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Die Wurzelprinzessin – Fünftes Kapitel

Die Wurzelprinzessin
Ein Märchen

Fünftes Kapitel

Das Puppenreich wird eingerichtet. Übermut Nussknackers, seiner Gemahlin und seiner Untertanen. Abneigung beider Völker. Der Wurzelkönig entsagt der Regierung. Nussknacker ein Tyrann. Rüstungen im Wurzelreich. Der Krieg. Hampelmanns Tod. Flucht und Untergang des Puppenreichs. Nussknackers Tod. Rettung der Fürstin.

Ganz acht Tage bedurfte Fürst Nussknacker, um seinen Staat einzurichten, die Städte, Festungen und Dörfer an geeigneten Stellen aufzubauen und seinen Untertanen ihren Platz und ihre Tätigkeit anzuweisen. Alles das wurde mithilfe des lustigen Ministers Hampelmann, der die Seele des Ganzen war, vortrefflich ausgeführt. Es schien auch, als wollte der Himmel selbst das neue Fürstentum begünstigen, denn bisher hatte sich kein Wölkchen am Himmel gezeigt, kein Windstoß eine Kompanie Soldaten umgeworfen, kein Regen die schönen bunten Wasserfarben des Schlosses abgespült oder die fürstlichen Dekorationen des großen Theaters aufgeweicht.

So lebte die junge Fürstin einige Tage mit ihrem Gemahl herrlich und in Freuden. Sie hatte bereits ihre alten Kleider aus Blumenblättern und Spinnweben abgelegt und trug sich, wie die eleganteste Staatspuppe, nach dem neuesten Pariser Modejournal. Ihre munteren natürlichen Bewegungen gewöhnte sie sich ab und nahm die steife Haltung ihres Mannes und ihrer Hofdamen an, die es für unanständig hielten, den Kopf nur etwas auf die Seite zu drehen. Das Gehen verlernte sie fast ganz. Dagegen fuhr sie häufig auf Bälle, Konzerte und Paraden, auf Maikäferhetzen und Fliegenjagden. Ihr liebstes Vergnügen war und blieb der Putz. Alle Tage wechselte sie ihren Anzug. Vor ihren Fenstern waren sämtliche Modebuden aufgestellt, sodass sie gleich beim Aufstehen die ersten Blicke darauf werfen konnte.

Aber auch ihr Gemahl und seine Untertanen wurden immer übermütiger. Sie verachteten alles, was nicht Puppe und nicht so schön angestrichen und lackiert war, wie sie. Jedes geflügelte Tier, was in ihre Nähe kam, wurde mit der härtesten Grausamkeit verfolgt.

Auch die Wurzelmänner, die von Zeit zu Zeit zum Vergnügen herüberkamen, wurden immer kälter empfangen. Bald blieben sie ganz weg. Selbst der gute König musste es erleben, wie sein Schwiegersohn und seine eigene Tochter ihn mit der Zeit lieblos behandelten. Da verwandelte sich natürlich die frühere Freundschaft der beiden Völker schnell in bitteren Hass. Noch waren nicht vier Wochen vergangen, so trieb Fürst Nussknacker seinen Übermut so weit, dass er von den Wurzelmännern einen monatlichen Tribut von 2000 Stück ausgesuchter Haselnüsse forderte, dabei an der Grenze seine Truppen zusammenzog und alle Festungen in einer Linie gegen das Wurzelreich aufstellen ließ. Im Falle der Weigerung wollte er mit Heeresmacht in das Land seines Schwiegervaters einfallen.

Eine solche Verletzung allen Rechts musste das weiche Gemüt des guten Königs aufs Bitterste empören. Einen ganzen Tag lang weinte er die hellen Tränen in seinen bemoosten Bart hinein, dann sagte er sich öffentlich von der undankbaren Tochter los und beschloss, sie nie mehr vor Augen zu sehen.

Endlich zog er sich selbst von allen Regierungsgeschäften zurück. Er fühlte wohl, dass er für ein so schwieriges Geschäft zu weichmütig sei. Die Nachricht davon gelangte bald zu seiner Tochter. Jetzt gingen ihr die Augen auf, wie unwürdig sie ihre Hand verschenkt, wie tief sie durch Eitelkeit alle Pflichten gegen ihren Vater und gegen die verletzt hatte, die ihr früher lieb und wert gewesen waren. Leider war es zu spät. Sie versuchte alles, ihren Mann von seinen unbilligen Forderungen abzubringen. Er blieb bei seinem Vorsatz. Da sie aber mit Bitten nicht nachließ, richtete er endlich seinen Zorn auch gegen sie, schloss sie in ihre Zimmer ein und wollte nichts weiter von ihr hören. Statt Lust und Heiterkeit waren nun Schmerz und Reue ihre beständigen Begleiter.

Indessen war im Wurzelreich ein junger kräftiger König gewählt worden. Er teilte den Ingrimm seines Volks gegen die frechen Eindringlinge und erklärte ihnen kurzweg den Krieg. Er beschloss sie in einem furchtbaren Kampf gänzlich zu vertreiben oder zu vernichten, daher berief er von allen Seiten Bundesgenossen. Kaninchen und Maulwürfe, Eidechsen und Regenwürmer sollten unter der Erde in das Land Nussknackers einbrechen und Städte und Dörfer umstürzen. Heuschrecken, Bienen und Käfer sollten aus der Luft über die Feinde herfallen. Auf der Erde wollten die Wurzelmänner selbst mit spitzen Binsenlanzen und scharfen zweischneidigen Grasschwertern die Feinde angreifen.

Der Morgen des verhängnisvollen Kampfes brach düster an, der Himmel hing voll schwarzer Wolken. In ihren grünen und braunen Moosröcken rückten die Wurzelmänner gegen die Nusswiese an, sodass der Feind sie nicht eher erkannte, als bis sie dicht unter seinen Festungen waren. Nun erhob sich ein Bombardieren und Feuern aus allen Schießscharten derselben, aber die Kugeln blieben im Moos der Angreifenden hängen. Und mit lautem Gelächter erwiderten sie das furchtbare Schießen. Schnell drang das Wurzelheer auf der Nusswiese vor. Prinz Nussknacker warf sich ihnen mit seiner Leibgarde entgegen, wurde aber zurückgeschlagen. Er floh in den Palast und machte Hampelmann zu seinem Feldmarschall. Mit verzweifelten Sprüngen führte dieser auch die Hauptarmee ins Feld. Da überfiel ein allgemeiner Schrecken das Land. Schon hatten die unterirdischen Hilfstruppen der Feinde den Boden, wo das Puppenheer marschierte, und zugleich Festungen, Städte und Dörfer der Nusswiese unterwühlt. Zu derselben Stunde stürzten fast sämtliche Gebäude des Landes mit lautem Krachen über und untereinander zusammen. Auch den Feldmarschall Hampelmann packte ein alter grimmiger Maulwurf bei einem Bein und zog ihn trotz alles Hampelns in die Erde hinab. Nie hat man ihn wiedergesehen. Das war das Signal zu einer allgemeinen wilden Flucht für das ganze glänzende Heer Nussknackers. Mit dem Geschrei »Rette sich, wer kann!« stürzten die Fliehenden dem fürstlichen Palast zu. Der aber war aus festen hölzernen Prachtstuben erbaut und trotzte noch am längsten den wühlenden Tieren. Hier hatte Nussknacker bereits seine Staatskutsche anspannen lassen. Mit seiner Gemahlin warf er sich schnell in diese hinein und rief dem Kutscher zu: »Fort aus diesem Tal, so rasch es geht, so weit wie möglich!«

Da drängte sich sein Volk in wildem Getümmel um die Kutsche herum, einen Halt daran zu finden, denn überall sausten aus der Luft Insekten herunter und warfen mit ihren Flügeln zu Boden, was nicht auf sehr festen Füßen stand.

So wälzte sich das fliehende Volk wie ein großes Knäuel über die Wiese dahin. Obwohl hart von seinen Feinden gedrängt und mit Verlust vieler Toten, gelang es ihm doch, unter den großen Hecken, die das Tal umgaben, hindurch zu schlüpfen und in den Wald zu entkommen.

Da sollte das Elend der Übermütigen seinen Gipfel erreichen. Selbst der Himmel brach gegen sie los, dichter Regen strömte auf sie herab. Mit Trauer sah Nussknacker und seine Gemahlin aus ihrer Staatskutsche, wie die Gießbäche auf dem Weg anschwollen, wie ihre Untertanen, Häuser und Geräte im wilden Strudel an ihnen vorbeigetrieben wurden, wie von den ihrigen einer nach dem anderen der Mühseligkeit des Marsches erlag, in Abgründe stürzte oder in Wurzeln, Brennnesseln und Laubabfall sich verwickelte und elendiglich umkam. Bald war Nussknackers ganzes Volk zugrunde gegangen.

Auch er fuhr nur noch wenige Schritte. Der Regen löste die geleimten Fugen der Kutsche auf und das fürstliche Paar wurde von der Wasserflut ergriffen. Erst jetzt erwachte wieder, durch die Not geweckt, der frühere kräftige Naturgeist der Prinzessin. Wie war sie sonst bei solchem Wetter jauchzend umhergesprungen und den Wellen entgegengeschwommen! Mit der einen Hand fasste sie nur noch eben den Zopf ihres Mannes, mit der anderen einen Zweig. Schnell wollte sie sich mit ihm auf eine höhere Baumwurzel emporschwingen. Aber ach! Selbst das Haar des geängstigten Fürsten war nicht mehr stark genug! Den Zopf behielt sie in der Hand, ihren Mann sah sie von den Strudeln fortgetrieben und bald war er ihren Blicken entschwunden.

Erst rief sie ihm klagend nach, dann aber regte sich ihr ursprüngliches Wesen umso kühner. Sie zerriss die läppischen modischen Kleider, die vom Regen durchnässt waren, ihre schlanken kleinen Glieder beengten. Rasch wickelte sie sich in die ersten besten Blätter und kletterte schnell wie ein Eichkätzchen einen alten Baum hinauf, in dessen Astloch sie Schutz suchte gegen das Unwetter und die einbrechende Nacht.