen entfernt hatte. Die Sache wurde interessant. Die Rolle, die Krellbram hier spielte, erschien mir etwas fragwürdig.

Krellbrams Gesicht zeigte für einen Moment ein zufriedenes Lächeln. »Da kann ich den Herren helfen«, sagte er wichtig. »Ich habe Glück gehabt. Ein Inder sah die Malcapier über die Mauer des Lazarettgartens klettern. Auf der Straße wartete eine Rikscha auf sie, außerdem ein dicker Chinese. Dem Chinesen konnte der Inder auf den Fersen bleiben, denn die Malcapier sauste in der Rikscha davon. So konnte mein Mann später feststellen, dass der Chinese für das Weib auf dem Bahnhof eine Fahrkarte nach Johore löste und dass die Malcapier als Mann verkleidet den 10-Uhr-Abendzug in die Hauptstadt des Fürstentums benutzte. Ich habe bereits telegrafisch Anweisung gegeben, dass sie verhaftet wird. Sie wird Johore nicht erreichen.«

Jobster schüttelte den Kopf.

»Nein – da haben Sie aber Glück gehabt, Krellbram! Dass ausgerechnet Sie die Malcapier wieder einfangen können!«

Das war so offenbare Ironie, dass Krellbram giftig hervorstieß: »Sind Sie neidisch, Jobster?!«

»Keineswegs. Ich freue mich, dass Sie auch mal etwas geleistet haben.«

Krellbram wurde bleich vor Wut.

»Ich verbitte mir diesen höhnischen Ton«, sagte er ganz heiser und stand schnell auf. Er verbeugte sich, nahm seinen Hut und eilte hinaus. Jobster saß mit gerunzelter Stirn da. »Ich hätte meine Zunge besser im Zaum halten sollen«, sagte er ärgerlich.

Harst reichte Jobster die Hand. »Seine Exzellenz wird Ihnen nichts anhaben, nichts! Verlassen Sie sich nur auf mich.« Er schwieg ein paar Sekunden. Dann: »Krellbram hat gelogen! Eugenie Malcapier ist niemals mit der Eisenbahn geflüchtet. Ich weiß, wo sie ist. Ich könnte sie jeden Augenblick verhaften lassen. Aber ich will damit warten, bis ich das, was sie vorhat, genau durchschaue. Hören Sie nun zu, Jobster: Sie reichen noch heute Nacht Urlaub für zwei Wochen ein. Dann mieten Sie morgen in aller Frühe einen seetüchtigen, schnellen Motorkutter, ohne dass dies jedoch bekannt wird. Mit diesem Kutter fahren Sie dann stets so hinter dem Motorschoner CHRISTINE …«

»Christine?!«, rief Jobster da. » CHRISTINE – das ist ja das Schiff, das ich nachmittags bewachen musste, weil …«

»… auf den Schoner für sechs Millionen Pfund Goldbarren verladen wurden, die für die indische Kolonialregierung nach Kalkutta abgehen, ganz recht!«

»Sechs Millionen Pfund!«, stammelte ich. »Das sind ja etwa 120 Millionen Mark!«

»Mithin ein recht lohnender Fang«, meinte Harst mit einem Lächeln. »Doch weiter: Sie bleiben also mit dem Kutter stets außer Sicht der CHRISTINE. Nehmen Sie drei bis vier Ihrer Leute mit, die verschwiegen und zuverlässig sind, außerdem reichlich Schusswaffen und ein sehr gutes Fernrohr. Nachts nähern Sie sich dem Schoner so weit, dass Sie bequem ein Signal, das von dort aus gegeben wird, erkennen. Sobald am Heck der CHRISTINE ein grünes, dann ein rotes und wieder ein grünes Licht erscheint, kommen Sie vollends heran und handeln den Umständen nach. Die Miete für den Kutter bezahle ich. Sie wissen nun Bescheid. Leider muss ich Sie nun hinauskomplimentieren, denn Schraut und ich wollen noch ein paar Stunden schlafen. Wir haben anstrengende Tage vor uns.«

Wir drückten Jobster die Hand. Dann verließ er uns. Es war nun gerade ein Uhr morgens.

»Gehen wir schlafen – zum Schein!«, meinte Harst. »Wir müssen sehr vorsichtig sein. Wir werden fraglos ständig beobachtet.«

»Von wem denn?«

Ich wollte nun endlich wissen, woran ich war. Harst pflegte mich ja zumeist mit Andeutungen abzuspeisen. Damit sollte er heute kein Glück haben.

»Von der Polizei«, antwortete er und suchte im Salon alles zusammen, was uns gehörte. Ich war sprachlos. Von der Polizei?! Das konnte doch nur ein Scherz sein.

»Wir packen unsere Koffer fix und fertig, lassen Geld und einen Brief für den Hoteldirektor zurück und empfehlen uns über das Dach!«, sagte Harst nun wieder in gedämpftem Ton. »Hilf mir, wir müssen um drei Uhr morgens am Albert-Dock sein. Dort erwartet uns Kapitän Schubert mit einem Boot. Schubert ist gleichzeitig auch der Eigentümer des Motorschoners CHRISTINE. Dieser Landsmann erleichtert uns die Sache wesentlich.«

Wir packten zunächst Harsts Koffer, dann den meinen. Unser dritter Koffer blieb noch offen. Er enthielt unser Handwerkszeug: allerlei Kostüme, Perücken, Bärte, Schminke, Hautfärbemittel und Ähnliches. Inzwischen hatte Harst mir Folgendes mitgeteilt:

Als er in der Zelle des Polizeilazaretts die Zeitungen flüchtig durchsah, war er – da er stets den Anzeigen unter Vermischtes besondere Beachtung schenkte – auf jene Annonce aufmerksam geworden, die sich in jeder Nummer wiederholte. Diese harmlose Anzeige war für die Malcapier bestimmt. Die Worte Es unterliegt ganz einwandfrei nicht im Einzelnen waren absichtlich so merkwürdig gewählt. Ihre Anfangsbuchstaben enthielten den Namen E-U-G-E-N-I-E. Harst war hierauf sofort durch den eigenartigen, scheinbar ungeschickten Text gekommen. Weiter hatte er den Inhalt so gedeutet, dass die Malcapier am 16. befreit werden würde. Die Worte dass du abkömmlich bist waren im Verein mit der Tatsache, dass die Gefangene am 16. auch flüchtete, nur so zu deuten.

Schließlich hatte Harst aus dem Satz da Schiff am 17. morgens abfahrtbereit und aus der Bemerkung in dem Drohbrief, dass die Malcapier zunächst ihre Kasse auffüllen wolle, geschlossen, dass zwischen diesem Schiff und diesem offenbar geplanten neuen Verbrechen ein Zusammenhang bestehen müsse. Gleichzeitig war ihm Jobsters Äußerung eingefallen, der uns erzählt hatte, er hätte nachmittags die Überführung einer kostbaren Ladung an Bord eines Motorschoners beaufsichtigen müssen.

Er hatte sich dann in seinem Schlafzimmer schnell in einen Chinesen verwandelt, war zum Hafen hinabgeeilt und suchte dort eine Matrosenkneipe auf, wo er aus den Gesprächen der Seeleute alles Nötige zusammentrug. Der Goldtransport im Werte von sechs Millionen Pfund bildete das allgemeine Unterhaltungsthema. So erfuhr er den Namen und Ankerplatz des Schoners, erfuhr auch, dass sechs Polizeibeamte die Goldladung bis Kalkutta begleiteten und dass Kapitän Schubert sich hatte verpflichten müssen, keine Passagiere auf dieser Reise mitzunehmen.

Er war dann zum Restaurant Tivoli gegangen, wo lediglich Kapitäne und Steuerleute verkehrten. Er hoffte, dort auch Kapitän Schubert anzutreffen. Im Tivoli sagte man ihm jedoch, Schubert sei verheiratet und besäße in der Nähe der Klydes-Terrasse im Nordwesten der Stadt ein eigenes Haus. Als er das Tivoli verließ, merkte er, dass ihm jemand nachschlich.

»Es war ein gut gekleideter Mann, ein Europäer«, hatte er mir erklärt. »Ich versuchte ihn loszuwerden, aber der Mensch war ebenso schlau wie ich. Erst in der Nähe des Hauses des Kapitäns entwischte ich ihm – scheinbar! Ich weckte Schubert. Als er meinen Namen hörte, ging er sofort auf meine Vorschläge ein. Ich fragte ihn dann noch nach vielerlei, bis ich in allem klar sah. Abends um zehn Uhr, teilte er mir mit, hatte ein Chinese noch drei Ballen Seide als Fracht für die CHRISTINE nach Kalkutta angemeldet und durch seine Leute auch gleich im Laderaum des Schoners verstauen lassen. Der Chinese heißt Kung Fo und gehört zu den größten Exporthändlern Singapurs. Ich wette nun: In einem der Ballen steckt die Malcapier! Dass diese Fracht erst so spät abends angemeldet wurde, sagt genug! Als ich Schuberts Haus dann verließ, tauchte der Verfolger abermals auf. Der Kerl war zäh, war nicht abzuschütteln. Ich musste schließlich durch einen der Wirtschaftseingänge ins Hotel schlüpfen und gelangte bis auf den Dachboden, von wo aus ich an einer Wäscheleine vom Dach und dann von Balkon zu Balkon herabkletterte. Angenehm war dies nicht, und ob der Verfolger mich dabei bemerkt hat, weiß ich nicht recht. Er stand jedenfalls unten vor dem Hotel; deshalb wollte ich auch im Dunkeln ins Zimmer schlüpfen.«

So weit war ich nun in alles eingeweiht. Dann begannen wir, uns in zwei schmierige chinesische Kulis zu verwandeln – eine Maske, die wir schon recht oft angelegt hatten. Als Harst mir das Gesicht gelb färbte, fragte ich: »Würdest du diesen Europäer, der so großes Interesse an dir hatte, wiedererkennen?«

»Natürlich! Du kennst ihn seit heute Abend persönlich. Er kam zu uns, um festzustellen, ob ich der Chinese gewesen sei, der sich im Tivoli nach Schubert erkundigt hatte. Er war noch ganz atemlos …«

»Ah – Inspektor Krellbram!«, rief ich leise.

»Derselbe!«

Ich starrte Harst ganz hilflos an.

»Weswegen mag er dich aber nur verfolgt haben?!«, meinte ich unsicher.

»Hm – weißt du das wirklich nicht, mein Alter? Du müsstest es wissen, wenn du heute seit unserer Fahrt zum Lazarett auf alles genau geachtet hättest. Frage nichts weiter. Diese Einzelheit will ich doch noch für mich behalten.«

»Und die Geschichte mit den Goldbarren?«

»Sehr einfach: Der Schoner wird irgendwo überfallen werden. Die Malcapier kennen wir ja bereits als die geistige Leiterin einer Piratenbande von Bangkok her. Der Chinese Kung Fo steht mit ihr im Bunde und wird das Schiff ausgerüstet haben, das die CHRISTINE kapern soll. Dass die Goldbarren nach Kalkutta transportiert werden sollten, ist hier in Singapur schon seit Wochen bekannt. Und Kung Fo und die Malcapier hatten diesen Anschlag auf den Goldtransport fraglos lange vor der Verhaftung unserer Feindin verabredet. Das beweist ja zur Genüge die Anzeige.«

Dies war aber auch das Letzte, was Harst aus sich herauslocken ließ.

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