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Der schwarze Mann

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Wilder Westen Band 3

Der König von Louisiana

Die wahre Geschichte des Robert de La Salle Abenteurer, Amerikaforscher, Märtyrer

Texas, 19. März 1867
Eine andächtige Stille lag über dem Trinity River.
Das bleigraue Wasser des Flusses plätscherte träge gegen die sandigen Ufer und die Abendsonne tauchte das Land in ihr blutrotes Licht. Der Wind brach sich in den Büschen und ein Adler zog lautlos seine Kreise am wolkenverhangenen Himmel.
Antilopen ästen auf dem offenen Grasland, hier und da hoppelten ein paar Hasen umher.
Plötzlich durchbrach ein aus der Ferne kommender, anfangs kaum wahrnehmbarer Laut die Stille, kam näher und näher und wurde schließlich zum Stampfen lederner Stiefel.
Die Langohren spitzten ihre Löffel und verharrten.
Unvermittelt wurden Stimmen laut und zerstörten die Idylle so jäh wie der Sturm ein Dach aus welken Blättern. Die Hasen rannten hakenschlagend ins Unterholz und am Wasser erhob sich ein Vogelschwarm aus dem Uferschilf und flatterte krächzend davon. Die Antilopen bewegten sich lautlos zum Fluss hinunter, der Adler segelte mit dem Wind nach Norden.
Kurze Zeit später tauchten zwei Männer scheinbar wie aus dem Nichts hinter einer Bodenwelle auf und liefen auf eine nahe Hügelkette zu.
Pater Anastasius war untersetzt und dick und hatte ein rundes, gutmütiges Mondgesicht.
In seiner erdfarbenen Soutane wirkte er neben dem hageren La Salle wie ein klotziger alter Schrank. Trotzdem bewegte er sich mit einer Behändigkeit, die man ihm bei seiner Körperfülle gar nicht zugetraut hätte.
Der Franziskanermönch war ein ausdauernder Wanderer.
Er lebte schon etliche Jahre in diesem Land, das sie NeuFrankreich nannten, und hatte bereits an vielen Expeditionen, die ihn tief in dessen unerforschte Weiten führten, teilgenommen. Er glaubte, gut zu Fuß zu sein, aber dennoch hatte er jetzt Mühe, dem Gouverneur zu folgen.
»Jetzt beruhigen Sie sich doch, Monsieur de La Salle«, keuchte der Pater, während er versuchte, mit dem Mann Schritt zu halten. »Die Männer werden sich bestimmt an Ihre Anweisungen gehalten haben. Sie sind schließlich der Gouverneur.«
»Ha…« La Salle lachte bitter. »Ich kenne Leutnant Duhaut und seine Kumpanen. Sie werden auf meine Order pfeifen, sobald sie das Vorratsdepot entdeckt haben. Wahrscheinlich werden sie sich die Bäuche vollstopfen, bis sie platzen. Danach bringen sie vielleicht den Rest ins Lager, aber auch nur vielleicht.«
Statt einer Antwort blieb der Mönch abrupt stehen.
Er beschattete zum Schutz vor der tief stehenden Abendsonne mit der Rechten seine Augen und starrte angestrengt nach vorne. Dort kreisten über einer Anhöhe ein paar Raubvögel mit ausgebreiteten Schwingen um einen einzeln stehenden Baum. Sie waren, was die Männer nicht wissen konnten, durch die Überreste eines erlegten Büffels angelockt worden.
»Was ist, was gibt es dort zu sehen?«, wollte La Salle von dem Pater wissen, nachdem er ebenfalls stehen geblieben war.
Anastasius zuckte mit den Schultern und deutete auf den Hügel.
»Vielleicht täusche ich mich auch, aber ich bin der Meinung, dort unter dem Baum einen Menschen sitzen zu sehen.«
La Salle blickte nun auch zu dem Baum hinüber.
»Teufel auch«, entfuhr es ihm einen Augenblick später. »Dort sitzt tatsächlich jemand, und wenn mich nicht alles täuscht, ist das sogar einer der Unseren.«
Die beiden ungleichen Männer hasteten die Anhöhe hinauf und blieben erstaunt vor einem Mann stehen, der sichtlich erschöpft am Boden saß und sich mit dem Rücken gegen den Baumstamm lehnte. Es war tatsächlich einer der Männer aus La Salles Gefolge.
Der Mann hieß Archeveque, er war einer der schwarzen Diener von Leutnant Duhaut.
»Wo sind die anderen?«, wollte der Pater wissen.
Erschöpft deutete der Schwarze hinter sich. »Gleich dahinten, mon pere, sie packen gerade zusammen.«
La Salle stürmte sofort los und der Geistliche hatte erneut Mühe, ihm zu folgen.
Als sie etwa zwanzig Schritte zurückgelegt hatten, begann es vor ihnen in einer Buschgruppe laut zu rascheln. Holz brach knirschend und die Zweige teilten sich, als Leutnant Duhaut wie ein wildgewordener Büffel mit einer Muskete bewaffnet aus dem Gebüsch brach. Abrupt blieb er stehen und stierte den Gouverneur aus blutunterlaufenen Augen an.
Die Waffe in seinen Händen war schussbereit.
»Endlich, jetzt wird abgerechnet, du Menschenschinder!«
Ein metallisches Klacken ließ Gouverneur La Salle zurückzucken, doch es war zu spät.
Dröhnend krachte der Schuss aus der schweren Muskete. Die Bleikugel traf ihn in die Brust und ließ ihn taumeln.
La Salle riss den Mund auf und brach in die Knie.
Während sich der Leutnant umdrehte und wie ein Verrückter lachend gen Osten davonlief, kümmerte sich Anastasius sofort um den Schwerverletzten. Aber bereits ein erster Blick auf die fürchterliche Wunde zeigte dem Geistlichen auf, dass hier jede Hilfe zu spät kam.
Robert Rene Cavalier de La Salle1 starb eine Stunde später.
La Salle war dreiundvierzig Jahre alt, als ihm der Franziskanermönch die Absolution erteilte.
Kurz darauf begrub ihn Anastasius. Während er mit den Händen die vom Regen immer noch feuchte Erde auf den Leichnam schaufelte, schweiften die Gedanken des Geistlichen in die Vergangenheit ab. Zurück in die kleine Stadtfestung Mont Royal, in das Jahr 1675, wo alles im Arbeitszimmer des Grafen Louis de Frontenac, dem Generalgouverneur von NeuFrankreich, seinen Anfang genommen hatte.

***

Entgegen dem hohen Amt, das Louis de Frontenac in diesem Land innehatte, war sein Arbeitszimmer ungewöhnlich spartanisch eingerichtet.
Sämtliche Wände des viereckigen Raumes waren fast bis unter die Decke mit Regalbrettern voller Bücher, Karten und Pergamentrollen vollgestopft. Ein breiter Tisch, ein mit Teppichstoff bespannter, unbequem wirkender Stuhl und eine Handvoll Kerzenleuchter waren alles, was sich dem Auge eines neutralen Betrachters darbot.
An diesem speziellen Nachmittag aber gehörten noch zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, zum Gesamtbild des Zimmers.
Einer von ihnen war Soldat, ein alter Haudegen, der fast vierzig Jahre seines Lebens ununterbrochen in den Krieg gezogen war. Er galt als ausgezeichneter Menschenkenner und gebildeter Mann, der die Literatur seiner Zeit studierte und sogar selber Gedichte schrieb.
Sein voller Name war Louis de Bouade, Comte de Palluau et de Frontenac.
Das sich dieser Mann mit seiner Bildung und der Erfahrung jahrzehntelanger Kriegszüge in der Abgeschiedenheit einer kleinen, befestigten Siedlung im Nordosten von Kanada befand und nicht eine hoch dotierte Stellung am Hofe König Ludwigs den XIV. innehatte, verdankte er dem Umstand, ein besonders guter Freund einer gewissen Madame de Montespan gewesen zu sein. Um bei besagter Dame selber zum Zug zu kommen, hatte ihn der König als Nebenbuhler aus dem Weg geräumt, indem er ihn einfach als Generalgouverneur nach Kanada beorderte.
Aber Frontenac hatte sich, in der kurzen Zeit, seit er hier war, bereits mit seinem Schicksal abgefunden und herrschte nun über die neuen Kolonien, als wäre er selbst ein König.
Der zweite Mann in dem Zimmer war ein ungewöhnlich blassgesichtiger junger Mann in der Kleidung eines einfachen Siedlers. Sein Name war Louis Joliet und eigentlich war es ein Wunder, dass er überhaupt noch am Leben war und jetzt an der Seite Frontenacs vor dem großen Tisch stand.
Er war erst vor einigen Tagen von einer Expedition aus dem Landesinnern zurückgekommen, die er ob seiner jugendlichen Ungeduld beinahe nicht überlebt hätte.
Er war dabei soweit vorgedrungen, wie bisher kein Mensch vor ihm. Seine Aufzeichnungen und Landkarten wären für den Gouverneur von unschätzbarem Wert gewesen und im Geiste sah sich Joliet schon mit einer fürstlichen Belohnung bedacht, als er sich in seinem Eifer zu einer unbedachten Handlung hinreißen ließ.
Oberhalb von Mont Royal gab es auf dem St. Lorenzstrom einen Flussabschnitt mit gefährlichen Stromschnellen. Normalerweise trugen die Reisenden ihre Boote in endlosen Stunden um dieses Hindernis herum, aber Joliet wollte keine Zeit verlieren und dem Gouverneur so schnell wie möglich die Ergebnisse seiner Expedition übergeben. Er schlug alle Warnungen in den Wind und machte sich mit drei seiner indianischen Begleiter und einem Rindenkanu direkt durch die Stromschnellen auf den Weg nach Mont Royal.
Es kam, wie es kommen musste.
Das reißende Gewässer packte das zerbrechliche Kanu und schleuderte es gegen die Klippen. Zwei der Indianer ertranken sofort, während der dritte und Joliet von der Gewalt der Wassermassen fortgerissen und irgendwann mit gebrochenen Rippen ans Ufer gespült wurden. Alle Aufzeichnungen und Karten waren verloren und Joliet musste mit leeren Händen vor den Gouverneur treten. Dieser Umstand, zusammen mit seinen gebrochenen Knochen, war auch der Grund für die ungewöhnliche Blässe des jungen Mannes, obwohl er sich eigentlich hauptsächlich im Freien aufhielt.
»Pardon Exzellenz«, sagte Joliet zerknirscht. »Als Beweis für meine Berichte kann ich lediglich Pater Marquette benennen, der aber alles Wort für Wort bestätigen wird.«
Louis de Frontenac lächelte milde.
»Der Verlust Ihrer Aufzeichnungen ist zwar bedauerlich, aber Ihr Ruf und Ihre Zuverlässigkeit lassen mich keinen Moment an Ihren Aussagen zweifeln. Danken Sie Gott, dass dieses wilde Wasser nicht auch Sie verschlungen hat.«
Dann breitete er eine riesige Landkarte auf dem Tisch aus, deren Enden er mit Büchern und Kerzenleuchtern beschwerte. Seufzend zeigte er auf die Karte, die nur an der oberen, rechten Ecke einige Striche und Zeichnungen aufwies und ansonsten ein großes, leeres Blatt Papier war.
»Wie Sie unschwer erkennen können, gibt es südlich der Großen Seen noch keinen Strich oder Punkt. Das ganze Land hinter Mont Royal ist nichts anderes als ein großer, weißer Fleck auf unseren Karten. Ich hoffe jedoch, das wir nach Ihren Berichten in diesen Fleck so einiges hineinzeichnen können.«
»Ich fürchte fast, wir müssen noch ein Blatt hinzufügen. Das Land dehnt sich weiter aus, als wir bisher alle gedacht haben, und der Mississippi, der dort durchfließt, ist größer und gewaltiger als jeder andere Fluss, den ich bis dahin zu Gesicht bekommen habe.«
Frontenac lachte lauthals auf. »Das ist kein Problem. Im Generalgouvernement gibt es so viel Papier, dass ich sämtliche Straßen von Mont Royal damit bedecken könnte.«
Danach wurde sein Gesicht aber sofort wieder ernst.
»Bevor Sie aber mit Ihren Berichten beginnen, möchte ich noch Monsieur de La Salle hinzuziehen. Er hat selber einige Reisen in den Westen unternommen und ich bin sicher, dass wir gemeinsam diese Karte viel schneller ausfüllen können. Sie erlauben doch, das er Ihren Ausführungen beiwohnt?«


Die vollständige Story steht als PDF-Download zur Verfügung.

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Show 1 footnote

  1. Cavalier war kein Titel, den er irgendwann erworben hatte, sondern sein eigentlicher Familienname. Er nannte sich ›de La Salle‹ nach dem Grundbesitz seiner Eltern, wie es im Frankreich der damaligen Jahre üblich war.

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