Ausschreibung

Dark Empire

Archive
Folgt uns auch auf

John Tanner – Das Leben eines Jägers 5

John Tanner
Das Leben eines Jägers
oder
John Tanners Denkwürdigkeiten über seinen 30-jährigen Aufenthalt unter den Indianern Nordamerikas
Erstmals erschienen 1830 in New York, übersetzt von Dr. Karl Andree

Fünftes Kapitel

Wenige Tage danach ruderten wir alle den Red River hinauf und kamen nach zwei Tagen an die Mündung des Assiniboine River, wo eine große Anzahl Chippewa und Ottawa gelagert hatte. Gleich nach unserer Ankunft traten die Häuptlinge zusammen, um über die Mittel zu beraten, welche dazu dienen könnten, unserem erbärmlichen Zustand abzuhelfen.

»Unsere Verwandten«, so sprach einer der Häuptlinge, »sind aus einer entfernten Gegend zu uns hergekommen, diese beiden jungen Knaben sind noch nicht imstande für alle ihre Bedürfnisse zu sorgen. Und wir dürfen nicht leiden, dass sie mitten unter unseren Familien im Elend leben.«

Alle Männer erboten sich, einer nach dem anderen für uns zu jagen, und machten unter sich aus, ein jeder sollte einen Teil von dem, was er erlegen würde, an uns abgeben. Wir fuhren dann den Assiniboine hinauf und lagerten die erste Nacht mitten unter Bisons.

Am anderen Morgen durfte ich mit einigen Indianern ausgehen und mit ihnen Jagd auf diese Tiere machen. Es kamen uns deren vier auf Schussweite, und wir töteten einen Bullen. Wir brauchten zehn Tage, um den Assiniboine hinaufzukommen, und es wurden an den Ufern des Flusses einige Bären erlegt. Dieser Fluss ist breit, seicht und macht viele Krümmungen, sein Wasser ist trübe, wie jenes im Red River, dessen Grund jedoch schlammig ist, während der Assiniboine über Sand fließt. Die beiden Ufer sind mit Pappelbäumen, weißen Eichen und einigen anderen Bäumen bewachsen, die bis zu einer beträchtlichen Höhe emporwachsen. Doch liegen die Prärien nicht weit entfernt und reichen hier und da bis dicht ans Wasser.

Wir hielten an einer Stelle, die den Namen Tragplatz der Prärie führte, und die zu Lande etwa 70 englische Meilen von der Mündung des Assiniboine ab liegen mag. Die Entfernung zu Wasser ist aber weit beträchtlicher. Die Indianer gaben einem Handelsmann, der uns begleitete, den Rat, sich dort eine Winterwohnung aufzubauen, und wir ließen an dieser Stelle alle unsere Kanus zurück, um uns über die Gegend zu verteilen und in den kleinen Flüssen Biber zu fangen.

Die Indianer beschrieben uns einen Bach, in dem diese Tiere sehr häufig vorkamen. Es sollte niemand an diesem jagen dürfen außer mir und Wa-me-gon-a-biew. Meine Mutter schenkte mir drei Fallen und gab mir Anweisung, wie ich sie aufstellen müsste, denn ich war noch nicht kräftig genug, um, wie es die übrigen Indianer taten, sie mit meinen Händen machen zu können. Am anderen Morgen fand ich zwei Biber in meinen Fallen, und da ich jene nicht selbst herausnehmen konnte, so schleppte ich Fallen und Biber auf meinem Rücken heim. Die alte Frau war mir dabei behilflich und stolz darauf, dass ich Glück gehabt hatte. Sie war immer recht gut zu mir gewesen und ergriff oft Partei, wenn die Indianer mich peinigen oder misshandeln wollten.

Wir waren eben so gut mit Lebensmitteln versehen, wie die übrigen unserer Gruppe, denn wenn das Wild, welches wir erlegten, nicht ausreichte, so konnten wir fest darauf rechnen, dass dieser oder jener unserer Freunde uns von seiner Jagdbeute etwas zukommen ließ. Die Indianer, bei denen wir den Winter über lebten, besaßen zwei Hütten. Wir wohnten in einer dritten. Gegen Ende unseres dortigen Aufenthalts kamen Kris und bauten noch vier andere neben den unseren auf. Die Kris sind stammverwandt mit den Chippewa und Ottawa. Ihre Sprache weicht aber ein wenig ab, und man versteht sie nicht sogleich. Ihr Land stößt an das der Assiniboine oder der Männer, die auf Steinen braten. Und beide leben, wiewohl sie weder Stammverwandte noch natürliche Bundesgenossen sind, doch oft in Frieden und verheiraten sich untereinander.

Nachdem wir drei Monate dort gewohnt hatten, wurde das Wild seltener, und wir fingen allesamt an, Hunger zu leiden. Der Häuptling unserer Gruppe, der kleine Assiniboine genannt, machte den Vorschlag, wir sollten einen anderen Lagerplatz wählen, und legte einen Tag fest, an dem es geschehen sollte. Bis der aber herankam, befanden wir uns im tiefsten Elend. Am Vorabend des festgesetzten Tages sprach meine Mutter viel über unser Unglück, unsere Verluste und von dem traurigen Schicksal, das uns heimgesucht habe. Um die gewöhnliche Stunde legte ich mich, wie die anderen jüngeren Mitglieder unserer Familie, schlafen, wachte aber bald wieder auf, weil die Alte betete, sang und einen großen Teil der Nacht hindurch ihre Andachtsübungen fortsetzte.

Am anderen Morgen weckte sie uns sehr früh und sagte, wir sollten unsere Mokassins anziehen und uns zur Abreise bereithalten.

Dann rief sie Wa-me-gon-a-biew zu sich und sagte ihm mit halbleiser Stimme: »Mein Sohn, in der vergangenen Nacht habe ich zum großen Geist gesungen und gebetet. Während meines Schlafes ist er mir in Gestalt eines Menschen erschienen und hat mir gesagt: ›Net-no-kwa, morgen wirst du einen Bären zu essen haben; unweit von dem Weg, den du zu nehmen hast, und in der Richtung (sie bezeichnete dieselbe) liegt eine kleine runde Prärie, von welcher eine Art Pfad ausläuft. Auf diesem Pfad liegt der Bär.‹ Nun, mein Sohn, wünsche ich, dass du diese Richtung nimmst, aber niemandem etwas sagst. Du wirst ganz gewiss den Bären finden.«

Allein der junge Mensch, der nicht sehr gehorsam war, und oft nicht viel auf die Reden seiner Mutter achtete, ging aus der Hütte und erzählte lachend den übrigen Indianern von jenem Traum.

»Die alte Frau«, so rief er, »sagte, wir würden heute einen Bären zu essen haben. Ich weiß aber nicht, wer diesen erlegen soll.«

Net-no-kwa, die das hörte, rief ihn zurück und machte ihm heftige Vorwürfe. Sie konnte ihn aber nicht dahin bringen, dass er auf die Jagd ging.

Wir begaben uns nun alle zu der Stelle, auf welcher wir die Nacht über lagern wollten. Die Männer gingen voran und trugen einem Teil des Gepäcks, das sie bei ihrer Ankunft ablegten, um auf die Jagd zu gehen. Einige Kinder, die mit ihnen gegangen waren, mussten so lange, bis die Frauen kamen, dieses Gepäck bewachen. Ich gehörte zu diesen Kindern, hatte mein Gewehr bei mir und dachte immer an das, was meine Mutter zu Wa-me-gon-a-biew gesagt hatte. Zuletzt beschloss ich, mich auf die Beine zu machen, und die Prärie, welche sie im Traum gesehen hatte, zu suchen. Ich sagte niemandem etwas von meiner Absicht, lud meine Flinte für die Bärenjagd und ging auf dem Weg zurück, auf welchem wir gekommen waren.

Ich begegnete bald einer meiner Tanten, der Frau eines der Brüder Taw-ga-we-ninnes. Sie hatte sich gar nicht freundlich zu uns bewiesen und betrachtete uns als eine Last, die sich ihr Mann, der uns manchmal unter die Arme griff, aufgebürdet habe. Über mich machte sie sich nicht selten lustig und verspottete mich. Nun fragte mich diese Frau, wohin ich gehen wollte, und ob ich etwa meine Flinte trüge, um damit Indianer zu töten. Ich gab ihr keine Antwort, und als ich an der Stelle zu sein glaubte, wo nach den Andeutungen meiner Mutter Wa-me-gon-a-biew den Pfad hätte verlassen müssen, bog ich ab, und fuhr fort, genau den von ihr gegebenen Anweisungen zu folgen.

Endlich fand ich einen kleinen Platz, wo allem Anschein nach vor Zeiten einmal ein Teich gewesen sein musste. Er war offen und lag mitten im Wald, wo Rasen und einiges Gesträuch zu finden waren. Ich dachte, dass dies die von der Mutter bezeichnete Stelle sein musste. Ich betrachtete sie mir genau und gelangte zu einer Öffnung zwischen den Bäumen, die wahrscheinlich den Lauf eines von der Prärie herabkommenden Flusses bezeichnete. Aber der Schnee lag so tief, dass ich darüber nicht zur Gewissheit kommen konnte.

Meine Mutter hatte auch gesagt, sie habe in ihrem Traume zugleich mit dem Bären einen Rauch aus der Erde aufsteigen sehen. Ich war fest überzeugt, dass ich den von ihr angedeuteten Platz gefunden hatte, und wartete lange Zeit auf das Emporsteigen des Rauches. Endlich, da dieser nicht kam, wurde ich des Wartens überdrüssig und trat einige Schritte vorwärts auf dem Pfad. Da sank ich plötzlich bis an den Bauch in den Schnee, arbeitete mich aber ohne Mühe wieder heraus und ging weiter. Da fiel es mir plötzlich ein, dass die Indianer manchmal erzählt hatten, es wären Bären von ihnen in Höhlen erlegt worden, und ich dachte, das Loch, in welches ich versunken war, könne wohl eine Bärenhöhle sein. Also kehrte ich um, erblickte in dem Loch wirklich den Kopf eines Bären, hielt ihm den Lauf meines Gewehres zwischen die Augen und drückte ab. Sobald der Pulverqualm verschwunden war, nahm ich einen Stock, wühlte damit in seinen beiden Augen und in der Wunde herum, und machte darauf den Versuch, das Tier herauszuziehen. Das aber wollte nicht gehen, und deshalb eilte ich zurück zum Lagerplatz.

Als ich mich den Hütten näherte, die von den Frauen errichtet worden waren, traf ich wieder mit meiner Tante zusammen, die sich abermals lustig über mich machte.

»Hast du etwa einen Bären getötet?«, fragte sie, »weil du so läufst und so schnell wieder kommst?«

Ich fragte mich selbst: »Wie kann sie wissen, dass ich einen Bären erlegt habe?« Ich ging aber meines Weges, und geradewegs zur Hütte meiner Mutter.

Nachdem einige Minuten vergangen waren, sagte die alte Frau zu mir: »Mein Sohn, sieh in den Kessel da. Du wirst darin etwas Biberfleisch finden, das mir ein Mann gab, als du von mir gegangen warst. Die Hälfte davon lass für Wa-me-gona-biew liegen, der noch nicht von der Jagd zurück ist und heute noch nichts gegessen hat.«

Ich fing also an zu essen, und erst als Net-no-kwa allein war, trat ich nahe an sie heran und raunte ihr ins Ohr: »Muter, ich habe einen Bären erlegt.«

»Was sagst du, mein Sohn?«

»Ich habe einen Bären geschossen.«

»Weißt du gewiss, dass er tot ist?«

»Ja.«

»Ganz tot?«

»Gewiss.«

Sie sah mich einen Augenblick starr an, umarmte mich und überhäufte mich längere Zeit mit Liebkosungen. Nun erzählte ich ihr auch alles, was mir meine Tante auf dem Hin- und auf dem Heimwege gesagt hatte. Da ihrem Mann jene Worte zu Ohren kamen, schalt er sie aus und prügelte sie furchtbar. Wir machten uns auf, um den Bären zu holen, der dann, weil er der Erste war, den ich erlegt hatte, in einem Stück und unzerteilt gebraten wurde. Alle Jäger unserer Gruppe wurden, wie es bei den Indianern Sitte ist, von uns bewirtet.

Am selben Tag schoss einer der Kris einen Bären und einen Elch, wovon er meiner Mutter große Stücke gab. Während einiger Zeit fanden wir in der Umgegend dieses Lagerplatzes reichlich Wild, und Wa-me-gon-a-biew tötete seinen ersten Bison, sodass meine Mutter der ganzen Gruppe ein zweites Festmahl gab. Bald darauf verließen uns die Kris, um in ihr Land zurückzureisen. Sie waren dienstfertige und gastfreundliche Leute, und es ging uns sehr nahe, dass wir uns von ihnen trennen mussten. Wir machten uns auch auf den Weg zu der Stelle, wo wir den Handelsmann zurückgelassen hatten, und gelangten dort am letzten Tag des Dezembers an.

Wir blieben einige Zeit ganz allein beim Haus des Kaufmannes, von dem wir bald Nachricht erhielten, und machten uns auf den Weg, um zu ihm zu stoßen. Da begegneten wir dem Pe-schau-ba, einem berühmten Kriegshäuptling der Ottawa, welcher vor mehreren Jahren vom Huron-See her in diese Gegend gekommen war. Er hatte gehört, dass eine alte Frau vom Stamm der Ottawa, nachdem die zu ihrer Familie gehörenden Männer gestorben wären, allein mit zwei anderen Frauen, zwei Knaben und drei kleinen Kindern sei und sich in großer Armut an den Ufern des Assiniboine River aufhalte. Er hatte drei Gefährten bei sich, welche von den Indianern seine jungen Leute genannt wurden, obwohl der eine älter sein mochte als er selbst. Es waren Waus-so (Der Blitz), Sag-git-to (der alle Menschen in Furcht und Schrecken setzt) und Sa-ning-wud (der seine Flügel ausdehnt). Waus-so, der als ein ausgezeichneter Krieger bekannt war, hatte einer Krankheit wegen zurückgelassen werden müssen.

Pe-schau-ba folgte uns, den Andeutungen gemäß, welche er von den Indianern bekommen hatte, von einem Lagerplatz zum anderen. Er war ein großer und schöner Greis, erkannte Net-no-kwa auf der Stelle als eine Verwandte und fragte, wer wir wären. »Es sind meine Söhne «, antwortete sie.

Darauf betrachtete er mich mit ganz besonderer Aufmerksamkeit, und sprach: »Komm her, mein Bruder«, entblößte dann seine Brust und zeigte mir die Narbe von einer tiefen und gefährlichen Wunde. »Weißt du wohl noch, mein junger Bruder, dass du mir diese Wunde beigebracht hast, als du mit Flinten und Pfeilen gespielt hast?« Da er sah, dass ich sehr verlegen tat, wurde er heiter und erzählte mir alle Umstände, die sich bei seiner Verwundung zugetragen hatten. Endlich aber riss er mich aus meiner Ängstlichkeit und Ungewissheit heraus und sagte, dass einer meiner Brüder und nicht ich ihn verwundet hätte. Er sprach auch von Ke-wa-tin, der mit mir etwa in gleichem Alter gewesen sei, und ließ sich alles ausführlich erzählen, was sich bei meiner Entführung ereignet hatte, die in eine spätere Zeit fiel, als sein Aufbruch vom Huron-See.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.