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Brasada – Folge 21

Eine Kugel für Big Bill

Langsam zieht der Mann seine langläufige Winchester aus dem Scabbard, überprüft das Magazin und blickt sich dann mit der Waffe in der Hand sorgfältig um.

Aufmerksam mustert er dabei das sonnenverbrannte Land.

Als sein Blick schließlich auf einen lang gestreckten Buschgürtel fällt, aus dem heraus mehrere Kalksteinfelsen wie knöcherne Finger gen Himmel ragen, verzieht er sein Gesicht zu einem freudlosen Grinsen.

Yeah, denkt der Mann, das ist genau der richtige Ort.

Zwischen all den Salbeisträuchern, Kakteen und Felsen bin ich dort oben nahezu unsichtbar, aber ich kann dennoch von dieser Stelle alles beobachten, was auf dem Trail zwischen Tascosa und dem Hinterland geschieht.

Zielsicher lenkt er sein Pferd auf das höher gelegene Buschland. Als er dann das Tier im Schatten eines der Felsen zügelt, ist er wahrhaftig vom Trail aus nicht mehr zu sehen. Er steigt aus dem Sattel, bindet sein Pferd an einen der Dornenbüsche und beschmiert danach den Lauf und das Magazin seiner Winchester. Dazu benutzt er eine Handvoll Erde, die er zuvor mit etwas Wasser aus seiner Feldflasche zu einer Art Brei vermischt hat. Als er die Waffe danach in die Sonne hebt, zeigt sich kein verräterisches Blinken von Waffenstahl mehr.

Zufrieden legt sich der Mann hinter dem Felsen auf die Lauer.

Sein Name ist Archibald Mason und seine Freunde nennen ihn Archie. Wenn es nach ihm geht, wird jener Mann, der auf den Namen Big Bill Baker hört, diesen Tag nicht mehr überleben. Er hat sich hier eingefunden, weil er noch eine offene Rechnung zu begleichen hat. Masons Gesicht verzerrt sich zu einer hasserfüllten Fratze, als er an die letzten Tage denkt und an die Rolle, die jener riesenhafte Texascowboy dabei spielte.

Seine Freunde und er wollten sich lediglich einen spaßigen Abend machen. Aber dann kam Sheriff Willingham mit diesem Büffel von Kerl in die Cantina und jetzt sind zwei seiner Freunde verletzt und einer von ihnen sitzt im Gefängnis. Nie wird er die höhnischen Blicke der Menschen von Tascosa vergessen können, als er die Stadt verließ. Deshalb muss Big Bill sterben.

Yeah, das sind jetzt Archibald Masons Gedanken. Dabei verkennt er in seinem blinden Hass und seiner Wut, dass es er und seine Freunde waren, die mit dem Ärger begonnen hatten. Welcher Sheriff, der seinen Beruf gewissenhaft ausübt, kann es sich leisten tatenlos zuzusehen, wie in seiner Stadt durch Übermut ein Haus zerstört wird, und sei es auch nur eine mexikanische Cantina?

Außerdem waren es seine Freunde, die Baker hernach im Mietstall auflauerten. Sie ahnten allerdings nicht, dass der Cowboy nicht in ihre Falle tappen, sondern mit heißem Blei antworten würde. Aber all das verdrängt Mason. Er ist geradezu besessen von dem Gedanken, Bill Baker zu töten. Er ist ein streitlustiger, aufsässiger Bursche, der durch den Umgang mit den falschen Leuten inzwischen bis tief in seinen innersten Kern hinein böse und verdorben ist. Dafür spricht auch, dass er nicht einmal soviel Charakter aufbringt, dem Mann offen entgegenzutreten, sondern ihm feige und hinterhältig auflauert. Nicht einmal das stört ihn inzwischen.

Plötzlich kommt Hufschlag auf.

Mason hebt sein Gewehr, legt es an und zielt auf den Reiter, der jetzt den Trail hochkommt. Doch es ist der falsche Mann. Da aber dieser Trail aus dem Hinterland von fast allen Cowboys der umliegenden Ranches genutzt wird, wenn sie in die Stadt wollen, kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Big Bill diesen Weg reitet.

Und wahrhaftig ist es keine Stunde später bereits schon so weit. Ein weiterer Reiter nähert sich Masons Versteck und es ist tatsächlich Baker. Seine riesenhafte Gestalt ist von weitem schon deutlich zu erkennen. Mit einem bösen Lächeln im Gesicht hebt Mason erneut die Waffe, krümmt den Finger und eine Lohe aus Feuer und Rauch schießt aus der Mündung seiner Winchester.

***

Bill hört zuerst das Peitschen des Schusses, dann spürt er einen harten Schlag gegen seine Brust. Die Wucht der einschlagenden Kugel stößt ihn aus dem Sattel und er fällt zu Boden ohne zu begreifen, was eigentlich geschehen ist. Die ganze Welt scheint sich um ihn zu drehen und als er auf die Erde kracht, vermeint er, dass ihn der Schmerz innerlich zerreißt. Aber nur für einen Moment, denn dann schwinden ihm die Sinne und er versinkt ohnmächtig in irgendwelchen dunklen Sphären, in denen es keine Schmerzen mehr zu geben scheint.

Als er wieder zu sich kommt, benötigt er einige Minuten, bis er das grinsende Gesicht über sich erkennt. So lange braucht er nämlich, bis sich der milchige Schleier vor seinen Augen aufgelöst hat.

»Hier, trink das, sonst machst du mir doch noch schlapp«, sagt das grinsende Gesicht.

Dann stützt jemand seinen Kopf ab und hält ihm eine Tasse an die Lippen. Mechanisch öffnet Bill den Mund und spürt, wie lauwarme Fleischbrühe über seine Lippen rinnt. Gierig saugt sein Körper die Flüssigkeit auf und als er die Tasse geleert hat, ist er schweißgebadet. Völlig erledigt sinkt er zurück und schließt die Augen. Danach weiß er nichts mehr.

Als er abermals erwacht, geht es ihm schon etwas besser.

Allerdings ahnt er nicht, dass in der Zwischenzeit mehr als vier Wochen vergangen sind. Das grinsende Gesicht hat inzwischen Gesellschaft bekommen und Bill Baker erkennt nun außer Ben Allison auch noch Lee Marlowe und Doktor Hoyt, die allesamt lächelnd vor seinem Bett stehen.

»Ola Amigo, es tut verdammt gut, dich wieder unter den Lebenden zu sehen«, sagt Lee Marlowe erleichtert.

»Wo … wo bin ich hier?«, will Bill wissen, während er sich umsieht.

Das Zimmer, in dem er sich befindet, ist sehr spartanisch eingerichtet und es riecht hier stark nach Karbol und Laudanum. Der ganze Raum ist in Weiß gehalten, das Bett, in dem er liegt, der Stuhl daneben, ebenso wie die Wände und die Decke des Zimmers.

»Das hier ist Doc Hoyts Krankenzimmer«, antwortet ihm Lee.

»Das kennt hier in der Stadt fast jeder, außer dir natürlich. Ich wette, ein Büffel wie du weiß nicht einmal, wie das Wort Arzt geschrieben wird. Wahrscheinlich bist du bisher in deinem ganzen Leben noch nie krank gewesen.«

»Selber Büffel und jetzt verrate mir lieber, was eigentlich passiert ist. Ich weiß nur noch, dass ich auf dem Weg in die Stadt war, weil in unserer Speisekammer einige Dinge zur Neige gingen. Ab da fehlt mir irgendwie der Faden.«

»Jemand hat versucht, dich zu erschießen«, sagt Doktor Hoyt.

Erst jetzt nimmt Bill das Brennen und Pochen in seiner Brust wahr. Als er an sich hinunterblickt, sieht er, dass sein ganzer Brustkorb eingebunden ist und auch, dass es da knapp eine Handbreit neben seinem Herzen einige dunkle Flecken auf dem weißen Verband gibt.

»Wie schlimm ist es?«, will er sofort wissen.

Die Miene des Doktors wird nun ziemlich sorgenvoll, während er versucht, Big Bill das Ganze zu erklären.

»Man hat auf dich geschossen und das aus ziemlicher Nähe. Einen normalen Menschen hätte die Kugel mit Sicherheit durchschlagen und somit getötet. Du aber hast den Brustkorb eines Büffels und deshalb ist die Kugel in deinem Muskelgewebe stecken geblieben. Das war dein Glück, denn der Blutverlust einer solchen Austrittswunde hätte selbst einen Riesen wie dich unter die Erde gebracht. Aber auch so hatte ich alle Hände voll zu tun, dich unter den Lebenden zu halten, das kannst du mir glauben. Du liegst nicht umsonst seit fast dreißig Tagen hier.«

»Seit fast dreißig …«, beginnt Bill ungläubig. »Zur Hölle, auf der Drei Balken wartet bestimmt ein ganzer Berg von Arbeit auf mich. Ich muss …«

Was Big Bill sonst noch sagen will, bleibt für immer sein Geheimnis. Er kann zwar seine Decke zurückschlagen, aber er kommt nicht aus dem Bett. So sehr er sich auch anstrengt, mit den Zähnen knirscht und stöhnt, er kommt nicht hoch. Dafür ist seine Wunde wieder aufgebrochen. Man sieht es daran, dass die dunklen Flecken auf dem Verband größer geworden sind.

»He Doc, was ist mit meinen Beinen los?«, stöhnt Bill. »Ich kann meine verdammten Beine nicht mehr bewegen.«

»Das gibt sich wieder, du musst nur etwas Geduld haben«, antwortet der Arzt. »Die Kugel, die du dir eingefangen hast, hat sich in deinem Oberkörper verkapselt. Mit jeder ruckartigen Bewegung, die du machst, verschiebt sie sich. Im Moment drückt sie wahrscheinlich an deiner Wirbelsäule gegen irgendeinen Nerv und deshalb kannst du die Beine vorläufig nicht bewegen. Aber wie gesagt, das geht vorbei, du musst nur etwas Geduld haben.«

»Ich will aber keine Geduld haben«, schnaubt der Cowboy. »Und jetzt mach endlich hin und schneide mir diese verdammte Bleipflaume aus dem Kreuz.«

»Ich werde nicht einmal daran denken«, erwidert Hoyt. »Die Kugel liegt zu nahe an der Wirbelsäule. Wenn ich dich operiere, stehen deine Chancen eins zu einer Million, dass du wieder gesund wirst. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass ich dich entweder umbringe oder dass du für den Rest deines Lebens gelähmt bleibst. Ich bin nur ein einfacher Landarzt, kein Wunderdoktor. Außerdem habe ich für einen solchen Eingriff gar nicht die Ausrüstung. So etwas können vielleicht ein paar berühmte Ärzte an der Ostküste versuchen, aber auch bei ihnen wären deine Chancen nur wenig größer.«

***

Es vergehen noch viele Tage, bis Big Bill Baker wieder auf die Beine kommt. Er hat beinahe dreißig Pfund an Gewicht verloren und sein Gesicht wirkt unglaublich eingefallen und hager.

Der Cowboy und Rancher Bill Baker gehört jetzt der Vergangenheit an.

Er wird nie wieder Sattelarbeit verrichten oder reiten können. Er muss körperliche Anstrengung vermeiden und immer wieder Doc Hoyt aufsuchen. Aber weil sein Lebenswille genauso riesig wie sein Körper ist, hat er in der Zwischenzeit gelernt, mit seiner Verletzung umzugehen. Er raucht und trinkt jetzt nicht mehr, sondern unternimmt ausgedehnte Spaziergänge und ernährt sich besonnen. Schon bald spürt er, wie sein Körper wieder an Säften und Kräften gewinnt. Er gewöhnt sich allmählich an den Gedanken, dass es da in seinem Körper eine Kugel gibt, die ihn bei ruckartigen Bewegungen immer wieder für Sekunden zur Bewegungslosigkeit verdammt. Schon bald scheint Big Bill wieder ganz der Alte zu sein. Aber nur äußerlich, tief in seinem innersten Kern und seinem Kopf jedoch ist er verzweifelt. Die Verletzung hat sein Erspartes verbraucht und er ist jetzt ein Mann ohne Geld und ohne Zukunft.

Aber er hat Freunde und die bringen gewisse Dinge in Bewegung, wodurch er schon bald wieder für seinen Lebensunterhalt sorgen kann. Dazu muss er nur mit einer Schrotflinte bewaffnet durch die Straßen der Stadt spazieren, seine imposante Gestalt präsentieren und hin und wieder mit dem Kolben der Waffe ein paar Kopfnüsse verteilen.

Aus Sheriff Willinghams augenzwinkernder Bemerkung, dass er sich Bill einmal als Stadtmarshal von Tascosa vorstellen könnte, ist nämlich Wirklichkeit geworden.

Und weil innerhalb kürzester Zeit nicht nur Doktor Hoyt und Ben Allison, Lee Marlowe und sogar Temple Houston zu seinen Fürsprechern werden, denkt der Stadtrat bereits darüber nach, ihn in diesem Amt zu belassen, bis er pensioniert wird.

Damit ist besonders Cape Willingham mehr als einverstanden. Denn seit er Baker als Deputy in der Stadt postiert hat, kann er sich besser seinen eigentlichen Aufgaben zuwenden. Dazu gehört auch die Einforderung von Steuergeldern und weil ein Sheriff in diesen Tagen nach der Höhe der eingetriebenen Gelder bezahlt wird, verbessert sich sein Einkommen zusehends und damit auch seine Gemütslage.

Auf der Drei Balken wird händeringend nach neuen Cowboys gesucht, denn die Lücke, die Bill hinterlässt, ist gewaltig. Im Land mehren sich die Gerüchte, wonach Tascosa einen Eisenbahnanschluss erhalten soll.

Das Leben im Panhandle geht also weiter und es vergisst niemanden.

Auch nicht Archibald Mason und dessen Tat.

Sheriff Willingham ist es, der ihn auf einem seiner Kontrollritte durch das County zufällig entdeckt. Aber auch nur, weil sein Pferd plötzlich etwas Ungewöhnliches zu wittern scheint und deshalb scheut. Im Nachhinein weiß Willingham, dass es der Geruch von faulendem Fleisch war. Als er die Zügel seines Braunen anzieht und in jene Richtung reitet, aus welcher der Gestank zu kommen scheint, entdeckt er kurz darauf Mason in einem kleinen, windgeschützten Seitental.

Genauer gesagt das, was von ihm übrig geblieben ist, nachdem er räuberischen Apachen in die Hände gefallen ist.

Archie Mason hängt nackt mit den Handgelenken an Lederriemen gebunden eine Handbreit über dem Boden von einem Palo Verde Baum herunter. Man hat ihm die Beine gespreizt und die Knöchel hinter dem Stamm festgebunden. Vom Schulterblatt bis zu den Knien ist pures Fleisch zu sehen, weil ihm die Mescaleros die Haut in Streifen von seinem Körper geschnitten haben.

Sein Mund ist weit aufgerissen, doch seine Schreie blieben wohl ungehört. Man hat ihm nämlich sein Mannteil abgeschnitten und es ihm in eben den aufgerissenen Mund gestopft.

Copyright © 2010 by Kendall Kane

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