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Brasada – Folge 5

300 Meilen Staub

Es ist weit vor Sonnenaufgang, als Big Bill Baker in der Küche mit einer Schöpfkelle gegen die große Bratpfanne schlägt.

»Raus aus den Decken, oder ich schmeiß euer Frühstück aus dem Fenster!«

»Musst du so ein Krach machen?«, kommt es ärgerlich aus dem Schlafraum nebenan. »Verdammt, draußen ist es ja noch stockdunkel.«

»Nachts ist es nun mal dunkel«, sagt Baker grinsend, als er mit zwei Bechern kochend heißem Kaffee ins Zimmer kommt. »Das ist in diesem Land schon immer so gewesen.«

»Nachts?«, entgegnet Ben Allison ungläubig und greift dankbar nach einem der heißen Zinnbecher. »Kein Wunder, dass der gute Lee noch wie ein Murmeltier schläft.«

»Affe!«, kommt es von dem Bett nebenan. Dann schält sich die sehnige Gestalt Lee Marlowes aus den Decken und der ehemalige Armeescout setzt gähnend seine nackten Füße auf den festgestampften Lehmboden des Zimmers.

»Ich bin schon seit mindestens einer Stunde wach. Ich bin nur deshalb nicht aufgestanden, weil du noch geschlafen hast, Ben. Alleine ist Big Bills Humor um diese Zeit nämlich kaum zu ertragen.«

»Dafür sollte ich dein Frühstück tatsächlich aus dem Fenster schmeißen«, sagt Big Bill brummig, während die anderen Männer zu lachen beginnen.

Kurze Zeit später holen sie ihre Pferde aus dem Dornenbuschcorral nebenan und schwingen sich in die Sättel. Bis zu dem Box-Canyon, in dem ihre Rinder stehen, ist es nicht mehr als eine Meile und deshalb ist es immer noch nicht richtig hell, als sie dort eintreffen. Erst als sie die Baumstämme weggeräumt haben, welche den Zugang zum Canyon versperren, steht die Sonne knapp einen Fingerbreit über den Hügeln im Osten.

Nach und nach kommen die Rinder aus dem Canyon. Ihr Brüllen und Muhen ist weithin zu hören. Sie sind hungrig und durstig, weil sie in dem kleinen Canyon außer Felsen, Sand und einer Handvoll dürrer Grasbüschel nichts zu fressen gefunden haben und die kleine Quelle nicht genug Wasser hergibt, um damit den Durst aller Rinder löschen zu können.

Deshalb sind sie geschwächt und kommen nur langsam heraus.

Aber das haben die drei Männer mit Absicht getan.

Diese Tiere sind nämlich Brasada- oder Brushrinder und nicht mit herkömmlichem Weidevieh zu vergleichen. Sie sind genauso wild wie das Land, in dem sie leben, und greifen alles an, was ihnen vor die Hörner kommt. Durst und Hunger haben jedoch die wilde Kraft der Tiere verzehrt, sodass die Männer auf dem Trail weniger Mühe mit ihnen haben. Zudem haben sie bei besonders wilden Exemplaren das Eye-Balling angewendet, auch aus diesem Grund wird das Treiben wahrscheinlich ruhig verlaufen.

Ben Allison richtet sich im Sattel auf und schwenkt seinen Hut über dem Kopf.

»Ho, treibt sie an!«, ruft er laut.

Damit beginnt das Treiben.

Schüsse krachen, Männer brüllen, Pferde wiehern.

Die ersten zwei, drei Tage wird die Herde ununterbrochen vorwärts gejagt, man nennt dies Trailbrechen. Denn anfangs sind die Tiere noch unruhig, brennen bei jeder Möglichkeit durch, um zurück ins Brushgebiet, zu ihrer Heimatweide zu gelangen. Das ist immer so, selbst bei Tieren, die durch Hunger und Durst geschwächt sind. Deshalb werden die Brushrinder scharf getrieben, mindestens zwanzig Meilen am Tag. Danach kommen sie abends vor lauter Müdigkeit nur noch selten auf solche Gedanken. Am dritten Tag dann geht es auf die normale Tagesleistung von acht bis zehn Meilen herunter, bei der es dann auch bleibt.

***

Eine Woche ist jetzt vorbei.

Eine Woche, in der sie Tag für Tag und Stunde für Stunde in einer Wolke aus Staub hinter oder neben den Tieren her reiten, und nichts anderes zu hören bekommen als unzähliges Huftrampeln, das Klopfen und Aneinanderschaben der Hörner und das Knarren von Sattelleder.

Dennoch dürfen sich die drei glücklich schätzen.

Gewiss hat dieser allgegenwärtige Staub, der hier in diesem Teil des Landes vorherrscht, sich inzwischen in jeder Hautfalte ihres Körpers eingenistet, ja selbst beim Schlafen knirscht der Sand noch zwischen den Zähnen, und es gibt keine Stelle in ihrem Leib, die nach täglich sechzehn Stunden Sattelarbeit nicht schmerzt. Es vergeht auch keine Nacht, die ihnen mehr als drei oder vier Stunden Schlaf beschert. Nicht nur einmal reiben sich Ben, Lee und Big Bill geriebenen Tabak in die Augen, damit sie die Schmerzen wach halten.

Trotzdem befinden sie sich sozusagen immer noch auf der richtigen Seite des Lebens.

Kein Blitzschlag hat die Rinder, Pferde und Männer im Bruchteil einer Sekunde verkohlen lassen, kein Sturm oder das Heulen eines Kojoten hat eine Stampede ausgelöst und kein Präriebrand, Wolkenbruch oder Hagelschlag hat den Trail vorzeitig beendet. Diese Dinge geschehen nämlich ständig und deshalb kann man es wirklich als Glück bezeichnen, dass diesen Männern solcherlei bisher noch nicht widerfahren ist.

Aber am zehnten Tag ihres Treibens, nach gut einhundertdreißig Meilen, ist ihr Glück schlagartig zu Ende.

Am Südufer eines Flüsschens namens Punta de Agua, nahe den Ausläufern des Cap Rock Massivs, kreuzen Indianer ihren Weg.

Über einen Hügelrücken, kaum fünfhundert Yards von ihnen entfernt, zieht eine lange Reihe dürrer Ponys an ihnen vorbei.

»Comanchen!«, schreit Big Bill. »Los zurück!«

»Bleib ruhig, sie haben uns längst gesehen«, erwidert Lee Marlowe beinahe gleichgültig.

»Außerdem wollen sie nichts von uns, sie sind auf der Flucht. Sie können es sich nicht leisten, wegen drei lausigen Cowboys ein Dutzend Krieger zu verlieren, und das werden sie, wenn sie uns angreifen. Geben wir ihnen fünf oder sechs Rinder. Damit wahren die Krieger ihr Gesicht und wir können sicher sein, dass sie unsere Herde nicht in Stampede versetzen.«

»Es stimmt also, was man sich erzählt. Die Army hat damit begonnen, die letzten freien Indianer in die Reservation zu treiben. Nun sind auch hier die Tage der offenen Weide wohl bald gezählt.«

»He Ben, wirst du auf deine alten Tage etwa sentimental?«, will Lee wissen.

»Nein«, sagt der weißblonde Texaner. »Aber so hat es in Kansas und Nebraska auch angefangen und zum Schluss war das ganze Land von Zäunen umgeben. Jetzt bestimmen dort die Pfeffersäcke und Nasenbohrer aus dem Norden darüber, was ein Mann zu tun und lassen hat.«

***

Ihr Anführer trägt weder Kriegsbemalung noch Schmuck.

Er ist nackt bis zur Hüfte und nur mit Lendenschurz, Mokassins und Leggins bekleidet und sitzt in einem Holzsattel, der mit Rohhaut überzogen ist.

Sein Pferd ist ein stämmiger Schimmel, dessen wuchtiger Körperbau darauf schließen lässt, dass er mit Körnerfutter anstelle Grases aufgewachsen ist. Lee Marlowe verwettet in diesem Moment seinen Colt darauf, dass dieses Tier das Brandzeichen der Army trägt.

Stumbling Bear, das ist der Name des Indianers, bedankt sich bei Lee Marlowe. Auf ein knappes Handzeichen von ihm hin reiten drei mit Armeehosen und Jacken bekleidete junge Krieger los und treiben ein halbes Dutzend Rinder direkt auf eine Gruppe von Frauen zu, die bisher teilnahmslos das Geschehen beobachtet haben.

Als die Rinder die Frauen erreicht haben, stoßen ihnen die jungen Männer unter gellenden Schreien ihre Lanzen in den Körper. Dann werfen sich die Frauen mit unterarmlangen Messern auf die Tiere. Was nun folgt, ist ein wildes und brutales Abschlachten, bei dem die Cowboys mit Abscheu zur Seite blicken.

Auch wenn die Männer zum Teil unter lebensgefährlichen Bedingungen mit diesen Tieren arbeiten und jeder Moment der Unachtsamkeit ihnen ausgeschlagene Zähne oder ein steifes Bein beschert, welches von einem Horn durchbohrt wurde, im Grunde ihres Herzens respektieren sie dennoch diese Tiere.

Sie werden nicht umsonst Cowboys genannt.

Deshalb ist es für sie nicht begreiflich, wie die Indianer diese Tiere behandeln.

Die Leiber der noch zuckenden Rinder werden aufgeschlitzt, die Haut mit schnellen Schnitten an den Hinterläufen gelöst und mit Rohhautseilen an den Holzsätteln der Krieger befestigt. Dann treiben die Männer ihre Pferde jäh an und in weniger als drei Minuten sind die Tiere abgehäutet. Nach etwas mehr als einer halben Stunde liegen sechs Rinder sorgfältig zerteilt auf den Rücken der Indianerponys und der ganze Stamm bewegt sich langsam wieder nach Osten. Was bleibt, ist ein Boden, der mit Blutpfützen bedeckt ist, ein paar Knochen, die weißlich gelb in der Sonne blinken, und zwei Reiter, die erkennen, dass Ben Allisons Worte trotz ihres Sträubens eines Tages doch zur bitteren Wahrheit werden.

Vierzehn Tage und gut zweihundert Meilen später dann stehen die Männer vor den ockerfarbenen Adobelehmbauten von Fort Bascom.

Der Zahlmeister der Armee und der Verantwortliche der Indianeragentur hüpfen um die Männer und Rinder herum wie Frösche nach einem warmen Sommerregen. Es vergeht keine Stunde und sie sind sich handelseinig.

Nachdem die Soldaten die Rinder wegtreiben und eine Menge an grünen Scheinen ihren Besitzer gewechselt hat, steuern Lee, Bill und Ben das Store-House an, welches am Ende des Paradeplatzes liegt.

Als die Männer den Laden betreten, grinst Big Bill Baker über alle vier Backen.

Obwohl er nur drei Jahre eine Schule besucht hat, in der er mühsam lesen und schreiben lernte, sagt ihm sein Gefühl, dass sie mehr als nur ein gutes Geschäft gemacht haben.

Sie haben sechsundachtzig Rinder ans Ziel gebracht und von dem pickelgesichtigen Zahlmeister der Army für jedes Stück Vieh vierundzwanzig Dollar erhalten.

Selbst wenn sie zwei Drittel des Betrages, was noch immer eine gewaltige Summe darstellt, in den Aufbau ihrer Ranch stecken, bleibt noch genügend übrig, um sich mindestens eine Woche lang das Leben um den Hals zu hängen.

***

Auch Lee Marlowe fängt angesichts des zu erwartenden Geldregens zu grinsen an.

Es gibt da nämlich in Tascosa ein Haus, in dem acht sehr verständnisvolle Ladys wohnen. Man nennt es das Haus der sechzehn Arschbacken. Weil Lee nicht der Einzige unter den drei Männern ist, der schon mehrere Wochen nicht mehr mit einer Frau zusammen war, weiß er sehr genau, was sie alles anstellen werden, wenn sie erst wieder zurück in Tascosa sind.

Copyright © 2009 by Kendall Kane

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