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Tony Tanner – Agent der Weißen Väter 6.6

Wo die Erde blutet – Teil 6

Tony Tanners Tagebuch

London. Stimmungslage gedrückt bis mies. Meine Mutter rief vor einigen Tagen an und übermittelte mir die freudige Nachricht, dass Francine ihr Kind bekommen hat. Ich schätze mal, der Enthusiasmus, den ich aufbringen konnte, wirkte reichlich schlaff. Ich übermittelte Grüße – und das war’s dann auch, und meiner Meinung nach habe ich damit mein Soll an mitmenschlichem Interesse mehr als erfüllt. Meine Mutter war da anderer Meinung und erzählte mir, wie süüüüüüß das Balg ist und dass Francine jetzt so eine Art kleiner Wohnung im Haus habe und so weiter. Mit anderen Worten, Francine bohrt sich so richtig fest in die vier Wände und das Leben meiner Eltern ein.

Ich bin ja nicht total dämlich, ich habe das Prinzip durchschaut. Sie gibt meiner Mutter wieder mal Gelegenheit, sich so richtig auf dem Gebiet der Mütterlichkeit oder besser Großmütterlichkeit auszutoben. Meinem Vater ist es egal, aber vielleicht erkennt er ja auch einen gewissen neuen Reiz darin, Kinderwagen zu schieben und auf die Frage Ach, wie niedlich, issses denn Ihrer? zu antworten, natürlich mit neckischem Unterton, ganz so jung sei er denn doch nun auch nicht mehr. Also schlicht und einfach – ich stehe unter Dauerbeschuss.

Ob ich nicht mal wieder vorbeikommen möchte und Francine lässt mir Grüße ausrichten, und gestern hatte ich sie sogar selbst an der Strippe. Nun ja, es brachte mein seelisches Ungleichgewicht ein wenig durcheinander, als ich ihre Stimme hörte. Ich weiß ja, dass sie so eine Art von Luder ist und früher fand ich das ja auch ganz klasse. Ich meine, wenn ich zu jemandem sage, meine Freundin, die ist ein echtes Luder, aber ich habe sie voll unter Kontrolle, das ist ja fast so gut, als könnte ich mit einem Porsche Turbo bei nasser Fahrbahn im Power Slide eine Haarnadelkurve nehmen. Also jedenfalls hatte sie gestern diesen gewissen Unterton in der Stimme, schwer zu beschreiben, also es hat so was, ich würde sagen ein unanständiges Angebot zusammen mit einem Bittbrief und das Ganze von einer schnurrenden Katze vorgelesen, die auf einem Samtkissen liegt. Wenn ich mir diesen Schmus jetzt durchlese, weiß ich selbst nicht mehr, was ich damit ausdrücken wollte.

 

Jedenfalls ging es mir ziemlich tief rein. Ob wir uns nicht endlich mal wieder sehen könnten, und dann kommt so eine Kunstpause und man kann den Seufzer hören, und wer dann nicht weich wird, ist entweder hoffnungslos homosexuell oder heißt Tony Tanner. Zum Glück hatte ich einen ausreichenden Vorrat an miesen Erinnerungen, auf den ich zurückgreifen konnte, bevor ich aufjubelte und das Heirate mich durch die Leitung jodelte. Aber genau darauf läuft es hinaus, darauf würde ich meinen Lieblingsschlips verwetten. Sich erst bei meinen Eltern einnisten, sie mit einem süüüüüßen Enkel anfüttern, und dann stehe ich sozusagen unter moralischem Druck, dieses wunderhübsche Arrangement legal und standesamtlich und was weiß ich noch zu untermauern. Falls ich mich weigern sollte, kommt erst mal ein anderer Kerl ins Spiel, und die sich daraus ergebende Drohung, das heimische Paradies würde zerbrechen, weil der Kerl mit Francine zum Blumenzüchten in die Arktis auswandern will, aber Francine tut das alles ja nur, weil sie keine Alternative hat und viel lieber würde sie … aber unter diesen Umständen … und TONY IST AN ALLEM SCHULD!!!!

 

Es ist tatsächlich so, dass ich die Sache absolut nicht witzig finde. Absolut nicht. Ich behaupte zwar, ich sei darüber hinweg, dass sie mich verlassen hat und dass sie es vorher mit einem andern Typen getrieben hat, und irgendwie bin ich es auch. Aber irgendwie auch nicht. Mal ganz abgesehen davon hat das Mädel es geschafft, einen Keil zwischen mich und meine Eltern zu treiben. Ich habe zum ersten Mal im Leben so etwas wie eine Distanz zu ihnen. Ich erinnere mich daran, dass ich vor ein paar Jahren – mit Francine als treuer Hüterin des Herdes, falls sie nicht mit ihrem Mini Cooper durch die Gegend heizte – auf irgendeiner blöden indonesischen Fähre war. Das war ein richtiger Seelenverkäufer – Tony wirst du geschwätzig oder wirst du geschwätzig?, egal, die Seite muss voll werden – und ich hockte die ganze Nacht an Deck, mit zwei Rettungsringen links und rechts griffbereit. In meiner Nähe war ein Diplomat, der sich langsam mit irgendwelchem Fusel zulaufen ließ und mich einlud. Aus männlicher Solidarität oder vielleicht auch aus Langeweile becherte ich mit ihm, bis wir unseren eigenen Seegang produzierten, und es schaukelte, selbst wenn man den Kahn in Beton gegossen hätte.

Von dem ganzen Geschwafel einer Nacht blieb mir nur in Erinnerung, dass mein Saufbruder erzählte, wie er in den Papieren seiner Eltern herumschnüffelte, um herauszufinden, ob er ein Adoptivkind sei.

 

Anscheinend ist es in einer bestimmten Phase normal, dass man seine Eltern als peinlich empfindet oder sie bemitleidet, weil sie so schrecklich dumme Kleinbürger sind, ohne den wirklichen Blick auf den Plan der Welt, den man als Jugendlicher ja genau kennt. Mir jedenfalls ging es nicht so, ich kannte diese Distanz nicht. Um so störender und verstörender, dass ich sie jetzt empfinde. Ich frage mich, ob solche seelischen Aufwallungen nicht schon ein Alterssignal sind, noch bevor sich die Haare auf dem Schädel lichten.

 

Bestimmt ginge es mir besser, wenn ich nicht zugleich das Gefühl hätte, dass Dorkas auf Distanz gegangen ist. Jedenfalls kommen mir Dorkas und Little so vor, als wären sie eine Sportmannschaft, die gerade von einer erfolgreichen Tour zurückkommt. Jeder, der nicht mit dabei war, bleibt irgendwie außen vor. Gerade jetzt ist das nicht unbedingt der Effekt, den ich goutiere -so oft ich Dorkas auch zum Teufel gewünscht habe.

 

Er hat mich übrigens letztens besucht und steuerte direkt auf das Mumienporträt zu.

Mumienporträt klingt blöde und ist nichts als eine verdammte Verfälschung der Tatsachen, aber ich verzichte hier mal aus Selbstschutz auf genauere Angaben. Dann sagte er nur hübsches Stück und guckte mich von der Seite an, auf diese Art, bei der man sich unwillkürlich fragt, ob Dorkas irgendetwas Besonderes weiß. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich seine sensible Zurückhaltung oder was es auch immer ist, richtig zu schätzen weiß, oder ob ich es nicht besser fände, wenn ich mal mit jemandem über die Angelegenheit reden könnte. Dorkas erscheint mir in der letzten Zeit ein klein wenig durchgeknallt – als ich in seiner Wohnung war, hörte ich ihn in der Badewanne singen. Jedenfalls sollte es so eine Art Gesang sein, seine Stimme ist nicht mal schlecht, wenn er sie nicht gerade bewusst verzerrt, aber was er sang, verblüffte mich denn doch.

 

Er sang den Namen Sarah auf die Melodie von Maria aus der West Side Story, aber es klang wie Sahara. Jedenfalls habe ich das Gequäke so interpretiert. Wie mir Little berichtete, hat er auch die Manier entwickelt, morgens Sarah aus dem Fenster zu schreien. Er ist sich ziemlich sicher, dass diese extraterrestrische Dame ihn nicht mehr belästigt. Ich weiß nicht, wie ich jetzt darauf komme, aber ich habe eine Nachricht von Lucille erhalten. Sie sei demnächst in London und ob wir nicht und so. Und ob wir können. So wie ich jetzt drauf bin, könnte ich bis zum Zusammenbruch, und dann könnte dieses öde Tagebuch so eine richtig saftige Konkurrenz zu Walters geheimen Tagebüchern sein, und ich würde nach Cornwall ziehen und pornografische Geschichten vor der Kulisse hübscher Hafenstädtchen schreiben.

 

Gut, es wird darauf hinauslaufen, dass ich mit ihr in irgendeinem angesagten Restaurant überteuerten Fraß zu mir nehme, versuche, mir die Krawatte nicht vollzukleckern (ich weiß, dass ich mal mit Francine in irgendeinem blöden griechischen Restaurant war und als ich versuchte, mit der Gabel eine halbe Kartoffel zu teilen – eine widerliche griechische Anarchistenkartoffelhälfte in der Form einer sowjetischen Panzerkuppel und vollgeölt auf einem Teller, der seinerseits so verölt war wie der Christian-Dingenskirchen-Sund nach der Havarie der Exxon Valdez – da zischte diese Kartoffel ab wie eine Rakete, quer durch das halbe Lokal, und ich hatte das sichere Gefühl, dass ich das nicht überleben würde und wurde tieftomatenputerrot und vor mir war das Gesicht von Francine und sie schaute mich ernst und mitfühlend und mit echt fraulicher Herzenswärme an, aber ich sah das Glitzern in ihren Augen. Und dann fing sie an loszulachen, dass sie ihrerseits fast vom Stuhl fiel. Sie war die absolute Sensation, und als der Kellner völlig verdattert anrauschte, behauptete sie, das Kartoffelgeschoss ginge auf ihr Konto und alle Welt liebte sie dafür und beneidete mich, weil so ein Idiot wie ich so eine tolle Freundin hat, die eine Kartoffel ohne Rückenwind durch ein halbes Lokal schießen kann und sich darüber noch scheckiglacht.)

 

Wo war ich? Also: Ich werde Konversation treiben und versuchen, wieder mit ihr auf die gleiche Welle zu kommen und dabei immer in Gefahr sein, von irgendwelchen Idioten auf die dumme Tour angemacht zu werden, weil diese Deppen austesten wollen, wieso ich mit so einer Super-Frau ausgehe, die offensichtlich nicht meine Mutter oder Tochter ist. Was soll’s, der Mensch braucht etwas, worauf er sich freuen kann und ein Besuch von Mademoiselle Lucille ist bestimmt Grund genug. So, jetzt habe ich noch zwanzig Zeilen, die bekomme ich auch noch voll. Also, das wollte ich sowieso noch loswerden, Dorkas spinnt zwar mehr denn je, bleibt sich aber dabei auch immer gleich. Wir unterhielten uns aus irgendwelchen Gründen über Mäntel. Little erzählte was von den langen Mänteln im Spiel mir das Lied vom Tod-Stil, die mal ungeheuer in Mode waren. Und ich hatte auch was zu sagen und offenbarte mich als Liebhaber schwarzer Ledermäntel la Matrix oder Freejack– so diese richtig langen schwarzen Dinger für Geheimagenten oder ausgekochte Bösewichter oder so, die inzwischen so was wie unabdingbare B-Film-Klamotten geworden sind und dass ich mir gerne mal so ein Teil anschaffen würde. Irgendwie war plötzlich die Stimmung im Eimer.

 

Die beiden Herren schienen aus mir nicht näher erklärlichen Gründen etwas gegen schwarze Ledermäntel zu haben. Wirklich, in dem Moment kam ich mir vor, als hätte ich gesagt: Dorkas, darf ich mal eben auf Ihren Tisch steigen und in die Küche pinkeln? Und als Höhepunkt beginnt Dorkas über Jäger und Jagd und Leder und tierisches Fell zu philosophieren und wird natürlich wieder hochgradig kulturwissenschaftlich und schaut mich dann mit diesem Hochbedeutungsblick an und erzählt etwas über Xipe Totec (und natürlich sagt er mir dann zur Sicherheit auch, dass der Name Schipe totek ausgesprochen, aber mit X vorne geschrieben wird) und das ist ein alter mittelamerikanischer Frühlingsgott, der in der Kunst mit einer Bekleidung aus Menschenhaut dargestellt wird und von dort kommt er wieder auf schwarze Ledermäntel. Leider wurde Little in dem Moment übel und so habe ich zwar nicht herausgefunden, was es mit diesem schwarzen Ledermantel und der Menschenhaut auf sich hat, aber ich habe immerhin diese blöde Seite vollgeschreibselt.

 

»Ich finde, du stellst dich an!«

Tony Tanner zuckte instinktiv zusammen. Sich anzustellen war für seine Mutter ein Kapitaldelikt, und so hatte sie es in seiner Kindheit mit dem Satz Nun iss schon, Liebling, und stell dich nicht so an auch immer geschafft, ihm selbst das unerträglichste »Krotteldottel« hineinzutreiben, selbst wenn Tony sich nur dadurch vor dem Erbrechen retten konnte, dass er sich die Sache als grausames Aufnahmeritual in den mythischen Afrika-Menschenjäger-Kannibalen-immer-mit-Speeren-rumlaufen-und-sich-vor-nichts-fürchten-viele-Muskeln-haben-tolle-Typen-sein-Stamm vorstellen musste, der den Kontinent seiner Fantasie bevölkerte.

 

Die Gerechtigkeit gebietet zu bemerken, dass Misses Tanner eine gute Köchin war, die lediglich zeitweise zu unkontrollierten Kreativitätsschüben in der Küche neigte. Es waren just diese Tage, an denen ihr Mann leider auswärts essen musste und Tony sich ins Internat wünschte. Die Tatsache, dass er von seiner liebenden Mutter in 99,99 Prozent aller Fälle bestens bekocht worden war, machte Tony Tanner in diesem Moment jedoch nicht weniger bockig.

»Wieso stelle ich mich an? Ich will ja nicht Premierminister werden, also sehe ich keine Notwendigkeit, fremde Babys zu küssen.«

»Von Küssen war keine Rede, das Kleine würde dein After-Shave sowieso nicht mögen. Aber besuchen kannst du uns doch mal wieder, Junge.«

»Klar doch, euch besuche ich immer gerne, wenn ich Zeit habe. Aber gibt es eine Garantie, dass mir eure Untermieterin nicht in die Quere kommt?«

»Tony, du stellst dich wirklich an. Ihr habt doch noch in den letzten Tagen miteinander telefoniert.«

»Eben. Telefoniert. Aber ich habe noch kein Videofon oder wie diese Dinger auch immer heißen mögen.«

»Da hast du was verpasst, Tony. Francine sieht absolut himmlisch aus – jung, frisch, aufgeblüht und …«

»Klasse, heirate du sie doch!«

»Junge, du wirst unverschämt, ich will das jetzt überhört haben. Außerdem mag ich es nicht, wenn man mich unterbricht. Was soll’s, du bist halt völlig vernagelt.«

»Einspruch, Euer Ehren. Ich breche nur nicht in Ekstase aus, wenn irgendeine Ex-Freundin sich fremdbesamen lässt und ein Kind kriegt.«

»Du meinst deine langjährige Lebensgefährtin

»Meine seit Längerem Exlebensabschnitts-Exgefährtin!«

»So wie du dich echauffierst, glaube ich das Ex noch nicht einmal.«

»Kannst du aber!!!!!«

»Oh Tony, Du hast wieder diesen Unterton in der Stimme …«

 

Gut so. Tony klappte zusammen wie eine Aufblaspuppe nach Schrotbeschuss. Diesen Du hast so einen Unterton in der Stimme-Trick hatten alle Frauen drauf, also auch seine Mutter.

Und jetzt, ab jetzt und in dieser Sekunde, würde er wirklich ein gewisses Klirren in der Stimme haben. Eine sich selbst erfüllende Prophetie. Warum funktionierte das nicht mit, ab heute bin ich ein Gewinner?

 

»Tony …? Bist du noch da?«

»Hast du nicht dieses mein Schweigen mit dem gewissen Unterton gehört, hast du?«

»Zumindest jetzt höre ich ihn jetzt. Tony, ich meine es ernst, das mit dem ex und dem nicht-ex. Du solltest dir nichts kaputtmachen, nur weil du eine falsche Art von Stolz entwickelst. Und was Francine angeht – nun ja, klopfe an … und dir wird aufgetan werden.«

»Wirklich ein sehr hübsches Bild. Um es jetzt mal auf den Punkt zu bringen – warum soll ich mich in dreizehn Jahren mit einem pickligen pubertierenden Balg rumschlagen, wenn es noch nicht mal eine winzige genetische Verwandtschaft zwischen mir und der Nervensäge gibt? Zahlvater Tony, Zahlvater Tony, you look meanwhile a li’l bit bony – also nee, Mama, danke.«

 

»Tony, glaub mir, man überschätzt diese genetische Verwandtschaft. Schau dir erst einmal dieses herzige Kind an und du wirst erkennen, dass es ein liebenswertes Wesen ist, egal, was dir ein DNS-Test sagt. Du musst mit dem Herzen fühlen. Außerdem hindert dich ja keiner, mit Francine … naja … du weißt schon …«

 

Als das Gespräch endlich vorbei war, blieb Tony Tanner sitzen und starrte für eine Weile das Telefon an, als könnte dieses Gerät ein Eigenleben entwickeln und ihn im nächsten Augenblick mit weiteren guten Ideen für seine Lebensführung traktieren. Er hielt seiner Mutter zugute, dass ihre Methode zumindest einen eindeutigen Vorteil hatte – sie machte den braven Sohn Tony Tanner mit jedem Tag härter. Im Übrigen war es vielleicht sowieso keine schlechte Idee, das mit Francine und so … zumindest war dann die Sach- und Seelenlage klar.

 

Nach einer längeren Grübelei wurde Tony klar, was er wirklich brauchte – ein solides Besäufnis unter Männern, gute Kumpels mit einer soliden, gottgegebenen, erfahrungsbewährten Frauenfeindlichkeit und Spaß am Lästern. Man sollte einen Club gründen, so ein No.

Ma’am unter dem Vorsitz von Psycho Dad, seufzte er und suchte nach einer Flasche, um sich in trauter Einsamkeit dem Alkohol zu widmen.

 

***

 

»Sie sehen aus, Herr Tanner, als wären Sie gegen einen Bus gelaufen«, erklärte Dorkas, als er Tonys ansichtig wurde.

»Sie als Liebhaber von Spiegelschränken müssen ja wissen, wie man dann aussieht, ist es nicht?«, kam die patzige Retourkutsche.

»Ach was«, Dorkas klatschte frohgemut in die Hände, »verlieren wir keine Zeit mit müßigem Wortwechsel. Ich schätze, ein guter Tee wird Sie wieder aufbauen.«

»Mit Ihrem derzeitigen Megatonnen-Frohsinn könnten Sie direkt als Gymnastik-Tante ins Frühstücksfernsehen abwandern«, knurrte Tony. Er war immer noch nicht versöhnt ob des rüden Empfangs. Sein Schädel dröhnte, sein Chef hatte eine mehrdeutige Bemerkung über Tonys Arbeit abgelassen, und Heathercroft, irgendwie der neue Liebling im Büro, wie Tony

Tanner meinte, hatte es mit verstohlenem Grinsen zur Kenntnis genommen. Zu allem Überfluss war dieser widerliche Schleimer dann noch hinter dem retirierenden Tony hergelaufen und hatte ihm drucksend irgendeine Mitteilung machen wollen. Tony hatte ihn eiskalt abgebügelt, was sein Chef offenbar durch die nur halb geschlossene Tür mitgehört hatte, denn er hatte laut und vernehmlich gehustet, und was Tony wie ein stiller Beifall vorgekommen war, hatte Heathercroft als akustischen Tadel an Tony Tanner empfunden. Kinderkram! Vielleicht wäre ein Wechsel des Arbeitsplatzes wirklich eine nachdenkenswerte Angelegenheit …?

 

Ohnehin hatte seine Begeisterung für seinen Beruf in letzter Zeit stark nachgelassen. Tony Tanner hatte ein neues Gefühl, das er vielleicht mit »Bestimmung« beschrieben hätte, weil er nicht so weit gehen wollte, es als »Sendung« zu bezeichnen. Die Ereignisse, in die er hineingezogen worden war, hatten ihn verändert. Nicht dass er sich darin treiben ließ. Nicht dass er die Schindereien oder auch die Erfolgsmomente unbedingt gesucht hätte – aber sein Wille, hinter die Kulissen zu blicken, war stark geworden. Dorkas und Little schienen ihm vertrauter und zuverlässiger geworden zu sein, wenn er sie auch nicht immer verstand. Aber er verstand sich selbst auch nicht mehr. Er wusste sehr genau, dass es Zeiten gegeben hatte, in denen er Francine alles verziehen hätte, sogar einen Seitensprung. In den neuen Dimensionen, in denen sich Tony mehr und mehr wiederfand, wurde Francine blasser und unwichtiger. Lucille bedeutete ihm mehr, und doch wusste er manchmal nicht, ob er sie als Schwester oder als Frau begehrte. Seine eigenen Eltern – natürlich waren sie seine Familie. Und doch waren sie nicht seine ganze Familie. Tony Tanner hatte in der jüngeren Vergangenheit viele bemerkenswerte Menschen kennengelernt, und einigen brachte er familiäre Gefühle entgegen, anderen begegnete er wie einer verborgenen Gefahr. Vieles von seiner neugierigen Unsicherheit versteckte er hinter seiner angeborenen Frechheit. Andere Dinge schienen ihm beherrschbar. Langsam wuchs sein Wille, sich aktiv in das Geschehen hinter dem Sichtbaren einzumischen. In anderen Momenten aber schien ihm dies in einem undurchdringlichen Dunkel zu liegen, sodass er oft nicht wusste, ob dort wirklich etwas war, worum es sich zu kümmern lohnte. Im Moment befand er sich wieder in einer Phase, in welcher er fest glaubte, überhaupt nichts zu verstehen. Und dieser Dorkas kam auch nicht mit befriedigenden Erklärungen rüber. Er würde sich mit seiner Bestimmung treiben lassen.

 

Tony Tanner beschloss, seinen Chef anzurufen. Er wollte einen unbezahlten Urlaub nehmen, vielleicht für sechs Monate. Ohnehin gab es wieder einmal einen Knacks im Weltfrieden, und in solchen Zeiten verreisten die Mitglieder des Königshauses nicht. Man ging in Deckung und saß wie Kinder unter dem Schirm, die warten, dass der Regen wieder aufhört. Für Tony Tanner gab es einfach keine Außentermine, und die Aussicht auf eine monatelange Bürotätigkeit wirkte wie eine Lähmung auf ihn.

»Können Sie sprechen?«, fragte Tony Tanners Chef in einem derart verschwörerischen Unterton, dass Tony unwillkürlich die Stimme senkte, um sein Ja zu hauchen. Dorkas war nebenan, aber Tony Tanner war es sowieso schnuppe, ob der Dicke seine vorläufige Demission mitbekam oder nicht.

»Hören Sie zu, Herr Tanner, gut, dass Sie mal anrufen. Da gibt es ein paar unliebsame Sachen. Ich kann Sie eigentlich in der Verantwortung, die Sie tragen, nicht halten. Für schlimme Schlagzeilen sorgen im Umfeld Ihrer Hoheit schon die Butler. Also müssen Sie auf Tauchstation, Tanner. Ich halte Ihnen hier den Rücken frei, und Sie sollen wissen, dass ich diesen

Vergewaltigungsquatsch nicht glaube. Aber ich kann diesen Wirbel daruim auch nicht brauchen. Sie verschwinden jetzt einfach, bei vollem Gehalt, ok? Ich will Sie hier für ein Jahr nicht sehen. Wenn Sie was Größeres brauchen, vielleicht eine Wohnung in Kapstadt oder sowas, dann gehen Sie an den Fond. Sie behalten Ihre Legitimationen. Ich halte hier alles für Sie offen. Und wenn Sie in einem Jahr wieder hier sind, dann erwarte ich eine aber Gegenleistung. Verstehen Sie mich?« Er hustete wieder ostentativ.

»Ich verstehe mich nicht auf das spurlose Beseitigen von Ehefrauen …!«, maulte Tony Tanner.

 

»Bewahren Sie sich Ihren Humor, junger Mann. Nein, das ist es nicht, ich komme mit meiner alten Nancy ganz gut aus. Aber Sie werden mir diesen Scheißer Heathercroft beseitigen. Und nun sind Sie gefeuert, für ein Jahr. Machen Sie was draus! Ach ja: Kontakt über Ihren Vater, klar?«

Es knackte, und das Telefon war stumm. So stumm wie Tonys Lebensgeister, und er fragte sich, warum er sich eigentlich nicht freuen konnte. »Ich liebe Sie auch …«, knurrte er in das stille Telefon und legte dann auf.

 

Es brauchte eine größere Menge an Tee, um Tony Tanner wieder einigermaßen in Stimmung zu bringen. Den eigentlichen Ausschlag gab jedoch ein anderes Ereignis. Es handelte sich um den Auftritt von Dorkas, nachdem dieser für eine Weile in seinem Schlafzimmer verschwunden war.

»An Ihrer Reaktion erkenne ich, dass mein neuer Binder Sie sehr beeindruckt«, warf sich Dorkas voller Stolz in die Brust.

»Ich bin in der Tat … schwer beeindruckt.« Tony Tanner schluckte, als wollte der Atem ihn fliehen. Dieser Stoffstreifen in Giftgrün mit einem signalorangenen Gitterstreifen wirkte in etwa so wie ein herzhaft geschlagener Baseball-Prügel. Die Wirkung wurde noch durch den Krawattenknoten verstärkt, der so aussah, als würde Dorkas darin ein Kehlkopfmikrofon von Robotron, also etwas groß dimensioniert, verstecken. Zu diesem modischen Glanzstück trug Dorkas ein Hemd mit Muster in Bildstörungs-Design in pflegeleichtem Polyester und darüber ein zerknautsches Kord-Sakko in dezent-grünlicher Jauchefarbe.

»Ich hatte das Gefühl, ich müsste mir mal wieder etwas gönnen«, erklärte Dorkas, den angesichts des völlig entgeisterten Tony Tanner das Bedürfnis überkam, seinen unerwarteten Vorstoß in die Haute-Couture zu rechtfertigen.

»Diese Kra…, Krawatte …«, stammelte Tony.

»Ich wusste, dass Sie diese meine kleine Extravaganz schätzen würden.«

»Ja, aber warum …?«

»Wie dumm von mir, das Wichtigste vergesse ich!« Dorkas wedelte mit einem Zettel.

»Diese Adresse ist sozusagen der Auslöser für meine halbwegs erneuerte Außenschicht. Einerseits wirkte das Erfolgserlebnis beflügelnd auf meine modische Fantasie, und andererseits dachte ich mir, dass ein Auftritt in einer solchen kulturell geprägten Umgebung etwas Mühe wert sein sollte.«

»Sie werden sich sicherlich nachdrücklich einprägen«, orakelte Tony doppeldeutig. Dann bequemte er sich zu fragen, um was es überhaupt ging.

 

Dorkas berichtete mit stolzgeschwellter Brust von dem ihm verpflichteten Jung-Journalisten. Dieser hatte ihm nun die Adresse zugespielt, an der Gainsworth Topographie der Apokalypse aufbewahrt wurde. Der ehemalige Galerist des Malers, ein gewisser Everett Jones-Deewitt, hatte viel Mühe aufgewandt, um von der Bildfläche zu verschwinden und doch noch im Geschäft zu bleiben. Dorkas’ Jungjournalist hatte auf zwei Schreibmaschinenblättern die Selbstauflösung von Jones-Deewitt dokumentiert. Es begann mit der Aufnahme zweier Partner in seine alte Galerie, wurde durch die Gründung von Firmen, Fonds und Stiftungen verfeinert, bis schließlich eine neue Galerie eröffnet wurde, die fest in der Hand des Herrn Jones-Deewitt war, ohne dass sein Name auch nur in irgendeinem Vertrag erschienen wäre. Diese neue Galerie namens Art Abbey befand sich in der Charlotte Road im East End, keinen Steinwurf weit entfernt von der Stiftung für Urbanismus eines gewissen Charles Windsor, seines Zeichens Biogärtner und Kronprinz.

»Alles gut und schön, aber woher wissen wir, dass die fraglichen Gemälde gerade dort sind?«

»Immer der alte Zweifler, unser Herr Tanner. Wir wissen es nicht. Aber wir haben einige Gründe es anzunehmen. Jones-Deewitt hat das gesamte Inventar seiner alten Galerie in die Neugründung übernommen. Jones-Deewitt war auf eine nicht näher erklärliche Weise von diesem Gemälde-Ensemble fasziniert und betrachtete es als seinen wertvollsten Besitz, den er nie aus den Händen geben wollte. Und außerdem lebt Jones-Deewitt zurzeit in einer ziemlich bescheidenen Wohnung, in der er die riesigen Leinwände niemals unterbringen könnte.

Wir reden schließlich von Teilen, die fünf Meter mal zehn Meter messen, zumindest haben sie in etwa diese Größenordnung. Diese Dinger kann man nicht im Koffer über die Grenze schmuggeln. Nein, die Wahrscheinlichkeit ist, dass Jones-Deewitt dieses Werk Gainsworths mitgenommen und in der neuen Galerie aufgestellt hat. Und darum werden wir uns jetzt auf die Socken machen und diesen Kunsttempel besuchen.«

»Es wird Sie wohl nicht besonders beeinflussen, wenn ich jetzt sage, dass ich keine Lust habe?«

»Kein bisschen.«

»Warum nehmen Sie nicht lieber unseren guten Little mit?«

 

Dorkas beugte sich zu Tony vor und senkte seine Stimme. Little saß in einem der Wohnzimmer-Sessel und brütete dumpf vor sich hin, hätte also vermutlich auch nichts mitbekommen, wenn Dorkas eine Verdi-Arie in Originallautstärke zum Besten gegeben hätte. Aber Tony registrierte, dass ihm diese Geste von Vertrautheit und Kumpanei seitens Dorkas sehr gut tat.

»Little ist zurzeit nervlich etwas angespannt. Er behauptet, es habe sich eine Tür geöffnet.«

»Klingt ziemlich eindrucksvoll. Hat es auch etwas zu bedeuten?«

»Nun, Sie erinnern sich an unser Gespräch über Herrenmode?«

»Sie meinen die Sache mit den lang geschnittenen Ledermänteln?«

»So ist es. Wir haben Sie nicht mit allen Einzelheiten unserer Reise nach Frankreich vertraut gemacht, und ich werde jetzt auch darauf verzichten. Jedenfalls war dieser schwarze Ledermantel so etwas wie ein Stichwort, und seitdem hat unser Freund Little mit ungebändigten und unerwünschten Impulsen zu kämpfen, die ihn bedrängen. Im Übrigen halte ich es für selbstverständlich, dass wir beide zu der Galerie gehen.«

 

Tony wollte ein Taxi nehmen, aber Dorkas bestand darauf, mit der U-Bahn zu fahren. An der Station Liverpool Street stiegen sie aus und machten sich auf den Weg zu der Galerie.

Der Eindruck, den das Kunstgeschäft von außen machte, wäre mit nobel nur unvollständig umschrieben. Die Hausfassade schimmerte in hellem Sandstein, drei große Schaufenster waren mit Leisten aus Marmor und Edelstahl umrandet, über dem Eingang dokumentierte ein schimmerndes Metallgebilde in mutwilliger Leugnung der Schwerkraft, dass sich Kunst und der praktische Zweck eines Vordaches nicht unbedingt gegenseitig ausschließen müssen.

Dorkas reckte den Hals und lockerte nervös den dicken Henkersknoten, mit dem er seine Krawatte befestigt hatte.

»Eindrucksvoll«, murmelte er. »Ich wünschte mir, das Baugeld für die Fassade würde mancher Bibliothek zugutekommen.«

Entsprechend ehrfurchtsvoll lenkten sie ihre Schritte dem Eingang zu. Der Blick durch die Schaufenster in das Innere war durch verschiebbare weiße Wände versperrt, an denen kleinformatige Aquarelle hingen und so als Alibi-Auslage die Funktion der Fenster verteidigten.

Dorkas schaute etwas verständnislos auf ein gerahmtes weißes Papier, über das sich die schwungvolle Spur eines in rote Farbe getauchten Pinsels zog.

»Ich verstehe nicht so ganz, welche künstlerische Aussage dieses Werk hat …«, bemerkte er hilfesuchend zu Tony gewandt.

Tony Tanner war berufsbedingt auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst schon etwas weniger unsicher.

»Im Zweifelsfall lautet die Aussage: Kauf mich, Du Trottel, weil der Irre, der mich hingeschmiert hat, Knete braucht, um sich Koks und Mädels zu leisten«, war daher seine Antwort.

 

Einen Moment lang standen sie vor der Eingangstür, wartend, dass der andere den ersten Schritt tun und sie aufstoßen würde. Dann drückte Tony Tanner die Tür auf, und sie betraten das Innere der Galerie. Mit einem leichten Klappen fiel die Tür hinter ihnen zu. In der Galerie herrschte Stille. Auch die Geräusche der Straße waren ausgesperrt. Das Surren einer

Klimaanlage war zu vernehmen, und dann hörten sie endlich Schritte, die sich aus dem hinhinteren Bereich näherten. Es war das harte Klappern von Absätzen, die sich Tony Tanner nur an Frauenschuhen vorstellen konnte. Der Gedanke hatte allerdings nichts Tröstliches, denn das Geräusch war energiegeladen und unverhohlen kriegerisch wie Maschinengewehrfeuer, als müsste er nun auf das Erscheinen eines mechanischen Kampfgerätes gefasst sein.

Unwillkürlich straffte er sich und auch Dorkas zog den Bauch ein – das heißt, er versuchte es zumindest – und machte Front gegen das herannahende Tackern.

Als Quelle der Geräuschemission stellte sich eine Frau heraus, die, wie Tony mit einer gewissen Erleichterung feststellte, zumindest in der äußeren Erscheinung nicht die Amazone zu sein schien, die er erwartet hatte. Sie war in das unvermeidliche Kulturschickeria-Schwarz gekleidet, sie trug Hose und Jackett in einem sehr maskulinen Schnitt und dazu hochhackige, spitz zulaufende Schuhe, die vermuten ließen, dass sie sich mindestens drei Zehen pro Fuß hatte amputieren lassen. Ihre Haare waren ebenfalls von tiefem Schwarz, die Frisur – Pony über der Stirn, Mittelscheitel und kinnlanger Schnitt – zeugte von souveräner Missachtung aller Neuigkeiten auf dem Gebiet der Haarmode. Allerdings passte die Frisur zu der Frau, stellte Tony Tanner fest, und wie sie jetzt angerauscht kam, die Haare etwas nach hinten geweht durch ihren eigenen Schwung, wirkte sie durchaus attraktiv. Er schätzte ihr Alter irgendwo zwischen den Dreißigern und den Vierzigern, sie war gepflegt und dezent geschminkt, sodass die schönen dunklen Augen und der volle, äußerst einladende Mund perfekt zur Geltung kamen. Ein Blick dieses Gesicht bewirkte bei Tony eine leichte Steigerung der Pulsfrequenz, vielleicht auch, weil der Trommelwirbel ihrer Absätze nun andere Assoziationen zuließ als vorher, die Bedrohung sich in Verführung gewandelt hatte.

»Bitte, kann ich etwas für Sie tun?«

Das Lächeln, mit dem sie das sagte, erinnerte Tony spontan an ein kleines Mädchen, das mit muffigem Gesicht vor einer ungeliebten Tante den gelernten Knicks vorführt. Ein Lächeln, das sich selbst verleugnete, indem es voller Spott behauptete Eigentlich bin ich gar nicht da, ich tu nur so, weil man es von mir verlangt. Ihre Augen waren irritierend, groß und dunkel, sodass Tony bei der herrschenden Beleuchtung nichts Weißes in ihnen entdecken konnte. Vielleicht lag es an ihrem Make-up oder an den sehr langen, bestimmt sehr weichen Wimpern … aber es erinnerte ihn an ähnliche Augen, die er an anderen Stellen der Welt gesehen hatte. Ein kurzer Impuls von Panik durchzuckte Tony, als der Blick der Frau auf ihn traf, ein Wunsch wegzurennen, der sich blitzartig in seinem Körper breitmachte und ihn zu einer unwillkürlichen Wendung zwang. Als er neben sich Dorkas hörte, der sich ausgiebig räusperte, als wolle er in der Sankt-Pauls-Kathedrale vor voll besetzten Bänken eine Predigt halten, hatte Tony sich wieder unter Kontrolle.

 

Dorkas salbaderte etwas über eine Geschichte der modernen Kunst, die sie beide zu schreiben unternommen hätten und daher wollten sie gerne das berühmte Werk von Gainsworth sehen.

»Woher glauben Sie zu wissen, dass diese Gemälde hier hängen«, fragte die Dame. Tony vermied es, ihr in die Augen zu sehen und wirkte daher mit seinem gesenkten Kopf wie ein verschüchterter Schuljunge.

»Herr Gainsworth selbst hat es mir gesagt«, log er. »Und angesichts der etwas prekären Situation, in der er sich zurzeit befindet, händigte er mir diese eigenhändig unterschriebene Erlaubnis aus, das Werk mit dem eingetragenen Titel jederzeit und solange es mir nötig erscheint zu betrachten, zu untersuchen und fotografisch zu reproduzieren. Bitte … hier.«

Der Zettel, den er Gainsworth bei Doc Grants untergeschoben hatte, war Tonys einziger Trumpf. Wenn der nicht stach, blieb nur noch der Angriff der leichten Kavallerie.

Die Frau nahm den Zettel in Empfang und las ihn sorgfältig durch. Sie hatte Hände, die ihr Alter verrieten, aber dennoch schön waren, mit auffallend rot lackierten Fingernägeln. Die Prüfung der kurzen Notiz dauerte länger als notwendig. Sie zog sich sogar unangenehm in die Länge, während die Frau ihre dunklen Augen über die Zeilen wandern ließ, als könnte sie dahinter Dinge erkennen, die den normalen Blicken verborgen waren.

»Ich werde Mister Conran informieren. Wenn Sie mir bitte solange folgen wollen.«

 

Tony und Dorkas wurden dann bei einer schwarzledernen Sitzgruppe zurückgelassen, und die klappernden Absätze entfernten sich. Tony schaute der Frau hinterher und ertappte sich bei der Überlegung, wie sie im Bikini, besser noch, im durchsichtigen schwarzen Negligee wirken würde. Aber es gab eine Wahrscheinlichkeit, dass diese Dame schwarzes Lackleder bevorzugte und möglicherweise über ein kleines Sortiment kleiner Peitschen verfügte.

Dorkas rutschte unruhig in seinem Sessel hin und her und beugte sich schließlich zu Tony herüber.

»Wie finden Sie die Dame?«

»Knackig!«

Die Information brauchte eine Weile, bis sie von Dorkas verarbeitet werden konnte.

»Das heißt, sie gefällt Ihnen, ja?«

»So ungefähr. Zumindest die fleischliche Hülle.«

»Ob sie Kontaktlinsen trägt?«

»Die Augen sind Ihnen auch aufgefallen?«

»Sie hat sehr eindrucksvolle Augen. Allerdings frage ich mich … nun ja … also …« Dorkas beendete den Satz nicht, sondern stand auf und wanderte unruhig umher. Tony verzichtete darauf, ihm von Matanka und dessen schönen schwarzen Augen zu erzählen. Man sollte komplizierte Dinge nicht noch komplizierter machen, als sie von sich aus schon waren.

Dorkas beugte sich interessiert über einen Block aus durchsichtigem Plastik, in dem einige Gegenstände eingegossen waren.

»Das hier ist höchst eindrucksvoll, vielleicht können Sie mir helfen, es zu verstehen, Herr Tanner«, lockte er Tony von seinem Sitzplatz hoch. Der schlenderte heran und warf nur einen kurzen Blick auf das Werk.

»Es handelt sich um sechs Stierhoden einschließlich Samenleiter und Penis, eingegossen in Akryl und mit dem Namen Sex and the City versehen. Falls Ihnen noch nach mehr dergleichen ist, da drüben steht der halbe Schafsfötus, ebenfalls in Akryl.«

Mit deutlicher Grünfärbung im Gesicht fuhr Dorkas von den Ausstellungsstücken zurück. »Sagten Sie etwa Stierhoden?«

»Soweit ich weiß, sogar um solche von original Miura-Kampfstieren, fachgerecht in der Arena erlegt, nachdem sie es den Matadoren schwer gemacht haben. Das Ganze läuft unter dem Etikett Heavy Impact-Art. Wie ich sehe, reagieren Sie ganz wie von der Künstlerschaft erwartet.«

»Ich verstehe nicht so ganz, welcher Kunstgedanke hinter einem solchen Werk stehen könnte …«, murmelte Dorkas. Er wirkte in diesem Augenblick stark angeschlagen.

Hurra, Dorkas kommt zu der Erkenntnis, dass die Rettung der Welt nicht der Mühe wert ist, und ich kann Francine heiraten, es mit ihr in allen Stellungen treiben und meinem englischen Volk rotwangige Knaben und züchtige Mädchen schenken, fuhr es Tony durch den Kopf. Seine Zukunftsperspektive wurde aber sofort wieder zerschlagen, denn Dorkas schob energisch den Unterkiefer vor und erklärte: »So weit ist es also schon. Vermutlich werden wir aus dem All mit Verblödungskanonen beschossen. Nun ja, solange mir noch schlecht wird bei diesem künstlerisch verbrämten Schwachsinn, darf ich die Hoffnung noch nicht aufgeben.«

 

Nach dieser würdevollen Aburteilung moderner Kunst bezog Dorkas in größerer Distanz zu den Exponaten Stellung. Er brauchte dort nicht lange auszuharren, denn das Klappern erklang wieder, in diesem Fall begleitet von dem leiseren Schritt eines jüngeren Herrn, der im Moment seines ersten Erscheinens seine Blicke mit deutlicher Unsicherheit zwischen Tony Tanner und Dorkas hin und herspringen ließ, sich dann aber entschied, Dorkas mit einem geschäftsmäßigen Lächeln zu begrüßen. Wahrscheinlich war der Schlips doch zu verlockend für den Betrachter.

»Oliver Conran …, meine Herren?«, stellte er sich vor.

Das war in etwa der Moment, in dem John Little daheim vom Sessel glitt und sich winselnd auf dem Boden zusammenkrampfte.

»Tja!«

Herr Conran breitete die Arme aus, klatschte dann die Hände zusammen und begann, seine Finger zu kneten. Dorkas zupfte an seinem Krawattenknoten und schaute sein Gegenüber mit gleicher Hilflosigkeit an. Auf Tony Tanner wirkten sie wie ein Paar, das sich, von einem Heiratsinstitut arrangiert, zum ersten Mal trifft. Aus dem Hintergrund hämmerten die Absätze der Dame heran. Sie nahm hinter Conran ihren Platz ein. Sie stand sozusagen an der Grundlinie und wartete auf die Bälle, die sich die beiden Herren am Netz zuwerfen wollten.

Die Stille und das gegenseitige Aufeinander-Warten waren inzwischen schon eindeutig jenseits der Grenze zum Peinlichkeitsbereich.

Schließlich räusperte sich Tony Tanner – ein Geräusch, das in der Stille der Galerie den Charakter einer unpassenden akustischen Äußerung körperlicher Grundvorgänge gewann, sodass Tony rot anlief und, als erwache er aus einem Nickerchen, zusammenzuckte.

»Haben Sie die Gelegenheit gehabt, die Echtheit der Unterschrift von Gainsworth zu überprüfen?«, fragte er dann und versuchte, während seine Gesichtshaut prickelte und um die Mundwinkel der schwarzäugigen Dame ein verachtungsvolles Lächeln spielte, seiner Stimme einen festen und geschäftsmäßigen Klang zu geben.

»Ja, doch, sicher«, antwortete Conran und riss seine Augen von der Dorkas’schen Prachtkrawatte los. »Es war für mich nur sehr überraschend, da dieser Künstler ja nun zurzeit, in der … … er gewisse Hilfe in Anspruch zu nehmen genötigt ist, und …«

»… in der Klapsmühle sitzt«, ergänzte Dorkas mit freundlichem Lächeln und leugnete mit kindlicher Unschuld jede politische Korrektheit ebenso wie sein Binder eine unbewusste Kriegerklärung gegen jede abendländische Gesittung darstellte. »Aber ich nehme das allgemeine Einverständnis für mich in Anspruch, dass das persönliche Schicksal des Herrn Gainsworth völlig unabhängig von unserem Anliegen ist, insoweit es die literarische und kunstwissenschaftliche Aufarbeitung seines Werkes betrifft«, fügte er noch hinzu.

 

Es dauerte einige Sekunden, bis Tony und Conran den Inhalt dieses druckreifen Satzes richtig verstanden hatten. Tony hatte es einfacher, er brauchte nur zu nicken und sich zu sagen, dass er ansonsten noch geistig relativ fit war. Conran verlor für einen Moment das geschäftsmäßige Lächeln, als müsste er seine Energie anderweitig einsetzen, dann nickte auch er zustimmend.

»Natürlich. Sie müssen nur verstehen, dass mich dieses Lebenszeichen eines der Großen der Kunstszene einfach überraschte. Aber, nun ja, ich will Sie nicht länger aufhalten. Folgen Sie mir.«

Wenn er gesagt hätte ich möchte meine kostbare Zeit euch beiden komischen Vögeln nicht zu lange gönnen, hätte es nicht wesentlich unhöflicher geklungen.

Tony und Dorkas schauten sich an. Dass sie nun so einfach hinter Conran herzugehen brauchten, wirkte überraschender als jede Form von Widerstand und Ausflucht es gewesen wäre.

In seinem Nacken spürte Tony den schwarzäugigen Blick. Das eben aufkommende Triumphgefühl, sich jetzt endlich diesem Knotenpunkt zu nähern, wich nun einer schalen Befürchtung. Er – und auch Dorkas – konnten ab jetzt mit dem Einbruch in die Klinik Serebriakoffs in Verbindung gebracht werden. Es wurde ihm klar, als er hinter Dorkas herging, der mit seinem Watschelgang an einen Pinguin in weihnachtlicher Vorfreude erinnerte, dass sie die Angelegenheit völlig falsch aufgezogen hatten. Sie hätten … ach was, sagte sich Tony dann, die Sache ist gegessen, und außerdem gibt es genügend andere Leute, die uns ans Leder wollen, warum also über einige mehr klagen? Bitte stellen Sie sich hinten in die Reihe unserer potentiellen Existenzvernichter an! Diese Gedanken bauten ihn auf, allerdings nur gerade so lange, wie er sie dachte. Dann empfand er wieder das Gewicht des fremden Blickes, als würde eine Speerspitze probehalber in sein Genick gesetzt.

 

Conran führte sie durch eine Hintertür auf einen schmalen Hof. Hier zeigte die Galerie ihr morgens vor dem Schminken-Gesicht. Einige Holzkisten standen, von blauen Plastikplanen abgedeckt, herum. An der Wand lehnten Transport-Paletten und Eimer mit Wandfarbe. Dorkas entdeckte auch sofort das Fahrrad, das an einer anderen Wand lehnte. Es war ein älteres Modell mit einer faustgroßen Klingel. Am Rahmen waren Rostflecke mit roter Mennige übermalt worden. Tony kannte diese verchromten Lärmgeräte – sie bestimmten den Klang des morgendlichen Berufsverkehrs in Peking oder anderen chinesischen Städten.

Dorkas näherte sich in gebückter Haltung dem Drahtesel.

»Sehr eindrucksvoll«, tönte er.

»Eine Erhöhung des industriell Vorgefertigten durch den Eingriff der menschlichen Kreativität. Und dazu noch dieses symbolische Rot – Blutfarbe, Energie, Antrieb und das Ganze in ironischer Weise gebrochen durch die verrostete Kette, die den westlichen Fortschrittsglauben ebenso lapidar wie sarkastisch kommentiert. Ich bin beeindruckt von diesem Werk der modernen Kunst.«

Conran stand wie vom Donner gerührt und ließ seine versteckte Ungehaltenheit jetzt gänzlich fahren. »Ahemm, es ist so, dass heute Morgen mein Auto nicht ansprang und da musste ich … aber wenn Sie es jetzt erklären, fällt es mir wie Schuppen von den Augen.«

 

Ein schmaler Gang führte sie an einer Halle entlang. Als sie vor einer Mauer standen, holte Conran einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete eine Tür, die in die Halle führte. Die Eisentür war seit längerer Zeit nicht mehr benutzt worden. Sie quietschte ohrenbetäubend, und Conran musste sich mit aller Kraft dagegen stemmen, um sie überhaupt öffnen zu können.

Er blieb halb auf den Gang stehen und tastete nach einem Lichtschalter. Als dann ein Plinkern ertönte und das helle Licht von Neonröhren aufflackerte, trat er zurück und ließ seine beiden Begleiter ein.

Mit klopfendem Herzen trat Tony Tanner ein. Seine Erregung machte sofort einer Enttäuschung Platz. Im grellen Neonlicht sah er nichts als einige Kisten und den nackten Boden.

Conran stellte sich in Positur und setzte an, als müsste er eine Museumsführung mit einer Touristengruppe hinter sich bringen.

»Die Aufstellung in der ursprünglichen Intention des Meisters war natürlich ein Problem«, fing er an. »Das werden Sie sich denken können. Vor allem das Bild, das den Boden des Arrangements bilden sollte, machte uns Kopfzerbrechen. Wir haben uns entschlossen, es unter eine durchsichtige Kunststoffplatte aus kratzfestem Material zu legen. Damit wäre ich beim zweiten Problem, nämlich der Beleuchtung. Wir mussten darauf achten, dass diese Platte nicht reflektierte. Andererseits mussten wir überhaupt auf irgendeine Weise Licht in diesen Raum bringen. Wir haben uns für eine indirekte Beleuchtung in den Randleisten der Bilder entschieden. Außerdem gibt es eine Beleuchtung von außen, durch die Leinwand hindurch, die alternativ geschaltet werden kann. Es ergeben sich hierbei sehr eindrucksvolle Effekte, wobei ich allerdings im Zweifel bin, ob der Künstler diese Sichtweise intendierte.«

»Er ist dankbar für jeden Neuansatz«, murmelte Dorkas.

»Dann hierhin bitte.«

Conran deutete auf das, was Tony für eine Wand der Halle gehalten hatte.

»Hier unten ist der Griff«, erklärte Conran. »Wir haben eine Feder eingebaut, wenn Sie also den Raum wieder verlassen wollen, dann drücken Sie bitte nur unten links an die Randleiste. Dann schwingt die Rückwand zur Seite. Ach so, noch eines: Die Umschaltung der Beleuchtung wird akustisch geschaltet. Einfaches Händeklatschen genügt, und Sie können von Innen- auf Außenbeleuchtung umschalten und umgekehrt. Ich lasse Sie jetzt allein, den Rückweg finden Sie dann ja ebenfalls allein.«

Mit diesen Worten zog Conran mit einem kräftigen Ruck die rückwärtige Platte zur Seite und gab so den Zugang zu dem Raum frei. Zögernd tat Dorkas den ersten Schritt. Er musste eine kleine Stufe überwinden, um auf die durchsichtige Kunststoffplatte am Boden treten zu können. Hinter ihm kam Tony. Mit einem leisen Rauschen fiel die Rückseite wieder in ihre Position.

 

In Nizza hatte Tony Tanner Werke von Gainsworth gesehen. Sie hatten ihn beeindruckt, sogar aufgewühlt. Jetzt aber standen Dorkas und er etwas hilflos herum, legten manchmal den Kopf in den Nacken und versuchten, mit ihrer Ernüchterung fertig zu werden.

»Jackson Pollock für Arme«, kommentierte Tony. Tatsächlich ähnelten die Leinwände mit ihren verschlungenen Farblinien in vieler Hinsicht den Werken des US-Amerikaners.

»Erinnert mich eher an diese seltsamen Vorblätter, die man in Büchern im Art-DÈco-Stil findet«, antwortete Dorkas. »Oder an eine Tapete«, schob er hinterher. Anders konnte er jetzt seiner Enttäuschung keinen Ausdruck geben. Das hier war nichts. Reine Dekoration, Verpackung ohne Inhalt, bloßer Wandschmuck. Gainsworth musste tief im Drogensumpf gesteckt haben, als er die Farbe auf die Leinwand träufelte und dem Ganzen den pompösen Namen Topografie der Apokalypse gab. Vielleicht hatte Gainsworth selbst tatsächlich an die Botschaft geglaubt, die er der Menschheit mit seinen Mitteln überbringen wollte. Vielleicht steckte sie tatsächlich in diesem Werk. Aber man konnte sie nur dann erkennen, wenn man sich das Hirn ebenso mit Drogen zuschüttete, wie es Gainsworth bei seinem Malakt getan hatte.

 

Es gab einen an sich seltsamen Effekt, in einem geschlossenen Raum mit einer solchen Verzierung zu sein. Unter ihren Füßen wanden sich die Farblinien ebenso wie an den Wänden und über ihren Köpfen. Das Bodenbild war seltsamerweise in helleren Farben gehalten als das Deckenbild. Durch diesen einfachen optischen Effekt schien die Decke nach unten gleiten zu wollen, während der Boden in größerer Leichtigkeit nach oben schweben wollte, als müssten die beiden Leinwände die Position tauschen, damit die Regeln der Schwerkraft wieder gelten könnten.

Tony musste zugeben, dass dieser Effekt gekonnt war und auch eine leichte Verwirrung, fast einen kleinen Schwindel auslöste. Aber es war ein Trick, ein handwerklich geschickter Gag, mehr nicht. Er schaute zu Dorkas. Auch der ließ seine Blicke zwischen Boden und Decke pendeln und zog ein wenig den Nacken ein. Etwas hilfos wandte er sich an Tony.

»Kann es sein, dass Gainsworth in seinem Tran die Angaben für oben und unten verwechselt hat?«, fragte Dorkas.

»Ich halte dieses für die unhöflichste und naheliegendste Erklärung«, antwortet Tony. In ihm stieg eine große Wut auf. Dieser miese drogensüchtige Pinselschwinger und Farbkleckser! Oben war dort, wo der Alkohol reinkam und Kokain geschnupft wurde, in die Mitte kamen die Heroinspritzen und weiter unten war die Stelle, wo die Lustknaben zum Zuge kamen. So viel zu Gainsworth und dem Oben-Unten-Phänomen in der zeitgenössischen Kunst!

Und für diese billige Mache der ganze Aufwand, die Gefahr, das Risiko! Tony wäre am liebsten sofort zu Doc Grands gestürmt, hätte sich den Maler gekrallt und ihn mit einem freundlichen Briefchen an der Pforte von Serebriakoffs Klinik abgegeben.

 

Seine Narben an der Schulter begannen plötzlich zu brennen, und auch der Arm mit dem Peitschband begann taub zu werden. Ist ja schon gut, schrie Tony Tanner sein Unbewusstes an. Ich weiß, dass ich scheißesauer bin, es ist nicht nötig, mir das noch anderweitig näherzubringen. »Helterskelter«, sagte er dann laut.

Vorne an Dorkas Kopf war eine einzige, Mimik gewordene Umschreibung von Nit verstaan.

»Sie wissen doch, die Beatlesplatte – Helterskelter, Durcheinander, Drunterdrüber. Mensch, Dorkas, nun seinen Sie nicht so tranig. Das war genau die Platte, in der Charles Manson geheime Botschaften entdeckte, indem er die Platte rückwärts spielte. Und damit war dies unmittelbarer Anlass für den Mord an Sharon Tate. Kommt’s jetzt?«

»Wussten Sie, dass einige Psychologen diesen Effekt inzwischen nutzen? Sie nehmen Aussagen beispielsweise von Tatverdächtigen auf und spielen das Tonband rückwärts ab. Sehr interssant, weil sich in den rückwärts gesprochenen Wörtern immer wieder klar und deutlich Aussagen erkennen lassen, die auf den unbewussten Zustand des Patienten oder des Verdächtigen schließen lassen.«

»Ich weiß zwar nicht, wie diese meine jetzige Aussage rückwärts gespielt klingen würde, aber ich kann Ihnen die Botschaft meines Über-, Unter-, Haupt- und Nebenbewusstseins mitteilen: Ich will hier raus. Um Ihre Einführung in die Psychologie zu genießen, die im Übrigen in allerkeinstem Fall zum Thema passt, brauche ich mir hier nicht die Beine in den Bauch zu stehen!«

 

Dorkas hätte das Recht gehabt, sich bei dieser mit wenig Freundlichkeit unterfütterten Aussage seines Begleiters auf den scheußlichen Schlips getreten zu fühlen. Aber er grinste, oder vielmehr lächelte, und begann, Tonys Jackettschulter durch heftige Schläge zu verformen.

»Helterskelter«, rief Dorkas,« Sie haben die Lösung gefunden, Herr Tanner. Und das, was ich sagte, passt genau zum Thema. Es geht nämlich um drunter und drüber und vorwärts und rückwärts. Verborgene Botschaften unter der Oberfläche. Passen Sie auf.«

Damit klatschte Dorkas laut in die Hände. Schlagartig verlosch das Licht. Und dann klammerten sich Dorkas und Tony Tanner aneinander.

Das Licht fiel jetzt von außen herein, durchstrahlte die Leinwände und schuf einen dreidimensionalen Effekt, mit dem sie nicht gerechnet hatten, den sie überhaupt nicht für technisch realisierbar gehalten hätten.

»Das gibt es nicht«, flüsterte Dorkas und krallte sich Tonys in die Schulter, auf diese Weise der Fasson des Jacketts endgültig den Rest gebend. Tony war im Augenblick nicht gewillt, auf seine äußere Hülle zu achten. Er selbst hielt sich an der Krawatte von Dorkas fest, als wäre es die Notbremse eines Expresszuges. Er hatte die deutliche Empfindung, schwerelos zu schweben, wobei er sich langsam im Raum drehte, weil seine Füße zur anderen Seite strebten.

Er wollte in die Hände klatschen, um diesen Effekt zu annullieren, wagte aber nicht, Dorkas loszulassen, weil damit jeder Festpunkt verloren wäre. Tony war sich sicher, sein Körper wusste es noch besser als sein Geist, dass ein Loslassen ihn davontreiben lassen würde. Rettungslos wie ein Astronaut würde er sich in einer endlosen Tiefe verlieren, die um ihn lauerte, markiert von farbigen Linien, die sich in dieser Unendlichkeit zerfaserten.

 

Seine Schulternarben schmerzten jetzt so stark, dass Tony Tanner zusammenzuckte. Es war, als würde ein riesiger Raubvogel die Krallen in seine Schulter schlagen. Für einen Augenblick fühlte es sich an, als würde er hochgehoben. Tony schloss die Augen. Es war das Patentrezept, so einfach und simpel und doch war er nicht auf diesen Ausweg gekommen, weil er Angst vor der Dunkelheit hinter seinen Lidern gehabt hätte.

Nun verließ sich Tony auf die Führung seines Körpers, ließ die Empfindung der Schwerkraft, das eigene Gewicht auf den Fußsohlen, die den Boden berührten, in sich eindringen.

Vorsichtig öffnete er wieder die Augen. Ja, er schien immer noch zu schweben, aber die Panik in dieser Empfindung war erloschen. Jetzt war es sogar sehr angenehm, und er konnte sich langsam umschauen.

Will heißen, er hätte es gekonnt, wenn Dorkas sich nicht fast mit seinem ganzen Gewicht an ihn gehängt hätte.

»Augen schließen«, befahl Tony. »Konzentrieren Sie sich auf das eigene Gewicht auf ihren Sohlen.« Dorkas brauchte eine ganze Weile, bis er es wagte, vorsichtig ein Auge zu öffnen.

Dann folgte das zweite Auge, und Dorkas versuchte, Tonys Jackettschulter faltenfreier zu gestalten. Obwohl er sich redlich bemühte, war das Ergebnis unterdurchschnittlich. Dann erstarrte Dorkas’ Hand in der Bewegung.

»Wer ist dieser Mann?«, fragte er verblüfft. Tony drehte sich erstaunt um.

Zum ersten Mal hatte er nun Gelegenheit, den gemalten Raum genauer zu betrachten. Tatsächlich war in seinem Rücken deutlich das Porträt eines Mannes erkennbar. Der Mann wirkte auf Tony spontan wie ein alttestamentarischer Prophet – er hatte edle Gesichtszüge, die braune Haut des Orientalen zu der auch seine turbanartige Kopfbedeckung passte, und einen langen Bart, in dessen schwarze Haare sich silbrige Strähnen mischten. Der angenehme Eindruck, den das Gesicht auf Tony machte, verlor sich in den Moment, in dem er die Augen betrachtete. Schwarze Augen, ohne eine Spur von Weiß. Augen, die etwas verbargen und dennoch deutlich sagten, dass dieses Etwas schrecklich und unmenschlich war.

»Haben Sie die Augen bemerkt?« Tony flüsterte, als könnte eine laute Stimme in diesem Raum einen unerwünschten Effekt auslösen.

»Wie bei der Frau in der Galerie«, gab Dorkas genau die erwartete Antwort.

»Können Sie mit dem Porträt etwas anfangen?«, fragte Tony.

»Nicht wirklich. Ich dachte spontan an assyrische Reliefs – die Kriegsherren dieses Eroberervolkes müssen so ähnlich ausgesehen haben. Aber im Grunde sieht dieser Mann ja auch auf banale Art nett aus. Er hat etwas von einem Womanizer

»Seit wann haben Sie Einblick in diese Geschmacksverwirrung, die man weibliche Psyche zu nennen gezwungen ist, Dorkas?«

»Eigentlich schon immer, aber spätestens, seit ich in Frankreich war. Seitdem weiß ich, was das Geheimnis der Frau ist: Frauen sind so und das Gegenteil, und ein Mann sollte auf ihre Psyche pfeifen, genau das wollen diese Wesen.«

»Sie wirken hochgradig inspiriert.«

Dorkas achtete nicht auf die etwas säuerlich geratene Replik seitens Tony Tanner.

Vielmehr ging – oder schwebte – er näher an das Abbild heran.

»Ein Prophet« lautete das Fazit seiner Betrachtung. »Ein Prophet von biblischen Ausmaßen, mit anderen Worten eine gefährliche Nervensäge, die an dem Thron des Königs rüttelt, weil sie behauptet, Gottes Weg zu wissen und zu künden. Wirklich eine sehr unangenehme Weltgegend dieser Orient. Aus der hyperboreischen Kälte kamen fellbehangene Barbaren und legten alles in Schutt und Asche, was brennbar war und nach Kultur aussah. Aber aus dem Orient kamen immer die Horden, die die Seelen der Menschen umpflügen.«

»Lassen Sie das bitte weder den Papst noch den Erzbischof von Canterbury hören«, kommentierte Tony Tanner trocken.

»Bitte, kulturgeschichtliche Rundumschläge meinerseits sind immer cum grano salis zu nehmen. Doch was ist das? Kommen Sie doch bitte mal hier herüber.«

 

Vorsichtig wechselte Tony die Position. Von hier aus schien der Bart des Mannes in Rauch aufzugehen, vielleicht hatte Gainsworth es auch so gemeint, als würde der Kopf im Rauch eines Feuers erscheinen, ähnlich dem Geist aus der Flasche.

»Feuer und Flammen«, murmelte Dorkas und fügte eine Litanei von Assoziationen hinzu, »ausrotten mit Feuer und Schwert, heißt es im Alten Testament, Opferfeuer, Feuer brennender Städte, das reinigende Feuer, das Feuer der Apokalypse, Drachenfeuer, das alchemistische Feuer, die Feuer der Zarathustrier, Menschenopfer – Germanen, Gallier, Inquisition,

Ketzerverbrennungen, Hexenverbrennungen, der Geist, der im Feuer des Magiers erscheint, das Feuer des Fanatismus, das Feuer, das die alten Blätter verbrennt, damit aus der Asche als Dünger neues Leben wachsen kann … es kann tausendundeine Bedeutung haben.«

»Klingt für mich aber alles nicht so, als ob ich es abonnieren würde.«

Mit diesem Satz rückte Tony Tanner einen weiteren Schritt zur Seite. Wieder fand eine Veränderung statt. Jetzt gab es den Männerkopf, der eben noch so fest und bedrohlich wirklich gewesen war, nicht mehr. Er hatte sich aufgelöst in dem farbigen Liniennetz, war jetzt ein kaum noch erkennbarer Fang aus unerklärlichen Tiefen. Noch ein halber Schritt zur Seite: Hier bildeten die Linien ein Gewirr farbiger Strukturen, die ähnlich den Höhenlinien einer topografischen Karte eine imaginäre Landschaft andeuteten. Und wieder änderte sich die Sicht des Männerkopfes, der nun wie ein Auswuchs dieser Linien wirkte. Auch der Kopf des Mannes änderte sich – der Bart war verschwunden, der charakteristische Ausdruck des Orientalen war gewichen.

»Wir müssen auf diese Linien achten!« Dorkas zückte einen Notizblock und begann Punkte einzutragen, während er langsam den Raum durchschritt.

Auch Tony Tanner wechselte wieder seine Position. Ein unbedachter Blick nach unten, zwischen seinen Schuhspitzen hindurch, jagte ihm erneuten Schrecken ein. Es war, als stünde er in großer Höhe. Unter ihm war das Nichts. Er fühlte sich an seine Kindheit erinnert, an die überwätigende Angst angesichts des Sternenhimmels und der Erkenntnis, dass er, Tony Tanner, auf einem Felsklumpen im All lebte, umgeben von Unendlichkeit und Kälte und Nichts, durch das sich Materiebröckchen und Staubwolken unter dem Zwang unbekannter Gesetze von Erschaffung zu Vernichtung bewegten.

Schweißperlen traten auf seine Stirn. Vielleicht hätte er ebensolche Furcht empfunden, wenn ihm die Gewissheit gekommen wäre: Jetzt, in dieser Minute, geschieht das absolut Unfassbare und Unerhörte, der eigentliche Skandal deines Lebens, Tony Tanner – du stirbst jetzt! Aber wo gab es einen Unterschied? Was machte es im Endeffekt aus, ob er sich dieser

Erkenntnis stellte – ein winziger Punkt lebendiger Materie zu sein, die sich ebenso schnell auflöst, wie er entstand und hilfloser Gefangener eines bedrohten, jede Sekunde den Untergang nur zur nächsten Sekunden weiterschiebenden Sterns? Eines Sterns, der nicht die Erde war, sondern nur ein Planet unter Milliarden anderen, ebenso wie dieser inzwischen in Schweiß gebadete Körper auch nur einer von Milliarden anderen war, die schon zu Staub zerfielen?

 

»Darf ich bitte mal?« Dorkas riss Tony Tanner aus dem Labyrinth seiner Gedanken, indem er ihn resolut zur Seite schob. Der kaum merkliche Stoß mit dem Ellbogen ärgerte Tony enorm. Zugleich hatte es auch etwas Bizarres, dass er sich in diesem Augenblick über eine solche Nebensächlichkeit aufregen konnte. Der Ärger riss ihn derart mit, dass er die Fäuste ballte und auf Dorkas zutrat, um ihm eine ordentliche Abreibung zu verpassen. So wie der Wissenschaftler dastand, den feisten Nacken zwischen die Schultern gezogen und eifrig auf sein Papierblättchen kritzelnd, war es fast unvermeidlich, dass Tony ihn schlug und trat.

Tony machte einen Schritt nach hinten und wollte Anlauf nehmen. Dabei fiel sein Blick zur Decke. In dieser Sekunde schien sich etwas einzurollen, als würde ein Faden zurückgespult oder als wäre dort ein Insekt, das blitzschnell seinen Fühler zurückzog. Gleichzeitig erschien der eben noch beherrschende Gedanke, Dorkas zu verprügeln, als kompletter Unsinn.

Dorkas unterbrach sein Gekritzel, weil er Tonys Bewegung bemerkt hatte.

»Was ist?«, fragte er.

»Ich hatte eben das wirklich dringende Bedürfnis, auf Sie einzuprügeln.«

»Tatsächlich?« Dorkas’ Stimme verriet großes Interesse. »Ich wurde soeben von dem Wunsch überfallen, ihnen diesen Bleistift in die Stirn zu rammen.« Zur Bestätigung hielt Dorkas nicht etwa den Bleistift hoch. Er zeigte vielmehr den Notizblock. Auf der aufgeschlagenen Seite sah Tony eine zwar flüchtig skizzierte, aber dennoch zweifelsfrei erkennbare, äußerst gehässige Karikatur seiner selbst.

»Warum?«, stammelte Tony, beeindruckt und betroffen von der Bösartigkeit, die sich dort durch die Bleistiftspitze in der Hand von Dorkas ausdrückte.

»Sie haben mir im Weg gestanden. Das hat mich gewaltig aufgeregt!«

Tony brachte zur Vorsicht etwas Abstand zwischen sich und dem Bleistift. Dann erwähnte er seine Beobachtung des sich zurückziehenden Fühlers. Er hatte es eher als Anekdote betrachtet die die Stimmung auflockern sollte, aber Dorkas nahm die Angelegenheit erstaunlich ernst.

»Wir hätten Little mitnehmen sollen«, sagte er, mehr an sich selbst gerichtet. »Aber der arme Kerl hätte hier keine drei Sekunden überlebt. Der Raum hätte ihn zerrissen. Fühler? …

… Das war exakt die Vision, die Little mir bei seinem ersten Besuch schilderte. Irgendetwas ganz im Hintergrund, das seine Fühler ausstreckt oder seine Fäden zieht. Fäden, wie sie Gainsworth hier dargestellt hat. Wir müssen vorsichtig sein. Vielleicht ist in diesem Raum etwas, das wie ein Zugang wirkt, und wir sind daher sowas Ähnliches wie Bakterien unter dem Mikroskop.«

»Sie meinen, das vorhin war so eine Art Test?«

»Gut möglich oder der Versuch, einen von uns beiden loszuwerden. Oder wahrscheinlich eher beide, weil der andere ja hinter Gitter gewandert wäre, egal, wer unser Duell überstanden hätte. Ich werde mich beeilen, damit wir hier rauskommen. Aber wagen Sie nicht, vor mir den Raum zu verlassen.«

 

Mit einem äußerst unbehaglichen Gefühl nahm Tony seine langsame Wanderung durch das Kunstwerk wieder auf. Er bemühte sich, nicht auf die Leinwand zu schauen. Aber überall war Leinwand, überall tanzten die Farben, Flächen und Linien. Sobald er sich bewegte, tanzten und veränderten sie sich wirklich. Die Art der Veränderung hatte kein Verhältnis zu seiner Bewegung. Er beugte sich eine Winzigkeit nach vorne, und schon begannen die Linien wie Algen im Wasser zu schwingen. Es wirkte bedrohlich, obwohl es ebenso etwas von einem Slapstick-Film hatte.

Tony beschloss, sich hinter seinen geschlossenen Lidern zu verstecken. Die Dunkelheit war gut, wie eine bergende Hülle. Aber bald begannen Farben vor seinen Augen zu flimmern und sich zu einer exakten Kopie der Gestaltungen zu formen, die die Leinwände zeigten. Die Vorstellung, dass etwas, was draußen war, sich inzwischen auch in seinem Kopf festgesetzt hatte, machte Tony fast wahnsinnig. Dennoch fürchtete er, die Augen zu öffnen. In seiner Nähe erklang das Kritzeln des Bleistiftes, mit dem Dorkas die Höhenlinien zu skizzieren versuchte.

Das Kritzeln war ein Geräusch, das eindeutig mit dem Bleistift in Verbindung stand. Aber diese Verbindung, die Sicherheit gab, brach plötzlich ab. Jetzt blieb nur noch ein neutrales Geräusch und je länger Tony zuhörte, desto sicherer wurde er, dass hier etwas Schleichendes seine hörbare Spur hinterließ. Etwas schlich – Tatzen, Pfoten, Krallen, knackende Zweige, zur Seite geschobenes Unterholz. Auch er selbst konnte nicht mehr in diesem Raum sein, er war auf einer einsamen Straße, und während er überlegte, wo diese Straße sein könnte, wurde das Anschleichen immer bedrohlicher. Italien, Toskana, fuhr es Tony noch durch den Kopf, dann riss er die Augen auf.

Er war bereit zu schwören, dass für einen Moment der Kopf einer wolfsähnlichen Bestie zwischen den verschlungenen Farblinien erschien, als hätte sie ihn während der ganzen Zeit durch Lianen und Unterholz hindurch angestarrt. Als Tony die Stelle genau fixierte, konnte er nur noch diese Linien ausmachen, und selbst als er zur Seite ging, bildete sich diese Vision nicht ein zweites Mal.

Es war wie eine Befreiung, als Dorkas endlich den Notizblock wegsteckte.

»Lassen Sie uns verschwinden«, murmelte er. Dorkas ging zu der rückwärtigen Leinwand, beugte sich etwas steif nach unten und drückte gegen den Rahmen. Tony wartete darauf, dass endlich das Licht aus der Halle durch einen Spalt zu sehen war. Aber Dorkas drückte und drückte und kam schließlich mit hochrotem Kopf wieder hoch.

»Ich war sicher, dass es diese Seite war. Aber im Grunde ist dieser Raum ja ein Kubus mit gleichlangen Wänden.«

Tony schaltete sich ein. Er schritt zur nächsten Leinwand und begann dort nach den Anweisungen Conrans gegen die untere linke Rahmenleiste zu drücken. Seine Fingerknöchel wurden unter der Anstrengung weiß, der Arm begann zu zittern. Er war sich bewußt, dass seine Kraftanstrengung in keinem Verhältnis mehr zu seiner Absicht stand. Er wollte keine Betonmauer zur Seite schieben, sondern nur den geringen Widerstand einer Feder überwinden. Er dachte es und verstärkte den Druck. Direkt vor ihm war die Leinwand. Aber dort schien keine Materie zu sein, nichts, was man hätte anfassen können. Seine Hände pressten den Rahmen, aber um nichts in der Welt hätte er versucht, die Leinwand anzufassen. Sie war nämlich nicht da. Vor ihm war nur ein Universum von Linien und Farben und mit tödlicher Gewissheit erkannte er, dass er beobachtet und belauert wurde. Mit einer leichten Körperbewegung nach vorn hätte er sich in diese fremde Welt gestürzt und wäre ihr ausgeliefert, so wie es in Gruselromanen demjenigen geschieht, der den Spiegel durchschreitet.

Ein Muskelkrampf beendete Tonys Bemühen.

Er sprang auf und ging zur nächsten Möglichkeit. Während er hier drückte, bemerkte er ein Gedicht, das Gainsworth mit feinem Pinsel geschrieben hatte, bevor er Farbe auf die Leinwand träufelte. Durch die Überdeckung mit der nächsten Farbschicht waren manche Zeilen unlesbar geworden. … Himmel, zum unfruchtbaren Acker der Zerstörung gepflügt mit weißen Furchen durch das veraltete Blau, las Tony Tanner … geht der Sämann im gescheckten Kleid und lässt Staubfontänen erblühen … Tag und Nacht gestichelt durch Leuchtspur und dreifach vernäht vom asthmatischen Keuchen der Maschinengewehre zum Leichentuch der Schlacht, mit dem … blutiges Fleisch unter Tarnstoff, Obszönität der Wunde und dann …

 

Eine Schlacht, dachte Tony Tanner. Und dann dachte er, das darfst du nicht denken und dann riss es ihn herab wie ein Achterbahnwagen, der auf dem höchsten Punkt angelangt war und nun abwärts stürzt. Er stemmte sich mit allem, was er hatte dagegen, aber in der nächsten Sekunde fand sich Tony Tanner wieder auf jener rötlich beleuchteten, von Bergen umzingelten Ebene zwischen den Kriegern, die er zuerst gesehen hatte, als er auf Matankas Party gewesen war und den Dolch des tibetischen Herrschers berührte. Er wälzte sich im Staub, sah in der Nähe Detonationswolken aufspringen und hörte Splitter heulen. Er war in diesem Gedicht, aber dieses Mal empfand er keine Wut, keinen Zorn, keine Lust zu kämpfen oder zu töten, sondern die schiere Furcht machte seine Glieder weich, als wäre er eine Qualle.

Undeutliche Gestalten rannten in der Nähe vorbei, er hörte heiser gebrüllte Befehle und das Dröhnen schwerer Motoren, die Fahrzeuge vorwärtstrieben. Ketten quietschen, in der Nähe wurde ein Geschoss abgefeuert. Das Geräusch war hell und hart, es war direkt schmerzhaft.

Jetzt schossen sie weiter, immer schneller, da hinten tauchten auch die Konturen eines Panzers auf, und Tony erkannte, worauf geschossen wurde. Wieder knallte es und jetzt wachte er auf, weil Dorkas’ Finger auf seiner Wange einen allzu guten Treffer gelandet hatten.

Dorkas beugte sich über ihn.

»Geht es Ihnen gut?«

»Mäßig. Aber ich bin sicher, dass ich nie wieder ein Gedicht lese. Wie lange war ich weggetreten?«

 

»Eine ganze Weile. Ich nutzte die Gelegenheit, um meine Notizen zu ergänzen. Aber dann fingen Sie an zu stöhnen und sich auf dem Boden zu wälzen, sodass ich es für angemessen hielt, Sie nun ja …«

»Mir eine zu scheuern? Sagen Sie es ruhig, wenn es Ihnen Spaß gemacht hat!«

Mit der eher gut gemeinten als praktisch nutzvollen Unterstützung seitens Dorkas rappelte sich Tony wieder auf.

»Ich habe versucht, die Beleuchtung zu verändern, aber der Schalter scheint defekt zu sein«, erklärte Dorkas.

»Ja«, kommentierte Tony sarkastisch, »und auch die Feder, die den Ausgang zudrückt, ist defekt. Wollen wir uns an die Hände fassen und gemeinsam an einen Zufall glauben.«

»Vielleicht sollten Sie doch öfter Gedichte lesen, Herr Tanner. Ihre Einstellung scheint im Moment von einem durchaus gesunden Sarkasmus geprägt zu sein.«

»Das macht meine militärische Erfahrung.«

Dorkas kam nicht mehr dazu, die fälligen Fragen zu stellen, denn in diesem Moment öffnete sich in Spalt im Raum. Geblendet von dem hellen Schein erkannten sie das Gesicht der Frau. Ihre Augen schienen noch schwärzer zu sein als vorhin.

»Herr Conran ist schon gegangen. Wir schließen jetzt die Galerie«, sagte sie zur Erklärung. Sowohl Dorkas als auch Tony fühlten sich, als würden sie durch ihre Blicke abgetastet, als sie aus dem Raum stiegen.

»Ich fürchte, es ist unerlässlich für unsere Arbeit, dass wir morgen noch einmal wiederkommen und Fotografien zur Gedächtnisstütze anfertigen«, erklärte Dorkas mit größtmöglicher Verbindlichkeit beim Abschied.

Die dunklen Augen in dem schönen Gesicht hefteten sich auf ihn.

»Ich hatte damit gerechnet, meine Herren!«

 

Auf der Rückfahrt sprachen sie lange kein Wort miteinander. Dorkas betrachtete mit unzufriedenem Gesicht seinen Notizblock, auf dem äußerst seltsame Zeichen gekritzelt waren.

»Sie wollen mir nicht zufällig sagen, was in Ihrem Kopf vorging, als Sie sich am Boden wälzten?«, fragte Dorkas plötzlich.

»Ich finde in mir kein entsprechenes Bedürfnis!«

»Hatte ich mir gedacht. Na ja, ist vielleicht besser so. Mmh – jedenfalls suchen sie nach den weichen Stellen bei uns.«

 

John Little hörte das Zuklappen der Tür, als Dorkas und Tony Tanner sich auf den Weg zur Galerie machten. Im Grunde war er froh, endlich allein zu sein. Er war innerlich aufgewühlt, fühlte sich verunsichert und hilflos wie ein ausgesetztes Kind. Bei jedem Satz, den er sagte, bei allem, was er tat, spähte er heimlich nach den Reaktionen der beiden anderen und wartete darauf, dass ein entgeisterter Blick oder auch nur eine verächtlich hochgezogene Augenbraue ihm deutlich machte, dass er irgendetwas völlig Unsinniges gemacht haben musste. Dass er eine Regel gebrochen hatte, die für andere Menschen selbstverständlich zu sein schien – nur war es so, dass Little keine Regeln mehr kannte.

Oder, um es genauer zu sagen, John Little kannte viele Regeln, wusste aber nicht, welche in der Umgebung, in der er sich bewegte, galt und welche andere wie ein Strandgut an den Ufersaum seines Bewusstseins gespült worden war und dort eigentlich keinen rechten Platz hatte.

Little lauschte in die Stille der Wohnung. In der Küche begann der Kühlschrank zu brummen.

Das Geräusch hielt für eine ganze Weile an. Little konnte sich daran festhalten wie an einem Geländer, an dem er sich durch die nächsten Minuten tastete. Dann setzte der Kühlgenerator mit einem blechernen Rappeln aus und Little verlor förmlich den Halt, sein Bewusstsein taumelte unsicher durch die Stille und zuckte angstvoll bei jedem Klang, der von irgendwo herzuhallen schien – keinem Ohr vernehmbar und doch für Little eine Bedrohung, die ihm den Schweiß aus den Poren trieb.

Er setzte sich kerzengerade hin und begann ein Lied zu pfeifen. Der dünne, unsichere Klang seines eigenen Pfeifens beruhigte ihn und überdeckte das wirre Konzert in seinem Kopf. Im Grunde kannst du zufrieden mit dir sein, dachte John Little, Dorkas hat mitbekommen, dass du etwas verwirrt bist, aber er weiß nicht, dass du völlig durchgeknallt bist.

Durchgeknallt? Kann jemand, der in einem Sessel sitzt und sich sagt Du bist durchgeknallt wirklich durchgeknallt sein? Nun gut, der Gedanke hatte etwas Tröstliches an sich. Little lächelte und änderte seine Selbstdiagnose in ziemlich durchgeknallt. Er stellte fest, dass das Nachdenken über die Ursache seines Zustandes hilfreich war. Die Erinnerungen boten eine Stütze und ersetzten das Brummen des Kühlschrankes.

 

Was war falsch gewesen? Little erinnerte sich an das heiße Triumphgefühl, mit dem er nach London zurückgekehrt war, wie an eine verflossene Ferienliebelei. Vermutlich lag schon darin der Kern der Verderbnis. Zu sicher sein, nicht aufmerksam sein. Selbstvertrauen wie ein prall aufgeblasener Ballon. Eitelkeit und Überheblichkeit – Todsünden. Little musste sich an diesem Punkt seiner Überlegungen selbst bremsen, sonst wäre er, wie auf einem Abhang, mit der Last seiner Selbstanklagen über eine Klippe in die Tiefe gestürzt.

Nein, das führte zu nichts. Er konnte die Sache ja auch anders drehen. Er war nicht in der Lage gewesen, den Schutzschild seines Triumphes lange genug aufrechtzuerhalten. Der Alltag mit seinen kleinen Lasten und Mühen bekam ihn wieder in die Finger. Das seltsame Vorkommnis, als der Grand Albert scheinbar ohne fremdes Zutun vom Tisch gefallen war, hätte ihn warnen können, ja warnen müssen.

Schon zu diesem Zeitpunkt hätte deutlich sein können, dass der Gegner keineswegs völlig vernichtet war. Dorkas fühlte sich vollkommen sicher. Sarah Hamilton? – Geschichte, eine kleine Anekdote für den esoterischen Almanach! Brantley? Ohne den Grand Albert hilflos und allenfalls ein potentieller Kunde für die geschlossene Abteilung! Aber Dorkas täuschte sich. Schon in diesen Tagen registrierte John Little eine wachsende Unruhe. Er wagte nicht, seine Bedenken gegenüber Dorkas zu äußern, um nicht als Schwarzseher zu gelten.

Andererseits riss ihn der Schwung mit, den Dorkas entwickelte. Und doch trugen sie beide, Dorkas und John Little, die Keime des Verderbens schon mit sich. Sie schleppten etwas, wofür es keine Worte gab, wie Pilzsporen mit sich herum und in dem Augenblick, in dem ihre Abwehrkraft nachließ, begannen die Sporen zu wachsen, ihre Fäden zu ziehen und sich in eine Richtung zu entwickeln. In die Richtung von Brantley.

 

Es war Tony Tanner, der ungewollt die Schleusen öffnete. Als er in ihrem Gespräch völlig arglos und irgendwie modebeseelt das Loblied schwarzer Ledermäntel sang, fühlte sich Little wie ein Magenkranker, den man mit einem Wort, einer mit Assoziationen beladenen Erinnerung, endgültig vorwärts zur Übelkeit stieß. Und dann als Höhepunkt Dorkas, der gar nichts kapierte und wieder einmal zu dozieren begann, und in seiner intellektuellen Eitelkeit alles in einen größeren Zusammenhang stellen musste!

John Little hätte ihn am liebsten umgebracht, aber dann hatte er nur noch den Wunsch, das Badezimmer rechtzeitig zu erreichen, um eine Reinigung des Teppichs überflüssig zu machen. Dieser verdammte Ledermantel, in den sich Brantley hüllte! Verdammt im wahrsten Sinne des Wortes. In einem kurzen Aufblitzen, als Tony Tanner die Rede auf diese

Bekleidungsstücke brachte, hatte Little sich an Brantley erinnert. Er saß in diesem Moment mit Dorkas und Tony Tanner am Tisch, hörte die Stimme von Dorkas, der über Xipe Totec sprach, und sah Brantley vor sich. Dann, als würde eine durchsichtige Folie von diesem Bild entfernt, erkannte er, was diese Umhüllung Brantleys wirklich bedeutete. Das also war der Augenblick, in dem sich sein Magen zusammenkrampfte, als wäre ein bockendes, wütendes Tier in Littles Leib, und es blieb nur noch die Flucht ins Badezimmer. Seitdem wurde Little das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Und gleichzeitig schmolzen alle Sicherheiten, alle Gewissheiten, die das Leben eines Menschen umhüllen und es erst möglich machen, dahin.

Fortsetzung folgt …