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John Sinclair Classics Band 8

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 8
Das Rätsel der gläsernen Särge

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 19. 12. 2017, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 02. 07. 1974 als Gespenster-Krimi Band 42.
www.john-sinclair.de
Kurzinhalt:
In London sind die schrecklichsten aller bösen Dämonen aufgetaucht. Ghouls! Leichenfresser, wie sie auch im Volksmund genannt werden. Auch John Sinclair wird von ihnen als Opfer auserkoren, um an ihm ihre grauenhaften Gelüste und Begierden zu befriedigen.

Der Geisterjäger scheint in diesen Monstern seine Meister gefunden zu haben. Als die Ghouls ihn überwältigen und in ihre Unterwelt des Schreckens verschleppen, gibt es für John Sinclair kein Entkommen mehr. Er kann nur abwarten und hoffen, dass die Bestien gnädig sind und ihm ein schnelles, schmerzloses Ende bereiten …

Leseprobe

Da waren sie wieder, die grässlichen, alles verzehrenden Schmerzen. Sie zo­gen sich durch den gesamten Körper, fuhren wie glühende Lava in jeden Nerv, jede Pore.

Cordelia Cannon stöhnte auf. Un­endlich langsam öffnete sie die Augen. Gelbes, verschwommenes Licht stach schmerzhaft in ihre Pupillen. Dazwi­schen sah Cordelia helle Flecken – Ge­sichter, starr, ausdruckslos.

Jemand beugte sich über sie, sprach mit leiser, beruhigender Stimme auf sie ein. Cordelia verspürte einen Einstich im Oberarm, und eine nie gekannte Ruhe ergriff von ihr Besitz. Sie wollte nur noch schlafen, schlafen, schlafen …

Auf einmal konnte Cordelia alles klar erkennen. Die dunkle holzgetäfelte Decke über ihr, die mit blauen Seiden­tapeten bespannten Wände und die Männer, die Cordelia umstanden und zynisch grinsend auf sie hinabsahen.

Cordelia wollte etwas sagen, doch ihre Stimme versagte. Panik schoss in ihr hoch. Sie wollte den Kopf drehen, ihren Arm heben, doch sie lag steif wie ein Holzbrett auf der Liege.

Die Gesichter über ihr wichen zu­rück. Männer hoben Cordelia hoch, trugen sie ein paar Schritte weiter und legten sie in eine durchsichtige Kiste.

Die Schritte der Männer entfernten sich, kamen zurück.

Die Männer brachten den Deckel der Kiste, setzten ihn mit unbewegten Ge­sichtern auf das Unterteil. Schmatzend saugten sich die Gumminäpfe zwischen den beiden Hälften fest.

Cordelia Cannon sah, hörte und re­gistrierte alles. Nur bewegen oder um Hilfe rufen konnte sie nicht.

Das Licht drang nur noch ver­schwommen zu ihr, reichte aber, um jede Einzelheit in der Kiste zu erken­nen.

Cordelia Cannon lag in einem glä­sernen Sarg!

 

 

Das Telefon klingelte schrill.

Mit einem Fluch griff der Repor­ter Bill Conolly nach dem Hörer und knurrte ärgerlich seinen Namen in die Muschel.

»Wenn du schlechte Laune hast, will ich erst gar nicht länger stören«, tönte eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Ach, du bist es, Sheila«, sagte Bill schon wesentlich freundlicher. »Bitte, sei mir nicht böse, aber ich sitze ge­rade an einem Bericht, der doch nicht so glattläuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Gibt’s denn was Wichtiges?«

Der erfolgreiche Reporter Bill Co­nolly hatte seine Frau erst vor einem halben Jahr kennengelernt, und das unter ziemlich makabren Umständen. Mittlerweile waren sie seit vier Monaten verheiratet, und Bill hatte versprechen müssen, nicht mehr bei gefährlichen Abenteuern mitzumischen.

Sheila Hopkins hatte ein nicht un­beträchtliches Vermögen mit in die Ehe gebracht, und die beiden konnten eigentlich von den Zinsen leben, wenn eben nicht Bills Drang zur Selbststän­digkeit gewesen wäre. Sheila hatte das akzeptiert, und so kamen die beiden prächtig miteinander aus.

»Ja, Bill.« Sheilas Stimme klang auf einmal verändert. »Ich habe soeben vom Tod einer Schulfreundin erfahren.«

»Oh, das tut mir leid.«

Sheila musste schlucken, ehe sie weitersprechen konnte. »Wir wollten uns ja eigentlich heute Abend treffen und gemeinsam Essen gehen. Aber du verstehst sicher, dass ich keinen Appe­tit habe. Ich werde gleich zu dem Be­erdigungsinstitut fahren, wo Cordelia aufgebahrt worden ist. Ich möchte sie noch einmal sehen.«

»Natürlich, Schatz«, sagte Bill. »Das Essen ist nicht so wichtig. Wann bist du ungefähr zu Hause?«

»Na, in zwei bis drei Stunden.«

»Gut, ich erwarte dich dann.«

Bill sagte noch ein paar nette, trös­tende Worte und legte dann auf.

Nie im Leben hätte er damit ge­rechnet, dass dieser Anruf der Beginn eines Falls war, wie Bill Conolly ihn schrecklicher und grausamer noch nie erlebt hatte …

 

 

Bis zur Fertigstellung ihres Hauses bewohnten die Conollys ein Vierzimmer-Apartment in einem modernen Hochhaus nahe der Londoner City.

Sheila Conolly rief ein Taxi und ließ sich zu dem Beerdigungsinstitut »Seelenfrieden« in die Latimer Road bringen.

Das Beerdigungsinstitut lag in einem alten zweigeschossigen Haus, dessen graue Fassade schon fast zur Hälfte abgeblättert war. Es hatte schwarz getünchte Fensterscheiben, auf denen der Name »Seelenfrieden« stand.

Sheila Conolly fröstelte unwillkür­lich, als sie an dem Haus hochsah. Es kostete sie sichtlich Überwindung, auf den in einer bronzenen Ziselierung ste­ckenden Klingelknopf zu drücken.

Zuerst geschah nichts.

Sheila wollte schon zum zweiten Mal klingeln, da ertönte der Türsummer. Mit der linken Hand drückte sie die Tür auf.

Sie machte drei Schritte und befand sich in einer Art Laden, in dem es nach Buchsbaum und Weihrauch roch. Gedämpftes Licht erhellte den Raum, an dessen Wänden Särge der verschiedens­ten Größen und Preisklassen standen. Ein Glasschrank fesselte Sheilas Auf­merksamkeit. In ihm standen kostbare Urnen, allen geschichtlichen Zeitepo­chen nachempfunden, vom Mittelalter bis in die Gegenwart.

»Was kann ich für Sie tun, Madam?«

Die weiche, flüsternde Stimme ließ Sheila zusammenschrecken. Fast ab­rupt wandte sie sich um.

Vor ihr stand in einer devoten Hal­tung ein Mann. Er trug einen schwarzen Anzug und hatte die Hände in Höhe der Gürtelschnalle übereinanderge­legt. Sein dunkles Haar war zurück­gekämmt. Zwei kohlrabenschwarze Augen stachen aus dem Gesicht mit der bleichen, ungesunden Farbe hervor. Die Nase war ein wenig breit und das Kinn eine Idee zu fleischig.

Sheila räusperte sich, ehe sie ant­wortete. »Ich … ich …

Der Mann winkte ab. »Darf ich Ih­nen zuvor mein herzlichstes Beileid aussprechen, Madam. Ich weiß, wie schwer es ist, wenn einer unserer Lie­ben plötzlich aus dem Kreis gerissen wird. Aber seien Sie versichert, Madam, wir werden alles in unserer Macht Ste­hende tun, um dem Verstorbenen eine würdige Beerdigung zu gewährleisten. Sie gestatten, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist William Abbot. Ich bin der Besitzer des Institutes. Aber wollen wir uns nicht setzen, Miss …?«

»Mrs. Sheila Conolly«, verbesserte Sheila.

»Pardon, Madam, ich wusste nicht, dass Sie … Oder ist Ihr Gatte etwa …?«
»Nein, Mr. Abbot. Es ist niemand aus meiner Familie gestorben. Ich bin aus einem anderen Grund hier.«

»So?« Abbots Stimme klang auf einmal anders. Schärfer, lauernder.

»Es geht um eine Freundin, Cordelia Cannon. Ich habe gehört, dass sie hier

bei Ihnen aufgebahrt sein soll.«

»Das ist richtig«, erwiderte Abbot.

»Darf ich sie sehen?«

William Abbot räusperte sich. »Es gehört an und für sich nicht zu den Gepflogenheiten unseres Hauses, einer Bitte, wie Sie sie vorgetragen haben.

»Bitte, Mr. Abbot. Nur diese eine Ausnahme. Was ist schon dabei, wenn ich meine Freundin noch ein letztes Mal sehe.«

Abbot wand sich wie ein Aal. Sheila griff in ihre Handtasche und holte eine Hundertpfundnote hervor. »Wenn es daran liegen sollte, Mr. Abbot …«

»Um Himmels willen, Madam. Nein, durch Geld überreden Sie mich nicht. Aber Sie können beruhigt sein. Ich werde Ihnen Cordelia Cannon zeigen. Folgen Sie mir.«

William Abbot verschwand hinter einem schwarzen Samtvorhang, den Sheila bisher übersehen hatte.

Ein großer Raum nahm sie auf. Hier war die Decke holzgetäfelt und die Wände mit blauen Seidentapeten bespannt.

In der Mitte des Raumes stand eine Art Podest.

Und darauf ein gläserner Sarg.

William Abbot stellte sich neben den Sarg und machte eine einladende Bewegung.

»Bitte, Mrs. Conolly.«

Zögernd trat Sheila näher. Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht mit einem Sarg aus Glas.

»Es ist unsere Eigenart, die Toten in gläsernen Särgen beizusetzen«, hörte sie Abbots Stimme. »Wir haben durch diese neue Art der Beeidigung in Lon­don und Umgebung einen sehr guten Ruf bekommen.«

Sheila trat an das Fußende des Sar­ges. Vorsichtig, als hätte sie Angst, et­was zu zerbrechen, strich sie über das Glas. Doch es war dick und fest. Sheila sah die Gummistreifen zwischen den Sarghälften.

Sheilas Blick wanderte wieder und blieb auf dem Gesicht ihrer Freundin haften.

Fast überdeutlich konnte sie die ebenmäßigen Gesichtszüge sehen. Sheila hatte das Gefühl, als würde der Sargdeckel wie ein riesiges Ver­größerungsglas wirken. Sheila konnte fast jede Einzelheit in dem Gesicht ihrer ehemaligen Freundin erkennen. Sie musste die Tränen unterdrücken. Bilder aus den Schultagen stiegen in ihr auf, verschwammen wieder, und schließlich sah Sheila Conolly wieder Cordelias Totengesicht.

Zwei, drei Minuten blieb Sheila un­beweglich stehen.

»Sie müssen jetzt gehen, Mrs. Co­nolly«, sagte William Abbot leise.

Sie wollte sich gerade abwenden, da sah sie, wie das linke Augenlid der Toten zuckte.

Für einen Sekundenbruchteil stand Sheila wie festgenagelt. Dann schrie sie leise auf.

Mit zwei Schritten stand William Abbot neben ihr.

»Was haben Sie denn, Mrs. Conolly?«, fragte er. »Ist Ihnen nicht gut?«

Sheila wankte ein wenig zurück. »Doch, doch«, flüsterte sie, »nur … die Tote, sie . . .

»Was hat sie?«, erkundigte sich Abbot lauernd.

»Sie hat sich bewegt!«

William Abbot lachte auf. »Sie entschuldigen meine Heiterkeit, Mrs. Conolly. Aber die Dame im Sarg ist tot. Sie kann sich nicht bewegt haben.«

»Aber vielleicht ist sie nur schein­tot?«, rief Sheila mit bebender Stimme.

»Ich bitte Sie, Madam. Ich selbst habe den Totenschein gesehen, den Dr. Meredith ausgestellt hat. Nein, Madam, was Sie sagen, ist ausgeschlossen. Ich nehme an, Ihre Nerven haben Ihnen einen Streich gespielt. Sehen Sie, das ist unter anderem ein Grund, weshalb ich niemanden in diesen Raum lasse. Bei Ihnen habe ich leider eine Ausnahme gemacht. Es wird mir jedoch für die Zukunft eine Lehre sein. Wenn ich jetzt bitten darf, Madam!«

William Abbot ging die paar Schritte zudem Vorhang und hielt ihn einladend auf.

Sheila warf noch einen letzten Blick auf den gläsernen Sarg, dann drehte sie sich um und betrat schnell den Ver­kaufsraum.

William Abbot lächelte. Er knetete die langen Finger, sodass die Gelenke knackten. Das Geräusch drang Sheila durch Mark und Bein. Sie sah, dass bei dem Bestattungsunternehmer rötliche Haare auf den Handflächen wuchsen. Und sie sah auch den großflächigen Ring an Abbots Mittelfinger. Der Ring sah sehr wertvoll aus und hatte auf der Oberfläche eingravierte seltsame Zeichen.

»Ein altes Erbstück«, sagte William Abbot, der Sheilas Blick bemerkt hatte.

Es entstand eine kleine Pause. Erst jetzt wurde sich Sheila Conolly der Stille bewusst, die in dem Haus herrschte.

Wie in einem Grab, dachte die junge Frau mit Schaudern.

»Ist noch etwas, Mrs. Conolly?«, fragte der Bestattungsunternehmer leise.

Sheila, die sich schon zum Gehen ge­wandt hatte, blieb noch einmal stehen.

»Ich hätte eine Frage, Mr. Abbot. Wo wohnt Dr. Meredith, der den Toten­schein für Cordelia Cannon ausgestellt hat?«

Abbot verkniff die Augen zu schma­len Schlitzen.

»Weshalb interessiert Sie das, Mrs. Conolly?«

Sheilas Miene wurde ernst. »Ich will Ihnen mal etwas sagen, Mr. Abbot. Ich habe deutlich gesehen, dass sich die angebliche Tote bewegt hat. Ich habe sehr gute Augen. Also, was ist mit der Adresse?«

»Latimer Road 65, am Ende der Straße«, stieß William Abbot beinahe hasserfüllt hervor.

»Danke, Mr. Abbot. Sie haben mir sehr geholfen«, erwiderte Sheila.

Dann zog sie die Tür auf und ver­schwand nach draußen. Abbots bösar­tigen Blick sah sie nicht mehr.

Personen:

  • Cordelia Cannon, Sheilas Freundin
  • Bill Conolly, Reporter
  • Sheila Conolly, Bills Ehefrau
  • Mr. William Abbot, Bestatter, Dämon
  • Dr. Meredith
  • Ghouls, Abbots Helfer
  • Oberinspektor Kilrain
  • John Sinclair, Inspektor bei Scotland Yard
  • Sir James Powell, Superintendent
  • Sarah Toffins, Ehefrau des gestorbenen Ben Toffins
  • Mrs. Cannon, Cordelias Mutter
  • Bobby, Sarahs Nachbar
  • Betrunkener

Orte:

  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 8. Bastei Verlag. Köln. 19. 12. 2017
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog.Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

2 Kommentare zu John Sinclair Classics Band 8

  • Gerhard Schäffer sagt:

    Eine Anmerkung:
    Vielleicht wäre es ganz gut, wenn auch auf die jeweilige Hörspielfolge vom Tonstudio Braun verweisen würde. In diesem Fall ist es die Nummer 44

    • W. Brandt sagt:

      Gerhard,
      es werden in der nächsten Zeit auch die Hörspiele der JS Edition 2000 sowie die vom Tonstudio Braun vorgestellt. Eine entsprechende Verlinkung wird dementsprechend eingefügt.

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