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Die drei goldenen Äpfel

Die drei goldenen Äpfel
Ein deutsches Märchen erzählt von Karl Simrock

Es war einmal ein reicher und mächtiger König, der lebte in einem herrlichen Palast und hatte alles, was sein Herz begehrte, nur dass seine Frau kinderlos war. Die Königin trauerte auch darüber und tat manches fruchtlose Gelübde, um den gewünschten Segen zu erlangen. Endlich gelobte sie, wenn ihr ein Kind geschenkt würde, wolle sie drei Springbrunnen machen. Davon solle der eine vierzig Tage lang Milch, der andere Honig, der dritte Wein für die Armen ausströmen.

Nach einiger Zeit erfüllten sich die Wünsche der Königin und sie gebar einen schönen Knaben. Überglücklich vergaß sie bei Freuden und Festen zu Ehren des jungen Gastes ihr Gelübde ganz. Da träumte ihr einmal des Nachts, eine alte Frau stände an der Seite ihres Bettes und drohte ihr, wenn sie jetzt ihr Gelübde nicht endlich erfülle, werde der junge Prinz sterben.

Des Morgens erzählte sie den Traum ihrem Gemahl und drang in ihn, dass er doch nun die Brunnen machen lassen möchte. Er aber achtete nicht darauf und es geschah nichts. Die folgende Nacht hatte die Königin denselben Traum und drang des Morgens wieder in den König, auf diese Warnung zu achten, aber vergebens. Die dritte Nacht stand die alte Frau wieder an ihrem Bett, aber mit einem finsteren, drohenden Gesicht.

Die Königin, nun ernstlich beunruhigt, überredete ihren Gemahl, dass die Sicherheit ihres Sohnes von der Erfüllung dieses Gelübdes abhänge. Der König, der sie nicht länger quälen wollte, erfüllte ihre Bitte. Es wurde nach Arbeitern geschickt, und in kurzer Zeit ließ der König durch sein ganzes Reich verkündigen, dass alle Armen kommen und aus diesen Brunnen schöpfen sollten, welche vierzig Tage für sie springen würden.

Am Tag, nachdem diese vierzig Tage verflossen waren, erschien eine alte Frau an der Tür des Palastes und bat um Erlaubnis, aus den Brunnen zu schöpfen. Der junge Prinz, welcher nun schon acht oder neun Jahre alt war, sah gerade aus dem Fenster, als sie kam, fuhr sie hart an und befahl ihr sogleich wegzugehen, da die vierzig Tage vorüber seien und die Brunnen aufgehört hätten zu spielen.

Da warf die alte Frau einen wütenden Blick auf ihn und rief: »Dass alles Ungemach über dich komme, weil du einer armen Frau eine Bitte abgeschlagen hast. Darum belege ich dich mit dem Fluch, die drei goldenen Äpfel zu suchen.«

Nun war dies Suchen oft schon unternommen worden, hatte aber immer denen, die es wagten, das Leben gekostet, denn ein schrecklicher Drache bewachte diese goldenen Äpfel Tag und Nacht. Die Königin war tief betrübt, als sie das hörte und ließ sich sogar herab, selbst zu der alten Frau zu gehen und ihr alles anzubieten, was sie begehrte, wenn sie nur diesen Fluch von ihrem Sohn nehmen wollte.

Die alte Frau aber antwortete: »Das ist unmöglich: Der Fluch ist einmal über meine Lippen gekommen und kann nicht zurück. Dein Sohn muss es über sich nehmen.«

Nun wuchs der junge Prinz und kam zu den Jahren des Mannesalters und wurde schön, fein und tapfer. Als er sein einundzwanzigstes Jahr erreicht hatte, nahm er einen tränenreichen Abschied von seinen Freunden, gürtete sich das Schwert um und zog aus zu dem ihm bestimmten Abenteuer. Er reiste weit und lange Zeit immer auf derselben Straße. Endlich kam er an einen Strom und gewahrte am Ufer eine junge Drachin. Die war beschäftigt, Kleider zu waschen. Aber mit Verwunderung sah er, dass sie, statt Wasser aus dem Strom zu nehmen, alle Kleider mit ihrem Speichel wusch. Das war aber eine langweilige Arbeit, und die junge Drachin spie und spie und kam doch nicht recht voran.

Der junge Mann näherte sich ihr freundlich und sprach: »Ich will dich leichter und besser waschen lehren, so wie man es in unserem Land tut.« Dabei nahm er etwas Wasser aus dem Strom, schüttelte es über die Kleider und wusch in einer Minute mehr als sie in vielen Stunden.

Das sah die junge Drachin aufmerksam an und sprach: »Junger Mann, du hast mir einen großen Dienst geleistet. Wie kann ich deine Freundlichkeit belohnen?«

»Zeige mir«, erwiderte er, »wo ich die drei goldenen Äpfel finde.«

»Ach«, sagte die Drachin, »du willst in deinen Tod. Doch will ich mein Bestes für dich tun. Geh zu jenem Feigenbaum und pflücke eine Feige von ihm ab. Sie wird deiner Zunge bitter sein, aber kehre dich nicht daran, iss sie ganz und gar und dann rufe laut, dass du nie in deinem Leben etwas so Süßes gekostet hast. Dann geh weiter zu jenem Fluss, trinke von seinem Wasser. Es wird auch bitter sein, und rufe dasselbe. Nahe dabei ist die Höhle des Drachen. Schleiche dich leise hinauf und stiehl ihm, während er schläft, die drei goldenen Äpfel unter dem Kissen weg und dann eile fort, wenn dir dein Leben lieb ist.«

Der junge Mann dankte ihr von Herzen und ging seines Weges. Wie sie ihm gewiesen hatte, fand er den Feigenbaum gar schnell, nahm eine Feige von ihm, aß sie und rief: »Das ist das Süßeste, was ich je geschmeckt habe.« Dasselbe tat er mit dem Fluss. Da sah er die Höhle des Drachen vor sich, schlich sich hinein, nahm die drei goldenen Äpfel unter dem Kissen des Drachen fort und ging davon.

Kurz darauf erwachte der Drache. Als er seine Äpfel nicht fand, flog er brüllend hinter dem jungen Mann her zum Fluss und schrie: »Fluss, Fluss, ersäufe ihn!«

Aber der Fluss antwortete: »Nein, ich gewiss nicht, denn er trank von meinem Wasser und ist seit vielen hundert Jahren der erste Mensch, der es süß gefunden hat.«

Da schrie der wütende Drache: »Feigenbaum, Feigenbaum, schlag ihn tot!«

Aber der Feigenbaum antwortete: »Nein, ich gewiss nicht, denn er aß von meinen Früchten und ist seit vielen hundert Jahren der erste Mensch, der sie süß gefunden hat.«

Da schrie der Drache zum dritten Mal: »Drachin, Drachin, töte ihn!«

Aber die Drachin antwortete: »Nein, ich gewiss nicht, denn er lehrte mich waschen.« So entkam der Prinz glücklich der großen Gefahr, hatte die drei goldenen Äpfel sicher in seinem Gürtel und schlug den Weg nach Hause ein. Er war noch nicht sehr weit gegangen, da fand er eine Quelle, wollte sich an ihr erfrischen und setzte sich dabei nieder. Indem fiel es ihm ein, einen seiner goldenen Äpfel aufzuschlagen, um zu sehen, was darin sei. Er nahm einen Stein und zerklopfte ihn leise. Wie der Apfel auseinandersprang, da stand eine Jungfrau da, schön wieder Tag und rot wie eine Rosenknospe.

Erstaunt verbeugte sich der junge Prinz tief und verliebte sich auch gleich in seine schöne Beute. »Schöne Jungfrau«, sprach er, »gib dich zufrieden, eine Weile hier zu warten, dass ich in meines Vaters Haus gehen und den Zug bestellen kann, der dich als meine Braut in deine zukünftige Wohnung führen soll.«

Dessen war die Jungfrau zufrieden, setzte sich bei der Quelle hin und erwartete seine Rückkehr. Wie sie so da saß, kam aus der Ferne eine hässliche alte Sklavin, von ihrer Herrin gesendet, um Wasser zu schöpfen. Kaum erblickte die junge Prinzessin sie, da floh sie auch schon ganz erschrocken auf einen Baum, der an der Quelle stand. Die alte Frau kam heran, sah in dem Wasser den Widerschein des Angesichts der Jungfrau, meinte, es sei der Widerschein ihres eigenen, warf sogleich den Eimer weg und kam zu ihrer Herrin zurück.

»Wo hast du das Wasser?«, fragte diese.

»Ich bin viel zu schön«, antwortete die Sklavin, »um deine Wasserträgerin zu sein.« »So?«, sagte die Herrin, »nun so nimm dies für deine Mühe.« Dabei schlug sie sie nicht wenig und schickte sie zum Brunnen zurück.

So kam die alte Sklavin wieder zum Wasser. Aber dieses Mal sah sie schon von Weitem die Gestalt der Jungfrau, die auf dem Baum saß. Als sie ihren Irrtum entdeckte, füllte sich ihr Herz von Wut an. Sie ergriff die Jungfrau am Arm, riss sie vom Baum, zog ihr die schönen Kleider aus, und warf sie in den Brunnen. Dann zog sie selbst die Kleider der Prinzessin an und erwartete die Ankunft des Liebhabers. Der kam zur rechten Zeit, mit herrlichen Gewändern angetan, und ein großes Gefolge hinter ihm, wie einem Königssohn zusteht. Als er an der Stelle, wo er seine schöne Braut gelassen hatte, die hässliche Alte sah, schrak er zurück. Ein Zischeln ging durch das ganze Gefolge. Nun schämte er sich aber, sie zu verleugnen, nahm sie mit sich, brachte sie seinen Eltern und das Hochzeitsfest wurde bereitet. Als alle beim Festmahl saßen, erschien eine verschleierte Frau von gar schöner Gestalt am oberen Ende der Halle und begehrte den Prinzen zu sprechen. Sie wurde vorgeführt, und der Prinz fragte sie gütig, was sie begehre.

Sie erzählte die Geschichte der jungen Prinzessin unter falschem Namen und fragte dann: »Nun, o Prinz, was soll dem Menschen geschehen, der dieses schändliche Verbrechen begangen hat?«

Da riefen alle und die alte Sklavin zuerst: »Er soll von wilden Pferden in Stücke gerissen werden.« Bei diesen Worten hob die verschleierte Gestalt den Schleier auf, der ihr Gesicht verhüllte und sprach: »Dann sieh, o Prinz, ich bin die unglückliche Prinzessin, deine rechte Braut, vom Tode, den mir die schwarze Sklavin zugedacht hat, gerettet durch die Nymphe jener Quelle.«

Überglücklich erkannte der junge Prinz die Züge seines geliebten Mädchens, das aus dem goldenen Apfel gesprungen war, und befahl sogleich, dass an der ehrgeizigen Sklavin der Spruch vollzogen werden sollte, den sie sich selbst gesprochen hatte. Das geschah, und das junge Paar lebte lange und glücklich miteinander. Ich wollte, wir wären noch glücklicher.