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Jaqueline Berger – Eine Übersicht Teil 1

Die Anfänge

Jaqueline Berger ist meine dienstälteste Protagonistin. Auch wenn sie in den Anfängen noch Joyce Berger hieß, tauchte sie doch schon in zahlreichen Texten auf, die jedoch überwiegend bei AOL erschienen. Damals, als der Dienst noch ein eigener Client mit eigenen Foren war, gab es dort eine recht lebhafte Gruppe, die sich mit selbstverfassten Geschichten befasste. Die Kritiker dort waren nicht gerade zimperlich, aber es half mir, besser und besser zu werden.

Hier einmal ein kleiner Ausschnitt aus einer dieser frühen Geschichten, die heute nur noch in den Archiven auf meiner Festplatte existieren:

[…] So leise wie möglich schlich ich die zum Glück betonierte Treppe hinunter, hielt mich dabei dicht an die Wand. Längst hatte ich die Walther PPK in der Hand, vertraute auf sie. Schon mehr als einmal hatte diese Waffe mein Leben gerettet.

Nach knapp zehn Stufen endete die Treppe vor einer morsch wirkenden Holztür. Vorsichtig drückte ich die Klinke hinunter und schob die Tür auf. Ein widerlicher Modergeruch schlug mir entgegen. Aber noch etwas roch ich. Blut. Nicht unbedingt frisch, etwa zwei oder drei Tage alt. Der süßlich-widerliche Geruch klebte regelrecht in der Luft.

Abermals ließ ich den Strahl der Lampe wandern. Alte Möbel tauchten im Lichtkegel auf, kleine Koffer und Schränke. Die ehemaligen Besitzer hatten ihr Gerümpel einfach stehen lassen.

Wo hielt er sich versteckt? Seine Augen waren es schließlich, die ihn verrieten. Wie zwei rote Punkte stachen sie aus der Dunkelheit hervor, schienen mich zu taxieren. Ein besseres Ziel konnte er kaum abgeben. Lässig hob ich den Arm mit der Waffe, zielte zwischen diese roten Punkte und drückte ab. Das Klirren von Glas mischte sich in den Knall des Schusses. Ein Spiegel. Diese Erkenntnis jagte wie ein Blitz durch meinen Kopf. Zu spät. Ein heftiger Stoß in den Rücken katapultierte mich nach vorne, und unsanft landete ich auf dem Boden. Sofort rollte ich herum, um einen etwaigen Angriff abzuwehren, aber dies war nicht nötig. Mein Gegner hatte es vorgezogen, die Flucht zu ergreifen. Schaffte er es, dass Haus zu verlassen, sanken meine Chancen, ihn doch noch zu erwischen, einem absoluten Nullpunkt entgegen.

So schnell wie möglich kam ich auf die Beine und jagte hinter ihm her. Seine Schritte hallten noch kurz in dem kleinen Flur auf, dann hörte ich die Eingangstür aufgehen. Er war draußen. Knapp zehn Sekunden später verließ auch ich das Haus, schaute mich suchend um. Er war weg, wie vom Erdboden verschluckt. Missmutig ging ich ein, vielleicht zwei Schritte, dann wurde ich erneut zu Boden gerissen. Er saß auf meinem Rücken und fauchte widerlich. Der Gestank seines fauligen Atems drang mir in die Nase, ließ mich fast würgen. Verdammt, ich war wirklich nicht in Form, hatte mich zum zweiten Mal an diesem Abend überrumpeln lassen.

Nun wollte er seine Hauer in meinen Hals schlagen, etwas, dass ich nicht so einfach zulassen konnte. Nur kurz blieb ich still liegen, machte dann plötzlich einen Katzenbuckel und drehte mich anschließend. Mein Gegner wurde von dieser Aktion überrascht, konnte sich nicht halten und kippte zur Seite. Für den langen Augenblick einer Sekunde lagen wir uns Auge in Augen gegenüber. Dann schaffte ich es, meine Waffe in Anschlag zu bringen und abzudrücken.

Die Kugel jagte aus dem Lauf und traf seinen Hals. Ein normales Geschoss hätte ihn niemals töten können. Aber meiner Spezialmunition hatte er nichts entgegenzusetzen. Sie bestand aus einer kleinen Stahlkappe und einem Mantel aus Gelatine. Diese löste sich im Körper des Getroffenen auf und setzte eine kleine Menge Weihwasser frei. Nicht sehr viel, aber es reichte, um das Böse zu zerstören.

Der Todeskampf meines Gegners dauerte kaum eine Minute. Dann lag er still auf dem Boden, ein entspanntes Lächeln auf den Lippen. Seine Hauer hatten sich zurückgebildet, und nichts erinnerte mehr daran, dass er noch vor kurzem eine Kreatur der Hölle gewesen war. Ein Vampir. […]

Dieser Ausschnitt zeigt, dass ich in dieser Zeit noch stark von John Sinclair inspiriert war. Hatte mich Larry Brent zu einem Horror-Junkie werden lassen, so war es John Sinclair, der mich dazu inspirierte, selbst die Feder zur Hand zu nehmen.

Vampire, das waren damals die Wesen der Hölle und die galt es zu bekämpfen. Tatsächlich wollte ich damals nichts anderes, als einen Sinclair schreiben – doch mit einer Protagonistin, angesiedelt in Deutschland. Joyce war zu diesem Zeitpunkt keine Schatzjägerin und auch weit von der Figur entfernt, die sie später werden würde.

Nachdem AOL seinen Dienst komplett umgestellt hatte, veröffentlichte ich vorerst nichts mehr. Stattdessen überlegte ich mir immer neue Varianten, feilte an meinem Charakter und geriet dabei auch mal auf die schiefe Bahn.

Oder besser – Jaqueline tat es, denn in einem Entwurf arbeitete sie für eine gewisse Mafia-Organisation in Rom, geleitet von DiMarco. In diesem Entwurf entstand bereit die Org., wie sie später auch in den verschiedenen Romanen auftauchte, nur waren die Rollen ein wenig verschoben.

Nun ja – retrospektiv gesehen war der Job bei DiMarco nicht das Seltsamste, denn in einer frühen Horror-Novelle arbeitete Jaqueline sogar als Call Girl.

Das las sich dann so:

[…] Oder ob man, so wie ich, sein Geld damit verdient, indem man reichen Herren und manchmal auch reichen Damen die Einsamkeit vertreibt. Als Gesellschafterin, Begleiterin oder – der geläufigste Ausdruck – als Callgirl.

Seit knapp drei Jahren war ich in diesem Gewerbe. Erfolgreiche Jahre, wie ich nicht ohne Stolz feststellen darf. Mein Aussehen verhalf mir zu einem guten Start und der größte Stress bestand im Grunde darin, dieses Aussehen zu halten. Viele Stunden im Fitnessstudio und auch bei einem Karatetrainer sowie Enthaltsamkeit was Schokolade und andere Leckereien betraf waren der Preis für ein relativ sorgloses Leben. Jedenfalls, wenn man das Finanzielle betrachtete. Niemals musste ich an einer schmutzigen Straßenecke stehen und dort auf heruntergekommene Freier warten. Meine Kunden entstammten einem anderen Klassement, waren als Manager oder Politiker tätig und kamen aus den verschiedensten Ländern. Ein Vorteil von Frankfurt ist seine Internationalität, und diesen Vorteil hatte ich mir zu Nutzen gemacht.

Meine Eltern wussten von diesem Job, akzeptierten ihn. So wie sie alles akzeptiert hatten, was ich in meinem Leben getan hatte. Als Kosmopoliten waren sie nicht auf die deutsche Lebensart beschränkt und damit auch nicht auf die Spießigkeit, die den meisten Landleuten inne lag. Vielleicht trösteten sie sich auch mit dem Gedanken, dass zumindest aus meinem Bruder und meiner kleinen Schwester etwas Ordentliches geworden war. Frank arbeitete bei einer Softwarefirma und stellte Programme für den Einzelhandel her, während Sybille als Architektin ihr Geld verdiente.

Meine Eltern. Immer wieder wanderten meine Gedanken in diesen Minuten zu ihnen zurück. Warum nur? Eigentlich gab es keinen Grund dafür. Sie lebten glücklich und zufrieden in ihrer Villa, abseits des Trubels der Großstadt und versuchten, den Reichtum, den sie einerseits erwirtschaftet, andererseits geerbt hatten, unter das Volk zu bringen. Wahrscheinlich waren sie gerade damit beschäftigt, irgendwelche sündhaft teuren Geschenke einzupacken und unter einen Mammut-Weihnachtsbaum zu legen. Weihnachtsgeschenke für Menschen, die schon alles hatten oder sich zumindest alles kaufen konnten.

Im Geiste ging ich meine eigene Geschenkliste durch, stellte zufrieden fest, alles zu haben. Kein Abhetzen mehr am Heilig Abend und kein Stress in überfüllten Shops und Kaufhäusern.

Ich nahm mir vor, später bei ihnen durchzuklingeln. Irgendwann zwischen Abendessen und buntem Abend würde sich schon eine Gelegenheit ergeben. Notfalls musste Ripley, mein Kunde aus Amerika, etwas warten. Gefährlich in seinem Alter, wo ihn jede Sekunde einem schnellen Herzinfarkt näherbrachte. Aber nicht zu ändern.

Ich verließ die Dusche und rieb mich mit einer Lotion ein. Wasser trocknete meine Haut aus, ließ sie schuppig werden. Nicht eben appetitlich. Also gab ich ihr, was sie brauchte. Mit seinem Körper sollte man sich lieber nicht anlegen.

Draußen, vor den Fenstern der riesigen Burg, war die Sonne bereits untergegangen. Der Garten mit seinen Kirschbäumen lag im Dunklen, ebenso der Burghof, der sich nach der anderen Seite hin erstreckte.

Burg Meienhardt.

Eine Trutzburg und so, wie man sich eine Mittelalterliche Burg vorzustellen hat. Ohne dass auch nur ein einziges Detail fehlte, war sie perfekt erhalten. Angefangen von den Zinnen über die Ahnengalerie bis hin zu Folterkammer und Kerker im Keller. Einst von Elisabeth von Meienhardts Vater erbaut, hatte sie erst unter der Fürstin ihren Höhepunkt erlebt. […]

Auch in diesem Ausschnitt zeigt sich, dass viele meiner Ideen schon in frühen Phasen eine Rolle spielten – hier ist Burg Meienhardt samt ihrer Bewohnerin, die im weiteren Verlauf von Jaquelines Werdegang noch eine wichtige Rolle spielte; wenn auch viele Jahre, nachdem dieser Text entstand!

Im Laufe der Zeit entstanden Variationen verschiedener Geschichten, Jaqueline machte diverse Wandlungen durch und entwickelte sich parallel zu meinem Schreibstil.

Noch etwas früher als Jaqueline, jedoch heute nur noch eine Randperson, entwickelte ich die Figur John Harvey.

Er war der Haupt-Charakter meiner ersten Horror-Story, die ich jemals jemandem gab; meinen Eltern und meinen Kollegen, später auch der AOL-Gemeinde. Anfänglich war er ein Tierarzt, der zufällig mit dem Horror in Kontakt kommt. Später wurde er zu einem Sonderermittler im Bereich Horror, ehe aus ihm schließlich der Leiter von Star Gate wurde.

Hier nun ein Auszug aus dieser ersten Story mit dem Titel »Horrornächte«:

Vollmond! Es gibt Leute, denen macht der Vollmond nichts aus. Ich gehöre leider nicht dazu. Bereits als kleines Kind hatte ich bei Vollmond Schlafstörungen.

Daran änderte sich auch nach meinem Umzug in eine kleine Stadt in Texas nichts.

Oh, ich habe mich noch nicht vorgestellt: Mein Name ist John Harvey und von Beruf bin ich Tierarzt. Nach meinem Studium machte ich mich gleich auf Arbeitsuche und fand diese Stelle. Der ansässige Tierarzt suchte einen Assistenten und bezahlte gut. Da ich ein Mensch bin, der die Ruhe mag, machte es mir auch nichts aus, am Ende der Welt zu arbeiten.

Ich war etwa sechs Monate hier, als es das erste Mal geschah. Ich lag wieder mal wach im Bett, als ich vor meinem Fenster Lichter sah. Da unweit von meinem Fenster der Wald beginnt, glaubte ich erst, es seien Jäger. Nachdem ich das Fenster geöffnet hatte, hörte ich jedoch einen merkwürdigen Singsang, der mir von der Gruppe herüber wehte. Da Jäger im Allgemeinen nicht singen, wenn sie auf die Pirsch gehen, verwarf ich diesen Gedanken wieder. Ich kam auch nicht dazu, noch länger darüber nachzudenken, denn in diesem Moment wurde ich zu einem kranken Rind gerufen. Eine Woche später las ich einen Bericht, demzufolge ein Katzenklau in unserer Gegend umging, denn innerhalb von nur vier Monaten waren nicht weniger als zwölf Katzen verschwunden.

Ich hatte die Sache mit den Katzen und den Lichtern längst vergessen, als ich eines Nachts am offenen Fenster stand und mir die mondhelle Landschaft betrachtete. Plötzlich vernahm ich wieder diesen Singsang und gleich darauf waren auch die ersten Lichter zu sehen. Da ich sowieso nicht schlafen konnte, entschied ich mich, diesem Umzug zu folgen.  […]

Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis sich Jaqueline Berger zu jener Frau entwickelt hatte, die meine Leser heute kennen. Aber davon möchte ich im nächsten Artikel berichten!

 (ga)