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Die Mäusehochzeit

Georg Keil
Märchen und Geschichten eines Großvaters

Die Mäusehochzeit

In der Kammer stand allerlei altes Gerümpel, Tische, Stühle, ein wackeliger Großvaterstuhl, Schränke, Teller, Gläser und allerlei alter Plunder. Altes Spielzeug lag zerstreut auf dem Boden umher, eine Kindertrommel, eine kleine Harfe. In der Ecke stand eine Puppe mit schönen Kleidern, blonden Locken und roten Backen, so rot wie ein Paar rote Äpfelchen. Neben ihr stand ein Soldat mit einem großen schwarzen Schnurrbart und einem Säbel an der Seite. Er war ein Dragoner von des Königs Leibregiment, aber er hatte jetzt seinen Abschied, denn sein Pferd war totgeschossen worden in der letzten Schlacht. darum ging er jetzt zu Fuß.

Hinter einem Schrank war ein kleines Loch in der Wand. Durch das Loch steckte ein Mäuschen sein Köpfchen herein und sah sich mit seinen hellen Augen um. Da alles still war in der Kammer, so schlich das Mäuschen leise herein und wollte sich die schönen Sachen in der Nähe besehen. Aber es hätte sich beinahe gefürchtet vor dem Soldaten mit dem großen Schnurrbart und dem Säbel. Doch der Soldat nickte ihm freundlich zu.

Die Puppe mit den schönen Kleidern verneigte sich wie eine große Dame und sagte: »Treten Sie doch näher, mein Lieber!«

Da wurde das Mäuschen ganz dreist, lief in der Kammer herum und betrachtete alles genau. Als es über die Harfe lief, da klangen die Saiten. Die Gläser klirrten, als es mit dem Schwänzchen daran stieß.

Schön! Schön! Das passt sich ja alles prächtig! So dachte das Mäuschen, machte vor dem Soldaten und der Puppe eine tiefe Verbeugung und sagte: »Sehr tapferer Herr Soldat und werteste Demoiselle! Erlauben sie wohl, dass mein Bruder, der eben eine schöne Prinzessin heiraten will, hier sein Hochzeitfest feiern darf? Es ist alles so nett hier!«

Der Soldat nickte und brummte: »Jawohl! Kann geschehen.«

Und die Puppe knickste und klatschte in die Hände, denn sie dachte: Da gibt es gewiss einen prächtigen Ball! Sie tanzte gar so gern.

Das Mäuschen aber dankte, bat den Soldaten und die Puppe zur Hochzeit und lief voll Freude davon.

Als es Abend geworden war, da kam das Mäuschen wieder mit vielen anderen Mäuschen, eines nach dem anderen, zum kleinen Loch herein. Zuletzt kam der Mäusebräutigam und führte an der Hand seine Braut, ein weißes Mäuschen, welches eine Prinzessin war, denn ihr Vater war der weiße Mäusekönig und ihre Mutter die Mäusekönigin, die auch ganz weiß von Farbe war. Der Bräutigam aber war ein General unter den Mäusen und hatte einen goldenen Helm auf dem Kopf von einer halben goldenen Nussschale vom Christbaum. An seiner Seite hing als Degen eine große spitze Stecknadel mit einem Knopf von rotem Siegellack, der sah aus wie ein prächtiger Rubinknopf. Die schöne Braut hatte ein Kränzchen aufgesetzt von Goldpapier. Auf der Brust hing ihr ein Goldflitterchen als Halsschmuck; das sah aber so recht vornehm aus!

Hinter dem Brautpaar schritt ganz langsam der alte Mäusekönig und die Frau Königin. Der König trug eine Goldkrone auf dem Haupt und hielt in der Hand ein Zepter, mit dem er sein Volk regierte. Auch die Königin hatte ein goldenes Krönchen aufgesetzt, zum Zeichen, dass sie die Königin war. Über das Königspaar hielt aber ein Mäusetrabant eine Pfauenfeder als Schirm, damit die Mondstrahlen den König und die Königin nicht blenden sollten, denn sie hatten beide schwache Augen.

Als der Hochzeitzug Paar um Paar an der Puppe und dem Soldaten vorüberzog, bückten sich alle tief und grüßten sie, und der alte König neigte sein Zepter zur Erde und sagte: »Serviteur!«

Der Soldat aber schwenkte seinen Hut und rief: »Vivat hoch!«

Nachdem nun alle versammelt waren, ging die Freude und Lust an. Ein Paar Mäuschen setzten sich auf die Harfe und liefen auf den Saiten derselben hin und her, dass sie tönten. Ein Paar andere sprangen auf der Trommel herum, andere nagten mit ihren scharfen Zähnchen an den Weingläsern, dass sie hell erklangen, und noch andere setzten sich auf die Hinterfüße und pfiffen ach so fein! Und die lieblichen Mäusejungfrauen sangen dazu mit ihren zarten Stimmchen:

Mäuschen, Mäuschen, groß und klein,
Mit den hellen Äugelein,
Mäuschen, Mäuschen schmuck und rein,
Mit den Fellchen zart und fein,
Lasst heut euer Tagwerk sein,
Kommt herbei zum Hochzeitreih’n,
Tanzt und springt im Mondenschein!
Mäuschen, Mäuschen, stellt euch ein!

Ach! Das war eine prächtige Musik! Wer sie gehört hätte, der hätte gewiss geglaubt, es sei ein herrliches Koncert in des Königs Schloss.

Der Bräutigam führte nun seine kleine Braut in die Mitte der Kammer. Er und alle übrigen Paare stellten sich zum Tanz. Nun begannen die allerschönsten Tänze, und einige der Mäusejünglinge machten Sprünge, dass es zum Verwundern war, die Mäusejungfrauen darüber erschraken und sich die Augen zuhalten mussten, damit sie die gefährlichen Sprünge nicht sahen.

Der König aber und die Frau Königin hatten sich nebeneinander auf den weichen Großvaterstuhl niedergesetzt und sahen dem Tanz zu, denn sie waren beide alt und schwach, und konnten nicht mehr tanzen. Aber das Tanzen und Springen ging immer fort und alle drehten sich im Kreis. Die Musik spielte dazu die allerprächtigsten Walzer, Dreher und Polkas.

Dem Soldaten in der Ecke, der das alles mit ansah, hüpfte das Herz im Leibe vor Lust. Er wackelte mit seinem großen Schnurrbart, trampelte und stampfte mit den Füßen, dass die Sporne klirrten, die er an den blanken Stiefeln hatte. Die Puppe drehte ihr Köpfchen mit den schönen roten Backen und blonden Locken rechts und links und hob ihre Füßchen nach dem Takt, dass ihr Atlaskleid rauschte und knitterte.

Der Soldat konnte aber der Lust nicht länger widerstehen. Er stellte sich vor die Puppe hin und sagte: »Wollen wir?« Dann rief er: »Heißa! Heißa!«, umfasste die Puppe mit beiden Armen und drehte sich mit ihr wirbelnd im Tanz herum, mitten unter den Mäusetänzern. Hurra! Hurra! Das ging!

Der Mond sah hell und klar zum Fenster herein, und auch die goldenen Sterne guckten neugierig durch die Scheiben; sie wollten ja alle den herrlichen Tanz sehen!

Als die Tänzer endlich müde waren, setzten sie sich nieder, um auszuruhen. Der Soldat strich sich seinen Schnurrbart und die Puppe wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und sah nun sehr bleich aus, da ihre schönen roten Wangen in dem Schürzchen, mit dem sie sich abgetrocknet hatte, hängen geblieben waren. Ihre schönen blonden Locken hingen steif an ihrem Gesicht herab, als ob es Flachsfäden wären. Ihre Brust hob sich hoch. Sie konnte kaum Atem holen und lispelte nur leise: »Ei, das war schön! Das war schön!«

Der Soldat fächelte ihr Kühlung mit seinem großen Hut zu und flüsterte ihr ins Ohr: »Wollen wir nicht auch ein Liebespaar sein?«

Sie tat aber gar nicht, als ob sie es gehört hätte, denn sie war sehr gut erzogen.

Nun begann der Hochzeitschmaus, zu dem sich alle im Kreis herum niedersetzten, obenan der Bräutigam und die Braut, neben sie der König und die Königin. Die Mäusebedienten trugen die herrlichsten Speisen und Leckerbissen herbei, Mandeln und Rosinen, Nüsse und Äpfel und Speck- und Käsestückchen. Gott behüte und bewahre! Das nenne ich einen Schmaus! So einen Hochzeitschmaus hatte man seit Mäusegedenken nicht gesehen!

Vor dem König wurde noch ganz besonders ein Stümpfchen Talglicht niedergelegt, da er keine Zähne mehr hatte, die harten Speisen zu zerbeißen. Das war aber eben ein vorzüglicher Leckerbissen und ein recht königliches Gericht, das nur für den König aufgetragen wurde; doch durften die Königin und das Brautpaar ein wenig daran lecken. Der König, der bei sehr guter Laune war, winkte auch seine vier Minister herbei und sagte: »Kommt her!« Er ließ sie ein bisschen am Lichtstümpfchen knappern, was eine große Gnade war von dem guten König.

So ging das Essen und Schmausen fort und alle ließen es sich wohl sein, bis der Mond erblich und die ersten Sonnenstrahlen auf die Dächer fielen. Da liefen die Mäuschen alle schnell davon. Sie hatten solche Eile, dass sie nicht einmal Abschied nahmen von dem Soldaten und der Puppe. Das war aber gar nicht fein von ihnen und ich hätte sie für höflicher gehalten.

Am nächsten Tage war alles still in der Kammer. Der Soldat mit den staubigen Stiefeln, und die Puppe mit den bleichen Wangen standen wieder einsam in der Ecke. Beide sahen sehr schläfrig und verdrießlich aus. Die Mäuschen kamen aber nicht wieder, denn man hatte das kleine Loch hinter dem Schrank, durch das sie hereingekommen waren, mit Kalk zugestrichen und verschlossen.