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Einsendeschluss 31.05.2021

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Eine ungewöhnliche Weihnacht

Renate Behr

Eine ungewöhnliche Weihnacht

Elisabeth Berger steht am Fenster ihrer Wohnung, schaut auf die regennassen Straßen. Der November ist immer ein schlimmer Monat, alles ist grau und trübe. Aber Weihnachten steht vor der Tür.

Elisabeth lächelt. Weihnachten, das war früher einmal die schönste Zeit des Jahres für sie, als ihr Mann noch lebte und die Kinder noch klein waren. Sie sah noch heute die leuchtenden Augen von Gerald und Patrizia, wenn sie aufgeregt an der Hand ihres Vaters ins Wohnzimmer kamen und den bunt geschmückten Tannenbaum sahen. Das war lange her.

Elisabeth seufzte.

Ihr Sohn Gerald lebte mit Frau und Sohn in einer anderen Stadt, sie telefonierten zwar, aber sie sahen sich selten. Gerald war beruflich stark eingespannt und das Verhältnis von Elisabeth zu ihrer Schwiegertochter war eher distanziert. Und Lukas, ihr Enkel, das war schon ein besonderes Kind. Sehr introvertiert mit seinen 19 Jahren. So richtig aus sich heraus ging er nur, wenn er mit seinen Freunden gemeinsam Musik machen konnte. Am Telefon war er dagegen eher einsilbig und drückte sich so oft er konnte um Familientreffen. Nur am Adventssonntag, wenn bei Oma Berger Plätzchen gebacken wurden und am Weihnachtsfeiertag, wenn sich die ganze Familie um den Tannenbaum versammelte, da war auch Lukas immer mit dabei.

Einmal sagte er: »Oma hat wenigstens noch einen echten Baum, hier riecht es nach Weihnachten. Bei uns steht ja nur Plastik rum.«

Seine Mutter tadelte dann für gewöhnlich.

»Aber Lukas, du weißt doch, am 2. Feiertag fahren wir in den Skiurlaub, da lohnt sich ein richtiger Baum eben nicht und dann auch immer die ganzen Nadeln …«

Elisabeths Tochter Patrizia wohnte gar nicht weit von hier. Sie telefonierten regelmäßig ein bis zwei Mal in der Woche und manchmal trafen sie sich auch in der Stadt auf eine Tasse Kaffee. Aber meistens war Patrizia in Eile und die Zeiten, wo sie einen mütterlichen Rat gebraucht hätte, waren lange vorbei. Tja, und Nikki? Patrizias einzige Tochter war ein Energiebündel. Das Abitur hatte sie mit der Traumnote 1,0 absolviert und studierte jetzt, Biologie und Chemie gemeinsam. Für Nikki zählte nur das Studium, sonst nichts. Keine Disco-Besuche, keine Freunde und erst recht keine Oma. Das musste man wohl verstehen. Obwohl, dachte Elisabeth, ich habe immer meine ganze Zeit nur meiner Familie gewidmet. Sie zuckte mit den Achseln. Das war wohl der Lauf der Welt, dass man keine Dankbarkeit erwarten durfte.

Aber bald war ja Weihnachten, da wären sie alle wieder beisammen. Und doch, auch hier hatte sich im Laufe der Jahre vieles verändert. Zu Anfang, da waren sie am ersten Advent alle gekommen und es wurden Plätzchen gebacken. Nach und nach hatte dann jedes der Kinder eine andere Entschuldigung gefunden, warum es mit dem Backen nicht mehr ging. Jetzt machte Elisabeth die Plätzchen allein und die Kinder kamen zum Adventskaffee.

Letztes Jahr am Adventssonntag hatten die Kinder dann eine – zugegeben ziemlich einseitige – Entscheidung getroffen. Ihre Schwiegertochter war es, die es dann so formuliert hatte.

»Weißt du, Mutter, wir haben uns etwas wegen der Weihnachtsgeschenke überlegt. Das macht alles viel zu viel Stress, immer überlegen, wem man was schenken könnte. Wir haben uns alle gemeinsam überlegt, dass wir am ersten Advent jeweils festlegen, wer was haben möchte und wer es besorgt. Dann sind Weihnachten wenigstens alle zufrieden.«

Elisabeth hatte sich gefügt, aber irgendwie war ihr die Weihnachtsfreude verdorben gewesen. Da brauchte man auch gar keine Geschenke unter den Baum zu legen, aber das sagte sie nicht laut, weil sie wusste, dass ihre Schwiegertochter von diesem Gedanken begeistert wäre.

Und während sie noch auf die novembertrüben Straßen schaute, reifte in Elisabeth ein wagemutiger Entschluss.

Oh ja, sie würde sich dieses Jahr von jedem ihrer Kinder etwas wünschen. Die würden Augen machen.

***

Der Adventssonntag war da. Kaffee dampfte in den Tassen, die selbst gebackenen Plätzchen dufteten und alle hatten schon gesagt, was sie sich dieses Jahr zu Weihnachten wünschen wollten. Alle, bis auf Elisabeth.

»Nun, Mutter?« Ihr Sohn Gerald sah sie fragend an. Er hoffte, dass Mutter in diesem Jahr nicht wieder so bockig sein würde wie im letzten, wo sie sich rein gar nichts gewünscht hatte.

Elisabeth lächelte ihn an.

»Ja, ich habe mir auch sehr genau überlegt, was ich mir von Euch zu Weihnachten wünschen soll. Und ich habe für jeden von Euch einen Wunsch.«

Ihre Schwiegertochter runzelte die Stirn. Man sah förmlich, dass sie das ziemlich unverschämt fand.

»Keine Sorge, das wird euch keinen Stress machen. Ich möchte nämlich von jedem von Euch ein Geschenk haben, dass ihr nirgendwo kaufen könnt.«

Es herrschte betretenes Schweigen.

»Ja, aber.« Gerald wollte etwas sagen, aber ihm fiel einfach nichts ein.

»Nun, ihr habt ja noch drei Wochen Zeit. Das sollte reichen, damit euch ein paar Ideen kommen, worüber ich mich freuen würde. Und wie gesagt, es darf euch keinen Cent kosten, das ist meine Bedingung.«

Der Rest des Nachmittags verlief mit einer ziemlich gezwungenen Fröhlichkeit.

Als Elisabeth wieder allein war, dachte sie: »Na, da haben sie jetzt was zum Überlegen.« Aber eigentlich war sie sich jetzt schon sicher, es würde nicht viel dabei herauskommen.

Sie zuckte mit den Schultern. »Egal, wenn sie nur mal nachdenken, ein wenig auch über mich.«

 

Dann war er da, der erste Weihnachtstag. Sie hatte gegessen, wie üblich Kaninchenbraten, Rotkohl und Klöße und alle anderen hatte ihre Geschenke bekommen. Nur Elisabeth noch nicht. Gerald erhob sich.

»Mutter, bist du so lieb und setzt dich in deinen Sessel. Jetzt kommt nämlich deine Bescherung.«

Elisabeth wechselte den Platz und sah ihre Familie erwartungsvoll an.

Nikki, wie immer die Ungeduldigste, sprang als Erste auf und hockte sich zu Elisabeths Füssen.

»Weißt du, Oma, du hast uns ganz schön ins Grübeln gebracht. Aber ich glaube, ich habe verstanden, worum es dir geht. Du musst dich manchmal recht einsam fühlen hier so allein. Und wir, wir haben ja alle so wenig Zeit. Das verstehst du manchmal sicher nicht. Ich habe mir gedacht, ich zeige dir einfach mal, warum ich mich so selten bei dir melden kann.«

Etwas verlegen zog sie einen verknitterten Gutschein aus ihrer Hosentasche.

»Hier, der ist für dich. Im Frühjahr, wenn das Wetter wieder besser ist, nehme ich dich für einen ganzen Tag mit in die Uni. Du gehst mit in meine Vorlesungen, wir essen gemeinsam in der Mensa und ich stelle dich meinen Freunden vor.«

Fast ein wenig ängstlich sah Nikki zu ihrer Großmutter auf. Die hatte Tränen in den Augen.

»Mein liebes Kind, du hast ganz genau verstanden, was ich euch sagen wollte und ich freue mich heute schon auf den Tag mit dir. Das ist ein wunderschönes Geschenk.«

Als Nächstes kam Gerald an die Reihe. Er räusperte sich.

»Also, Mutter, mit in mein Büro nehmen kann ich dich nicht, das verstehst du hoffentlich. Aber auch wir haben uns Gedanken gemacht und auch wir wollen dir etwas schenken, woran du lange Freude haben kannst. Ich werde im Frühjahr ein Wochenende herkommen, deinen Balkon instand setzen und dir deine Blumenkästen bepflanzen, damit du es den ganzen Sommer über schön hast. Und Ilka,« er deutete auf seine Frau »Ilka malt ja sehr gern, sie würde dir gern ein Motiv deiner Wahl auf eine der Balkonwände malen.«

Elisabeth nickte, dann umarmte sie ihren Sohn und ihre Schwiegertochter wortlos. Sie war überwältigt, nie hätte sie gedacht, dass ihre Kinder sich so viele Gedanken um sie machen würden.

Dann erhob sich Patrizia und setzte sich vor Elisabeths Sessel auf den Boden, so, wie sie es als kleines Kind auch immer getan hatte. Sie reichte Elisabeth ein rotes Samtsäckchen, in dem es seltsam klimperte.

Vorsichtig zog Elisabeth einen in eine Metallfolie verpackten Schokoladentaler aus dem Säckchen. Fragend sah sie ihre Tochter an.

»Das, liebste Mama, sind Zeittaler. Uns allen ist klar geworden, dass wir viel zu wenig Zeit mit dir verbringen und ich fürchte, das könnte im Laufe des Jahres auch wieder in Vergessenheit geraten. Und deshalb schenke ich dir diese Zeittaler. Jeder davon steht für eine Stunde meiner Zeit und du darfst frei darüber verfügen. Du kannst sie jederzeit bei mir einlösen, egal, ob ich mit frischen Brötchen zu Kaffee kommen soll, wir gemeinsam in die Stadt fahren oder einfach nur miteinander plaudern.«

Dankbar strich Elisabeth ihrer Tochter über den Kopf. Sie hätte nie erwartet, dass ihre Familie auf so unterschiedlich viele Arten sagen konnte, wie sehr sie sie lieben und dass sie einfach dazugehört.

Jetzt fehlt nur noch Lukas, dachte sie und sah sich um. Der hatte nämlich inzwischen das Zimmer verlassen. Lukas hasste Familienfeiern und Lukas mochte auch nicht über Gefühle reden. Sie hatte ihm in diesem Augenblick schon vergeben, dass er kein Geschenk für sie hatte, und wollte aufstehen.

Da betrat Lukas das Wohnzimmer, seine Gitarre in der Hand. Ganz leise sagte er: »Dieses Lied ist nur für dich, Oma.«

Und dann begann er zu singen, begleitet von dem sanften Saitenklang der Gitarre. Der Text handelte von vielen Erlebnissen, an die er sich erinnerte, von den schönen Tagen im Sommer bei den Großeltern, auch von der Trauer über den Tod des geliebten Opas und von der Liebe, die er für seine Oma empfand, wenn er es auch nicht in gesprochene Worte fassen konnte – aber er konnte es singen.

Als er das Lied beendet hatte, gab er ihr einen Zettel mit dem Text und eine Musikkassette.

»Ich habe es für dich aufgenommen, damit du es dir immer wieder anhören kannst.«

In diesem Moment brach Elisabeth in Tränen aus. Sie stammelte immer wieder nur das eine Wort.

»Danke.«


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