Der bayerische Hiesel – Teil 28
Friedrich Wilhelm Bruckbräu
Der bayerische Hiesel
Wildschützen- und Räuberhauptmann, landesverrufener Erzbösewicht
Die Befreite
Nach einem langen und glücklichen Jagdzug lagerte Hiesel mit seinen Kameraden an der Spitze eines Waldes, neben dem die Landstraße vorüberführte. Jeder langte aus seiner Jagdtasche an Proviant heraus, was er eben zufällig bei sich trug, und ließ sich’s weidlich schmecken.
Manche neue Unternehmung wurde besprochen, mancher Racheplan gegen Jäger beraten, die teils gegen Hiesel gestreift hatten oder als solche bezeichnet waren, die mit feindlichen Gesinnungen gegen ihn guten Rat zu seinem Nachteil gaben.
Da bemerkte Hiesels scharfes Auge plötzlich am Ende der Landstraße einen Wagen langsam herankommen, und das Blinken von Bajonetten, die ihn umgaben.
Auf seinen Befehl krochen alle Wildschützen auf dem Bauch in das nahe Dickicht, um durch Aufstehen sich nicht zu verraten.
Der Wagen kam näher, geleitet von acht Mann Soldaten und zwei Gerichtsdienern, von denen jeder einen großen Fanghund zur Seite hatte.
Hiesel befahl einem seiner besten Schützen, dem Studele, sobald der Wagen bis zum Zaun eines hoch mit Schnee bedeckten Ackers gelangen würde, den einen Hund zu erschießen, den anderen wolle er selbst aufs Korn nehmen. Die übrigen Wildschützen sollten sich schussfertig halten.
So geschah es auch. Die beiden Schüsse fielen aus dem Wald, und die Hunde wälzten sich in ihrem Blut. Nun sprang Hiesel mit seinen Kameraden auf die Straße heraus. Der braune Nikolaus fasste die Zügel der Pferde, und Hiesel befahl mit drohender Stimme den Soldaten, augenblicklich ihre Gewehre abzulegen oder des Todes gewärtig zu sein.
Als die Gerichtsdiener ihre Hunde erschossen sahen, ergriffen sie eiligst die Flucht, und die Soldaten, überrascht, und, den Mündungen der Wildschützengewehre dicht gegenüber, nicht mehr imstande, mit Erfolg sich zu verteidigen, warfen die Musketen weg und folgten mit äußerster Schnelligkeit den beiden Gerichtsdienern in den gegenüberstehenden Wald, wohin ihnen Hiesels Kameraden noch einige Kugeln nachsendeten, mehr um sie zu erschrecken als zu töten.
Auf dem Wagen lag eine ächzende Weibsperson, unfähig, sich zu erheben, mit allerlei bunten Tüchern bedeckt.
»Schenkt mir das Leben«, ächzte sie mit schwacher Stimme, »ich bin verwundet und von den Soldaten und Gerichtsdienern so misshandelt worden, dass ich kein Glied bewegen kann.«
Hiesel kannte diese Stimme. Er zog die Tücher weg und erblickte – Afra, seine erste Geliebte in Ketten.
»Du hier?«, rief er erstaunt.
»Hiesel, lieber Hiesel, du bist’s? Gott sei gedankt, ich bin gerettet, ich bin frei!«
Sie weinte laut vor Freuden, obgleich noch das Blut über ihre verwundete Schulter floss. Niemand hatte sie verbunden, was in Buchloe geschehen wäre.
»Wie kommst du in diese Lage, Afra?«
»Eine Streife hat unsere Höhle überfallen, worin nur zwei Wildschützen als Wache zurückgeblieben waren. Ich wehrte mich wie ein Mann, weil ich mein trauriges Schicksal voraussah. Unser Mut war vergebens. Die beiden Wildschützen wurden erschossen, und ich in Ketten und Banden auf diesen Wagen geworfen.«
»Was macht denn dein schwarzer Martin?«, fragte Hiesel, und der Zorn rötete sein Gesicht.
»Der Elende hat mich längst schon aufgegeben. Er stellt seit einiger Zeit der Müller-Therese, einem noch ganz unschuldigen Mädchen, nach. Morgen in der Nacht, wie ich aus dem Munde seines vertrautesten Kameraden vernommen habe, will er die Mühle überfallen und die Therese zu seinem Willen nötigen, dann als seine Buhlerin entführen oder ermorden.«
Hiesel sagte nicht, dass er diese Müller-Therese kenne, sondern ließ sich nur die Lage der Mühle beschreiben, ohne hierbei eine besondere Teilnahme zu verraten.
Inzwischen hatte Nikolaus mit einer englischen Feile die Ketten abgesägt. Afra wurde tiefer in den Wald gebracht und verbunden, der zu dieser Fuhre gezwungene Bauer entlassen, und von Hiesel der Vorschlag gemacht, dem Zuchthause zu Buchloe noch am nämlichen Tag einen Besuch zu machen, um für Afras Misshandlung Rache zu nehmen. Es versteht sich, dass ein solcher Antrag mit dem größten Vergnügen angenommen wurde.
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