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Die Wurzelprinzessin – Erstes Kapitel

Die Wurzelprinzessin
Ein Märchen

Erstes Kapitel

Vom Wurzeltal und seinen Bewohnern. Die erzählenden Gäste. Der Wurzelkönig und seine neugierige Tochter. Die Luftkutsche. Die Festlichkeiten in der Menschenstadt. Heimkehr durch die Luft von der Ratsturmgalerie. Die Grillen der Prinzessin.

Auf dem Weg zwischen Nürnberg und Leipzig, tief in früheren Zeiten die Straße an einer Stelle neben dem Rand eines dunklen Waldes hin, der weit in das Land hinein über die Berge sich fortzog. Mitten in diesem Dickicht bildeten Felsen ein tiefes grünes Tal, von fast undurchdringlichen Hecken umgrenzt, sodass weder Menschen noch große Tiere dort einzudringen vermochten. Hier lebte zu jener Zeit das lustige Volk der Wurzelmännchen. Das waren niedliche, menschenähnliche Geschöpfchen, die größten vielleicht eine Spanne, die kleinsten einen kleinen Finger lang.

Sie wohnten im Sommer in Mooslauben und unter hohen Farnkräutern, im Winter verkrochen sie sich zwischen Baumwurzeln, in Astlöcher und Felsspalten. Ihre Kleidung war fein und zierlich: die Männerchen trugen Moosröckchen und Mooshöschen, die Weiberchen Kleider von hübschen bunten Blumen, Blättern und Spinnengeweben, je nachdem es warm oder kalt war. Von Langeweile wussten sie nichts, immer hatten sie viel zu tun, mussten ihre Straßen in Ordnung halten, Vorräte sammeln und dergleichen mehr, auch trieben sie gern allerlei Kurzweil mit Klettern und Springen, stellten auf dem Bach, der durch ihr Land floss, große Wasserfahrten auf Nussschalen an, jagten sich mit Grashüpfern und Maikäfern und führten nach dem Gesang der Vögel die zierlichsten Tänze auf. Dazu verstanden sie die Sprache aller lebenden Wesen.

Zwei Feste im Jahr machten den Wurzelmännchen besondere Freude. An gewissen Tagen des Frühlings und Herbstes zogen große Scharen munterer Gäste heran, die dann gastfreundlich bewirtet wurden und zum Dank dafür dem kleinen neugierigen Volk zu erzählen pflegten, wie es draußen in der Welt zuging.

Diese Gäste waren niemand anders als die tausende und aber tausende von Wandervögeln, die im Frühling aus dem Süden, im Herbst aus dem Norden daherkamen. Da klapperten die Störche ihre Dorfgeschichten, die Zugschwalben zwitscherten Hausmärchen und die Nachtigallen brachten neue schöne Lieder mit. Dann kamen Wanderratten dazu und trugen Reisebeschreibungen vor. Elstern und Krähen erzählten schauerliche Sagen. Auf diese Weise erhielt das Wurzelvolk fortwährende Kunde von der ganzen Welt.

Allerdings erregten solche Erzählungen große Neugier, die Menschen kennenzulernen, doch immer hielt eine angeborene Scheu die kleinen Wesen ab, ihr friedliches Tal zu verlassen.

Nun regierte einmal in jenem Volk ein guter lieber Wurzelkönig, der hatte eine sehr schöne Prinzessin zur Tochter. Diese aber war neugieriger als alle anderen Mädchen der Welt, ja sogar neugieriger als alle ihre kleinen Landsmänninnen. Der Wunsch, auch einmal die Menschen da draußen zu sehen, von denen sie so viel Wunderbares gehört hatte, war bei ihr mächtig geworden. Der gute König tat sein Möglichstes, ihr diesen Wunsch auszureden.

Er stellte ihr die Menschen als grimmige, eigennützige Riesen vor. »Kein lebendes Geschöpf«, sagte er, »sei vor ihrer Herrschsucht sicher, der größte Elefant müsse ebenso gut nach ihrem Willen tanzen wie der kleinste Floh.«

Das half alles nichts, seine Tochter hatte es sich einmal in den Kopf gesetzt, eine Reise ins Land der Menschen zu versuchen. Weil nun dieser Gedanke sie immer schwermütiger und magerer machte, beschloss der König endlich, ihrem Willen nachzugeben, in der festen Hoffnung, der eigene Anblick würde sie für immer abschrecken und von ihrer krankhaften Neugierde heilen.

Sogleich wurde ein schönes neues Vogelnest ausgesucht, mit Federn und Moos gepolstert und darüber von Blättern ein schattiges Dach zum Schutz gegen die Sonne befestigt. Das bestieg der Wurzelkönig mit der Prinzessin. Auch vergaß man nicht ein feines Mittagsessen von saftigen Beeren, Honig und Blütenknospen hineinzulegen. Zwei Kraniche, die sich acht Tage vorher darauf eingeübt hatten, nahmen das Nest in ihren Schnabel. Im Flug ging es durch die Luft geradeswegs zur nächsten Hauptstadt der Menschen.

In wenigen Stunden schwebten die beiden Vögel mit dem Nest über den Häusern der Stadt. Mit leisem Flug ließen sie sich aus der Luft herab und setzten die königliche Luftkutsche vorsichtig auf die Turmgalerie des Rathauses nieder, von wo man alle Straßen überschauen konnte, ohne Gefahr, selbst gesehen zu werden.

Das war ein Anblick! So prächtig hatte selbst der König sich nicht eine Menschenstadt denken können. Die Prinzessin jubelte auch vor Freuden so sehr, dass sie beinahe aus dem Nest gefallen wäre, hätte nicht einer der Kraniche mit seinem langen Schnabel sie schnell an den Beinchen festgehalten.

Nun wollte aber der Zufall, dass gerade an demselben Tag der Prinz des Landes in dieser Hauptstadt seine Hochzeit mit einer fremden Königstochter feierte, sodass die ganze Stadt in größter Pracht funkelte.

Was gab es da nicht alles zu sehen! Aufzüge, Jahrmarkt, Paraden von tausend Regimentern, Theater im Freien, Seiltänzer, Tanzböden, Wettrennen – es lässt sich unmöglich beschreiben! Vor allem aber der Prinz und seine junge Frau! Wie schön sah er aus in seiner roten Husarenuniform, mit dem Stern auf der Brust, dem Schnurr- und Knebelbart und den großen blauen Augen, und sie, im roten Samtkleid mit Perlen und Brillanten über und über bedeckt, die bis hoch auf die Ratsturmgalerie heraufblitzten!

Wo man nur hinsah, gab es immer wieder was Neues. So ging es vom frühen Morgen bis die Sonne hinter den Bergen verschwand.

So sehr all die Herrlichkeiten den Wurzelkönig auch entzückten: Sein Urteil über die Menschen änderte sich nicht. Daher war es ihm denn gar nicht recht, dass seine Tochter gerade am heutigen Tag die glänzendsten Seiten des menschlichen Treibens kennenlernen musste. Dennoch war er zu schwach, sich selbst den Anblick zu versagen. Er wäre auch noch länger dort oben geblieben, wenn bei anbrechender Dunkelheit nicht plötzlich Menschen auf die Galerie gekommen wären, um dort Illumination und Feuerwerk anzustecken. Die Männer näherten sich dem Nest. Wie erschrak die Prinzessin beim Anblick dieser Riesengestalten! Auch der König verlor vor Angst die Sprache. Hätten nicht die Kraniche von selbst das Storchnest in die Höhe gehoben und in raschem Flug davongetragen, so wäre es mit dem Wurzelpärchen und unserer Geschichte bald zu Ende gewesen. So aber war es gerade zur rechten Zeit. Noch ganz von Weitem sahen die Luftfahrer das Feuerwerk über dem Rathausturm in die Luft prasseln, was aus der Ferne zwar sehr prächtig anzuschauen war, in der Nähe aber ihr sicherer Tod gewesen wäre. Wohlbehalten kamen beide wieder in ihrem Wurzeltal an.

Freilich erkannte nun wohl die kleine Prinzessin, dass die Menschen für sie zu groß wären, als dass sie mit Vergnügen ihre Herrlichkeiten hätten genießen können. Die alten Wünsche stiegen aber dennoch wieder und jetzt viel stärker als früher in ihrem Herzen auf, wenn gleich in einer etwas anderen Gestalt.

Sie bildete sich fest ein, es müsse auf Erden noch ein anderes Geschlecht geben, so klein wie ihre Landsleute, aber so gescheit wie die Menschen. Sie beschloss daher, niemals in ihrem Leben zu heiraten, wenn nicht ein Prinz von ihrer Größe sie zur Frau nähme. Der aber müsste gerade solch eine Husarenjacke anhaben, gerade einen solchen Stern auf der Brust tragen und gerade so große blaue Augen besitzen wie der Menschenprinz in der Hauptstadt. Auch sollte er über ein Völkchen regieren, das ähnliche Eigenschaften wie jener besäße.

Diese Grille seiner Tochter machte den alten guten König traurig. Wie gern hätte er einen Schwiegersohn gehabt! Aber ein solcher? Wo in der ganzen Welt war der zu finden? Zwar versuchte er alles Mögliche, um sein Volk nach menschlichen Grundsätzen zu bilden, doch kam bei alledem nicht eben viel Gescheites heraus. Hören konnten die kleinen Kerle nicht genug von den Menschen und ihrem Treiben, aber selbst welche werden? Nein! Sie wollten nun und immer bleiben, was sie waren: freie lustige Wurzelmänner!

Die Folge davon war, dass die Prinzessin keinen Mann und der König keinen Schwiegersohn bekam.