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Einsendeschluss 31.05.2021

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Brasada – Folge 4

Rinder, Rustler und Revolver

Lee Marlowe sieht den Reiter zuerst.

»Da brat mir doch einer ´nen Büffel. He Ben, siehst du auch, was ich sehe?«

Ben Allison, der mit Lee einige Rinder aus dem Dornbuschland getrieben hat, blickt nach Osten und erkennt gerade noch, wie ein einzelner Reiter mit drei Kühen hinter einem Hügel verschwindet.

»Ich will verdammt sein, wenn das nicht unsere Tiere waren.«

Ben nickt.

»Los, den Burschen kaufen wir uns.«

Als er anreitet, ist er bereits mit einer heißen Wut erfüllt.

Es gibt in diesem Buschland, das man auch Brasada nennt, unzählige herrenlose Wildrinder. Sie gehören, wie ein Sprichwort sagt, dem, dessen Lasso am längsten ist. Man kann aus ihnen praktisch kostenlos den Grundstock für eine Rinderranch bilden. Das ist das eine, aber da jede Sache ihre zwei Seiten hat, gibt es auch hier einen Haken bei der Geschichte.

Die in diesem Buschland lebenden Rinder haben im Laufe der Jahre Fähigkeiten entwickelt, die sogar Wölfe oder Jaguare veranlassen, ihnen aus dem Weg zu gehen. Selbst für erfahrene Cowboys ist es nur unter großen Mühen und oftmals schweren Verletzungen möglich, die Wildrinder einzufangen. Man nennt diese Tiere nicht umsonst Schluchtlöwen oder Höllenbiester. Dazu kommt, dass die Brasada von zahllosen Kakteenarten und mannshohem Dornengestrüpp bedeckt ist, deren teilweise fingerlangen Stacheln und Dornen nur darauf warten, Pferd und Reiter zu durchbohren.

Dann gibt es dort noch giftige Ottern, Taranteln und Skorpione.

Es ist also eine lebensgefährliche Sache, auf diese Weise zu einer Rinderherde zu kommen.

Deshalb ist Ben Allison auch so wütend über jenen Mann, der ihm einfach die Früchte seiner Arbeit stiehlt, für die er seit Tagen Leib und Leben riskiert.

Sein Pferd springt aus dem Stand heraus vor und verwandelt sich zu einem fliegenden Schatten.

Sein hochbeiniger, struppiger Wallach ist nicht nur ein ausgezeichnetes Rinderpferd, sondern auch ein erstklassiger Renner. In rasendem Galopp jagt er über das Land. Als er auch den Hügel erreicht hat, hinter dem der Mann verschwunden ist, trennen ihn keine fünfhundert Fuß mehr von dem Reiter.

Als dieser erkennt, dass er verfolgt wird, gibt er die Rinder auf und schlägt mit dem zusammengerollten Lasso verzweifelt auf sein Pferd ein.

»Er ist nicht nur ein Rustler«, denkt Ben, dessen Wut auf den Mann immer größer wird. »Sondern er ist auch noch ein gottverdammter Tierschänder.«

Inzwischen hat sich der Abstand auf zweihundert Fuß verringert und es ist jetzt klar, dass der Rustler Allison nicht mehr entkommen kann. Der Mann zieht sein Gewehr aus dem Scabbard, dreht sich im Sattel um und schickt Ben ein paar Kugeln entgegen.

Aber von einem galoppierenden Pferd aus ein ebenfalls bewegliches Ziel zu treffen ist unmöglich. Deshalb verfehlt der Mann sein Ziel auch und dabei passiert es.

Weil er auf Allison schießt, sieht er nicht, wohin er reitet, und so tritt sein Pferd in einen Präriehundebau.

Das Tier knickt mit einem schrillen Wiehern nach vorne ein und der Mann fliegt kopfüber aus dem Sattel. Er überschlägt sich mehrmals auf dem harten Boden und bleibt dann reglos liegen.

Als Ben sein Pferd zügelt und vor dem Mann vom Pferd steigt, sieht er, wie aus dessen Ohr und seinem Mund Blut läuft.

***

Doktor Henry Hoyt steht auf dem hölzernen Vorbau seines Hauses und sieht zu, wie zwei Männer den Toten zum Coroner tragen. Dann wendet er sich an Richter Dills, der neben ihm an einer Zigarre kaut.

»Allison hatte recht, Genickbruch, der Mann muss sofort tot gewesen sein.«

»Na schön«, sagt der Richter. »Dann kann er ja jetzt bestattet werden. Erfreulicherweise hatte dieser Bursche etwas Geld bei sich, sodass sein Begräbnis den Stadtsäckel nicht belasten wird.«

»Ha«, lacht der Doktor sarkastisch. »Sie nennen einhundert Dollar in nagelneuen Goldstücken etwas Geld? Ich nenne es ein halbes Vermögen, für diese Summe muss ein normaler Cowboy vier Monate arbeiten. Möchte nur wissen, woher der Kerl das Geld hatte.«

»Die Armee braucht für die Indianerreservationen ständig Fleisch. Es ist den Zahlmeistern egal, woher sie es bekommen, und sie zahlen gut. Ich habe gehört, dass man in Fort Bascom zweiundzwanzig Dollar für ein Rind bekommt«, mischt sich jetzt Ben Allison in das Gespräch ein.

Er hat den Toten in die Stadt gebracht und dem Richter übergeben, nachdem der Sheriff wieder einmal irgendwo im County unterwegs ist, um einen steckbrieflich gesuchten Verbrecher zu verhaften.

»Das ist leicht verdientes Geld. Man braucht nur zu warten, bis irgendwelche Dummköpfe ihren Hals riskieren, um Rinder aus der Brasada zu treiben. Dann nimmt man ihnen die Tiere ab und treibt sie zum nächsten Fort und kassiert. Man riskiert nicht von Teufelsdornen aufgeschlitzt zu werden, man wird von keinem tollwütigen Stinktier oder einer Klapperschlange gebissen oder von Büffelwölfen gefressen. Das passiert nur mit den Männern, die so dumm sind, ihr Geld mit ehrlicher Arbeit zu verdienen und die deshalb jeden Tag in die Brasada reiten. Die Sache ist ungefährlicher als jeder Bank- oder Postkutschenüberfall. Diesmal allerdings sind die Rustler an die Falschen geraten. Die Jungs und ich lassen sich die Rinder nicht einfach so wegnehmen.«

»Dennoch scheint es ein lohnendes Geschäft zu sein«, sagt Dills bitter und deutet mit vorgerücktem Kinn auf ein halbes Dutzend Männer, die sich vor einer Spielhalle versammelt haben.

Es sind harte Männer mit ledernen Chaps und großen Revolvern. Keiner von ihnen kommt aus der Gegend hier, aber der Richter weiß, dass die Fremden in den letzten Tagen schon mehr Geld ausgegeben haben, als ein Cowboy jemals in seinem Leben verdienen wird.

»Es werden jeden Tag mehr, aber solange sie sich in der Stadt nichts zuschulden kommen lassen, können wir nichts gegen sie unternehmen.«

»Dafür klauen die Hurensöhne draußen in der Brasada alles zusammen, was vier Beine hat.«

Der Richter zuckt mit den Achseln und blickt Allison hilflos an.

»Ich weiß, aber was sollen wir machen? Das Land ist riesengroß und Sheriff Willingham alleine.«

»Eben«, sagt Allison hart. »Und deshalb wird es Zeit, dass sich alle, die so dumm sind, es mit ehrlicher Arbeit zu versuchen, einmal zusammenschließen und hier in der Gegend aufräumen.«

***

Gegen Mittag erblicken sie am Ufer des Carizzo-Creeks ein Feuer.

An ihm hocken vier Männer, die auf Holzspießen Fleisch braten und eine rußgeschwärzte Kanne neben den Flammen stehen haben. Einen Steinwurf weit entfernt, zwischen einer Gruppe Palo-Verde-Bäumen, gibt es einen kleinen Corral aus gespannten Seilen, entwurzelten Dornensträuchern und abgeschnittenen Salbeibuschzweigen. Darin drängen sich zwei Dutzend Rinder muhend und blökend aneinander.

»Woher hast du gewusst, dass sie hier ihr Lager aufgeschlagen haben?«, fragt Big Bill Baker leise.

Er liegt mit seinen Freunden zwischen einigen Felsen in sicherer Deckung, aber er flüstert deshalb, weil sie sich bereits in Hörweite des Rustlercamps befinden.

»Das hier ist die einzige Stelle, wo man einigermaßen gefahrlos den Fluss überqueren kann. Flussaufwärts ist alles voller Treibsand und weiter unten beginnen die Jagdgründe der Comanchen.«

Dann deutet Lee Marlowe auf die Männer im Camp.

»Wie du siehst, fühlen sich diese Hurensöhne ziemlich sicher. Sie haben nicht einmal eine Wache aufgestellt.«

»Also los, statten wir ihnen einen Besuch ab«, sagt Ben Allison.

Dann hastet er geduckt auf eine Bodenwelle zu, die vom Lager aus nicht eingesehen werden kann, während ihm Lee und Big Bill Feuerschutz geben. Als er sein Versteck erreicht, gibt er seinen Sattelpartnern Deckung. So nähern sie sich beinahe lautlos dem Lager. Als sie nur noch einen Steinwurf von ihnen entfernt sind, gibt Ben das Zeichen und die drei Männer richten sich auf.

Einer der Rustler, ein rothaariger, pickelgesichtiger Bursche, greift zur Waffe, als er Ben, Lee und Big Bill kommen sieht. Aber er bringt den Colt nur zur Hälfte aus dem Halfter. Dann blitzt es an Marlowes Hüfte auf und er kippt zur Seite. Dort, wo sich seine Schulter befindet, zeigt sich jetzt ein kleiner, dunkler Fleck auf dem zerschlissenen Kattunhemd, der rasch größer wird.

Die anderen Männer am Feuer rühren sich nicht.

Im Schutz der Gewehre seiner Freunde sammelt Ben die Waffen der Rustler ein.

»Jungs, diesmal habt ihr euch die falsche Gegend ausgesucht. Das hier ist das Land der Drei-Balken-Ranch und die lässt sich ungestraft nicht einmal einen Hosenknopf wegnehmen.«

»Ihr seid wohl verrückt geworden, hier gleich herum zuschießen. Das sind Brasadarinder, die gehören demjenigen, der sie einfängt«, faucht einer der Rustler.

»Das ist richtig«, bestätigt der weißblonde Texaner. »Aber nur, wenn man sie auf der freien Weide fängt. Diese Tiere hier weiden aber auf unserem Land, sie fressen unser Gras und trinken von unserem Wasser, deshalb gehören sie uns.«

Der Rustler lacht bitter auf.

»Wer bestimmt so etwas, etwa du?«

»Das werdet ihr noch schnell genug erfahren.«

In den Augen des Rustlers beginnt es einen Moment zu flackern.

»Was willst du damit andeuten?«, fragt er unsicher.

»Das wir euch nach Tascosa bringen. Dort wird sich Richter Dills weiter um euch kümmern.«

Der Mann senkt den Kopf und scheint über Allisons Worte nachzudenken.

***

Nach dem Abendessen sitzen sie alle drei auf der Veranda.

Ben und Big Bill rauchen und Lee Marlowe schnitzt mit seinem Messer an einem Stück Holz herum.

An der Hauswand hängt an einem Haken eine Kerosinlampe und ihr Licht reicht gerade so aus, um Lee die Fortschritte seiner Schnitzerei erkennen zu lassen.

In der Ferne heult ein Kojote und von irgendwoher kommt Antwort.

»Wie viele Rinder haben wir jetzt eigentlich im Box-Canyon stehen?«, will Lee plötzlich wissen.

»Knapp siebzig, warum fragst du?«

»Weil in sechs Wochen mit dem ersten Frost zu rechnen ist und unsere Vorräte allmählich zur Neige gehen.«

»Du meinst also, wir sollten die Tiere verkaufen?«, fragt Ben.

Lee nickt, während er weiter an dem Holz schnitzt.

»Ich habe gehört, dass sie in Fort Bascom jetzt vierundzwanzig Dollar pro Rind zahlen.«

Big Bill pfeift überrascht durch die Zähne.

»Ist bei der Army der Wohlstand ausgebrochen?«

»Nein«, grinst Lee. »General Miles hat eine Menge Comanchen zusammengetrieben und die San Carlos Reservation platzt vor lauter Apachen aus allen Nähten. Die Army braucht dringend Fleisch. Selbst wenn wir zehn Tiere verlieren, bleiben uns immer noch fast eintausendfünfhundert Bucks übrig. Damit kann man verdammt viel Bohnen und Speck kaufen.«

»Lee hat recht«, sagt Big Bill. »Der Zeitpunkt wäre günstig. Die Indianer befinden sich überall auf dem Rückzug. Seit unser feiner Richter den Rustlern vor zwei Wochen ordentlich die Leviten gelesen hat, hört man von denen auch nichts mehr.«

Ben Allison nickt, weil er weiß, dass seine Partner recht haben. Der Winter steht vor der Tür und es gibt noch viel zu tun. Aber dazu braucht man Geld und wenn er an ihre kümmerliche Barschaft denkt, welche sich in einer Zuckerdose im Küchenregal befindet, bekommt er Bauchschmerzen.

Diese drei Dollar achtzig reichen nicht einmal mehr aus, um sich damit in Dunns Saloon ordentlich betrinken zu können.

Copyright © 2009 by Kendall Kane