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Jackson – Teil 12

Duell ohne Gnade

Die beiden Männer entdeckten den Toten, kaum dass sie die Bodenwelle hinter sich gelassen hatten. Ich sah es an ihrem Verhalten. Sie fluchten lauthals und gestikulierten mit den Händen wie die Verrückten.

Dass sie ihn gefunden hatten, wunderte mich nicht, schließlich war seine weiße Uniform, oder vielmehr das, was von ihr noch übrig geblieben war, weithin in der ockerfarbenen Wüstenlandschaft zu sehen. Außerdem zogen bereits einige Vögel ihre Kreise über der Leiche.

Mindestens ein halbes Dutzend gefiederter Aasfresser schwebte mit weit ausgebreiteten Schwingen am wolkenlosen Himmel.

Gerade in der Wüste, auch wenn es dort nichts außer Sand, Steine und Staub zu geben scheint, lockte etwas Totes oder Verwesendes innerhalb von Sekunden derartiges Getier an.

Diese seltsame Einöde, in die es mich verschlagen hatte, machte da keine Ausnahme.

Ich hätte es also wissen müssen, bevor ich damit anfing, ihn auszugraben. Im Stillen begann ich meinen Leichtsinn zu verfluchen. Aber es war nicht mehr zu ändern und deshalb beobachtete ich die Männer ganz genau.

Als sie den Toten erreicht hatten, blieben sie einen Moment lang beinahe andächtig vor der Sandkuhle stehen, die zu seinem Grab geworden war.

Plötzlich bückte sich der Größere der beiden, suchte mit seinen Blicken den Boden ab und richtete sich wieder auf.

Der allgegenwärtige Wüstenwind trug mir ihre Stimmen zu.

»Sieh dir das mal an, Mike!«

Der Angesprochene stöhnte und drehte den Kopf mit einer müden Bewegung.

»Was ist denn jetzt schon wieder? Verdammt Joe, kannst du mich nicht mal für einen Moment in Ruhe lassen?«

»Hör auf, ständig herumzumeckern, und komm endlich her.«

Joe wartete, bis sich der andere an seine Seite bemühte, und deutete dann aufgeregt auf den Boden. »Na, was siehst du?«

»Fußspuren!«, sagte Mike.

»Eben«, erwiderte Joe und nickte. »Aber es sind nicht unsere.«

Die Haltung der beiden Männer veränderte sich schlagartig. Ungläubig musterte der mit Mike angesprochene Mann die Spuren auf dem Boden. Obwohl sein Gesicht unrasiert und von Erschöpfung gezeichnet war, konnte ich die Betroffenheit in seinen Zügen deutlich ausmachen. Joe, der andere Mann, brachte sein Gewehr in Anschlag und blickte sich suchend um. Dabei blieb sein Blick immer wieder an der bizarren Felsformation hängen, hinter der ich mich versteckt hielt.

Als sich die beiden mit ein paar knappen Handbewegungen darauf verständigten, sich diesen Felsen zu nähern, war ich mir darüber im Klaren, dass es sich nur noch um Sekunden handeln konnte, bis die Männer mich entdecken würden. Ich riss das Gewehr an die Schulter, nahm Joe, den vorderen der beiden ins Visier und wartete.

Als die Männer noch etwa zwanzig Schritte von meiner Deckung entfernt waren, legte ich den Zeigefinger um den Abzug. Ich hielt den Atem an und machte bei ihrem nächsten Schritt den Finger krumm.

Ich traf Joe in die rechte Schulter.

Er schrie auf und ging zu Boden. Mike reagierte blitzschnell. Der blaue Lichtstrahl, der aus dem Lauf seiner Laserwaffe fuhr, verfehlte mich nur um Haaresbreite. Ich konnte seinen Gluthauch spüren, als er an meiner Wange vorbeizischte und sich in einen der hinter mir liegenden, halbhohen Felsen bohrte. Die mörderische Hitze des Laserstrahls ließ das Gestein wie eine überreife Melone platzen und überschüttete mich mit einem Regen aus Gesteinssplittern. Einige davon trafen meinen Rücken und meine vom Sonnenbrand lädierte Haut. Augenblicklich blutete ich aus vielen kleinen Wunden.

Inzwischen rannten die beiden Männer brüllend auf mich zu.

Ich reagierte emotionslos wie eine Maschine, war ich doch lange genug im Geschäft, um zu wissen, wie man überlebt.

Du musst ein Arschloch sein, war eine der Thesen von Riley Warrington, meinem Ausbilder bei der Army, und der Mann hatte recht. Mit Zeigefinger erheben und böse, böse sagen wurde man in meinem Metier nicht alt. Hier galt der Grundsatz: Erst schießen und dann fragen, es sei denn, man hatte keine Lust mehr, den nächsten Sonnenaufgang zu erleben.

Aber ich wollte leben!

Also konnte ich keine Gnade walten lassen.

Ich warf mich zu Boden, fixierte den Gewehrlauf auf einem Stein und feuerte, was die Waffe hergab.

Mike wurde von einer unsichtbaren Riesenfaust gepackt und nach hinten gestoßen. Er taumelte und versuchte, mit rudernden Armen das Gleichgewicht zu halten. Seine Augen quollen fast aus den Höhlen. Unsagbare Verwunderung lag in seinem Blick, als er das kreisrunde Loch in seinem Bauch bemerkte. Lautlos stürzte er auf die Knie. Die Waffe entfiel seinen Händen und sein Oberkörper beugte sich langsam nach vorne. Dann krachte er mit dem Gesicht voraus zu Boden und begrub sein Gewehr unter sich.

Joe wurde von meinem Treffer zur Seite geschleudert. Er ließ seine Waffe fallen und prallte mit dem Rücken gegen einen der umliegenden Felsbrocken. Er rutschte daran hinunter und blieb benommen am Boden liegen. Blut rann aus seiner Brust, vermischte sich mit dem aus seiner Schulterwunde und malte ein hässliches Muster auf seine weiße Uniform.

Ich verließ meine Deckung und näherte mich mit dem Gewehr im Anschlag dem Verletzten.

Schmerz und Erstaunen spiegelten sich gleichermaßen in seinem verzerrten Gesicht. Er starrte mich an wie einen Hund mit sechs Beinen.

Ich wusste nicht, was ihn mehr irritierte: die Tatsache, dass ich keiner von den Urmenschen war, oder meine Nacktheit.

»Wer zum Teufel bist du?«

»Adam Jackson«, erwiderte ich und wischte mir mit der Armbeuge den Schweiß aus der Stirn. »Aber mein Name ist uninteressant, interessanter ist vielmehr deine Existenz. Was wird hier eigentlich gespielt? Allmählich komme ich mir vor wie in einem schlechten Film, in dem Neandertaler, Ufos und Dinosaurier die Hauptrolle spielen.«

Joe lächelte gequält. »Wenn ich versuche, dir das zu erklären, bringen sie mich um.«

Ich ging auf ihn zu und setzte mich vor ihm auf den Boden.

»Versuche es trotzdem, ansonsten bringe ich dich um.«

Er schaute mich zweifelnd an. Dann nickte er schwach und hielt plötzlich ein silbrig glänzendes Etwas in der Hand.

Ich wusste nicht, was es war, aber es war garantiert kein Spielzeug. Ich sah ein kleines Rohr, ähnlich einem Strohhalm, dessen Ende auf meine Magengegend gerichtet war, und einen Schalter, den Joe versuchte umzulegen. Aber er war zu schwach, ich hatte ihn doch schwerer getroffen, als es den Anschein hatte.

Ich reagierte sofort, beugte mich vor und schlug ihm das Ding einfach aus der Hand.

Joe bäumte sich auf, seine Augen wurden glasig, dann kippte er vor mir zu Boden.

Es machte den Anschein, als hätte ich ihm mit meiner Reaktion endgültig den Lebensnerv durchtrennt. Mit einem lästerlichen Fluch drehte ich ihn auf den Rücken.

Joe war tatsächlich tot, sein gebrochener Blick beseitigte meine letzten Zweifel.

Ich fluchte erneut, diesmal noch wilder und gemeiner. Wieder einmal war die Chance vertan, endlich Licht in das Dunkel dieses geheimnisvollen Geschehens zu bringen.

Ich war immer noch so schlau wie am Anfang dieses Szenarios, als ich mit Arne und dem Piloten aus dem brennenden Wrack der Piper rannte.

 

***

Zwei Stunden später setzte ich meinen Weg in Richtung Osten fort. Diesmal allerdings unter ganz anderen Voraussetzungen.

Ich war jetzt bis an die Zähne bewaffnet! Eine der Laserwaffen hielt ich in den Händen und hatte mir die beiden anderen umgehängt. Die Dinger waren trotz ihrer tödlichen Schusskraft leicht wie eine Briefmarke. Bei jedem Schritt hüpften sie auf meinem Rücken wie Gummipuppen hin und her.

Das kleine Etwas, das Joe noch vor seinem Tod auf mich richten wollte, hing rechts an meinem Gürtel, es hatte sich als eine Art Taschenrevolver entpuppt. Daneben steckte in einer Lederscheide ein Messer mit gezackter Klinge, wie ich es vom Überlebenstraining aus der Army her kannte. Eine Wasserflasche und ein Etui mit Verbandszeug, Kompass und ähnlichen Dingen vervollständigten das Gürtelset.

Bevor jemand, der irgendwann einmal meine Tagebuchaufzeichnungen liest, ins Grübeln kommt, sollte ich vielleicht vorausschicken, dass ich mich reichhaltig aus dem Fundus der Männer bedient hatte, bevor ich sie notdürftig im Sand verscharrte.

Auch trug ich jetzt Joes Kleider. Abgesehen von dem kleinen Loch in der Schulter und dem auf der Brust waren die Sachen eine Wucht. Der Stoff war hitzeabweisend, die Stiefel bequem und die Ausrüstung mit allerlei technischem Schnickschnack versehen, der mich immer wieder staunen ließ. Nur mit den Helmen hatte ich so meine Probleme.

Sie waren zwar gepolstert, verfügten über eine Art Kühlsystem und die Sichtfenster ließen das grelle Sonnenlicht kaum an einen heran, trotzdem konnte ich mich mit ihnen nicht anfreunden. Die Dinger waren zum Bersten gefüllt mit Elektronik, überall Kabel, Relais, blinkende Lichtchen.

Als ich mir einen davon zum ersten Mal überstülpte, hatte ich sofort ein Rauschen und Knacken im Ohr. Kurz darauf waren, wenn auch leise und undeutlich, Wortfetzen zu hören.

Sobald man den Helm also aufsetzte, schien man automatisch mit irgendeiner Leitstelle verbunden zu sein und konnte geortet werden. Darauf verwettete ich meinen Arsch, auch wenn es nur so ein Gefühl war und ich es weder erklären noch beweisen konnte.

Ich schnappte mir die Helme von Mike und Joe und donnerte sie solange gegen die Felsen, bis sie das Aussehen eines Kleinwagens hatten, der mit einhundertzwanzig Meilen gegen eine Betonwand gebrettert war.

Die spärlichen Reste begrub ich zusammen mit den Männern in einer Sandkuhle.

Ich war lange unschlüssig, in welche Richtung ich gehen sollte. Mein Herz sagte: Zu Yalla, mit diesen Waffen konnten mir die Nayanos nichts anhaben, aber mein Verstand sagte: nach Osten.

Was ich auch schließlich tat.

Die Wahrscheinlichkeit, eine Antwort auf das, was hier passierte, zu erhalten, war dort, wo die Geschichte ihren Anfang genommen hatte, größer als in dem Lager der Nayanos.

Ich folgte also meinem Verstand, obwohl ich an dieser Entscheidung schwer zu kauen hatte. Ich war zwar ein Spätzünder, aber in der Zwischenzeit konnte ich auch auf eine stattliche Zahl von Eroberungen zurückblicken. Es waren Millionärsgattinnen darunter, ein Fotomodell und zwei Schauspielerinnen. Aber ihre Bilder verblassten gegenüber Yalla.

Das Barbarenmädchen ging mir einfach nicht aus dem Kopf.

 

***

Irgendwann blieb ich stehen.

Die Sonne war längst untergegangen und am Himmel blinkten die ersten Sterne. Es war Nacht und so dunkel wie in einem Bärenhintern.

Ich konnte kaum etwas sehen und hatte mir in den letzten Minuten immer öfter das Schienbein an den umliegenden Felsbrocken angeschlagen oder war mit dem Kopf gegen die tief hängenden Zweige eines Dornenbuschs gelaufen.

Ich hatte keine Lust, mir in der Dunkelheit womöglich noch die Knochen zu brechen. Ich versuchte, so flach wie möglich zu atmen, und lauschte einige Minuten lang in die Dunkelheit hinein.

Rechts von mir knackte es im Unterholz, der allgegenwärtige Wind raschelte in den Büschen und über mir war der Flügelschlag eines Vogels zu hören. Es waren normale Geräusche, die in eine Wildnis gehörten.

Ich kroch tiefer in das Unterholz und ließ mich zu Boden sinken, als ich unter mir einen kleinen Streifen mit Igelgras ertastete. Lustlos nahm ich einen Schluck Wasser aus der Feldflasche, ich war viel zu müde und zu erschöpft, um irgendein Hunger oder Durstgefühl zu verspüren. Ich legte die Waffen griffbereit neben mich, rollte mich zusammen und war eingeschlafen, kaum dass ich die Augen zumachte.

Mit dem ersten Sonnenstrahl wurde ich wieder wach. Ich gähnte und wälzte mich herum, als mir ein Geruch in die Nase stieg, der eigentlich nicht in eine Wildnis gehörte.

Rauch lag plötzlich in der Luft.

Irgendjemand hatte ein Feuer entfacht.

Ich sprang auf die Beine, schulterte zwei der Gewehre und verließ das Unterholz. Mit dem Finger am Abzug der dritten Waffe schlich ich vorsichtig weiter.

Ich war auf der Hut, beim geringsten Laut hielt ich in meinen Bewegungen inne und zielte mit dem Gewehr sofort in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.

Aber es blieb still, weder ein Tier noch einer von diesen Männern mit den weißen Uniformen tauchte vor mir auf.

Dafür wurde der Geruch von Rauch umso stärker, je weiter ich vorwärts ging.

 

Fortsetzung folgt …