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Westernkurier Special 01/2014

Der kleine Buckskin

August ist der heißeste Monat in den Great Plains. Spärlich stand das vertrocknete Gras am Halm. »Heu am Stiel« nannte es mein Mann scherzhaft. Die Hitze flimmerte tatsächlich über dem Boden. Seit einer halben Stunde war ich zu Fuß unterwegs, stieg auf Präriehügel und suchte in den Tälern. Meine Jeans klebte an der Haut. Noch immer hatte ich die Pferdeherde nicht gefunden. Ich war allein auf der Suche nach einer Quater Fuchsstute, die ich heute reiten durfte und ihr etwas beibringen sollte. Nach einer weiteren viertel Stunde fand ich die Pferde am Unterstand im Schatten. Ich musste lachen, denn ich war im Kreis gelaufen. Ich hatte die Fuchsstute mit der weißen Blesse und den vier weißen Strümpfen endlich gefunden. Sie hob tatsächlich den Kopf und sah zu mir. Doch dann fiel mir ein anderes Pferd in der Herde auf. Ein kleiner Buckskin, kleiner als die kräftigen Quater. Er beachtete mich erst, als ich auf ihn zuging. Er hatte eine böse Verletzung. Eine große Risswunde, von der Brust über die linke Schulter, war aufgeplatzt, wie ein frischgebackenes Brot. Er musste Schmerzen haben! Ich legte ihm das Halfter an, das ich für die Stute mitgenommen hatte. Er ließ es einfach zu, als wäre ihm das egal. Ich war schließlich ein völlig fremder Zweibeiner. Ohne zu zögern folgte er mir. Als ich das Tor öffnete, weigerte sich der kleine Buckskin allerdings weiterzugehen. Der Beweis dafür, dass er sich die Verletzung am Stacheldraht zugezogen haben musste. Also warf ich den Holzpfosten mit dem Stacheldraht weit weg von uns. Vorsichtig folgte er mir und wartete auf mich, während ich das Tor wieder einhängte. Dann gingen wir beide zum Haus meiner Freundin, seiner Besitzerin.

Buckskin, was wörtlich »Rehhaut« heißt, hat mehrere Bedeutungen. Zum einen bezeichnen die Amerikaner damit hellbraunes Wildleder und Kleidung aus diesem Leder, vornehmlich weicher Reh- oder Hirschhaut. Sie besitzt besondere Eigenschaften, die bereits die Ureinwohner sehr schätzten. Leder dehnt sich, ist wasserabweisend, passt sich gut am Körper des Trägers an und ist atmungsaktiv. Es lebt. Die typische Rehfellfarbe war und ist Grund für diese Bezeichnung: Buckskin

Die typische Rehfellfarbe gab auch den Buckskin-Pferden diese Bezeichnung. Die vornehmlich durchweg hellbraunen Pferde haben oft dunkle bis schwarze Mähnen, Schweife und Beine. Hier möchte ich auf die wohl bekanntesten Vertreter aus Filmen hinweisen, in denen sie eine wichtige Rolle spielten: Cisco in Der mit dem Wolf tanzt und Spirit in dem gleichnamigen Trickfilm, damit Sie sich ein Bild davon machen können.

Buckskins sind daher keine spezielle Pferderasse oder Züchtungen. Sie verdanken ihre Bezeichnung einzig und allein ihrer Fellfarbe. Diese taucht in fast allen Rassen und Züchtungen auf. Eine Laune der Natur. Eine genetische Vorbestimmung durch Eltern und deren Vorfahren. Während Züchter bestimmte Rassen nach Blutlinien vermehren, züchten andere nach Vorliebe bestimmte Fellfarben heraus. Das Quaterhorse, der wohl bekannteste Arbeitskollege der nordamerikanischen Cowboys, wurde auf seinen Körperbau, Stärke der Hinterhand und Nervenstärke, die sich in Gelassenheit zeigt, ausgerichtet. Das war und ist sehr wichtig für die Arbeit mit dem Pferd am Rind. Auch heute noch! Quater sind auf kurzen Strecken in puncto Geschwindigkeit unschlagbar. Das brachte ihnen nach den bekannten »Viertelmeilenrennen« ihren Namen ein: Viertelmeilenpferd. In dieser Distanz können sie es sogar mit einem Rennpferd aufnehmen. Sie sind fast durchweg Füchse. Einige Braune, Rappen, Buckskins oder Schecken. Liebhaber der bunten Pferde züchteten sich aus einigen Schecken das Painthorse heraus. Einen robusten, gescheckten Quater.

Die Ureinwohner hatten seit dem Tag, an dem das Pferd ihren Weg kreuzte, eine besondere Vorliebe für Schecken: die vom großen Geheimnis der Schöpfung bemalten Pferde. Während sie ihre Pferde aus religiösem Glauben bemalten, meinten sie, dass die Schecken vom Schöpfer bereits bemalt seien und somit unter besonderem Schutz standen. Ihre Besitzer bzw. Reiter ebenso. Die Ureinwohner aller Stämme erkannten die Besonderheit dieser geheimnisvollen Wesen schnell. Sie beobachteten sie, lernten, ja studierten ihr Verhalten und ihre Kommunikation im Herdenverband. Auch sie begannen Pferde zu züchten. Aber nur die Nez Percé, die in der Palouse in Idaho lebten, waren derzeit die Einzigen, die systematisch und gezielt selektierten und damit die berühmten Appaloosa, eine eigene Rasse, hervorbrachten.

Obwohl die Ureinwohner alle Geschöpfe als gleichgestellt betrachteten und keines bevorzugten oder benachteiligten, machten sie sehr wohl Unterschiede bei der Auswahl der Fellfarbe ihrer Pferde. Im Gelände verschmolzen Schecken und Braune förmlich mit der Landschaft und waren für fremde Beobachter geradezu unsichtbar. Vor allem Buckskins, die ohnehin von Natur aus bereits »Tarnfarbe« besitzen. Schimmel hingegen leuchteten meilenweit.

Der kleine Buckskin wartete geduldig mit mir auf die Rückkehr seiner Besitzerin. Er hatte einen gedrungenen, kompakten Körper. Mähnen und Schweifhaar waren schwarz. Auch seine Füße bis zu den Sprunggelenken. Die wiederum wiesen die typischen Tigerstreifen auf. Gemeinsam mit dem Aalstrich auf dem Rücken deutete alles darauf hin, dass ich es mit einem Wildpferd zu tun hatte. Wild war er im Augenblick keineswegs. Ruhig und geduldig, tapfer und neugierig. Neugierig war auch meine Familie, die sofort aus dem Trailer kam, um »meinen Patienten« zu begutachten. Bei uns zu Hause, in Deutschland, hätte man sofort einen Tierarzt gerufen oder das Pferd in die Klinik gefahren. Wir waren uns fast einig darüber, dass diese breite, klaffende Wunde genäht werden müsste. Aber wir waren in South Dakota und noch dazu in der Pine Ridge Indianer Reservation. Tierärzte wohnen nicht um die Ecke und sind viel zu teuer. Also, selbst ist der Mann oder in dem Fall die Frau. Meine Freundin war schon erschrocken, als sie die Bescherung sah, und verarztete ihr Pferd auf ihre Weise. Eine rote Lösung zur Desinfektion und Wundreinigung musste genügen. Die Natur hatte ihre Selbstheilungskräfte und die Zeit. Ich erfuhr, dass der Buckskin Pepper hieß, tatsächlich ein Wildpferd sei, das in ihrer Herde lebte, aber noch nicht geritten worden war. Pepper zuckte tatsächlich. Das Zeug musste wie der Teufel brennen. Ich lenkte ihn ein wenig ab und steckte ihm ein paar Apfelbricks aus dem Farmerstore zu. Er schien es zu genießen. Vielleicht dachte er, es sei gute Medizin und gehöre zur Behandlung. Bei diesen Gedanken musste ich lachen. Wahrscheinlich hatte er so etwas vorher noch nie bekommen und würde es auch nicht wieder bekommen. Was mich beeindruckte, war seine Gelassenheit und sein Vertrauen, obwohl er vermutlich den wenigsten Kontakt zu Zweibeinern hatte.

Ein Wildpferd wird oft als Mustang bezeichnet. Das mag korrekt sein, denn das Wort »Mustang« stammt von dem spanischen Wort »Mestena«, das »herrenloses Pferd« bedeutet. In vielen Westernfilmen werden Pferde schlechthin als Mustangs (vor allem die Indianerpferde) bezeichnet, obwohl das nicht korrekt ist. Es klingt nur eindrucksvoller. Wahre Mustangs sind oft struppige, kompakte Ponys. Nicht zu vergleichen mit den geschorenen Pferden aus Hochglanzmagazinen. Sie sind äußerst zäh, aufmerksam und verantwortungsbewusst. Wenn Sie jemals die Gelegenheit haben, einen Mustang als Freund zu haben und diesen auch reiten dürfen, werden Sie schnell merken, dass das Pferd sehr wohl die Verantwortung für sich selbst, aber auch für den Reiter übernimmt. Es wird durch seinen angeborenen Urinstinkt geleitet und weis intuitiv, welche Entscheidung die Richtige ist. Mustangs sind aber auch, wie alle Pferde, neugierig. Wenn Sie Geduld und innere Ruhe haben, werden die Pferde zu Ihnen kommen und versuchen, mit Ihnen zu kommunizieren. Ja! Richtig. Auch mit uns Zweibeinern. Vor allem sind sie unvoreingenommen, die noch keine Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, vor allem keine negativen.

Am folgenden Tag ging ich auf die große Koppel, mitten in der Prärie, um meinen kleinen Freund zur Behandlung abzuholen. Der kleine Buckskin stand irgendwo in der Herde, zwischen den anderen versteckt und ich suchte ihn mit meinem Blick. Da ich ihn nicht gleich entdeckte und in einiger Entfernung stehen geblieben war, löste sich Pepper aus der Herde. Ohne zu zögern kam er direkt auf mich zu und begrüßte mich. Er hatte mich gefunden! Pepper ging mit mir, auch ohne Halfter. Die Wunde hatte begonnen, sich selbst zu reinigen und war auf dem Weg zur Heilung. Meine Freundin war mir für meine Hilfe dankbar. Ich war dankbar, dieses wundervolle Wesen kennengelernt zu haben, und Pepper zeigte seine Dankbarkeit mit seiner offensichtlichen Zuneigung. Jeden Tag, den ich dort war, holte ich Pepper, um nach seiner Wunde zu sehen. Bis zu dem Tag der Abreise. Ich habe leider kein Foto von dem kleinen Buckskin Pepper, aber in meinen Gedanken kann ich ihn sehen. Meine Freundin sagte: »Es gibt Dinge, die kannst du nicht fotografieren. Die musst du einfach im Herzen tragen.«

(brb)