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Brasada – Folge 3

Zum Teufel mit O´Reilly

Big Bill Baker steht am Hauklotz auf dem Hof der kleinen Ranch, als von Süden her ein Einspänner auf ihn zurollt. In dem überdachten Columbus Buggy sitzt ein dicker Mann, der von drei Reitern begleitet wird. Bill schlägt die Axt in den Klotz und bleibt abwartend stehen.

Als die Männer den Hof erreicht haben, ist plötzlich ein ungutes Gefühl in Bill Baker.

Die Reiter sind abgerissene, raue Gestalten mit harten Gesichtern und kalten Augen. Das einzig Gepflegte an ihnen sind ihre Colts, die sie tief geschnallt an der Hüfte tragen.

Während der Dicke schnaufend aus dem Einspänner klettert, bleiben die Reiter im Sattel. Dabei mustern sie wachsam ihre Umgebung.

Revolvermänner, denkt Bill verächtlich, während sich der Dicke vor ihm aufbaut. Dabei wischt er sich immer wieder mit einem karierten Taschentuch über das vor Schweiß glänzende Gesicht und schnauft, als wäre er den ganzen Weg hierher gelaufen und nicht mit dem Wagen gefahren.

»Mein Name ist O´Reilly«, sagt der Mann und mustert Bill mit einem verächtlichen Blick.

»Angus O´Reilly.«

»Was kann ich für Sie tun?«, entgegnet Big Bill knapp.

Allmählich steigt Ärger ob der verächtlichen Blicke in ihm auf.

»Der Mann, dem dieses Land einst gehörte, war mein Bruder, Jack O´Reilly. Er hat seinen Traum von einer eigenen Ranch mitsamt seiner Frau und seinen Söhnen hier begraben müssen. Die verdammten Indsman haben ihn zerbrochen.«

»Und?«

»Bevor er wieder in den Osten zurückgekehrt ist, hat er mir die Ranch überlassen. Also pack deinen Krempel ein und verschwinde, das Land gehört nämlich mir.«

Big Bill stemmt die Fäuste in die Hüften und in seinen Augen beginnt es zu blitzen. Wer den großen Mann kennt, weiß, dass es jetzt ungemütlich werden kann. Denn wo Big Bill mit seinen zweihundertvierzig Pfund Lebendgewicht hinschlägt, wächst zumindest in diesem Leben kein Gras mehr. O´Reilly scheint dies nicht zu beeindrucken, wahrscheinlich lässt das Wissen um die drei Revolvermänner an seiner Seite ihn für unbezwingbar halten.

»Von uns beiden verschwindet hier nur einer, und das bist du«, knurrt Bill wütend.

Statt einer Antwort zieht O´Reilly ein Papier aus der Brusttasche und faltet es auseinander.

»Hier, eine notariell beglaubigte Abschrift über die Eintragungsgebühr von 14 Dollar für dieses Land. Das genügt wohl, oder? Also pack deine Sachen zusammen und verschwinde endlich, ich wiederhole mich nämlich nicht gerne.«

***

Einen Moment lang starren sich die Männer schweigend an.

Nur das Schnauben der Pferde und das Knarren von Sattelleder unterbricht die unheilvolle Stille.

Dann kommt ein anderes Geräusch hinzu.

Jemand spannt den Abzugshahn einer Waffe, es klingt als würde man eine Walnuss knacken. Die Männer blicken nach rechts und sehen, wie sich dort der Lauf eines Gewehres aus einem Stall schiebt, der eigentlich nichts anderes ist als ein halb in die Erde gegrabenes Loch, dessen Vorderfront aus Grassoden und Kistenbrettern besteht.

Gleichzeitig kommt von links aus einem Corral eine Stimme, die wie geborstenes Glas klingt.

»Macht nur keine Dummheiten Jungs, sonst bekommt ihr es von zwei Seiten gleichzeitig.«

Weil der Corral von einem hohen Dornenheckenzaun umgeben ist, bleibt der Sprecher unsichtbar.

Aber der Tonfall seiner Stimme genügt, um keinen Widerspruch zuzulassen und deshalb hüten sich die drei Reiter, mit den Händen auch nur irgendwie in die Nähe ihrer Waffen zu kommen. Dabei ist ihnen deutlich anzusehen, wie sie eine immer größer werdende Wut erfasst.

Sie haben sich zu sehr auf ihre Colts und ihre Schießkünste verlassen und deshalb stecken sie jetzt böse in der Klemme. Sie haben sich der Ranch so unbedarft genähert wie eine Herde Hammel der Schlachtbank, ja, so könnte man es nennen, und weil ihnen nun bewusst wird, wie klein und hilflos sie eigentlich sind, wenn jemand eine Waffe auf sie richtet, beginnen sie nun böse zu fluchen.

»Ihr verdammten Halunken«, knirscht O´Reilly. »Das könnt ihr nicht mit uns machen. Laut Vertrag gehört dieses Land mir.«

»Da muss ein Irrtum vorliegen«, meldet sich der Unsichtbare wieder zu Wort. »Wir besitzen nämlich auch einen Vertrag, ausgestellt vom Friedensrichter in Tascosa. Weil ich aber dem Richter eher traue als einem Fremden, der hier mit drei Schießern auftaucht und unverschämte Forderungen stellt, glaube ich, dass dein Vertrag gefälscht ist. Also wirst du jetzt deinen Wagen umdrehen und wieder dorthin zurückfahren, wo du hergekommen bist, savvy?«

»Den Teufel werde ich tun, ich …«

Was O´Reilly sonst noch sagen will, geht im Krachen eines Gewehres unter. Die Kugel stößt den Hut vom Kopf des vordersten Reiters und schleudert das bunte, wagenradgroße Ding in den Staub.

»Wenn noch einer versucht, zum Colt zu greifen, halte ich beim nächsten Schuss eine Handbreit tiefer.«

Als das Gewehr beim Stall erneut gespannt wird, ziehen die Männer wortlos ihre Pferde herum und reiten vom Hof. O´Reilly droht noch, beim nächsten Mal mit dem Sheriff wieder zu kommen, dann macht auch er sich auf den Weg. Keine zehn Minuten später ist nichts mehr von ihnen zu sehen.

Lee Marlowe kommt aus dem Stall und nickt Big Bill zu. Dabei hält er den Lauf seines immer noch rauchenden Gewehres auf den Boden gerichtet.

»Was machen wir, wenn der Vertrag des Dicken doch echt ist?«

»Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden«, sagt Ben Allison.

Sorgfältig verschließt der weißblonde Texaner wieder hinter sich den Heckenzaun, in dem sich die Pferde der drei Männer befinden.

»Wir müssen vor diesen Kerlen in der Stadt sein, um mit dem Richter zu sprechen.«

***

Bis nach Tascosa sind es beinahe dreißig Meilen und nur, weil sie sehr schnell reiten, erreichen sie die Stadt, lange bevor die Sonne untergeht. Der Ort hat sich innerhalb eines Jahres von einem Sammellager für Büffeljäger in eine kleine Stadt verwandelt, in der bereits jetzt schon viele Rancher des Panhandles und ihre Cowboys Rast machen. Deshalb gibt es in dem Ort auch bereits sechs Saloons und Spielhallen. Zielstrebig reiten die Männer durch den knöcheltiefen Staub der Mainstreet und zügeln ihre Pferde erst, als sie vor dem Haus des Friedensrichters stehen.

Ben Allison gleitet aus dem Sattel, nimmt den breitkrempigen Texashut ab und fährt sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. Dann rückt er den Revolvergurt zurecht und wirft Lee Marlowe die Zügel zu.

»Haltet ein bisschen die Augen offen, während ich mit dem Richter rede. Dieser O´Reilly macht nicht den Eindruck, als ob er so schnell klein beigeben würde.«

Marlowe und Baker nicken und ziehen ihre Gewehre aus dem Scabbard, während der weißblonde Texaner das Haus von Friedensrichter Dills betritt.

Eine halbe Stunde später kommt Ben Allison wieder aus dem Haus. In seinem Gesicht zuckt kein Muskel und seine Stimme klingt belegt, als er spricht.

»Tja Jungs, das war´s dann wohl.«

Einen Moment lang starren ihn seine Sattelpartner stumm und ungläubig an. Dann ist es Big Bill Baker, der als Erster wieder seine Sprache findet. An seinem dunkelroten Gesicht erkennt man, dass er ziemlich wütend ist.

»Sag, dass es nicht wahr ist!«

»Was?«, fragt Allison gedehnt.

»Dass dieser irische Hundefloh im Recht ist. Heißt das, dass wir fast ein halbes Jahr umsonst geschuftet haben und unsere ganzen Ersparnisse jetzt verloren sind? Zum Teufel mit O´Reilly, diesem irischen Bastard.«

Als Ben ihm antwortet, zerspringt sein Gesicht dabei in tausend Lachfalten.

»Du musst mich schon ausreden lassen, Großer. Ich wollte nämlich noch sagen, dass O´Reillys Vertrag nicht mal das Papier wert ist, auf dem er niedergeschrieben wurde.«

»Wie jetzt, äh … was denn nun?«, stottert Big Bill und es ist ihm deutlich anzusehen, dass er jetzt gar nichts mehr versteht.

»Es ist richtig, dass O´Reillys Bruder seine Heimstätte hat registrieren lassen. Es stimmt auch, dass es einen Brief gibt, in dem er das Land seinem Bruder vermacht, aber unser Freund hat dabei leider etwas Entscheidendes übersehen.«

Dann verstummt er für einen Moment, während die beiden vor Neugierde beinahe platzen.

»Mann«, sagt Lee Marlowe schließlich. »Jetzt erzähl doch schon weiter, lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen.«

Ben Allisons Grinsen wird immer breiter, während er den anderen von O´Reillys Fehler berichtet. »Das Heimstättengesetz schreibt vor, dass man fünf Jahre lang auf dem Land wohnen und es bewirtschaften muss. Jack O´Reilly hat es ein Jahr ausgehalten, bevor er wieder in den Osten gezogen ist. Sein Bruder aber hat sechs Jahre gewartet, um jetzt erst wieder seine Ansprüche geltend zu machen. Damit ist die Frist vorbei und das Land fällt wieder an den Staat Texas zurück. In diesem Fall an uns, weil wir es jetzt auf unseren Namen eingetragen haben.«

»Dann verstehe ich aber nicht, warum O´Reilly solange damit gewartet hat, um seinen Besitzanspruch wieder geltend zu machen.«

»Ganz einfach«, sagt Allison. »Der Kerl ist hier in der Gegend als salziger Hund bekannt. Solange Tascosa nur ein Ausrüstungslager und Treffpunkt für Büffeljäger war, hatte das Land für ihn keinen Wert. Jetzt aber, wo sich die Stadt zu einem Knotenpunkt für Viehzüchter entwickelt und angeblich sogar einen Eisenbahnanschluss bekommt, meint er, aus dem Land Kapital schlagen zu können. Leider hat er damit ein Jahr zu lange gewartet. Aber jetzt genug der Worte. Der lange Ritt und das viele Reden haben mich durstig gemacht. Was haltet ihr davon, wenn wir uns in Dunns Saloon noch einen Drink genehmigen, bevor wir wieder nach Hause reiten?«

»Das ist die beste Idee, die du heute hattest. Nach dem Schreck, den du mir da eingejagt hast, können es aber auch ruhig zwei oder drei werden.«

***

Als sie den Saloon verlassen, steht die Sonne schon ziemlich tief im Westen.

Die Häuser der Mainstreet werfen die ersten langen Schatten und von Norden her treibt der kühle Abendwind Tumbleweedkugeln durch die Straßen.

Sie sind gerade dabei, ihre Pferde vom Haltebalken des Saloons loszubinden, als Lee Marlowe mit dem Zeigefinger auf Allisons Schulter tippt.

»Sieh mal, wer da kommt.«

Allison dreht den Kopf, und als er sieht, wie O´Reilly mit seinen Männern die Straße hochkommt, verziehen sich seine Mundwinkel zu einem freudlosen Grinsen.

»Schade, dass ich sein Gesicht nicht sehen kann, wenn ihm der Richter erklärt, wo er sich seinen notariell beglaubigten Wisch hinstecken kann.« Bill Baker lacht glucksend.

Allison erwidert nichts darauf, sondern zieht sich wortlos in den Sattel. Er weiß, dass sie im Recht sind und deshalb ist für ihn die Sache erledigt.

Aber nicht für O´Reilly und seine Männer. Sie halten ihre Pferde mitten in der Straße an, als sie Allison und seine Freunde erkennen.

»He, ihr Kuhtreiber, nicht so schnell. Wir haben da noch ein paar Dinge mit euch zu bereden.«

Bei dem Sprecher handelt es sich um jenen Mann, dem Lee am Mittag den Hut vom Kopf geschossen hat. Er schlägt seine Staubjacke zurück, sodass der Perlmuttgriff seines Revolvers sichtbar wird.

»Ich an eurer Stelle würde mir erst einmal jene Geschichte anhören, die Richter Dills für euch parat hat, bevor ihr hier weiter so große Töne spuckt«, warnt Ben Allison, und obwohl er nicht laut gesprochen hat, zucken die Männer dennoch zusammen.

»So kannst du vielleicht mit deinen Kühen reden, aber nicht mit mir«, sagt der Mann knurrend.

»Hör zu«, versucht es Allison noch einmal, um die Sache friedlich zu regeln. »Ich habe kein Interesse an einer Schießerei, aber wenn du nicht aufhörst, zu stänkern, lernst du mich kennen.«

»Du nimmst den Mund ziemlich voll, Kuhtreiber«, entgegnet der Mann, und während er noch redet, greift er zum Colt. Denn das ist sein Trick, den Gegner mit Worten in Sicherheit wiegen und gleichzeitig die Waffe ziehen.

Aber Ben Allison hat ihn längst durchschaut.

Er sieht das verräterische Zucken in der Schulter des anderen und dann scheint ihm sein Colt wie von selbst in die Hand zu springen. Das harte Peitschen eines Schusses zerreißt die Stille des Abends.

Einen zweiten Schuss gibt es nicht, denn der Mann liegt jetzt neben seinem Pferd auf dem Boden und presst seine Rechte auf die linke Schulter. Blut quillt zwischen seinen Fingern hervor.

Hinter Allison stürzt Richter Dills aus seinem Haus und aus einer Seitenstraße kommt ein untersetzt wirkender Mann, an dessen Jacke ein fünfzackiger Stern prangt.

Ben Allison weiß, dass jetzt alles seinen gesetzlich geregelten Gang nehmen wird und deshalb ist er im Gegensatz zu O´Reilly und seinen Männern auch kein bisschen nervös, als der Sheriff in ihre Mitte tritt.

Copyright © 2009 by Kendall Kane

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