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Einsendeschluss 31.05.2021

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Brasada – Folge 17

Sheriff wider Willen

Als Big Bill Baker aus dem Barber-Shop kommt, ist er mit sich und der Welt mehr als zufrieden. Es ist Samstagabend. Er ist frisch gebadet und rasiert. Zwar brennt seine Haut an Wange und Kinn wie Feuer, sein Haar strotzt geradezu vor Pomade und er duftet mindestens zwei Meilen gegen den Wind nach Veilchen, aber das gehört für ihn zu einem richtigen Barbierbesuch einfach dazu.

Als er den Stepwalk verlässt, klimpern in seiner rechten Hosentasche fast fünfzehn Dollar, die nur darauf warten, ausgegeben zu werden.

Diese Summe entspricht dem halben Monatslohn eines guten Cowboys. Weil Big Bill weiß, wie viel Spaß man sich damit holen kann, beginnt er erwartungsfroh zu grinsen.

Während er langsam die Mainstreet von Tascosa überquert, sind seine Gedanken bereits bei den Mädchen aus Martin Dunns Saloon, die einen Mann wie einen Sonnenaufgang anstrahlen können.

Er glaubt, die scharfen Drinks, die Hinterzimmer mit ihren zerwühlten Betten und den Wolken aus Parfüm förmlich riechen zu können. In seinen Ohren klingen schon das Rattern der Glücksräder, das Klacken der Spielwürfel und das Keuchen der Männer, wenn sie ihren Einsatz machen.

Deshalb ist er mit dem Kopf bereits bei Faro und Stud Poker, als ihn eine aufgeregte Stimme jäh in die Wirklichkeit zurückbringt.

»He Bill, warte, ich muss mit dir reden.«

William Baker bleibt so abrupt stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Dann dreht er langsam den Kopf und verzieht dabei sein Gesicht, als hätte er soeben eine schleimige Kröte verschluckt. Er kennt den Sprecher. Deshalb weiß er auch ganz genau, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein kann, ansonsten würde Sheriff Willingham nicht einen solchen väterlichen Ton anschlagen. Der groß gewachsene Texascowboy runzelt unwillig die Stirn. Normalerweise ist Bill immer hilfsbereit und höflich, aber nicht heute, nicht an diesem Samstag. Schließlich ist dies sein erstes freies Wochenende seit Monaten.

»Was willst du?«, knurrt er deshalb ungehalten.

»Der Doktor sagte mir, dass er dich vor einer Stunde in die Stadt reiten sah«, erklärt der Sheriff.

Big Bill Baker hat bereits eine unfreundliche Erwiderung auf den Lippen, als er erkennt, dass der Sternträger hinkt, während er auf ihn zukommt. Irgendetwas ist anscheinend mit seinem rechten Bein nicht in Ordnung.

»Ich wollte gestern den Hühnerstall reparieren, dabei bin ich in einen rostigen Nagel getreten«, kommt Willingham seiner Frage zuvor. »Deshalb brauche ich deine Hilfe.«

Big Bill seufzt. Er ahnt, dass sich sein freies Wochenende sozusagen in Luft auflösen wird, weil er jetzt schon weiß, dass er sich den Bitten des Sheriffs nicht verschließen kann. Dazu ist er eine viel zu ehrliche Haut. Weil Bill vermutet, dass dies auch der Sheriff weiß, seufzt er erneut.

»Was willst du?«, fragt er deshalb resignierend.

Der Sheriff verzieht das Gesicht und zuckt verlegen mit den Schultern. »Ich habe da im Mexikanerviertel einen betrunkenen Ruhestörer, der viel mehr Krach macht, als ich es hinnehmen kann.«

»Na und? Es gab Zeiten, da hast du solchen Burschen ordentlich was aufs Maul gegeben und danach war Ruhe. Keiner hat sich daran gestört. Warum kommst du also heute wegen so etwas zu mir?«

»Dieser Bursche ist ein ziemlich wilder Cowboy und gerade dabei, Manuels Cantina in ihre Einzelteile zu zerlegen. Außerdem ist er nicht alleine, sondern hat noch drei Freunde dabei, von denen ich glaube, dass sie mir eventuell Schwierigkeiten machen könnten. Ich habe einen bösen Fuß, Temple Houston ist im Moment in El Paso, und da mir die Stadt keinen Deputy bewilligt, bist du meine letzte Hoffnung.«

»Wer zum Teufel ist der Kerl, dass du um Hilfe bittest?«

»Owen Brannigan, ein jähzorniger Ire, der für Littlefield reitet. Mit ihm alleine würde ich schon zurecht kommen, aber seine Begleiter bereiten mir wie gesagt etwas Kummer. Also, kann ich auf dich zählen?«

Big Bill Baker beginnt erneut zu seufzen. »Warum fragst du eigentlich, wenn du die Antwort schon kennst? Los, bringen wir es hinter uns.«

***

Nachdem sie die Mainstreet verlassen haben und in das Mexikanerviertel von Tascosa einbiegen, weiß Big Bill, dass der Sheriff nicht übertrieben hat. Das Klirren von Glas, das Splittern von Holz und das Fluchen rauer Männerstimmen sind weithin zu hören.

Als sie sich Manuels Cantina nähern, stürmt ihnen wutschnaubend ein untersetzter, olivbrauner Mexikaner entgegen. Sein blauschwarzer Haarschopf glänzt noch öliger als der von Baker und sein Gesicht ist vor Wut regelrecht verzerrt.

»Madre de dios«, bellt er. »Wo zur Hölle waren Sie so lange, Sheriff? Dieser Hurensohn ruiniert mir meine Cantina.«

»Langsam, langsam, Manuel«, entgegnet der Sheriff gelassen. »Was ist hier eigentlich los?«

»Das würde ich auch gerne wissen. Dieser irische Kuhtreiber kam vorhin mit seinen Freunden stockbesoffen in meinen Laden. Als ich mich weigerte, ihn zu bedienen, begann er damit, meine Cantina in Kleinholz zu verwandeln. Wie Sie wissen, schenke ich keinen Schnaps an Betrunkene aus. Werden Sie gegen diesen Verrückten etwas unternehmen oder muss ich erst meine Schrotflinte holen?«

»Das wirst du nicht tun. Mein Deputy hier und ich werden jetzt alles Weitere regeln.«

Mit diesen Worten lassen die Männer den wütenden Mexikaner stehen und betreten dessen Cantina.

Drinnen ist es nicht besonders hell, was daran liegt, dass fast alle Glaszylinder der von der Decke herabhängenden Lampen zerbrochen sind. Es riecht nach billigem Mescal, ausgelaufenem Kerosin und kaltem Rauch. An der Theke lehnen drei junge Männer mit tief geschnallten Revolvern. Sie sind abgerissen und hager und wirken auf Big Bill vertrauenerweckend wie ein Nest junger Klapperschlangen. Sie alle halten halbgefüllte Gläser in den Händen und starren belustigt auf einen vierten Mann, der etwas abseits von ihnen inmitten zerschmetterter Tische, Stühle, Flaschen und Gläser steht. Dieser Mann sieht aus wie eine Vogelscheuche auf zwei Beinen.

Sein flaschengrünes Baumwollhemd ist verwaschen, die Sohlen seiner Stiefel abgelaufen und seine Hose macht den Eindruck, als hätte er seit Jahren darin geschlafen. Sein stumpfes, kupferrotes Haar hängt ihm wirr ins Gesicht, seine hellen Knopfaugen blicken unstet durch den Raum und er schwankt ständig hin und her. Dieser Mann, Owen Brannigan, hat in der Rechten einen Colt, dessen Lauf auf den Boden zeigt, und in der Linken eine volle Schnapsflasche.

Als er Sheriff Willingham erkennt, zuckt er kurz zusammen. Dann hebt er die Waffe an, während seine Augen angriffslustig zu funkeln beginnen.

»Verschwinde Cape«, sagt er schließlich. »Das hier geht dich nichts an. Ich und meine Freunde machen uns nur einen kleinen Spaß.«

»Aber nicht auf Manuels Kosten. Ihr könnt ihm nicht seinen Laden ruinieren, schließlich verdient er damit seinen Lebensunterhalt«, entgegnet der Sheriff mit harter Stimme. »Nehmt jetzt Vernunft an, oder wollt ihr, dass ich euch einsperre?«

»Was soll das? Wir haben doch gar nichts getan«, sagt einer von Brannigans Freunden trotzig. »Wir sind hier nur Zuschauer.«

Nach diesen Worten versuchen die drei, die genauso heruntergekommen aussehen wie der irische Cowboy, sich im Raum zu verteilen. Es ist offensichtlich, dass sie den Sheriff und Bill in die Zange nehmen wollen, damit sie im Kreuzfeuer ihrer Waffen stehen. Aber sie haben die Rechnung ohne Big Bill gemacht. Der hält jetzt nämlich seinen Colt Navy in der Hand. Noch bevor die Männer ihr Vorhaben in die Tat umsetzen können, drückt er ab. Es knallt, splittert und spritzt, weil Bill gleich mit seiner ersten Kugel eine halb volle Whiskyflasche getroffen hat, die hinter den Männern auf der Theke stand. Dann spannt er den Hammer seiner Waffe erneut und zielt wieder auf die Männer.

»Meine Kanone enthält noch vier Bleihummeln. Da ihr nur zu dritt seid, bleibt mir nachher, wenn ich mit euch fertig bin, sogar noch eine zum Spielen übrig. Also, wie rau wollt ihr es haben?«

Mehr gibt es nicht zu sagen. Das Trio hat plötzlich keine Lust mehr auf Streit und streckt beinahe gleichzeitig die Arme in die Höhe. Außerdem blutet einer von ihnen im Gesicht, weil ihn herumfliegende Glassplitter von der zerschossenen Schnapsflasche an der Wange getroffen haben.

Auch der Sheriff ist inzwischen wieder Herr der Lage.

Zu seinen Füßen liegt Owen Brannigan, auf dessen Stirn sich mittlerweile eine riesige, violette Beule gebildet hat.

***

Willingham weist die drei jungen Männer aus der Stadt. Widerwillig folgen sie seinen Befehlen und verlassen die Cantina. Auch wenn sie jetzt scheinbar kampflos das Feld räumen, weiß Bill Baker, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Zu deutlich kann er erkennen, wie sie vor kaum beherrschbarer Wut zittern, als sie hinausgehen. Bevor er sich jedoch weitere Gedanken über dieses Trio machen kann, bittet ihn Cape ein weiteres Mal um Hilfe. Gemeinsam mit dem Sheriff bringt er dann Brannigan in eine Zelle, nachdem sie festgestellt haben, dass der Ire nicht genügend Geld besitzt, um den angerichteten Schaden bezahlen zu können. Als Cape dann endlich mit dem Papierkram fertig ist, bekommt Big Bill für seine Deputydienste zwei Dollar aus dem Stadtsäckel, aber dafür ist für ihn der Abend gelaufen. Als er sich wieder auf den Weg zu Dunns Saloon begibt, ist es inzwischen so spät, dass die schönsten Mädchen bereits vergeben und die besten Plätze an den Spieltischen besetzt sind.

Also muss er nehmen, was übrig bleibt, und das ist ein Platz an einem Tisch, wo man das von ihm ungeliebte Monte spielt. Als weibliche Begleitung ist nur noch eine Frau übrig geblieben, die auf den Namen Big Nose Kate hört. Diese ist alles andere als ein liebreizendes Mädchen, sie ist eher eine Begleitung von jener Art, die man sich erst schön trinken muss. Sie hat zwei Warzen auf ihrer großen Nase und mehr Haare auf der Oberlippe als Big Bill auf dem Kopf.

Als er dann noch beim Monte sechs Dollar verliert und Kate drei weitere Dollars für ihre Gesellschaft einfordert, ist für ihn der Samstag erledigt. Er zahlt, genehmigt sich noch ein Glas Rotaugenwhisky, schnappt sich beim Hinausgehen ein Brot mit kaltem Bratenfleisch vom Freiimbiss und stapft dann missmutig zum Mietstall, wo er sein Pferd untergestellt hat.

Das Keifen von Big Nose Kate ignoriert er dabei. Soll sie ihn ruhig als Geizhals und Entenklemmer verspotten, dieses Wochenende ist für ihn erledigt.

Und das alles nur, weil ich mich von Willingham überreden ließ, Sheriff zu spielen, denkt er missmutig. Inzwischen hat er den Mietstall erreicht. Als auf sein Rufen niemand reagiert, schiebt er ärgerlich das wuchtige Stalltor auf.

Dazu braucht er keinerlei Hilfe, denn mit seinen zweihundertvierzig Pfund Lebendgewicht ist es für ihn ein Leichtes, das schwere Holztor einfach zur Seite zu schieben.

Drinnen ist es beinahe so dunkel wie in einem Bärenhintern.

Es riecht nach frisch gegerbtem Leder, eingeöltem Sattelzeug und dampfenden Pferdeleibern. Keine Menschenseele ist zu sehen, auch der Stallmann scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Es ist nur das vereinzelte Schnauben und Wiehern der hier untergestellten Tiere zu hören.

Als hinter ihm die schwere, hölzerne Stalltür unvermittelt wieder ins Schloss fällt, zuckt Big Bill zusammen. Langsam blickt er sich um, während sich seine Augen allmählich an das Halbdunkel des Stalles gewöhnen. In dem grauschwarzen Licht erkennt er die Umrisse einer hageren Gestalt, die auf ihn zu schleicht. Sofort geht Big Bill in die Knie, um kein allzu großes Ziel zu bieten, und zerrt seinen Revolver aus dem Halfter.

»Stop oder ich schieße!«, ruft er, während er knackend den Hahn seiner Waffe spannt.

Jetzt zieht auch der Unbekannte seine Waffe, und während er noch versucht, in einer der leeren Pferdeboxen unterzutauchen, kracht auch schon sein Colt. Big Bill spürt den Luftzug der vorbeizischenden Kugel gefährlich nahe an seinem Gesicht.

Blitzschnell erwidert er den Schuss.

Brüllend stürzt der Unbekannte zu Boden, dabei halten seine Finger den Griff seines Colts fest umklammert. Aber bevor er damit weiter schießen kann, ist Bill bereits bei ihm und tritt ihm mit der Spitze seines hochhackigen Lederstiefels hart auf die Hand. Der hinterhältige Schütze schreit schmerzvoll auf und lässt die Waffe endgültig los.

»Ein Mann sollte immer wissen, wann er verloren hat«, sagt Baker gefährlich leise.

Als er sich zu ihm hinunter beugt, ist er nicht überrascht, in ihm einen jener Männer zu erkennen, die zusammen mit Owen Brannigan in Manuels Cantina waren.

»Wo sind deine Freunde?«

Als der Mann schweigt, drückt ihm Bill den Lauf seines Navys an die Stirn und spannt den Hahn.

»Wo sind sie?«

»Fahr zur Hölle, du verdammter Deputy! Selbst wenn du mich jetzt erledigst, wird dir das nicht mehr viel nützen. Archie und Mike warten nämlich schon auf dich.«

***

Verdammt, denkt Big Bill Baker, verdammt, warum muss immer ich in so einen Schlamassel geraten? Ist auf meiner Stirn Ich brauche Schwierigkeiten eingebrannt?

Als er darauf keine befriedigende Antwort findet, stößt er ein ärgerliches Knurren aus, reißt seine Rechte hoch und schmettert den Griff seines Navys auf die Stirn des Mannes.

Während dieser bewusstlos zur Seite sackt, ist von links ein scharrendes Geräusch zu hören. Bill wirft sich nach hinten, während es vor ihm auch schon blitzt und kracht. Keine Handbreit von seiner Schulter entfernt schlägt eine Kugel in den Boden des Mietstalls, reißt eine hässliche Furche in den Dreck und schleudert ihm eine Handvoll Sand und Staub ins Gesicht. Sofort erwidert Bill das Feuer.

Irgendwo vor ihm ertönt ein unterdrückter Schrei und dann hört er, wie jemand keuchend davonhumpelt. Bis er wieder auf die Beine kommt, wird eine Seitentür im Stall aufgerissen und der unbekannte Schütze verschwindet fluchend im Dunkel der nächsten Seitengasse.

Weit und breit ist niemand mehr zu sehen. Dafür kommt jetzt Cape Willingham in den Stall.

»Alles klar, Bill?«

Der Cowboy nickt nur und zeigt mit dem Revolverlauf auf den Mann, den er bewusstlos geschlagen hat. »Hier, den schenke ich dir. Der Rest von Brannigans Freunden hat sich wohl aus dem Staub gemacht. Anscheinend können es diese großspurigen Bastarde nur mit Betrunkenen, Frauen oder Kindern aufnehmen.«

Der Sheriff blickt sich einen Moment eingehend um, dann beginnt er zustimmend zu nicken.

»Yeah Bill, und deswegen bin ich auch froh, dass ich dich in der Cantina an meiner Seite hatte. Also, wenn du mal vom Kühehüten genug hast, hier in Tascosa könntest du als Sternträger bestimmt Karriere machen. Dafür würde ich sorgen.«

Big Bill winkt sofort ab.

»Nein danke, ein Pferd, ein Sattel und der Himmel von Texas als Decke genügen mir vollkommen. Außerdem habe ich mit der Drei Balken inzwischen eine Heimat gefunden, die ich gegen nichts mehr eintauschen möchte. «

Willingham nickt verstehend. Allerdings ahnt zu diesem Zeitpunkt noch keiner von beiden, dass dieses Angebot einmal Bills letzte Chance sein wird. Denn das Schicksal meint es bald nicht mehr besonders gut mit dem riesenhaften Cowboy.

Aber das können Willingham und Baker zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Denn all diese Dinge passieren nämlich erst Monate später, doch das ist dann eine ganz andere Geschichte.

Copyright © 2010 by Kendall Kane