Heftroman der Woche

Archive
Folgt uns auch auf

Im fernen Westen – Der junge Auswanderer 2

Der junge Auswanderer
Kapitel 2

Als Herr Levering auf die Straße trat, verriet sein Gebaren nichts von der Unentschiedenheit oder Unschlüssigkeit, womit ein müßiger, junger Mann einen Abendspaziergang in einer fremden Stadt anzutreten pflegt. Er schien im Gegenteil einen ganz besonderen wohlerwogenen Zweck zu verfolgen, denn er überschritt, ohne gerade übermäßige Eile zu zeigen, den Broadway, ging die Wall Street hinab, schlug dann wieder eine andere Durchfahrtsstraße ein und erreichte nach längerer Wanderung Gem Street, von wo er in ein anderes Häuserviertel einbog und endlich in ein Haus von wenig einladendem Aussehen trat. Mancher Fremde würde vielleicht gezaudert haben, nach Einbruch des Abends die Straße zu betreten, worin dieses Haus lag, und noch mehr, sich in dieses Haus hineinzuwagen. Nicht so Levering, dessen Züge ja länger einen desto finsteren und entschlosseneren Ausdruck angenommen hatten und der auch nicht zum ersten Mal hier gewesen zu sein schien. Denn er trat kühn ein, durchschritt einen langen, schmalen Gang, welcher in den rückwärtigen Teil des Hauses führte, öffnete die Tür am Ende desselben und betrat keck ein ziemlich geräumiges, langes, aber niedriges Zimmer, welches ein Wirts- oder Speisezimmer zu sein schien. An der einen Seite des Zimmers lief nämlich eine lange kahle Tafel mit hölzernen Stühlen hin, an der anderen verlief eine lange Bank, vor welcher kleine Tische mit Stühlen und Schemeln standen. Offenbar war es eine Schenke oder ein Speisehaus niederen Ranges, aber in diesem Augenblick verlassen, denn nur am jenseitigen Ende des Gemachs kauerte ein älteres Weib von abstoßendem Äußeren vor dem Kaminfeuer und beobachtete das Brodeln in einem großen, eisernen Topf oder Kessel, worin sie kochte. Über dem Kamin brannte eine einzige Gasflamme.

Levering sah sich verwundert in dem leeren Gemach um, schritt auf die Alte zu und fragte barsch: »Wo ist der schwarze Tim? Ist er zu Hause?«

Das Weib schaute finster zu ihm auf, maß ihn einen Augenblick forschend und sagte: »Ich schätze, ich weiß es nicht.«

»Ich habe ihn hierher bestellt. Er sollte mich hier erwarten. Ist er noch nicht gekommen?«, fuhr Levering barsch und stolz fort.

»Ich glaube, er war schon da, weiß es aber nicht und kümmere mich auch nicht darum«, erwiderte das Weib nun ebenfalls barsch. »Ich schätze, er sagte, dass er wiederkommen werde, aber erst um zehn Uhr. Ihr seid zu früh gekommen.« Und sie wandte ihm kalt den Rücken und beschäftigte sich wieder mit ihrem Kochen.

»Ich weiß, dass er um zehn kommen wollte, aber ich möchte ihn früher sprechen. Das Geschäft lässt sich nicht so abmachen, wie ich gedacht habe. Wo kann ich den schwarzen Tim finden? He, könnt Ihr mir keine Antwort geben, Alte?«, fügte er nach einer Weile, nachdem er vergebens auf Erwiderung gewartet hatte, ärgerlich hinzu und rüttelte sie heftig an der Schulter.

»He, ich schätze, seht Euch vor, mir grob zu begegnen, Mann!«, versetzte die Alte zornig, wandte sich heftig um und hielt Levering den schweren, eisernen Schürhaken drohend vors Gesicht. »Bin ich eine Schwarze, dass Ihr mir so begegnet? Ich rate Euch, nehmt Euch in acht, mit Mutter Carry anzubinden oder ihr grob zu begegnen! Ihr wärt der Erste nicht, dem sie einen Denkzettel auf Lebenszeit gegeben hätte … Was kümmern mich Eure Geschäfte mit Tim Baxter! Die jungen Stutzer, die hierher kommen, um mit Tim Geschäfte zu machen, sind meist Burschen, denen ich nicht über den Weg traue. Und Ihr werdet keine Ausnahme machen … Ich schätze, ich bin nicht gebunden, mich um Tims Treiben zu bekümmern oder Euch zu sagen, wo er zu finden ist. Lasst mich!« Sie hatte ihn dabei mit solch stechenden und forschenden Augen angesehen, dass Levering einigermaßen eingeschüchtert und verlegen wurde.

»Na, es war nicht so böse gemeint, Madame«, sagte er nun in höflicherem Ton. »Die Sache hat eben Eile, und ich möchte Tim Baxter sprechen. Könnt Ihr mir nicht jemand nennen, der mir sagen kann, wo ich Tim finden kann? Ich bitte darum.«

Mit einem unwilligen Brummen ging das alte Weib zu einem Sprachrohr in der Ecke des Zimmers, rief einen Namen hinein und wandte sich dann wieder zu ihrem Geschäft, ohne Levering einer Antwort zu würdigen. Eine Minute später trat aus einer Seitentür ein Mulatte oder farbiger Junge und fragte nach dem Begehren der Alten.

»Da, wende dich an den Herrn! Der wird dir sagen, was er von dir will«, versetzte die Alte brummig und deutete über ihre Schulter auf Levering. Dieser nahm eine derartige Behandlung nicht übel, denn er sah ein, dass mit dem alten Weib nichts zu machen war, drückte dem Jungen einen Schilling in die Hand und bat ihn, den schwarzen Tim so rasch wie möglich herbeizuschaffen. Der farbige Junge verschwand. Levering setzte sich auf eine Bank, und das alte Weib, welches nun seine Schuldigkeit getan hatte, kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern machte sich mit seinem Kessel zu schaffen.

Levering brauchte nicht lange zu warten, denn nach wenigen Minuten erscholl draußen auf dem Gang ein schwerer Mannestritt, und ein riesenstarker Mann von verwahrlostem Aussehen und einem brutalen, abstoßenden Gesicht, ein Exemplar vom schlimmsten und gefährlichsten Typus der New Yorker Rowdys und Spitzbuben trat in das Zimmer. Es war Timothy Baxter, gemeinhin der schwarze Tim genannt.

»Nun«, sagte er ohne ein Wort des Grußes, »Ihr seid ja gewaltig früh da? Ist das Geschäft nun in Ordnung?«

Anstatt zu antworten, deutete Levering warnend auf das alte Weib und sah dann Tim fragend an.

»O, es hat nichts zu sagen. Sie belästigt uns nicht im Geringsten«, fuhr Tim fort. »Vor Mutter Carry haben wir kein Geheimnis, denn sie könnte die Hälfte von uns an den Galgen bringen, und wir müssen ihr vertrauen. Anfangs trauten wir ihr, weil sie uns nützlich war, und jetzt müssen wir ihr vertrauen, weil wir keine andere Wahl haben. Sprecht nur unumwunden, Major.«

Der Ausdruck in Leverings Gesicht zeigte aber, dass ihn diese Auskunft nur halb befriedigte. Er hatte gewähnt, er habe Tim jenen Wink unbemerkt gegeben, aber die Alte schien trotz der Dunkelheit des Zimmers denselben doch bemerkt zu haben.

Sie warf Levering einen finsteren Blick zu und rief höhnisch: »Er will dich fragen, Tim, warum ihr mich nicht schon längst totgeschlagen habt? O, ich lese es in seinen Gedanken, Tim, und ich durchschaue ihn ganz. Braucht es gar nicht zu leugnen, Fremdling! Braucht Euch gar nicht auf eine Lüge zu besinnen, denn ich schätze, ich kenne Euch. Wer hierher kommt, um mit unseren Burschen zu verkehren, der ist auch keiner von der besten Sorte, und ich traue Euren falschen Augen nicht. Freilich, wenn es auf Euch ankäme, da würdet Ihr mich aus dem Weg schaffen lassen, und Ihr sollt wohl nicht der Einzige sein, welcher der alten Carry ins Jenseits verhelfen würde. Aber ich will Euch etwas sagen, Fremder …«

»Still, Alte! Ich schätze, der Mann hier braucht nichts von unseren Geschäften zu wissen.«

»Aber er soll es dennoch erfahren, unter was für Leuten er sich befindet! Er soll es erfahren, und du auch, Tim!«, hohnlachte die Alte. »Es kann gar nichts schaden, wenn ich Euch sage, weshalb Ihr mich fürchtet. Das ist eine Tatsache! Schaut, Fremder! Die alte Carry ist eine Hexe, und alle die Burschen hier herum wissen es. Sie kann ihnen ihr Schicksal voraussagen und ihnen Glück oder Unglück, je nachdem sie sie behandeln, und das wissen sie wohl. Es sind vielleicht zwei oder drei unter ihnen, welche der alten Carry den Hals umdrehen würden, wenn sie es nur wagen könnten. Aber die Mehrzahl unserer Jungen würden es verhindern, weil sie wissen, dass sie viele Wochen kein Glück mehr hätten, wenn sie ihr nur ein Haar krümmten. Und so kommen beide Teile gut miteinander aus.«

»Ah, Ihr seid also wirklich eine Hexe, Mutter Carry?«, fragte Levering spöttisch. »Könnt Ihr mir vielleicht auch wahrsagen?«

»O ja, weissagen und wahrsagen könnte ich Euch, aber ich will nicht, ich würde mich schämen«, versetzte die alte Frau trotzig.

»Schämen? Und warum, altes Gestell?«, fragte Levering etwas geärgert.

»Weil es keine Kunst ist, zu sagen, wer Ihr seid, Junge«, erwiderte die Alte geringschätzig. »Bei meiner Seele, ein Kind kann das von Eurem Gesicht ablesen, wenn es in Eure falschen Augen schaut, wenn Ihr auch noch so ehrlich tut. Ich schätze, ich könnte Euch ziemlich genau sagen, um welches Geschäftes willen Ihr hierher gekommen seid. Aber Black Tim mag sich in acht nehmen! Er wird herausfinden, dass er sich bei diesem Geschäft in den Finger schneidet.«

Tim murmelte etwas vor sich hin, was gewiss kein Segenswunsch war. Er strich sich nachdenklich seinen schwarzen Bart und winkte Levering, ihm an das entgegengesetzte Ende des Zimmers zu folgen, wo sie dann so leise miteinander verhandelten, dass niemand etwas davon verstehen konnte. Die alte Carry schien übrigens auch gar keinen Anteil an ihrer Unterhaltung zu nehmen, sondern ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem Kessel oder ihrem Feuer zuzuwenden.

»Nun, habt Ihr ihn gefunden?«, fragte Tim.

»Ja, ich sah ihn an Bord des Hermann«, entgegnete Levering. »Ich würde ihn auch ohne fremde Hilfe erkannt haben. Aber ich wollte doch meiner Sache gewiss sein und ließ mir ihn zeigen. Ich habe sogar mit ihm gesprochen.« Und nun erzählte er Tim ziemlich ausführlich, auf welche Weise er sich Alfred genähert habe. »Und so habe ich, als er heute Abend nicht mit mir ausgehen wollte, ihm vorgeschlagen, ihm morgen Abend den Central Park zu zeigen. Wir wollen gegen Abend dort sein, und dort muss es geschehen, denn übermorgen reist er in den Westen ab.«

»Im Central Park?«, fragte Tim unmutig. »Das ist ein verwünscht ungeschickter Platz für unser Geschäft, und zumal am hellen Tag.«

»Bah, dort sind abgelegene Stellen genug«, meinte Levering. »Ich weiß einige Stellen, wohin die Bauleute ihren Schutt geführt haben, und andere, wo Erde gegraben wurde und noch tiefe Löcher sind. Das passt ganz in unseren Kram. Ich werde dafür sorgen, dass er dorthin kommt, und zwar gegen Abend, wo nur wenige Leute mehr um den Weg sind. Und bedenkt, er hat einige Hundert Dollar bei sich, die Euer Jägerrecht sind.«

»Hm, das wäre schon recht«, sagte Tim. »Wenn er aber vermisst wird? Er hat doch hoffentlich niemand in New York, der ihn vermissen wird, wie? Und Ihr habt ihm doch nicht Euren Namen genannt?«

»Natürlich nicht! Ich gab ihm eine Karte, die ich in meinem Zimmer gefunden hatte und die mir vollkommen den Dienst tat, denn der Junge ist noch ganz grün und unerfahren und kennt natürlich meinen wahren Namen so wenig wie …« Levering brach aber so jählings ab, dass eine ziemlich verlegene Pause entstand.

»Aha, Ihr wolltet vermutlich sagen: wie den meinen. Daran habt Ihr recht, Major, denn man kann nicht vorsichtig genug sein. Ich will ebenfalls nichts Näheres über den jungen Dutchman erfahren. Ein Mensch ist mir so lieb wie der andere. Ihr habt mich bezahlt und gedungen, und ich will meinerseits den Vertrag erfüllen. Also genug davon! Ihr sollt mir jetzt nur noch sagen, wann und wo ich Euch treffen kann.«

Levering gab ihm ganz leise die gewünschte Auskunft, welche so genügend befunden wurde, dass Black Tim damit einverstanden war und Levering aufstand, um sich zu entfernen.

»Ich möchte doch wissen, was die Alte vorhin mit ihrer Warnung meinte, als sie sagte, ich werde mich bei dem Geschäft in den Finger schneiden«, sagte Tim, unwillkürlich ernst werdend. »Habt Ihr der Frau denn gesagt, was wir vorhaben?«

»Ei, warum nicht gar? Wie könnte mir so etwas einfallen?«, sagte Levering. »Kümmert Euch nicht darum! Sie ist eine boshafte, alte Kröte, welche sich den Spaß machen will, Euch einzuschüchtern und verlegen zu machen. Eine halb blödsinnige Alte!«

»Kann sein, Major! Kann sein!«, sagte Tim; »aber so dumm, wie Ihr meint, ist sie doch nicht, und sie hat ihre Tücke hinter den Ohren. Ihr habt sie vielleicht verletzt, und dies verzeiht sie Euch nicht. Ich kann sagen, unsere Burschen fürchten sie ordentlich, denn schon viele von ihren Prophezeiungen sind in Erfüllung gegangen. Sie meinte etwas mit ihrer Warnung, darauf will ich meinen letzten Dollar verwetten.«

»Na, ich kehre mich nicht an ihre Warnung. Ich werde das Meine tun. Tut Ihr dann das Eure, Tim!«, sagte Levering, verabschiedete sich von dem Spitzbuben, ging an der Alten vorüber und verließ das Zimmer und das Haus. Sobald Levering die Gem Street erreicht hatte, mischte er sich eilends unter die Vorübergehenden und sah sich mehrmals um, ob ihm niemand folgte. Allein Tim wenigstens dachte daran nicht, sondern trank erst noch einen Grog, den ihm Mutter Carry bereiten musste, steckte sich dann ein frisches Priemchen Kautabak in den Mund und verließ dann das Haus in einer anderen Richtung als derjenigen, welche sein Auftraggeber eingeschlagen hatte.

Levering hatte sich in einen anderen Stadtteil begeben und einige Stunden in einem Tingeltangel- oder Varieté-Theater, wie man diese in New York nennt, verbracht. Dann kehrte er zum Amsden House zurück, wo er auf seine Nachfrage erfuhr, dass Alfred Richter seinem Vorsatz gemäß sich früh auf sein Zimmer zurückgezogen hatte. Am anderen Morgen trafen sich beide beim Frühstück, dessen Fülle und Mannigfaltigkeit der Speisen Alfred nicht wenig überraschte. Levering wollte ihn nun sogleich in Beschlag nehmen. Allein Alfred hatte nur einen Teil der Entmutigung abgeschüttelt, welche von der Ankunft in einem fremden Land unzertrennlich ist. Die helle Morgensonne und vielleicht auch die Freude darüber, dass er in Herrn Levering einen solch hilfsbereiten Freund gefunden hatte, liehen ihm eine gewisse Zuversicht und Festigkeit. Er lehnte vorerst die Einladung Leverings ab, um den Bankier aufzusuchen, an welchen er empfohlen war, und sich die Mittel zur Reise ins Innere zu holen. Herr Levering machte ihm ein Kompliment über seine geschäftsmäßige Pünktlichkeit und erbot sich nicht zur Begleitung, denn es lag in seinem Plan, sich nicht an solchen Orten gemeinsam mit Alfred sehen zu lassen, wo man diesen etwa kennen konnte.

Die Office oder Zahlstube der Firma Stettenheim & Comp. in New York war in Wall Street, der Straße des Bankiers. Alfred hatte von Frankfurt aus noch ein besonderes Empfehlungsschreiben an die Firma mitgebracht, wurde daher von einem der Prinzipale freundlich empfangen und über sein Reisevorhaben ausgefragt. Als er seine Absicht äußerte, nicht lange in New York zu bleiben, sondern so rasch wie möglich an sein Reiseziel zu gelangen, billigte der Bankier sein Vorhaben.

»Sie haben ganz recht, nicht lange hier zu verweilen«, sagte er. »New York ist kein Platz für unerfahrene, junge Leute. Wären Sie mir auch von meinem Bruder nicht so gut empfohlen worden, so würde ich um Ihres Onkels Holz willen, mit dem wir schon so manche Geschäfte gemacht haben, mich Ihrer annehmen. Ich möchte Ihnen daher Folgendes vorschlagen: Erheben Sie hier nicht mehr Geld, wie Sie momentan zur Reise nach St. Louis bedürfen, denn es ist gefährlich für Fremde, viel Geld bei sich zu führen. Ich werde Ihnen ein Reisebillett erster Klasse nach St. Louis holen lassen und schlage Ihnen vor, fünfzig Dollar in bar mitzunehmen, obwohl Sie diese unterwegs kaum gebrauchen werden. In St. Louis wenden Sie sich dann an unseren Korrespondenten, welcher Ihnen ein Fahrbillett und eine Anweisung an einen Geschäftsfreund in Kansas City mitgeben wird. In Denver wird man Ihnen dann behilflich sein, Ihre weiteren Bedürfnisse einzukaufen und wohlbehalten nach Andrew Jackson City zu kommen. Dies ist mein wohlgemeinter, unmaßgeblicher Vorschlag, der sich auf Erfahrung gründet. Ich überlasse es Ihnen, denselben anzunehmen oder nach eigenem Gutdünken zu handeln.«

»Ich ziehe vor, mich von Ihnen beraten zu lassen, und bin Ihnen für Ihre freundliche Teilnahme sehr verbunden«, erwiderte Alfred sehr gerührt.

Herr Stettenheim ließ ihrer nun sogleich ein Reisebillett für die Eisenbahn bis St. Louis holen und einen Kreditbrief ausfertigen.

Alfred erklärte, dass er sogleich am folgenden Tage dorthin abreisen wolle. Herr Stettenheim, welchem der frische, bescheidene, unschuldige Jüngling gefiel, gab ihm noch manche gute Ratschläge mit auf den Weg. Er falle nicht nach deutscher Weise sein Herz immer auf der Hand tragen, sich nicht mit dem nächsten besten Reisegefährten vertraulich einlassen, namentlich denjenigen misstrauen, welche sich ihm mit anscheinender Biederkeit und Zutraulichkeit zu nähern versuchten, wenn sie auch noch so gut gekleidet seien, und niemand in seine Zukunftspläne und Verhältnisse einweihen. Alfred erschrak beinahe über diese Warnung, weil er sich schon lange hatte hinreißen lassen, Herrn Levering mit seinen Verhältnissen einigermaßen bekannt zu machen, obwohl er diesen für einen vollkommenen Ehrenmann hielt. Er versprach aber Herrn Stettenheim, dass er seine Ratschläge gewissenhaft befolgen wolle, und schied mit dem herzlichsten Dank von ihm. Im Amsden House erwartete Herr Levering seinen jungen Freund und schlug ihm vor, wenigstens noch einige kleine Ausflüge vor Tisch zu machen, nach Tisch aber eine größere Rundfahrt anzutreten und diese mit einem Besuch des Central Parks zu beschließen.«

»Den Central Park dürfen Sie nicht versäumen«, sagte er lächelnd. »Es ist ja doch einer der schönsten und großartigsten Parks in der ganzen Welt. Wenn Sie ihn nicht besuchen, hieße dies, in Rom gewesen zu sein und den Papst nicht gesehen zu haben.«

»Ich bin ganz damit einverstanden«, erwiderte Alfred, »Ich habe schon so viel Merkwürdiges von diesem Central Park gehört, dass ich Sie gebeten haben würde, mich hinzuführen, wenn Sie mir es nicht selbst so freundlich angeboten hätten.«

»Das trifft sich ja trefflich, und ich kann Ihnen einen großen Genuss versprechen«, sagte Herr Levering mit unverkennbarer Freude.

Nach Tisch führte Herr Levering seinen Begleiter mittels Eisen-und Pferdebahnen durch die ganze Stadt, zeigte ihm die verschiedenen großen Squares oder eingezäunten, gartenähnlichen öffentlichen Plätze, die Anländen am Hudson und am East River. Alfred nahm einen überwältigenden Eindruck von der ungeheuren Stadt hin, hatte jedoch über die Unreinlichkeit der Straßen, über die Eintönigkeit der in langen Linien sich schnurgerade hinziehenden Häusermassen vieles einzuwenden, was Levering nicht gelten lassen wollte. Es ging schon gegen Abend zu, als sie halb ermüdet den Central Park erreichten, von wo sie dann mit einem Omnibus zum Amsden House zurückkehren wollten, um dort das Abendbrot einzunehmen. Alfred wäre am liebsten sogleich wieder umgekehrt, um das Abendbrot nicht zu versäumen, denn es schien ihm zu spät zu einer richtigen Besichtigung zu sein.

Allein Levering zog die Uhr hervor und sagte: »Es ist allerdings leider etwas spät geworden. Aber ich meine, wir durchwandeln erst einige der Hauptalleen und wenden uns dann sogleich dem romantischen Teil des Parks zu. Dafür wird die Zeit vor Einbruch der Nacht gerade noch reichen. Wir wollen wenigstens den Weg hierher nicht umsonst gemacht haben.«

Nach einiger Zeit schlug er vor, einen kürzeren Weg einzuschlagen, schritt ziemlich rasch über einen Wiesenplan hinüber, an einem felsigen Abhang hinauf und wieder hinunter. Alfred folgte ihm, wenn auch etwas verwundert. So verloren sie bald die betreteneren Pfade des Parks aus dem Gesichtsfeld und gerieten in einen Teil des Parks, welcher ganz entlegen, wild und ungepflegt, aber nichts weniger als romantisch war. Unter alten, abgestorbenen Bäumen und in der Nähe dichter Gebüsche lagen Haufen von Bauschutt, zerbrochenen Backsteinen, Mörtelstücken und große Erdhaufen, welche aus tiefen Löchern ausgegraben waren. Der Ort war unheimlich einsam.

»Das ist ja eine wahre Wildnis und ein armseliger Platz! Das werden Sie doch nicht romantisch nennen wollen?«, fragte Alfred.

»Romantisch? Nein, fürwahr, das ist es nicht!«, rief Levering mit einem lauten Lachen, welches so seltsam und gezwungen klang, dass sich Alfred unwillkürlich nach ihm umwandte.

»Was haben Sie? Sie sind ja ganz blass. Sind Sie krank?«, fragte er ihn.

»O, keineswegs. Befand mich niemals besser!«, sagte Levering, ernsthaft werdend. »Ich bin nicht bleich, sondern das ist nur die Wirkung des aufgehenden Mondes. Allein Sie sind blass, als ob Sie sich fürchteten … Kommen Sie! Ich habe mich verirrt, wie es scheint … wir wollen um jene Baumgruppe biegen … dort links … dann werden wir … werden mir vielleicht etwas Besseres sehen!«

Leverings Benehmen war ein so gezwungenes und seine Stimme so verändert, dass Alfred ihn betroffen anblickte und sich unwillkürlich an die Warnungen erinnerte, welche ihm Herr Stettenheim gegeben hatte.

»Ich fürchte mich nicht«, sagte Alfred, »aber ich begreife nicht, was wir hier tun sollen.«

»Aha, Sie haben wohl eine Pistole oder einen Revolver bei sich?«, fragte Levering. »Alle Fremden, wenn sie hierher kommen, meinen ja, sie müssen sich damit versehen.«

»Wie kommen Sie nur auf diese seltsame Frage?«, erwiderte Alfred. »Nein, ich habe keine Waffe außer diesem Rohrstock mit einem Bleiknopf, der eine ziemlich gute Waffe ist und den mir ein Freund zum Andenken gegeben hat.« Und damit ließ er den Stock um seinen Kopf pfeifen. Da er ein sehr kräftiger Bursche war, so mochte dieser Spazierstock mit dem Bleiknopf in seinen Händen als eine gar nicht zu verachtende Waffe erscheinen. Levering ging immer langsamer, je mehr sie sich der bezeichneten Waldecke näherten, welche an sich schon düster war und durch die hohen Baumkronen noch mehr verdunkelt wurde. Er schaute auf seine Uhr und sah sich unbehaglich nach allen Seiten um.

»Fürwahr, jetzt sollte man meinen, Sie fürchteten sich, Herr Levering«, sagte Alfred lächelnd. »Sie sind ganz bleich und aufgeregt und gewiss blässer als ich. Aber was tun wir hier? Machen wir uns fort von diesem unheimlichen Ort!« Dabei schritt er tüchtig aus. Levering folgte ihm zögernd, sah sich ängstlich nach allen Seiten um und eilte dann Alfred nach, blieb aber immer ein paar Schritte hinter ihm zurück.

Als sie nun unter dem tiefsten Schatten der Bäume weitergingen, griff Levering heimlich mit der Hand in seine Brusttasche und schien dort einen Gegenstand zu erfassen. Er zauderte aber immer noch.

Mittlerweile trat Alfred in den vollen Mondschein hinein, erstieg eine kleine Anhöhe, welche vor ihm lag, sah sich lächelnd in der Runde um und sagte: »Hier oben ist allerdings nichts Romantisches, Herr Levering, aber man hört und sieht doch einiges Leben, und dies ist nach jedem unheimlichen Winkel angenehm. Ich höre und sehe dort einige Fuhrwerke, denen ich nachgehen will. Finde ich einen Mietwagen, so werde ich ihn nehmen, und wir wollen dann nach Hause fahren.« Und damit eilte er weiter.

Als Levering die kleine Anhöhe erklommen hatte, blieb er einen Augenblick stehen und blickte nach jenem verwahrlosten Winkel des Parks zurück mit einem Gesicht, in welchem sich Ärger und getäuschte Erwartung deutlich ausdrückten. Mühsam bekämpfte er seine Verlegenheit und holte seinen Begleiter ein, welcher bereits eine hack oder Mietkutsche gefunden hatte und ihn erwartete. Auf der Heimfahrt und bei dem speziellen Abendbrot, welches sie sich bestellen mussten, da das allgemeine Supper schon vorüber war, versuchte Levering wieder so heiter und unbefangen wie möglich zu erscheinen, allein seine Lustigkeit hatte doch etwas Erzwungenes, welches Alfred auffiel. Dann schützte Levering trotz der Ermüdung, welche er nach dem langen Spaziergang unbestreitbar fühlen musste, noch einen unaufschiebbaren Ausgang vor, welcher ihn um das Vergnügen bringe, nach seinem Versprechen, sich Alfred zu widmen, und ging nach kurzem Abschied weg, worauf Alfred sich auf sein Zimmer begab. Sobald Levering Amsden House verlassen hatte, eilte er in derselben Richtung davon wie am Abend zuvor und suchte dasselbe verdächtige Haus in der abgelegenen Straße wieder auf. An der Tür desselben fand er den kleinen Mulattenjungen, welcher sich trotz seiner Jugend in der erfrischenden Abendluft mit einer Pfeife Tabak gütlich tat. Die Atmosphäre in dieser engen Straße war zwar an diesem Sommerabend noch schwül und drückend genug; allein der kleine Mulatte lehnte behaglich am Türpfosten und schmauchte vergnügt wie ein Alter.

»Na, Fremder! Ihr streicht schon wieder hier herum?«, redete er Levering an. »Wollt Ihr zu Madame Carry oder zu …«

Levering wollte ihn ohne Umstände beiseiteschieben, da er nicht in der Stimmung war, mit dem kleinen Stiefelputzer zu plaudern.

Aber der Junge hielt ihn am Rock fest und sagte: »Halt, Sir! Geht heute Abend nicht in diese Stube! Ihr solltet nicht so hochmütig sein, wenn man Euch einen guten Dienst erweisen will. Bleibt draußen!«

»Warum denn?«, fragte Levering und blieb stehen, denn irgendetwas in dem Ton des farbigen Jungen fiel ihm auf.

»Das will ich Euch sagen, Fremder«, versetzte der Mulattenjunge. »Es sind vier Burschen in dem Zimmer, mit denen Ihr leichter zusammen- als von ihnen loskommen würdet. Sie haben den ganzen Tag Branntwein getrunken, und die ganze Bande hat ihre Bowiemesser und die sechsschüssigen Pistolen bei sich … Nehmt Euch in acht … Ihr möchtet vielleicht wissen, was aus Black Tim geworden ist, nicht wahr?«

»Allerdings«, entgegnete Levering erstaunt über die Wendung, welche die Unterredung genommen hatte.

»Wenn Ihr mir einen Bob (Schilling) geben wollt, so sollt Ihr es erfahren«, sagte der farbige Junge leise und geheimnisvoll. »Aber nicht hier, sondern Ihr müsst mich an der Ecke der Gem Street erwarten. Es ist nicht gut für mich, wenn man mich hier mit Euch plaudern sieht. Madame Carry hasst Euch, und, beim Donner, sie würde mich dann auch bald hassen und es mir tüchtig eintränken.«

So umständlich dies alles auch für Levering war, so hielt er es doch für das Gescheiteste, den Wink des Jungen zu befolgen. Er kehrte daher sogleich zu der breiteren Straße zurück und ging hier auf und ab, bis er nach einigen Minuten den Jungen herankommen und einen Wink geben sah, dass er ihm folgen solle. Levering tat dies, und der Junge führte ihn in eiligem Schritt etwa tausend Schritte weiter hinter die Ecke eines Plankenzaunes an einem Neubau, wo sie unbeobachtet waren.

»Bei Jove, Fremder, Ihr könnt von Glück sagen, dass Ihr mich heute zuerst getroffen habt und nicht in das Gastzimmer getreten seid«, hob der farbige Junge an. »Madame Carry ist heute unwirscher als je zuvor und hat mit den Burschen über Euch gesprochen. Die Burschen haben Dinge über Euch gesagt, dass mir die Haut schauderte.«

»Aber weshalb denn? Was habe ich den Leuten denn zuleide getan?«, fragte Levering erstaunt. »Was hat die alte Hexe gegen mich?«

»Madame Carry sagt, Ihr habt sie gestern Abend beleidigt und ausgelacht, und beim Donner, das verzeiht sie Euch nicht. Ich kenne sie und weiß Dinge von ihr, die sie getan hat … na!«, sagte der Junge und schüttelte den Kopf, als ob ihm die Erinnerung daran nicht angenehm sei oder er nicht davon reden dürfe. »Madame Carry hat den Burschen von Eurem Besuch erzählt und gesagt, Ihr brächtet dem Haus Unglück, seid ein Polizeispion und habt den schwarzen Tim verraten, denn heute Nacht kam die Polizei und verhaftete Tim, und nun ist er eingesponnen.«

»Tim im Gefängnis? Und warum denn?«, fragte Levering erschrocken.

»Warum?«, versetzte der Junge im Ton der tiefsten Geringschätzung. »Warum? Ei nun, Black Tim hat vielerlei auf dem Kerbholz. Tim ist ein Dieb, ein Räuber, ein Mörder. Alle die Burschen dort sind Diebe und Mörder. Ihr wisst dies auch, Fremder, denn sonst wärt Ihr nicht gekommen und hättet Tim ein Geschäft aufgetragen. Das ist ja klar wie Brandy. Nun ja, Tim ist ein schlimmer Geselle, aber er hält sein Wort. Wenn er Euch verspricht, einen Menschen umzubringen oder ein Haus für Euch anzuzünden, so tut er es. Aber dieses Mal kommt er nicht mehr aus dem Gefängnis. Dieses Mal wird er gehenkt. Aber nehmt Euch vor den anderen in acht, denn sie glauben, Ihr hättet ihn verraten. Euer Leben ist keinen Levy (ein Achtel Dollar) mehr wert, wenn sie Euch kriegen.«

Levering wollte nichts weiter hören. Er drückte dem Jungen einen Dollar in die Hand und schritt in einer Richtung davon, welche ihn möglichst schnell aus der Nähe von Madame Carry brachte. Alfred war am anderen Morgen sehr überrascht, seinen neuen Bekannten nicht beim Frühstück zu sehen. Seine Verwunderung stieg aber noch, als er auf Befragen bei dem Kommis am Schalter des Hotels erfuhr, Levering sei die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen, erst am frühen Morgen wieder erschienen, habe seine Zeche bezahlt und sein Gepäck abgeholt und sei davongefahren, ohne wissen zu lassen, wohin. Alfred konnte sich dies um so weniger erklären, als Levering versprochen hatte, ihn zu der Eisenbahn zu begleiten. Er reiste daher allein ab, musste aber lange über Leverings rätselhaftes Benehmen nachdenken.