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Die Wurzelprinzessin – Zweites Kapitel

Die Wurzelprinzessin
Ein Märchen

Zweites Kapitel

Das Frühlingsfest im Wurzeltal. Die Nusswiese. Die Wandervögel. Es erscheint ein fremdes Volk. Nussknacker und Hampelmann. Die Prinzessin gerät in Entzücken.

Es waren mehrere Jahre vergangen, als wieder einmal das Frühlingsfest erschien. Schon blühte und sprosste alles, auf Bäumen und Hecken, auf den Felsen, als auch in den Gründen. Das Wurzelvolk hatte bereits seine dunklen Winterquartiere verlassen und die Sommerwohnungen an dem kühlen Bach bezogen, der nun wieder lustig dahinsprudelte. Begierig harrte alles auf die Ankunft der geflügelten Gäste.

Endlich kam der große Tag heran. Es war ein schöner Maienmorgen. Durch das junge saftige Nusslaub des Waldes flimmerte und funkelte der Sonnenschein über Blumen und Rasen, über Kiesel und Wellen. Da sah man schon ganz in der Frühe die kleinen Herolde in neuen Moosröckchen auf Heupferdchen das Tal durchreiten. Mit heller Stimme riefen sie überall aus:

Heraus ihr Wurzelmänner, heraus!
Der Frühling ist kommen, die Vögel sind drauß!

Kaum war der Ruf vernommen, so strömte das ganze kleine Volk zur Nusswiese hin, die, immer für solche Feste bestimmt, auch dieses Mal aufs Schönste geschmückt war. In der Mitte prangte auf einem zierlich mit Kieselsteinchen belegten Maulwurfshaufen der Thron für den guten König und seine schöne Tochter. Er war aus Schneckenhäusern und Bachmuscheln erbaut und mit Federchen gepolstert. Eine lange sechsfache Allee von Maiglöckchen führte schnurgerade zu ihm hin. Als die königlichen Herrschaften, begleitet vom ganzen Hof, auf Eichkätzchen da hindurch galoppierten, erklangen alle Maiglöckchen in wunderlieblichen Melodien, denn an jeder Staude war eine Spinne angestellt, die sämtliche Glocken daran an feinen Spinnenfäden läuten musste.

Es erfolgte eine feierliche Stille. Die Vögel waren noch immer nicht da.

Wahrscheinlich hatten sie sich noch irgendwo in der Nähe niedergelassen, um ihre Federn, die von der langen Reise in Unordnung geraten waren, in Ordnung zu bringen. Sie mussten vor ihren freundlichen Wirten als anständige Gäste erscheinen.

Plötzlich hörte man fern, dann immer näher und näher ein Platzen von Knallschoten, das gewöhnliche Zeichen, dass die Gäste im Anzug wären. Alsbald rauschte es hoch in der Luft. Schon kamen einzelne Züge der Vögel über den Wald daher, dann wieder welche, und so immer mehr, bis zuletzt die Wiese von den fliegenden Gästen ganz beschattet wurde. In langen Scharen ließen sie sich auf der Mitte des Platzes nieder.

Allgemeiner Jubelruf erscholl ringsum. Darauf ließ man die Ankömmlinge an Speise und Trank sich erquicken. Nun bestieg ein alter Storch, der berühmteste Erzähler seiner Zeit, einen Felsblock, der ihm als Katheder diente. Schon machte er sein gemütliches Gesicht, womit er alle Erzählungen zu beginnen pflegte, schon räusperte er sich und öffnete den langen roten Schnabel. Da wurde er durch ein lautes Gemurmel des Volks unterbrochen und ein eigentümliches Geräusch, wie von vielen Wagen und Pferden erscholl aus der Ferne. Wurzelherolde sprengten heran und meldeten: Drinnen im Wald rücke ein ganz neues fremdes Volk in unabsehbaren Scharen daher, geführt von einem Prinzen in roter Husarenuniform mit großen blauen Augen und einem Stern auf der Brust. Derselbe nenne sich Fürst Nussknacker, sein Minister heiße Hampelmann, und beide ersuchten den Wurzelkönig und dessen Fräulein Tochter um eine aller gnädigste Audienz.

Bei dieser Nachricht wurde die Prinzessin vor Schreck glühend rot und der König leichenblass. Die Prinzessin glaubte, der Menschenprinz in der Hauptstadt habe sie neulich auf der Rathausturmgalerie erblickt und komme her, um sie zu heiraten. Der König fürchtete, das Riesenvolk der Menschen ziehe herbei, um ihn und seine Untertanen zu vernichten und sein Land zu erobern. Als sie aber erfuhren, Prinz Nussknacker und dessen Volk sei nicht größer als die Wurzelmänner selbst, verwandelte sich ihre Angst in eine solche Freude, dass die Prinzessin ihrem Vater um den Hals fiel und gar nicht aufhören konnte, seine Hände zu küssen. Der König aber gebot dem erzählenden Vogel Schweigen und befahl, den fremden Prinzen mit seinem Gefolge sogleich herzuführen.

Wie Prinz Nussknacker und sein Rat Hampelmann hierher kommen, wird das folgende Kapitel erzählen.