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Die Skalpjäger – Licht und Schatten

Die-SkalpjägerThomas Mayne Reid
Die Skalpjäger

Erster Teil
Fünfzehntes Kapitel
Licht und Schatten

Das Haus, welches wir bewohnten, stand in einer viereckigen Einfriedung, die bis an die Ufer des Flusses – des Rio del Norte – hinabging. Diese Einfriedung war ein auf allen Seiten von hohen dicken Adobemauern umschlossener Garten. Auf die Kronen dieser Mauern waren Reihen von Kakteen gepflanzt worden, die mächtige, dornige Zweige getrieben hatten und undurchdringliche spanische Reiter bildeten. Das Haus und der Garten hatten nur einen einzigen Eingang durch eine mächtige Gittertür, die wie ich bemerkt hatte, stets geschlossen und verriegelt war. Ich hatte keinen Wunsch, auszugehen. Der Garten – ein großer – hatte bisher die Grenzen meiner Spaziergänge gebildet, und diese wanderte ich oft mit Zoe und ihrer Mutter, doch öfter aber mit Zoe allein.

Das Grundstück enthielt mancherlei interessante Gegenstände. Es war eine Ruine und das Haus selbst legte Zeugnis von besseren Zeiten ab. Es war ein großes Gebäude im maurisch-spanischen Stil, mit einem platten Dach (Azotea) und einer krenellierten Brustwehr auf der Vorderseite. Hier und da waren die kleinen Steintürmchen von der Brustwehr hinabgestürzt, und die Stellen, wo sie gewesen waren, zeigten Spuren von Vernachlässigung und Verfall.

Der Garten zeigte in seiner ganzen Ausdehnung diese Symptome. Zugleich konnte man aber in seinen Ruinen ein vollständiges Zeugnis von der großen Sorgfalt, welche einst darauf verwendet worden war, lesen. Zerbröckelnde Statuen, trockene Springbrunnen, zerstörte Lauben, mit Kraut bewachsene Gänge bewiesen seine frühere Großartigkeit – seine jetzige Vernachlässigung. Es waren viele Bäume von seltenen exotischen Arten darin, aber ihre Früchte und Äste waren verwildert und sie selbst zu einem Dickicht miteinander verwachsen. Gerade in dieser Wildheit lag jedoch eine Schönheit, die mich bezauberte, und die Sinne wurden von dem Duft von tausend Blumen entzückt, welcher beständig die Luft erfüllte.

Die Mauern des Gartens stießen an den Fluss und endeten dort, denn die Ufer waren steil und senkrecht, und das darunter hinlaufende tiefe, stille Wasser bot auf dieser Seite einen hinlänglichen Schutz.

Ein dichter Hain von Cottonholzbäumen säumte das Flussufer und in ihrem Schatten war eine Anzahl von Sitzen von lackiertem Mauerwerk in einem den spanischen Bädern eigentümlichen Stil errichtet worden. In die Klippe selbst waren von rankenden Sträuchern überhangene Stufen eingehauen, die bis an den Rand des Wassers reichten. Ich hatte unter den Bäumen an der Stelle, wo diese Stufen auf das Wasser gingen, einen kleinen Kahn angekettet gesehen.

Nur von diesem Punkt aus vermochte man über die Grenzen der Einfriedung hinauf zu schauen. Die Aussicht war herrlich und umfasste auf mehrere Meilen die Windungen des Rio del Norte.

Die Gegend außerhalb des Grundstücks schien wild und unbewohnt zu sein. Fast so weit das Auge reichte, war die Landschaft mit dem schönen Laub der Cottonholzbäume bedeckt, die ihren milden Schatten auf den Fluss warfen. Südlich ragte, beinahe am Horizont, ein einzelner Kirchturm über die Wipfel herauf. Dies war der Kirchturm von El Paso del Norte, dessen weinbewachsene Hügel sich gegen den fernen Hintergrund erhoben. Im Osten türmten sich die Felsengebirge auf – die geheimnisvolle Kette der Oreganos, deren dunkler Bergsee mit seiner Ebbe und Flut dem einsamen Jäger einen abergläubischen Schrecken einflößt. Im Westen erblickte man tief am Horizont die Zwillingsketten der Mimbres – jene Goldberge – deren öde Pässe selten vom Tritt eines Menschenfußes widerhallen. Selbst der tollkühne Trapper wendete sich abseits, wenn er sich diesem unbekannten Land nähert, das sich nördlich vom Gila hinstreckt, dem Land der Apachen und der menschenfressenden Navajo.

 

***

 

Wir suchten jeden Abend den Cottonholzhain auf und sahen, auf einer von den Bänken sitzend, die Sonne in einem Glutmeer untergehen. Zu dieser Zeit des Tages war ich mit meiner kleinen Gefährtin stets allein.

Ich habe sie meine kleine Gefährtin genannt, obwohl ich zu jener Zeit dachte, dass sie plötzlich zu einer großen Statue aufgeschossen sei und die Gestalt und Umrisse einer Jungfrau angenommen habe. In meinen Augen war sie nicht mehr ein Kind. Ihre Gestalt hatte sich mehr entwickelt, ihr Busen stieg in seinen sanften Wellenlinien höher und ihre Bewegungen schienen mir weiblich und gebietend. Auch ihre Gesichtsfarbe schien sich erhöht zu haben, und auf ihren Zügen spielte ein strahlender Glanz. Das aus ihren großen blauen Augen strömende Licht vermehrte ihren flüssigen Schimmer. Es war in Geist und Körper eine Veränderung eingetreten, es war die mystische Veränderung der Liebe. Sie stand unter dem Einfluss des Gottes dieser Leidenschaft.

 

***

 

Eines Abends saßen wir, wie gewöhnlich, in dem feierlichen Schatten des Hains. Wir hatten die Gitarre und das Bandolon mitgebracht, aber nach wenigen Tönen war die Musik in Vergessenheit geraten und die Instrumente lagen auf dem Gras zu unseren Füßen. Wir liebten es, der Musik unserer eigenen Stimmen zu lauschen. Wir zogen dem Aussprechen der Gefühle des lieblichsten Gesanges das unserer eigenen Gedanken vor. Um uns her gab es Musik genug: das Summen der wilden Bienen, welche der sich schließenden Blume Lebewohl sagten, das Krächzen des Kranichs in dem fernen Röhricht und das sanfte Girren der Tauben, welche paarweise auf den nahen Zweigen saßen und wie wir einander ihre Liebe zuflüsterten.

Der Herbst hatte jetzt die Wälder gemalt und das Laub alle Farben angenommen. Der Schatten der hohen Bäume lag auf der Wasserfläche, während der Strom sich stumm unter ihnen dahinwälzte. Die Sonne war untergegangen und der Kirchturm von El Paso strahlte wie ein goldener Stern in dem scheidenden Kuss ihres Lichts. Unsere Augen schweiften umher und ruhten auf der glitzernden Turmspitze.

»Ich weiß kaum noch, wie die Kirche aussieht. Es ist so lange her, seit ich sie gesehen habe«, sagte meine Gefährtin halb vor sich hin.

»Wie lange?«

»O viele, viele Jahre – ich war damals noch sehr jung.«

»Und Sie sind seitdem nicht aus diesen Mauern gekommen?«

»Ja, doch. Der Papa hat uns – die Mama und mich – oft, aber nicht in der letzten Zeit, in dem Boot flussabwärts gefahren.«

»Und haben Sie keinen Wunsch, draußen in jenen grünen Wäldern umherzuwandern?«

»Ich wünsche es nicht, ich bin hier zufrieden.«

»Aber werden Sie stets hier zufrieden sein?«

»Und warum nicht, Enrique? Warum sollte ich nicht glücklich sein, wenn Sie bei mir sind?«

»Aber wenn …«

Ein dunkler Schatten schien durch ihre Gedanken zu ziehen. Von der Liebe völlig erfüllt, hatte sie nie an die Wahrscheinlichkeit meiner Abreise gedacht und ich dies ebenso wenig getan. Ihre Wangen wurden plötzlich bleich, und ich sah ihre Augen einen schmerzlichen Ausdruck annehmen, als sie dieselben auf mich heftete. Die Worte waren aber heraus.

»… wenn ich Sie verlassen muss?«

Sie warf sich mit einem kurzen, scharfen Schrei, als ob sie einen Stich in das Herz erhalten habe, an meine Brust und rief mit leidenschaftlicher Stimme laut aus: »O mein Gott! Mein Gott! Mich verlassen? Sie werden mich nicht verlassen! Sie, der mich lieben gelehrt hat! O, Enrique, warum haben Sie mir gesagt, dass Sie mich liebten, warum haben Sie mich lieben gelehrt?«

»Zoe!«

»Enrique – Enrique! Sagen Sie, dass Sie mich nicht verlassen!«

»Niemals, Zoe, ich schwöre es – niemals – niemals!«

Ich glaubte in diesem Augenblick den Schlag eines Ruders zu hören, aber der wilde Aufruhr meiner Geliebten, die in dem Entzücken des Umschwungs ihrer Gefühle ihren Arm um mich geschlungen hatte, verhinderte mich, aufzustehen und über das Ufer hinabzublicken. Ich meinte, dass es das Plätschern des Tauchers gewesen sei, und gab mich dem langen, entzückenden Kuss hin. Als ich wieder meinen Kopf erhob, fiel mein Auge auf einen über dem Uferrand erscheinenden Gegenstand. Es war ein schwarzer Sombrero mit einem goldenen Band. Ich kannte den Eigentümer desselben augenblicklich – es war Seguin!

Im nächsten Augenblick war er neben uns.

»Papa!«, rief Zoe, indem sie aufsprang und die Arme ausstreckte, um ihn zu umschlingen.

Der Vater schob sie auf die eine Seite, indem er ihre Hand erfasste. Eine Minute lang blieb er stumm und heftete seine Augen mit einem Ausdruck, den ich nicht zu beschreiben vermag, auf mich. Es lag ein Gemisch von Vorwürfen, Kummer und Entrüstung darin. Ich war aufgestanden und ihm entgegengetreten, aber dieser eigentümliche Blick erfüllte mich mit Verwirrung und ich stand beschämt und schweigend da.

»Und ist das die Art, auf welche Sie mir für die Rettung Ihres Lebens danken? Eine wackere Vergeltung – was meinen Sie, guter Sir?«

Ich antwortete nicht.

»Sir«, fuhr er mit vor Bewegung zitternder Stimme fort, »Sie haben mir tiefes Unrecht zugefügt.«

»Ich weiß nichts davon, ich habe Ihnen kein Unrecht zugefügt.«

»Was nennen Sie dies? Das Scherzen mit den Gefühlen meines Kindes?«

»Scherzen!«, rief ich, von der Anschuldigung kühn gemacht.

»Ja, Scherzen! Haben Sie nicht ihre Neigung erworben?«

»Ich habe sie offen und ehrlich erworben.«

»Bah, Sir! Dies ist ein Kind und nicht eine Frau. Sie ehrlich erwerben! Was kann sie von Liebe wissen.«

»Papa, ich weiß, was Liebe ist, ich habe es seit vielen Tagen schon gefühlt. Sei nicht böse auf Enrique, denn ich liebe ihn – o, Papa – ich liebe ihn von ganzem Herzen.«

Er wendete sich mit einem erstaunten Blick zu ihr.

»O Gott, mein Kind – mein Kind!«, rief er.

Seine Stimme stachelte mich auf, denn sie war voller Kummer.

»Hören Sie mich an, Sir«, rief ich, indem ich mich dicht vor ihn stellte, »ich habe das Herz Ihrer Tochter gewonnen, ich habe ihr dafür das meine gegeben. Ich stehe ihr an Rang gleich, ebenso wie sie mir. Welches Verbrechen habe ich also begangen? Worin habe ich Ihnen Unrecht getan?«

Er sah mich einige Augenblicke lang an, ohne mir eine Antwort zu geben.

Endlich sagte er mit einer offenbaren Veränderung seines Wesens: »Sie wollen sie also heiraten?«

»Wenn ich mich unserer Liebe so weit hingegeben hätte, ohne diese Absicht zu hegen, so würde ich Ihre Vorwürfe verdient haben. Ich hätte dann allerdings mit ihren Gefühlen gescherzt, wie Sie sagten.«

»Mich heiraten!«, rief Zoe mit einem verblüfften Blick.

»Ja, holde Zoe, das will ich, sonst wird mein Herz, wie das Ihre, auf ewig unglücklich sein, o Sir …«

»Kommen Sie, Sir, genug davon! Sie haben sie von ihr erhalten, Sie müssen sie erst noch von mir erwerben. Ich werde die Tiefe Ihrer Liebe prüfen, ich werde Sie auf die Probe stellen.«

»Stellen Sie mich auf jede Probe!«

»Das werden wir sehen. Kommt, lasst uns hineingehen. Hier, Zoe!«

Und er nahm ihre Hand und führte sie ins Haus. Ich folgte dicht hinter ihnen.

Als wir durch eine Gruppe von wilden Orangenbäumen gingen, wurde der Pfad schmaler, und der Vater ließ ihre Hand los und ging voraus. Zoe war zwischen uns, und als wir in die Mitte des Bosquets gelangten, wendete sie sich plötzlich um, legte ihre Hand auf meine und flüsterte:

»Enrique … sagen Sie mir … was ist heiraten?«

»Liebste Zoe, … nicht jetzt … es ist zu schwer zu erklären … ein anderes Mal – ich …«

»Komm, Zoe, deine Hand, Kind!«

»Papa, ich komme.«