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Die Wurzelprinzessin – Sechstes Kapitel

Die Wurzelprinzessin
Ein Märchen

Sechstes Kapitel

Der Vogelsteller und seine Familie. Wie die Kinder mit seltsamen Schätzen heimkehren. Die Leiche Nussknackers. Das Weibchen aus dem Kranichnest und wer es gewesen. Rührende Versöhnung auf der Nusswiese. Drohende Gefahr für die Wurzelmänner. Wie die Wurzelmänner auswanderten.

Zu derselben Zeit, als sich alle diese wunderbaren Dinge ereigneten, lebte am Ausgang des eben beschriebenen Waldes ein alter Vogelsteller mit seiner Familie.

Seit den zwei Jahren, dass er sich hier angesiedelt hatte, war es ihm mit seinem Geschäft vortrefflich gegangen. Besonders im Frühling und Herbst waren so viele Vögel in seine Netze geflogen, dass er damit manchen Taler Geldes verdient, manchen Sparpfennig zurückgelegt hatte.

Nun war einmal an einem Frühlingstag ein sehr heftiger Regen gefallen. Seltsamerweise ließ sich seit jenem Tag kein Vogel mehr bei ihm sehen. Seine Netze fand er des Morgens immer zerrissen, seine Leimruten verdorben und selbst sein Uhu und die übrigen Lockvögel waren seit einiger Zeit aus ihren Käfigen und von ihren Stangen verschwunden. Und doch wohnte, wie er wohl wusste, kein Mensch im ganzen Wald, der das hätte tun können.

Einstmals hatte er seine Kinder mit der Holzkarre tiefer in den Wald geschickt, um Reisig zu suchen.

Es wurde Abend, sie kamen und kamen nicht wieder. Schon fing es an, dunkel zu werden. Weil sie noch immer nicht da waren, überfiel ihn große Angst und er beschloss, sie zu suchen. Er setzte eben den Fuß vor die Tür, da hörte er aus dem Walde ein Jauchzen und Lärmen. Gottlob! Es waren seine lieben Kinder, die die Holzkarre hoch bepackt heranzogen und vor sich herschoben.

»Ihr Tausendsappermenter, wo bleibt Ihr denn?«, fuhr er sie halb ärgerlich, halb erfreut an.

Sie aber lachten. Indem sie das grüne Reisig, womit sie die Karre oben bedeckt hatten, hinwegnahmen, riefen sie, ganz rot im Gesicht vor lauter Vergnügen: »Schau einmal, Vater was wir da haben.«

Und siehe da! Der ganze Wagen war mit zerbrochenem, verbogenem und zernagtem Spielwerk von unten bis oben angefüllt.

Nun fing das Erzählen der Kinder an. Der Sinn ihres Durcheinanderschreiens war der: Nachdem sie sich verirrt hatten, wären sie in ein schmales ebenes Tal gekommen, das sich wie ein Fußweg in den Wald verloren habe. Es sei dort noch ganz schlammig vom letzten Regen gewesen. Da hätten sie denn alle diese Herrlichkeiten in buntem Gemisch durcheinanderliegend gefunden. Wäre nicht die Sonne hinter die Tannen gegangen, so würden sie den Weg noch weiter verfolgt haben. Der habe gar nicht aufgehört, sondern sei tief in dem Dickicht verschwunden. So weit sie hätten sehen können, wäre er fort und fort mit solchen Schätzen besät gewesen.

Dem Vater kam die Sache seltsam vor. Er beschloss am anderen Tag den bezeichneten Pfad zu folgen, denn so hoffte er demjenigen auf die Spur zu kommen, der ihm die Vögel verscheucht und die Netze zerrissen hatte.

Als der nächste Morgen durch den stillen Wald dämmerte, zog die ganze Vogelstellerfamilie mit der Holzkarre dem Tal zu. Und richtig! Es fand sich alles, wie es die Kinder erzählt hatten.

»Siehst du, Vater? Da ist wieder ein so prächtiger Kerl aus Holz!«, rief das jüngste Kind und scharrte einen garstigen Nussknacker, von dem alle Farbe abgespült und dessen Fußgestell abgelöst war, aus dem Schlamm hervor.

»Hu! Was der Kerl für ein Gesicht hat, was für ein Maul und was für hervorstehende Augen!«, riefen die Kinder durcheinander.

»Dummes Zeug! Die Fratze da!«, rief der Alte, der noch immer ärgerlich war. Er nahm ihnen den Nussknacker weg und warf ihn zur Seite, eine ganze Strecke in den Wald hinein.

Da zeigte sich seinen Blicken ein wunderbares Schauspiel.

Aus einem Kranichnest, hoch auf einem alten Eichbaum, erhob sich ein kleines weibliches Wesen von menschlicher Gestalt, ganz in weiße Spinnweben eingewickelt. Wie ein Eichkätzchen kletterte es den Baum herunter, lief eilig zu der Stelle, wo der zerbrochene Nussknacker lag, grub ihm mit beiden Händen ein Grab, legte ihn hinein, wobei zwei Kraniche ihm behilflich waren, und scharrte Erde darüber hin, worauf es eilig wieder auf den Baum und in das Nest zurückkletterte.

Der Vogelsteller und seine Familie standen mit offenem Mund da. Sie wollten das kleine Wesen nicht verscheuchen, auch machte der neue Anblick sie unentschlossen, etwas dabei zu tun.

»Also du bist am Ende die kleine Hexe, die mir mein Brot wegnimmt«, platzte endlich der Vogelsteller seinen so lange verhaltenen Ärger heraus. »Warte nur, mein hübsches Vögelchen! Morgen kommen wir wieder her, mit Beil und Netzen, da wollen wir schon deinen Baum umhacken und dich einfangen. Fürs Erste aber wollen wir einmal sehen, wo denn dieser Weg hinführt, und ob da nicht mehrere deines Gelichters sind?«

Er hatte seine Rede noch nicht beendet, als er sehen musste, wie das kleine Weibchen ängstlich mit ihren weißen Schleiern aus dem Nest herauswinkte.

Da kamen sogleich die Kraniche herbeigeflogen, fassten das Nest mit den Schnäbeln, hoben es aus den Zweigen und trugen es durch die Luft in schnellem Flug davon.

Wer konnte das Weibchen wohl anders sein als unsere Wurzelprinzessin?

Furcht vor ihrem Vater und ihrem Volk hatte sie abgehalten, in ihr Tal zurückzukehren. Dazu war die Reue über ihre Hoffart, mit der sie die sonst so befreundeten Vögel behandelt hatte, so mächtig in ihr geworden, dass sie beschloss, an diesen freundlichen Tieren das wieder gut zu machen, was sie früher an ihnen verschuldete. Seit dem Unglückstag, der ihren Mann und dessen Volk vernichtet hatte, schlug sie daher auf diesem Baume ihren Wohnsitz auf und hatte sich mit liebender Sorgfalt aller jungen Vögel angenommen, deren Eltern gestorben waren. Eben sie war es auch gewesen, die trotz ihrer Furcht vor den Menschen die Netze des Vogelstellers alle Nächte zerriss und die Vögel warnte, in seine Nähe zu kommen.

In diesem Augenblick aber sah sie die Gefahr, die ihrem ganzen Volk drohte, wenn diese eigennützigen Menschen das Wurzelreich entdeckten. Da mussten alle anderen Rücksichten schweigen.

Ohne Aufenthalt ließ sie sich von den Kranichen geraden Weges in ihr Tal tragen, mochte daraus entstehen, was da wolle.

Auf der Nusswiese, die noch jüngst der Schauplatz ihres falschen Glanzes und ihrer Torheiten gewesen war, standen gerade an demselben Tag das Volk der Wurzelmänner versammelt. Auch sie hatten die Prinzessin trotz ihrer Torheiten noch nicht aufgegeben und wollten eben auf die Bitten ihres Vaters beraten, was man tun solle, um die Entführte aufzusuchen.

Da senkten die Kraniche sich mit dem Nest herab. Bald fiel die reuige Tochter ihrem hocherfreuten Vater um den Hals, und das ganze Volk hatte Mitleid mit ihr und vergab ihr aus Herzensgrund.

In der Freude über ihr Wiedersehen wollte nun alles sich der unbefangensten Lust überlassen, aber die Prinzessin wies jede Heiterkeit zurück. Sie verkündete den ihren die Gefahr, die ihnen drohe, von Menschen entdeckt zu werden.

Angst und Schrecken überfiel das Wurzelvolk bei dieser Nachricht. Nun war seines Bleibens in diesem Wald nicht länger. Man beschloss auf der Stelle das Tal zu verlassen und durch unterirdische Höhlen in ferne Gegenden auszuwandern.

Der Zug setzte sich auch sogleich in Bewegung. Zu gleicher Zeit erschien aber auch schon auf der Höhe der Felsen hinter den dichten Hecken der Vogelsteller mit seiner Familie.

Waren diese Leute erst erstaunt gewesen, um wie viel mehr waren sie es nun, als sie sämtliche Wurzelmännchen in den Felsen verschwinden sahen.

Ganz erbost darüber, dass er nicht hinzukommen konnte, griff der Vogelsteller in die Hecken und versuchte auf jede Weise, sie zu durchbrechen. Es half ihm alles nichts, er brachte nur zerrissene Hände davon.

»Ei du Himmel!«, rief er aus, »hätte ich nur mein Beil hier und meine Netze, die Knirpse da einzufangen! Der reichste Mann von der Welt könnte ich werden, wenn ich die in der Stadt verkaufte oder für Geld sehen ließe!«

Darauf nahm er schnell seine Vogelpfeife hervor und fing an zu blasen und Lockweisen zu singen. Er dachte, die Kleinen dadurch wie Vögel herbeilocken zu können. Auch das war umsonst. Das ganze Völkchen zog vor seinen Augen in den Fels. Die letzten kleinen Kerle lachten ihn noch obendrein aus, schnitten ihm spöttische Gesichter und machten ihm lange Nasen. Und wie der allerletzte Zwerg im Berg verschwunden war, schloss sich dessen Öffnung. Kein Mensch hat die Wurzelmännchen seitdem gesehen.