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Der Regenbogen

Georg Keil
Märchen und Geschichten eines Großvaters

Der Regenbogen

Das Gewitter war vorübergezogen. Gegen Morgen breitete sich eine große dunkle Wetterwand aus, und gegen Abend blickte die Abendsonne durch zerrissene Wolken auf die erfrischte Erde. Die Kinder liefen wieder hinunter in den Garten, aus dem sie der Regen vertrieben hatte.

Ach, wie war es da schön und herrlich! Die Blätter zitterten und glänzten vor Luft, und die Blüten erhoben ihre Köpfchen und dufteten. Jede Blume hatte ein helles Tröpfchen in ihrem Kelch. Man wusste nicht recht, ob es ein Regentropfen war oder eine Freudenträne. Das Gras funkelte, die Bäume und Büsche blitzten, als sie die Sonne beschien, als ob sie mit Diamanten und Perlen behängt wären, und mit glänzendem Schmuck. Die Käfer, Bienen und Schmetterlinge, die sich unter die Blätter und in die Blüten verborgen hatten, krochen wieder hervor, sahen sich um, ob das Gewitter vorüber sei, und flogen dann summend und singend davon. Die Mücken tanzten im Sonnenschein. Das war herrlich!

Die Kinder jubelten laut und liefen durch den Garten hinaus aufs Feld. Da standen sie plötzlich still und verstummten vor all der Pracht und Herrlichkeit, die sie sahen. Ein großer schöner Regenbogen hatte sich weit, weit über den Himmel gespannt und glänzte in den prächtigsten Farben, violett, blau, grün, gelb und rot. Er sah wie ein großes Tor mit bunten Lämpchen behängt und beleuchtet aus.

Stumm betrachteten die Kinder lange Zeit das herrliche Schauspiel und bemerkten es nicht, dass sie vom noch sanft herabrieselnden Regen nass wurden. Doch endlich fanden sie die Sprache wieder.

»Wer hat denn aber das schöne Tor gebaut?«, fragte der kleine Karl den etwas älteren Heinrich.

Geheimnisvoll antwortete der ältere Knabe: »Das weiß ich wohl! Mir hat es die alte Liese gesagt. Den schönen Bogen hat unser Herrgott gebaut, und er ist eine Brücke, auf welcher die Engel aus dem Himmel auf die Erde herabsteigen zu den guten und frommen Kindern, um mit ihnen zu spielen. Das ist gewiss wahr, denn die alte Liese lügt niemals!«

»Und haben denn die Engel auch mit dir gespielt?«, fragte Karl weiter.

»Ach nein!«, antwortete kleinlaut Heinrich, »ich bin ja nicht immer gut gewesen!«

Als es Nacht geworden war und der kleine Karl in seinem Bettchen lag, da konnte er gar nicht einschlafen, denn er dachte immer an die bunte Brücke und an die Engel, und wünschte, dass sie zu ihm kommen und mit ihm spielen möchten. Wenn er die Augen schloss, da sah er die glänzende Brücke mit den herrlichen Farben. Aber die Engel konnte er nicht sehen, obwohl er sich recht nach ihnen umsah.

Erst spät kam der Schlaf über ihn, und mit ihm der Traum. Er träumte: Die Brücke stand prachtvoll aufgebaut, wie er sie wachend gesehen hatte. Liebliche kleine Engel mit goldenen Flügeln stiegen und schwebten auf ihr auf und ab. Sie kamen zu ihm heran, küssten ihn, brachten ihm schöne Blumen, sangen ihm schöne Lieder vor und spielten mit ihm. Da klopfte sein kleines Herz stärker und seine Wangen röteten sich höher vor innerer Freude und Seligkeit.

Als die Mutter am Morgen aufgestanden war, trat sie an das Bettchen ihres Lieblings und betrachtete das holde Kind, das im Schlaf selig lächelte, mit heiliger Mutterliebe und drückte einen leisen Kuss auf seine roten Lippen.

Der Knabe schlug einen Augenblick die hellen Augen auf, blickte die Mutter freudestrahlend an und schlang seine kleinen Arme um ihren Nacken.

»Da habe ich dich endlich, du schöner Engel! Du sollst nun immer bei mir bleiben! Ich will auch immer gut und fromm sein, damit du nicht wieder von mir fliegst!«

So sprach das Kind halb im Traum und schloss sogleich die schönen Augen wieder. Es glänzten zwei heilige Freudentränen in den Augen der seligen Mutter. Sie schaute zum Himmel empor. Ihr Blick war ein Dankgebet.