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Die Trapper in Arkansas – Band 1.12

Gustave Aimard (Olivier Gloux)
Die Trapper in Arkansas Band 1
Erster Teil – Treuherz

Kapitel 8 – Die indianische Rache

Die Lage der Amerikaner war höchst bedenklich.

Der Captain, den der still vorbereitete Angriff der Comanchen vollständig überrumpelt hatte, fuhr aus dem Schlaf in die Höhe, als sie, nachdem sie das vor dem Fort aufgestapelte Material in Brand gesteckt hatte, ihr entsetzliches Kriegsgeschrei erhoben.

Der wackere Offizier war aus dem Bett gesprungen, und obwohl ihn die rötliche Glut der Flamme einen Augenblick geblendet hatte, doch halb angekleidet, den Degen in der Hand, zu der Seite, wo die Mannschaft schlief, hingestürzt. Die Leute waren bereits munter und eilten mit der sorglosen Unerschrockenheit, die den Yankee auszeichnet, auf ihre Posten.

Was war aber zu tun?

Die Besatzung bestand, den Captain mit eingerechnet , aus zwölf Mann.

Wie sollten sie in so geringer Anzahl den Indianern widerstehen, deren satanische Gestalten sich beim düsteren Schein der Feuersbrunst bewegten.

Der Offizier stieß einen Seufzer aus.

»Wir sind verloren«, murmelte er.

Bei den beständigen Kämpfen, welche an den Grenzen stattfinden, sind unsere zivilisierten Kriegsgesetze gänzlich unbekannt.

Das vae victis1 herrscht im vollsten Sinne des Wortes. Die erbitterten Feinde, welche einander mit der ausgesuchtesten Grausamkeit bekämpfen, geben und erbitten keine Gnade.

Es handelt sich also bei jedem Kampf um Tod oder Leben.

Das ist der herrschende Gebrauch.

Der Captain wusste es und täuschte sich daher nicht über das Schicksal, das seiner warte, wenn er den Comanchen in die Hände fiele.

Er hatte den Fehler begangen, sich von den Rothäuten überrumpeln zu lassen, er musste die Folgen seiner Unvorsichtigkeit auf sich nehmen.

Aber der Captain war ein tapferer Soldat. Da er überzeugt war, dass er aus dem Wespennest, in welches er sich begeben hatte, nicht lebend entkommen würde, so wollte er wenigstens mit Ehren fallen.

Es war nicht nötig, die Soldaten an ihre Pflicht zu mahnen, sie wussten so gut wie ihr Captain, dass es keine Rettung für sie gäbe.

Die Verteidiger des Forts nahmen also entschlossen ihre Plätze hinter den Barrikaden ein und begannen mit einer Sicherheit und Präzision auf die Indianer zu schießen, welche diesen große Verluste verursachte.

Der erste Mensch, den der Captain erblickte, als er die Plattform des Forts erstieg, war der alte Jäger Weißauge.

»Ha!«, murmelte der Offizier für sich, »was tut dieser Mensch hier, und wie ist er hergekommen?«

Er zog hierauf eine Pistole aus dem Gürtel, ging gerade auf den Mestizen los, packte ihn bei der Gurgel, setzte ihm die Mündung auf die Brust und sagte mit jener Kaltblütigkeit, welche die Amerikaner von den Engländern geerbt und noch bedeutend vervollkommnet haben: »Auf welche Weise bist du hereingekommen, alte Eule?«

»Nun, wahrscheinlich durch die Tür«, antwortete der andere gleichgültig.

»Ach was! So bist du ein Hexenmeister?«

»Vielleicht.«

»Spaß beiseite, Mischling. Du hast uns an deine Brüder, die Rothäute, verkauft.«

Ein unheimliches Lächeln flog über das Gesicht des Mestizen. Der Captain bemerkte es.

»Dein Verrat wird dir aber nichts nützen, Elender«, sagte er mit Donnerstimme. »Du wirst ihm zuerst als Opfer fallen.«

Der Jäger riss sich durch eine plötzliche und unerwartete Bewegung los. Dann sprang er zurück, und seine Flinte schulternd, sagte er spottend: »Das werden wir sehen.«

Die beiden Männer, welche sich auf der schmalen, vom düsteren Schein des stets höher steigenden Feuers erhellten Plattform gegenüberstanden, würden einem unbeteiligten Zuschauer einen schreckenerregenden Eindruck gemacht haben.

Jeder von den beiden repräsentierte eine jener zwei Menschenrassen in den Vereinigten Staaten, deren Kampf nur mit der Ausrottung der einen zum Vorteil der anderen enden wird.

Zu ihren Füßen nahm das Gefecht die riesenhaften Verhältnisse eines Epos an.

Die Indianer stürmten voll Wut und mit lautem Geschrei gegen die Wälle, hinter welchen die Amerikaner sie mit Flintenschüssen oder dem Bajonett empfingen.

Indessen breitete sich das Feuer immer mehr aus, die Soldaten fielen einer nach dem anderen. Bald musste alles vorbei sein.

Der Captain hatte die Drohung Weißauges mit einem verächtlichen Lächeln beantwortet.

Schnell wie der Blitz hatte er seine Pistole auf den alten Jäger abgefeuert. Dieser ließ seine Flinte fallen, sein rechter Arm war zerschmettert.

Der Captain stürzte mit einem Freudengeschrei auf ihn zu.

Dieser unerwartete Stoß warf den Mestizen zu Boden. Sein Feind stemmte ihm das Knie auf die Brust und betrachtete ihn einen Augenblick.

»Nun«, sagte er mit bitterem Lachen, »hatte ich mich geirrt?«

»Nein«, antwortete der Mestize mit fester Stimme, »ich bin ein Dummkopf, mein Leben gehört dir, töte mich.«

»Sei unbesorgt, ich habe dir eine indianische Todesart zugedacht.«

»Beeile dich, wenn du dich rächen willst«, erwiderte der Jäger ironisch, »denn bald wird es zu spät sein.«

»Ich habe Zeit genug … Warum hast du uns verraten, Elender?«

»Was kümmert es dich.«

»Ich will es wissen.«

»Nun wohl! So höre!«, sagte der Jäger nach einem Augenblick des Schweigens, »deine Brüder, die Weißen, sind die Henker meiner ganzen Familie gewesen. Ich habe mich rächen wollen.«

»Aber wir hatten dir ja nichts getan?«

»Seid ihr nicht auch Weiße? Töte mich, dass die Sache ein Ende nimmt … ich kann mit Freuden sterben, denn zahlreiche Opfer werden mir in das Grab folgen.«

»Wohlan! Wenn dem so ist«, sagte der Captain mit düsterem Lachen, »so werde ich dich deinen Brüdern nachschicken, du siehst, dass ich dein ehrlicher Feind bin.«

Hierauf drückte er das Knie fest auf die Brust des Jägers, um ihn daran zu hindern, dass er sich der ihm zugedachten Strafe entzog.

»Nach Indianerart«, sagte er zu ihm.

Und mit der Rechten sein Messer ergreifend, fasste er mit der Linken das dichte, harte, graue Haar des Mestizen, trennte ihm mit unglaublicher Gewandtheit die Kopfhaut durch und riss sie herunter.

Der Jäger konnte bei dieser furchtbaren Verstümmelung einen durchdringenden Schmerzensschrei nicht zurückhalten, das Blut floss in Strömen von seinem nackten Schädel und bedeckte sein Gesicht.

»Töte mich«, sagte er, »töte mich, die Schmerzen sind entsetzlich.«

»Findest du das?«, fragte der Captain.

»O! Töte mich. Töte mich.«

»Nicht doch«, antwortete der Offizier achselzuckend, »hältst du mich für einen Schlächter? Nein, ich werde dich deinen würdigen Freunden zurückgeben.«

Er nahm daraufhin den Jäger bei den Beinen, schleppte ihn bis an den Rand der Plattform und gab ihm einen Fußstoß.

Der Unglückliche suchte sich instinktiv festzuhalten, indem er mit der Linken einen vorspringenden Balken, der nach außen lag, erfasste. Er schwebte einen Augenblick zwischen Himmel und Erde.

Er gewährte einen grauenhaften Anblick. Der von der Haut entblößte Schädel, sein fortwährend von dunklem Blut überströmtes Gesicht, das durch den Schmerz und das Entsetzen verzerrt wurde, sein von krampfhaften Zuckungen bewegter Körper flößte Abscheu und Schrecken ein.

»Erbarmen, Erbarmen!«, murmelte er.

Der Captain betrachtete ihn mit einem Lächeln auf den Lippen und über der Brust gekreuzten Armen, aber die erschöpften Kräfte des Unglücklichen konnten ihn nicht länger tragen, seine krampfhaft geschlossenen Finger ließen den Halt, den sie mit der Kraft der Verzweiflung umklammert hatten, los.

»Henker! Sei verflucht!«, kreischte er im Ton der höchsten Wut.

Er stürzte hinab.

»Glückliche Reise«, sagte der Captain hohnlachend.

Am Tor des Forts erhob sich ein ungeheures Geschrei.

Der Captain eilte den Seinen zu Hilfe.

Die Comanchen hatten sich der Barrikaden bemächtigt.

Sie drangen in Massen in das Innere des Forts und mordeten und skalpierten die Feinde, die ihnen in den Weg kamen.

Vier amerikanische Soldaten blieben allein noch übrig.

Die anderen waren tot.

Der Captain verschanzte sich auf der Treppe, welche zu der Plattform führte.

»Ihr könnt ruhig sterben, meine Freunde«, sagte er zu seinen Kameraden, »ich habe den, der uns verraten hat, getötet.«

Die Soldaten erwiderten diesen eigentümlichen Trost mit einem Freudengeschrei und bereiteten sich vor, ihr Leben teuer zu verkaufen.

Aber es ereignete sich etwas Unbegreifliches.

Das Geschrei der Indianer war wie durch einen Zauberschlag verstummt.

Der Angriff war eingestellt worden.

»Was treiben sie denn«, murmelte der Captain, »welche neue Teufelei haben die Satane ersonnen?«

Als sich die Indianer aller Außenwerke des Forts bemächtigt hatten, befahl Adlerkopf, den Kampf zu unterbrechen. Die im Dorf gefangen genommenen Ansiedler, zwölf an der Zahl, worunter vier Frauen waren, wurden einer nach dem anderen vorgeführt.

Als die zwölf Unglücklichen zitternd vor ihm standen, ließ Adlerkopf die Frauen beiseite bringen. Dann befahl er den Männern, einer nach dem anderen vor ihm vorbeizugehen, betrachtete ihn aufmerksam und gab dann den Kriegern, die ihm zur Seite standen, ein Zeichen.

Diese packten sofort die Amerikaner, hieben ihnen mit der Machete beide Hände ab, skalpierten sie und stießen sie in das Fort.

Sieben Ansiedler hatten bereits diese entsetzliche Tortur über sich ergehen lassen müssen..

Es war nur noch einer übrig.

Es war ein hochgewachsener, magerer, aber noch rüstiger Greis, sein schneeweißes Haar fiel auf seine Schultern herab, seine schwarzen Augen schossen Blitze, aber sein Gesicht blieb unbewegt. Er schien mit Gleichmut zu erwarten, dass Adlerkopf sein Los entscheide und ihn den übrigen Unglücklichen übergab.

Der Comanchen-Häuptling betrachtete ihn jedoch mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit.

Endlich erheiterten sich die Züge des Indianers, ein Lächeln flog über seine Lippen, er reichte dem Greis die Hand, sagte in schlechtem Spanisch und mit dem Kehlton seines Volkes: » No sabes que un amigo? – Kennst du einen Freund nicht?«

Bei diesen Worten zuckte der Greis zusammen und sagte, indem er den Indianer ebenfalls betrachtete, mit Erstaunen: »Oh! El gallo, der Hahn.«

»Oah!«, erwiderte der Häuptling zufrieden, »ich bin ein Freund des Graukopfes, die Rothäute haben nicht zwei Herzen, mein Vater hat mir das Leben gerettet, mein Vater wird mit mir in meine Hütte kommen.«

»Dank, Häuptling, ich nehme dein Angebot an«, sagte der Greis und drückte die Hand, die ihm der Indianer reichte, mit Wärme.

Hierauf eilte er zu einer Frau in mittleren Jahren, von edlem Aussehen, deren vor Kummer gewelkte Züge doch noch Spuren großer Schönheit zeigten.

»Gott sei Dank!«, sagte sie mit Innigkeit, als der Greis zu ihr trat.

»Gott verlässt diejenigen nie, die ihr Vertrauen in ihn setzen«, antwortete er.

Während dieser Zeit führten die Rothäute die letzten Szenen des furchtbaren Dramas auf, welchem der Leser beigewohnt hat.

Als alle Ansiedler in dem Fort eingeschlossen waren, wurde das Feuer mit allem Material, was man nur finden konnte, wieder neu belebt, und bald trennte eine feurige Mauer die unglücklichen Amerikaner von der übrigen Welt.

Das Fort glich nun nur noch einem ungeheuren Scheiterhaufen, aus welchem Schmerzensgeschrei, von Zeit zu Zeit durch Flintenschüsse unterbrochen, ertönte.

Die Comanchen beobachteten gleichmütig aus einiger Entfernung den Fortschritt des Feuers und lächelten dämonisch über ihre gelungene Rache.

Die Flammen hatten das ganze Gebäude ergriffen, sie stiegen mit rasender Schnelligkeit immer höher und erhellten die Wildnis weithin, wie ein gespenstiger Leuchtturm.

Auf der Höhe des Forts sah man einige Gestalten, die sich verzweiflungsvoll umherbewegten, indessen andere knieten und die göttliche Barmherzigkeit anzuflehen schienen.

Plötzlich erschallte ein fürchterliches Gekrache, ein schrecklicher Schmerzensschrei stieg zum Himmel empor, und das Fort stürzte in die prasselnden Flammen, dass Millionen Funken emporsprühten.

Alles war vorbei.

Die Amerikaner hatten unterliegen müssen.

Die Comanchen pflanzten einen Baumstamm an der Stelle, wo das Dorf gestanden hatte, auf. An diesen nagelten sie die Hände der Einwohner und befestigten ein blutiges Beil auf der Spitze.

Dann, als sie die wenigen Hütten, welche noch standen, in Brand gesteckt hatten, gab Adlerkopf das Zeichen zum Aufbruch.

Die vier Frauen und der Greis folgten den Comanchen als die einzigen Überlebenden der unglücklichen Ansiedelung.

Ein düsteres Schweigen legte sich auf die noch qualmenden Trümmer, welche vor Kurzem noch der Schauplatz so entsetzlicher Szenen gewesen waren.

Show 1 footnote

  1. lateinisch; »wehe den Besiegten!«; nach dem angeblichen Ausspruch des Gallierkönigs Brennus nach seinem Sieg über die Römer 387 v. Chr.

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