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John Tanner – Das Leben eines Jägers 15

John Tanner
Das Leben eines Jägers
oder
John Tanners Denkwürdigkeiten über seinen 30-jährigen Aufenthalt unter den Indianern Nordamerikas
Erstmals erschienen 1830 in New York, übersetzt von Dr. Karl Andree

Fünfzehntes Kapitel

Als der Frühling kam, kehrten wir, den Weg über den Lagerplatz nehmend, welchen wir zur Zeit der Zuckerernte innegehabt hatten, nach Me-nau-ko-nos-keeg zurück. Da ich stets nur ungern bei den Indianern war, wenn sie ihrer Trunksucht frönten, so riet ich der Alten, sie möchte doch ja mit den anderen nicht zu dem Kontor gehen, stellte ihr vor, wie unvernünftig es sei, unser gesamtes Pelzwerk gegen schädliche und giftige Getränke zu vertauschen. Zum Glück gelang es mir, sie ohne weiteren Verzug zum Jagdlager zu bringen, welches ich mir ausgewählt hatte.

Sie hatte von Wa-ge-to-te Abschied genommen, und ich sah es ihr bei der Rückkehr gleich am Gesicht an, dass etwas Außergewöhnliches vorgegangen war.

Sie ließ mich ganz nahe herantreten und sprach: »Mein Sohn, du siehst nun wohl, ich bin alt geworden, und kaum noch imstande, dir Mokassins zu machen, das Pelzwerk zuzubereiten und aufzubewahren. Die Arbeiten, die in der Hütte zu verrichten sind, werden mir auch sauer genug. Du wirst nun ein Mann und ein Jäger und musst darum auch eine junge, starke Frau haben, die alles bewacht, was dir gehört, und für deine Hütte Sorge trägt. Wa-ge-to-te ist ein wackerer Mann, den alle Indianer achten. Er will dir seine Tochter geben. Auf solche Art bekommst du einen Freund und mächtigen Beschützer, der dir in schwierigen Lagen sehr nützlich sein kann. Und ich wäre dann auch vieler Sorgen, unserer Familie wegen, enthoben.«

Sie sprach noch lange in dieser Weise fort. Ich aber antwortete, ohne auch nur einen Augenblick zu zaudern, dass ich mich darauf nicht einlassen könnte. Denn ich hatte noch gar nicht daran gedacht, unter den Indianern ein Weib zu nehmen. Wohl aber war es mir manchmal in den Sinn gekommen, ehe ich alt würde, eine Weiße zu heiraten. Ich erklärte daher der Alten rund heraus, dass ich das Mädchen, welches sie mir antrug, unter keiner Bedingung zum Weib nehmen würde. Dennoch drang sie weiter in mich, sagte, die ganze Angelegenheit sei bereits zwischen ihr und Wa-ge-to-te abgemacht und das Mädchen damit einverstanden. Sie könne unmöglich etwas anderes tun, als mir meine Frau in die Hütte zu führen. Da sagte ich, das stehe ihr frei, ich aber würde Wa-ge-to-tes Tochter sicherlich nicht als mein Weib betrachten.

So standen die Sachen am Morgen des Tages, der jenem, an welchem wir uns von der Gruppe trennen wollten, vorherging. Da ich mich mit Net-no-kwa nicht verständigen konnte, so ging ich früh auf die Elentierjagd, und schoss ein fettes Männchen. Abends, als ich heimkam, legte ich meine Ladung Wildbret vor der Hütte nieder und sah erst zu, wie es im Innern derselben stand. Denn ich war fest entschlossen, unter einem anderen Dach zu schlafen, wenn ich das Mädchen darin gefunden hätte.

Am anderen Morgen besuchte mich Wa-ge-to-te in meiner Hütte, zeigte sich sehr teilnahmsvoll und herzlich mir gegenüber und sagte, dass er für mich die besten Wünsche hege. Dann kam Net-no-kwa hinzu und drang wieder in mich. Ich blieb aber fest. Und so wurden die Vorschläge von Zeit zu Zeit erneuert, bis sich für das Mädchen endlich ein anderer Mann gefunden hatte.

Nachdem wir uns von Wa-ge-to-te und seiner Gruppe getrennt hatten, zogen wir zu dem Jagdbezirk, den ich ausgesucht hatte, blieben dort beinahe den ganzen Sommer über und hatten stets ein Überfluss an Nahrung, denn ich erlegte viele Elentiere, Biber und anderes Wild. Als die Blätter fielen, begaben mir uns zum Kontor Me-nau-ko-nos-keeg, wo wir Wam-zhe-kmam-maisch-koon trafen, der uns voriges Jahr verlassen hatte. Wir blieben bei ihm.

Da der Handelsmann zu seinem Winteraufenthalt eilte, so folgten ihm die Indianer, deren sehr viele versammelt waren, und lagerten sich am See, unweit der Faktorei. Er hatte einen bedeutenden Vorrat Rum mitgebracht und hielt sich, wie gewöhnlich, mehrere Tage an einer Stelle auf, damit die Indianer Zeit hatten, zu handeln und sich zu betrinken. Der Unfug, der dabei stattfand, war auf einem gewöhnlichen Lagerplatz nicht so lästig, als er ihm in seinem Haus unangenehm gewesen wäre. Ich war verständig genug, mich gleich anfangs mit einigen für den Winter unumgänglich notwendigen Sachen zu versehen, zum Beispiel mit Decken, Pulver und Blei.

Nachdem wir mit unserem Handel zustande gekommen waren, gab die Alte dem Handelsmann zehn herrliche Biberfelle und bekam für dieses Geschenk, das sie gewöhnlich im Herbst zu machen pflegte, einen Anzug, Häuptlingsschmuck und ein zehn Gallonen haltendes Fässchen Branntwein. Als der Handelsmann zu ihr schickte und sie rufen ließ, damit sie diese Geschenke in Empfang nähme, war sie so betrunken, dass sie nicht auf den Beinen stehen konnte. Also ging ich hin. Ich hatte auch etwas getrunken, war nicht vollkommen Herr meiner Sinne, legte die Kleider und Schmucksachen an, lud das Fass auf meine Schultern, brachte es in die Hütte, warf es auf die Erde und schlug ihm mit der Axt den Boden aus.

»Ich gehöre nicht zu den Häuptlingen«, sprach ich, »welche den Branntwein aus kleinen Löchern laufen lassen. Wer Durst hat, komme hierher und trinke.«

Dabei war ich aber doch noch so bedächtig, dass ich etwa drei Gallonen in ein kleines Gefäß laufen ließ und dieses in einen Kessel und beiseitestellte. Nun kam die Alte mit drei Kesseln herbei und in fünf Minuten war alles weggetrunken. Das war das zweite Mal, dass ich mich mit den Indianern berauschte. Ich war aber unmäßiger gewesen als das erste Mal, denn ich ging heimlich zu dem, was ich versteckt hatte, und blieb auf diese Weise zwei volle Tage im Rausch. Endlich nahm ich den letzten Rest meines Vorrates, trank dem Waw-zhe-kwaw-maisch-koon zu, und nannte ihn, als den Sohn einer Schwester Net-no-kwa, meinen Bruder. Er war noch ziemlich nüchtern. Seine Frau aber, deren Kleidung mit Silberschmuck geziert war, lag völlig sinn- und bewusstlos vor dem Feuer.

Eben hatten mir uns niedergesetzt, um zu trinken, da taumelte ein mit uns bekannter Chippewa in die Hütte und sank neben dem Feuer zu Boden. Es war schon tief in der Nacht, aber das ganze Lager war noch unruhig. Es wurde gerufen und geschrien, und ich ging mit meinem Gefährten hinaus, um überall zu trinken, wo man uns etwas mitteilen wollte. Da wir doch noch einige Besinnung hatten, so stellten wir den Kessel, in welchem noch etwas Branntwein war, in eine Ecke und bedeckten ihn, sodass er nicht jedem in die Augen fallen konnte. Nachdem wir ein Paar Stunden umhergeschwärmt waren, kamen wir zurück. Die Frau lag noch am Feuer, aber alle ihre Schmucksachen waren fort. Wir sahen nach unserem kleinen Kessel. Aber auch der war nicht mehr da, und der Chippewa nirgend zu sehen. Aus mehreren Gründen hielten mir ihn für den Dieb. Bald erfuhr ich, dass er gesagt hatte, ich hätte ihm zu trinken gegeben, und so ging ich am anderen Morgen zu ihm in seine Hütte, und forderte geradezu meinen Kessel. Er befahl seiner Frau, ihn zu bringen. Nun hatten mir den Dieb heraus, und mein Bruder ging ebenfalls zu ihm und holte sich die Schmucksachen wieder. Jener Chippewa war ein Mensch, der große Ansprüche machte und für einen Häuptling gelten wollte. Allein das tat ihm in der Meinung des Volkes großen Schaden, und man sprach mur mit Verachtung von ihm.

Die alte Net-no-kwa wurde endlich, nachdem die Trunkenheit so lange angehalten hatte, wieder nüchtern. Sie ließ mich rufen, und fragte, ob ich die Geschenke, welche der Handelsmann gewöhnlich zu machen pflegte, erhalten hätte. Anfangs wollte sie nicht glauben, dass ich den ganzen Inhalt des Fasses Preis gegeben hätte, ohne für sie etwas zurückzulassen. Als sie aber sich endlich überzeugt hatte, dass ich die Wahrheit sagte, ja, dass ich selbst zwei Tage hintereinander betrunken gewesen war, warf sie mir in den heftigsten Ausdrücken meine Undankbarkeit vor und fragte, wie ich so viehisch hätte sein und mich berauschen können. Die Indianer, welche bei diesen Zornesausbrüchen gegenwärtig waren, stellten ihr aber vor, dass ihr gar kein Recht zustände, mir Vorwürfe zu machen, am wenigsten aber einer Ausschweifung wegen, wozu gerade sie mir das Beispiel gegeben habe. Und so wurde ihre üble Laune bald beschwichtigt, besonders nachdem alle gemeinschaftlich ihr etwas Rum schenkten, von dem sie nun so lange trank, bis sie abermals völlig berauscht war.

Als endlich alles Pelzwerk losgeschlagen und kein Tropfen Rum mehr da war, hörten diese viehischen Ausschweifungen auf, und die Indianer verteilten sich über die Gegend, um zu jagen. Wir aber begleiteten den Handelsmann zu seiner Wohnung und ließen dort unsere Kanus. Danach ging Waw-zhe-kwaw-maisch-koon mit uns in die Wälder, gleichfalls um zu jagen. Wir bildeten damals nur eine Familie, und ihm zumeist lag es ob, für sie zu sorgen, denn er hatte viele kleine Kinder. Als kaum die Kälte eingetreten war und der Schnee erst einen Fuß tief lag, hatten wir Hungersnot, trafen aber zum Glück gerade damals auf ein Rudel Elentiere, von denen wir vier Stück an einem Tag erlegten.

Wenn die Indianer eine Treibjagd auf diese Tiere anstellten, dann störten sie diese auf und verfolgten sie mehrere Stunden lang raschen Schrittes. Die erschreckten Tiere kamen anfangs einige Meilen weit voraus, aber die Indianer folgten ihren Spuren und bekamen sie dann wieder zu Gesicht, worauf das Rudel von Neuem fortlief und abermals einige Stunden lang den Jägern aus dem Blickfeld blieb. Die Zwischenräume, in denen man sie sehen konnte, wurden immer länger und länger, bis man sie endlich nicht mehr aus den Augen verlor. Denn zuletzt waren die Elentiere dermaßen ermattet, dass sie nur noch in kurzem Trab liefen und kaum noch fort konnten. Freilich waren auch die Jäger aufs Äußerste erschöpft, hatten aber doch gewöhnlich noch so viel Kraft, dass sie bis nahe an das Rudel kamen und schießen konnten. Alsdann rafften die Tiere, welche der Knall erst wieder aufschreckte, noch einmal alle ihre Kraft zusammen, und man musste sehr gut auf der Hut sein, wenn man mehr als ein oder zwei schießen wollte, falls nicht der Schnee sehr tief lag. Das Elentier kann nämlich im Lauf seine Füße nicht gut wieder loskriegen, und wird deshalb bei tiefem Schnee am leichtesten eine Beute des Jägers. Es gab auch einige Indianer, die es auf der Prärie verfolgten und einholen konnten, wenn auch kein Schnee oder Eis den Boden bedeckte. Es waren deren aber nur äußerst wenige. Das Moosetier und der Bison sind weit flinker und beweglicher als das Elentier und nur höchst selten ist ein Mann imstande, zu Fuß sie einzuholen.

Das Fleisch jener vier Elentiere wurde geräuchert, aber sehr ungleich verteilt, und auf Lage und Bedürfnisse unserer Familien keine gehörige Rücksicht genommen. Ich beklagte mich nicht, denn ich war, wie ich selbst wohl wusste, ein trauriger Jäger, und hatte bei dieser letzten Jagd nicht eben Besonderes geleistet. Ich legte mich immer am meisten auf den Biberfang und kannte mehr als zwanzig Baue in der Umgegend. Allein ich war nicht wenig erstaunt, als ich die Behausungen gänzlich leer fand, bis ich mich endlich überzeugte, dass unter diesen Tieren eine Seuche herrschte, welche eine große Menge derselben hinraffte. Ich traf auf eine Menge Biber, die teils schon tot, teils noch im Sterben waren und im Wasser, auf dem Eis oder auf der Erde lagen. Der eine hatte einen Baum zur Hälfte gefällt und lag nun neben den Wurzeln. Der andere war eben im Begriff gewesen, eine Ladung Holz zu seinem Bau zu schleppen, aber unterwegs neben seiner Last niedergesunken und gestorben. Die meisten, welche ich öffnete, waren ums Herz herum rot und blutig. Diejenigen, welche an großen Flüssen und überhaupt an fließendem Wasser wohnten, litten viel weniger, während die in Teichen und Morästen lebenden fast alle starben. Seit jener Zeit sind am Red River und an der Hudsons Bay die Biber bei Weitem nicht mehr so häufig als vorher. Wir wagten es nicht, von diesen toten Tieren etwas zu genießen, die Felle aber waren ganz gut.

Während unseres Zusammenlebens mit Waw-zhe-kwaw-maisch-koon machte sich der Hunger sehr häufig recht fühlbar. Einst, nachdem ich länger als vierundzwanzig Stunden nicht das Mindeste genossen hatte, ging ich mit ihm auf die Jagd, und wir trafen auch ein Rudel Elentiere, wovon wir zwei Stück erlegten. Ein drittes, das bloß angeschossen wurde, mussten wir bis tief in die Nacht hinein verfolgen. Das Fleisch wurde zerschnitten und unter dem Schnee verborgen. Aber mein Gefährte nahm auch nicht den kleinsten Bissen für uns, und doch waren wir weit entfernt von unserem Lagerplatz und konnten nicht daran denken, ihn eher zu erreichen, als am anderen Morgen. Ich wusste, dass jener ebenso lange gefastet hatte wie ich. Aber ungeachtet mich der Hunger furchtbar quälte, schämte ich mich doch, ihm Speise abzufordern, damit er nicht glauben möchte, ich könne die Not nicht so gut ertragen wie er. Am Morgen gab er mir ein wenig Fleisch, wir nahmen uns aber nicht die Mühe, es erst zu kochen, und machten uns auf den Rückweg. Nachmittags kamen wir an.

Net-no-kwa, die wohl sah, dass ich nicht mit leeren Händen zurückkam, sprach zu mir: »Das ist gut, mein Sohn. Ich konnte es mir wohl denken, dass du nach so langer Entbehrung gestern Nacht mit großem Appetite gegessen haben wirst. Ich entgegnete ihr aber, dass ich nichts genossen hätte, und darauf ließ sie sogleich einen Teil des von mir mitgebrachten Fleisches kochen. Allein mein ganzer Anteil hielt nur zwei Tage vor. Ich kannte noch zwei Biberbaue, die von der Seuche verschont geblieben waren. Dort legte ich nun Fallen und hatte, noch ehe zwei Tage um waren, schon acht Stück gefangen, von denen ich zwei dem Waw-zhe-kwaw-maisch-koon gab.