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Die Wurzelprinzessin – Viertes Kapitel

Die Wurzelprinzessin
Ein Märchen

Viertes Kapitel

Nussknacker verlobt sich mit der Wurzelprinzessin und nimmt Besitz von der Nusswiese. Die Vögel ziehen ab. Was dadurch für Unheil gestiftet wurde. Hochzeit und Abschied.

Prinz Nussknacker und sein Begleiter wurden vom guten Wurzelkönig auf das Freundlichste empfangen. Die Prinzessin schwamm in Entzücken über die glänzende Erscheinung des schön lackierten hölzernen Fürsten, der in einer steifen wohlgesetzten Rede seine Liebeserklärung und seine übrigen Wünsche ungemein anständig vortrug. Auch der König wurde so von seinen Worten gerührt, dass er ohne Weiteres ihm seine Tochter zur Frau und die ganze Nusswiese zur Aussteuer gab. Als er nun gar seinen künftigen Schwiegersohn zärtlich umarmte, jauchzte ringsumher alles Volk und all die Tausende der Vögel stimmten mit Singen, Pfeifen und Klappern in das Vivatrufen und Jubelgeschrei ein. Darauf wurde angeordnet, dass der ganze Zug des Puppenvolks vor den Augen des versammelten Wurzelvolks von seinem neuen Land, der Nusswiese, Besitz nehmen sollte, was auch sogleich geschah.

Wie es nun im Leben so oft zu geschehen pflegt, dass man liebe alte Bekannte über neue Gäste vergisst und sogar verachtet, so ging es auch hier zu. Die Wandervögel, die früher mit der größten Aufmerksamkeit behandelt wurden, die noch eben bei der Verbindung beider Völkerschaften durch den schönsten Spektakel ihre Teilnahme gezeigt hatten, mussten es im Laufe dieses Tages erleben, dass man ihnen den Rücken kehrte. Die neugierigen Wurzelmännchen drängten sie sogar von allen Seiten zurück und gaben ihnen nicht undeutlich zu verstehen, sie könnten nur fortfliegen und für immer wegbleiben.

Empört über eine solche Behandlung erhoben sich sämtliche Vögel, wie mit einem Flügelschlag, schwebten noch einmal mit mächtigem Gebrause über den Köpfen der beiden Völker und verschwanden dann raschen Fluges in der blauen Luft.

O Entsetzen! Was ereignete sich da! Der Flügelschlag dieser Tausende hatte einen solchen Luftzug hervorgebracht, dass fast keiner der neuen Ankömmlinge sich auf den Beinen halten konnte. Die Zinnsoldaten fielen reihenweise, einer über den anderen zu Boden. Die papiernen Helden, Schauspieler und Jäger wurden weit über die Wiese hingeweht, und selbst Fürst Nussknacker, der eben seiner geliebten Braut mit anständigster Manier die Hand küssen wollte, stand auf so schwachen Füßen, dass er taumelte, umfiel, den Maulwurfshügel herunterrollte und mit offenem Mund am Fuß desselben liegen blieb.

Das war ein schlimmes Zeichen für die Macht des neuen Fürstentums! Der große Respekt, den die Wurzelmänner noch eben vor den neuen Ankömmlingen gehabt hatte, verwandelte sich bei diesem Anblick bald in Verachtung. Nur der gute König und die schöne Prinzessin ließen sich in ihrer Bewunderung nicht irre machen. Sie sprangen eilig von ihrem Thron herab und halfen dem gefallenen Fürsten wieder auf die Beine. Nussknacker aber brach in bittere Schmähungen aus. Er nannte die Vögel, die ihn umgeworfen hatten, alberne hochfliegende Narren, die sich über alles auf der Welt erhöben, die alle Ordnung und Regel über den Haufen würfen. Sein Zorn wurde nicht eher besänftigt, als bis der künftige Schwiegervater versprach, dass auch er, um ähnliche Unfälle zu vermeiden, nichts Fliegendes, selbst keine fliegenden Blätter in seinem Land dulden wolle.

Allmählich war alles wieder auf die Beine gekommen, der übrige Teil des Tages verging unter Jubel und Lustbarkeiten und am folgenden Tage wurde die Hochzeit des Fürsten Nussknacker mit seiner schönen Braut auf das Allerglänzendste gefeiert. Darauf nahmen beide Völker voneinander freundlichst Abschied, die Wurzelmänner kehrten in ihr Tal zurück, das Puppenvolk blieb auf seiner Nusswiese.