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John Sinclair Classics Band 27

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 27
Der Fluch aus dem Dschungel

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 11.09.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 13.01.1976 als Gespenster-Krimi Band 122.

Kurzinhalt:

Sie stammte aus einer Zeit, die Jahrhunderte zurücklag. In einem fernen Winkel der Erde war sie von einem geschickten Künstler angefertigt worden. Danach hatte sie ein Zauberer bekommen, der mit den Mächten der Finsternis paktierte. Er hatte ihr gefährliches Leben eingehaucht und sie dann dem König geschenkt.

Die Zeit verging. Lange sah man nichts von ihr, bis ein Kaufmann aus Amsterdam sie auf einer seiner zahlreichen Reisen erwarb und in sein Arbeitszimmer hängte. Niemand ahnte, welche Gefahr sie barg. Sie – die Totenmaske …

Leseprobe

Der Mann rauchte seine Zigarette in der hohlen Hand. Wie ein Denkmal stand er in der Einfahrt zwischen zwei alten, windschiefen Häusern.

Irgendwo schlug eine Uhr zwölfmal.

Mitternacht, Geisterstunde!

Der Mann warf seine Zigarette auf den Boden und trat sie mit dem rechten Ab­satz aus. Dann stellte er den Mantelkra­gen hoch und zog sich eine Strickmütze über den Kopf.

Regennass glänzte die Straße entlang der Häuserzeilen. Immer noch trieb ein feiner Sprühregen über die Fahrbahn. Im nahen Licht der einzelnen Laterne sahen die feinen Tropfen aus wie glitzernde Perlen.

Die Straße war leer. Nicht einmal Kat­zen wagten sich bei diesem Wetter nach draußen. Im ewigen Rhythmus klatschten die Wellen der Grachten-Kanäle gegen die Kaimauer. Bootskörper rieben anein­ander. Irgendwo tutete die Sirene eines Dampfers. Das Geräusch klang seltsam hohl. Es wurde durch die über dem Was­ser hängenden Nebelschwaden gedämpft.

Der Mann in der Einfahrt ging einen Schritt vor und blickte die Straße hinab.

Niemand war zu sehen. Der Mann lä­chelte schmal. Wie ein Aal wand er sich aus der schmalen Einfahrt. Jetzt war er in seinem Element. Seine Schritte wurden durch die dicken Kreppsohlen unter den Schuhen fast bis zur Geräuschlosigkeit gedämpft. Der Atem des Mannes stand als weiße Wolke vor seinem Mund.

Ungefähr dreißig Meter hatte der Mann zu laufen. Dann stand er vor seinem Ziel.

Es war eines der alten Amsterdamer Kaufmannshäuser, mit viel Stuck an der Fassade und großen, hohen Fenstern. Neben der doppelflügeligen Eingangstür glänzte ein Messingschild.

CORNELIUS COMMER
Ex- und Import von Stoffen aller Art

Der Mann grinste. Stoffe, dachte er, dass ich nicht lache. Commer handelte mit Antiquitäten, die er unverzollt nach Holland schaffte. Und gerade darum

hoffte der Mann, einiges in dem Haus zu finden.

Der Dieb kannte sich bestens aus. Er hatte Tage gebraucht, um alles aus­zukundschaften. Nur in der Wohnung, da war er noch nicht gewesen. Er hoffte allerdings, dort die wertvollsten Ge­genstände zu finden, die er hinterher zu gutem Geld machen konnte.

Das Schloss der Haustür bereitete ihm keine Schwierigkeiten. Die breiten Flügel knarrten nicht einmal, als der Eindring­ling in den Flur huschte.

Das Treppenhaus war schmal und die Stufen aus Stein. Sie waren blank ge­putzt, und der Strahl der Bleistiftlampe, die der Dieb in der Hand hielt, wurde reflektiert.

Geschmeidig huschte der Eindringling die Treppe bis zum ersten Stock hoch. Nicht das leiseste Geräusch verriet ihn.

Vor der Wohnungstür blieb der Mann stehen. Er klemmte sich die Lampe zwi­schen die Zähne und werkelte mit seinem Spezialschlüssel an dem Schloss herum.

Mit einem leisen Laut schnappte es zurück.

Der Dieb atmete auf. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gesammelt. Er wischte sie mit dem Handrücken fort.

Ein finsterer Korridor lag vor ihm. Eine irgendwie bedrückende Stille lastete über der Wohnung. Vom Korridor zweig­ten mehrere Türen ab. Eine führte in das Kontor, das auch gleichzeitig Commers Arbeitszimmer war.

Die Tür war offen.

Der Dieb huschte in das Zimmer und ließ den dünnen Strahl der Lampe kreisen. Ein Schreibtisch, zwei Wandschränke, das war die gesamte Einrichtung. Die Fenster waren durch Rollläden gesichert.

Der Dieb biss sich auf die Unterlippe. Er hatte hier etwas ganz anderes erwar­tet. Zumindest einen Tresor.

Aber auch in den übrigen Räumen fand der Mann nichts, was er hätte mitnehmen können.

Wütend und enttäuscht stand er schließlich wieder in dem Kontor. Er tas­tete die Wände ab, vielleicht entdeckte er noch einen Hohlraum, der einen kleinen Tresor verbarg.

Nichts!

Doch plötzlich stutzte der Dieb. Der Strahl seiner kleinen Lampe war auf eine Maske gefallen.

Auf eine Totenmaske!

Sie hing hinter der Tür in einem ver­steckten Winkel. Man konnte sie nur sehen, wenn man mitten im Raum stand oder hinter dem Schreibtisch saß.

Als der nadelfeine Strahl über die Maske glitt, hatte der Eindringling das Gefühl, von einem eisigen Hauch gestreift zu werden. Unwillkürlich blickte er sich um, doch er befand sich weiterhin allein in der Wohnung.

Er wandte sich wieder der Maske zu.

Leer glotzten die Augenhöhlen, und trotzdem hatte der Dieb das Gefühl, als wären sie von einem unheilvollen Leben erfüllt. Gesichtszüge der Maske schie­nen zu zerfließen und von Sekunde zu Sekunde ihr Aussehen zu verändern.

Der Dieb schüttelte den Kopf. Un­sinn, sagte ersieh. Du bist überreizt, die Maske ist ein totes Stück, sie lebt nicht. Der Eindringling ging bis zur Wand vor und fasste mit der rechten Hand nach der Maske.

Sie war aus Holz. Und sie schien zu leben. Der Dieb hatte das Gefühl, in ein Gesicht gefasst zu haben, in dem das Blut durch die Adern pulsierte.

Die Maske war nicht groß. Sie hatte ungefähr die Länge eines halben Armes. Der Eindringling konnte sie bequem in die Innentasche seines Mantels stecken.

Wenigstens etwas, dachte er, als er das Haus des holländischen Kaufmanns ver­ließ. Fünfzig Gulden wird das Ding schon bringen. Mal sehen, was Lizzy dazu sagt.

Der Dieb ahnte nicht, dass er den Tod mit nach Hause brachte …

 

 

Lizzy wartete in der bescheidenen Zwei-Zimmer-Wohnung, wobei das Wort Wohnung eigentlich übertrieben war, wenn man sich die Bude genauer ansah. Die Wände waren feucht, und das Muster der Tapeten vom Schimmel gebleicht. Die Einrichtung war billig, und einzig der Fernsehapparat taugte etwas, dafür jedoch das Programm wieder nicht.

Es war schon zum Heulen.

Das fand auch Lizzy, als sie vor dem wackeligen Tisch saß, die Arme auf die Platte gestützt hatte und eine Zigarette qualmte. Von der billigsten Sorte versteht sich, denn Geld war so gut wie keines mehr da. Wenn Piet heute nicht etwas herbeischaffte, sah es böse aus.

Lizzy wunderte sich selbst, warum sie immer noch mit dem Gelegenheitsdieb Piet Dreesen zusammenwohnte. Aber sie war schließlich auch nicht mehr die Jüngste, und wenn sie an die beiden Zu­hälter vor Piets Zeit dachte – nein danke, dann lieber so.

Die Frau stand auf. Ihre Bewegungen wirkten träge, abgekämpft. Sie hatte in den Jahren Fett angesetzt, und der grüne Kittel malte jedes Fettpölsterchen nach.

Lizzy ging ans Fenster und presste ihr Gesicht gegen die Scheibe. Draußen nieselte es noch immer. Vom Wasser her trieben Nebelschwaden durch die Gassen.

Mit einem heftigen Ruck zog Lizzy das Fenster auf. Es klemmte. Wie immer.

Die Frau beugte sich nach draußen und schnippte die Zigarettenkippe in die Tiefe. Der Stummel beschrieb einen glü­henden Halbkreis und verlosch zischend.

Eine Gestalt tauchte am Ende der Gasse auf. Sie hatte den Mantelkragen hochgestellt und die Arme vor der Brust verschränkt.

Das war Piet Dreesen. Lizzy erkannte ihn am Gang. Und er schien es eilig zu haben. Sollten ihm die Bullen auf den Fersen sein?

Lizzy schloss das Fenster. Sie hatte plötzlich ein ungutes Gefühl. Unten klappte die Haustür. Lizzy stand schon im Flur, als Piet die wacklige Treppe hochkam.

»Na, hast du was?« Lizzys Stimme klang hoffnungsvoll.

»Ach, hör auf«, knurrte Piet und drängte sich an Lizzy vorbei.

»Also wieder nichts«, keifte die Frau und schloss wütend hinter Piet die Tür.

Dreesen war bereits im Wohnraum und schlüpfte aus seinem Mantel. Die Maske hatte er auf den Tisch gelegt.

»Ist das deine Beute?«, fragte Lizzy und bekam große Augen.

Piet nickte, dass seine strähnigen Haare flogen. »Ja, das ist sie.«

Da begann Lizzy schrill zu lachen. »Ich glaube, ich werde verrückt«, gluckste sie. »Und für solch einen Mist warst du drei Stunden weg? Diese blöde Maske lockt nicht mal den miesesten Trödler von ganz Amsterdam aus dem Bau.«

»Bist du dir da so sicher?«, fragte Piet und sah Lizzy schräg von der Seite an.

»Ja, zum Teufel.«

»Dann gehen unsere Meinungen aus­einander. Diese Maske bringt mir min­destens …« Dreesen überlegte und kratzte sich am Kopf. »Also mindestens fünfzig Gulden.«

Lizzy prustete los. »Wie blöd muss man eigentlich sein, um das zu glauben?«, fragte sie.

Piet Dreesen wirbelte herum. Er hatte schon den Arm zum Schlag erhoben, ließ ihn aber wieder sinken.

»Du bist es doch gar nicht wert, dass ich mir an dir die Finger dreckig mache.«

»So, das ist also deine Meinung. Na, dann will ich dir mal was sagen. Ich haue ab. Morgen früh packe ich meine Klamot­ten. Dann kannst du sehen, wo du eine herkriegst, die dir deine Sachen wäscht und auch noch mit dir ins Bett geht. Ich finde schon einen anderen.«

Piet Dreesen grinste verächtlich. »Sieh dich doch nur mal im Spiegel an«, erwi­derte er.

»Oh, du – du …« Lizzy fiel das passende Wort im Augenblick nicht ein. Das war auch gar nicht mehr nötig, denn Piet war schon im Nebenraum verschwunden.

Wütend zündete sich Lizzy eine Ziga­rette an. Es war die Letzte aus der Pa­ckung. Hastig stieß die Frau den Rauch aus. Dann besah sie sich die Maske.

Und plötzlich bekam sie Angst. Die leeren Augenhöhlen schienen mit einem unheilvollen Leben erfüllt zu sein. Das trübe Licht in der Wohnung warf Schat­ten auf das rissige Holz, und Lizzy hatte das Gefühl, die Maske würde sie anstar­ren und ihr Denken beeinflussen.

»Was – was ist das?«, ächzte Lizzy. Das Zimmer, die Möbel – alles drehte sich vor ihren Augen, der Fußboden schwankte, und die Zigarette fiel der Frau aus der Hand.

Lizzy schlug beide Hände vors Gesicht. Riesengroß kam ihr die Maske plötzlich vor, ein gefährlicher Trieb nahm von ih­rem Körper Besitz und…

Urplötzlich rannte Lizzy zum Fenster. Mit einem gewaltigen Sprung stieß sie sich vom Boden ab. Wie vom Katapult abgefeuert, durchbrach die Frau die Scheibe.

Und während der Fensterrahmen knir­schend zerbrach, prallte Lizzys Körper unten auf das schmutzige Pflaster …

 

 

Piet Dreesen hatte soeben seinen alten wollenen Pullover über den Kopf ge­streift, als er das Splittern der Fenster­scheibe hörte.

Zwei, drei Sekunden lang stand er unbeweglich, doch dann raste er zur Zimmertür und riss sie hastig auf.

Aus weit aufgerissenen Augen starrte er auf die zersplitterte Scheibe. Er sah den Rahmen, der nach draußen pendelte, und spürte den kühlen Wind, der ins Zimmer pfiff.

Dreesen rannte los. Mit zwei Sprüngen hatte er das Fenster erreicht. Er merkte nicht, dass Glasstücke in seine Handbal­len drangen, und beugte sich weit nach draußen.

Auf dem nassen Pflaster lag Lizzy.

»O Gott«, stöhnte der Gelegenheitsdieb und hatte plötzlich das Gefühl, als sei ihm der Boden unter den Füßen weggezogen worden.

Dann warf sich Piet herum. Mit Rie­sensätzen rannte er aus dem Zimmer, stürzte nach draußen in den Flur, sprang die Treppenstufen hinunter, kam auf dem ersten Absatz zu Fall, raffte sich wieder auf und hetzte weiter.

Piet Dreesen fiel neben Lizzy auf die Knie.

»Lizzy«, flüsterte er, »mein Gott, sag doch etwas. Ich konnte doch nichts dafür. Ich wollte dich nicht kränken, weißt du. Warum musstest du dich aus dem Fenster stürzen? Lizzy, bitte, es ist doch alles wie­der gut. Ich – ich …« Piet Dreesen wischte sich die Tränen aus den Augen. »Ich hole einen Krankenwagen, ja? Du kommst in ein Krankenhaus, und alles wird wieder gut.«

Lizzy röchelte. Sie versuchte einen Arm zu heben, doch die Bewegung erstarb schon im Ansatz.

Piet Dreesen sprang auf. Wild sah er sich um. Mit zu Fäusten geballten Händen stand er da.

»Polizei!«, brüllte er. »Polizei! Holt denn keiner die Polizei und einen Krankenwagen. Meine Lizzy. Sie stirbt, sie verblutet, sie …«

Irgendwo wurde ein Fenster aufgeris­sen.

»Halt’s Maul!«, keifte eine Frauen­stimme. »Der Krankenwagen ist unter­wegs.«

Piet Dreesen biss die Zähne zusammen.

»Bald kommt Hilfe, Lizzy«, sagte er und streichelte ihre bleichen Wangen. »Du musst ruhig liegen bleiben, dann ist alles gut.«

Und dann hörte er die Sirene. Wenig später bog ein Krankenwagen in die Gasse ein. Der Wagen passte in der Breite gerade zwischen die Häuserzeilen. Ein Streifenwagen folgte.

Während sich die Sanitäter um die Verletzte kümmerten, wandten sich die beiden Polizisten an Piet. Er kannte die Beamten vom Ansehen. Einer hatte ihn mal für einige Tage eingebuchtet.

»Hast du das getan, Piet?«, fragte der Polizist.

Dreesen hob beide Hände. »Ich schwöre es, nein. Sie ist … ich weiß auch nicht. Ich war im anderen Zimmer, da hörte ich ein Klirren und dann …« Er schluckte. »Ich lief zurück und sah, was geschehen war.«

»Na ja«, meinte der Beamte, »das alles werden wir auf dem Revier feststellen. Komm, steig ein.«

Piet kletterte in den Streifenwagen, der rückwärts aus der Gasse fuhr, genau wie der Krankenwagen.

Personen

  • Piet Dreesen, Dieb
  • Lizzy
  • Abraham Kuz, Besitzer eines Trödlerladens
  • Bill Conolly, Reporter
  • Sheila Conolly, Bills Ehefrau
  • Jason Lamont, der Gentleman der Londoner Unterwelt
  • Lem Dayton, Gangster
  • Achmed Radu, genannt der Araber, Gangster
  • Josh van Haarem, Diamantenhändler
  • William P. Ransome
  • John Sinclair, Oberinspektor bei Scotland Yard
  • Beamter des Rauschgiftdezernats
  • Saaldiener
  • Alte Frau
  • Sir James Powell, Superintendent
  • Voodoo-Priester
  • Professor Zamorra
  • Empfangsportier des Savoy-Hotels
  • Zombola, Magier

Orte

  • Amsterdam
  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 27. Bastei Verlag. Köln. 11. 09. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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